[Buchgedanken] Hera Lind: „Um jeden Preis“

In der letzten Zeit habe ich auch „Um jeden Preis“ von Hera Lind gelesen. Der Roman ist 2025 im Knaur Verlag, einem Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG veröffentlicht worden und als (historische) Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

1944 beginnt für die 16-jährige Lydia ein Alptraum, der nicht enden will: Als die Rote Armee auf ihr kleines Dorf bei Odessa in der Ukraine vorrückt, flieht die Familie. Sie schaffen es sogar bis nach Deutschland, doch sie werden zurückgeholt. Mit Mutter und vier Geschwistern wird Lydia bei minus 50 Grad nach Sibirien verschleppt. Zwölf unbarmherzige Jahre lang kämpft sie in einem Gulag ums Überleben und wird Mutter von acht Kindern, von denen sechs überleben. Als man sie endlich aus dem Lager entlässt, ist der eiserne Vorhang dicht. Weitere zwölf Jahre irrt sie mit den Kindern durch die Sowjetunion, immer nur ein Ziel von Augen: um jeden Preis mit ihnen nach Westdeutschland gelangen, auch wenn sie da noch nie war. Denn Deutschland ist ihre Heimat!

„Um jeden Preis“ ist mein erster Roman von Hera Lind – und er lässt sich nicht so einfach einem Genre zuordnen. Beworben als Tatsachenroman, hat das Buch klare biografische Aspekte, beruht die Geschichte doch auf einer wahren Begebenheit. Da aber nicht ganz klar ist, wo hier die Trennlinie zwischen Realität und Fiktion verläuft und wie zuverlässig Erinnerungen an traumatische Erlebnisse sind, habe ich es der Einfachheit halber bei der Eingruppierung als (historische) Familiensaga belassen, wobei die Kategorisierung als Romanbiografie genauso vertretbar gewesen wäre.

In dem Roman begleitet man die Mitglieder der Familie Groß (später größtenteils Judt) in den Jahren von 1927 bis 2021, wobei die Zeit bis 1944 größtenteils ausgespart wird und auch die späten Jahrzehnte größtenteils gerafft werden – hier hätte das ein oder andere Kapitel jeweils noch gut getan, auch wenn man den Roman dann wohl auf zwei Bände hätte strecken müssen. Erzählt wird die Geschichte dabei überwiegend in einer Ich-Perspektive aus Sicht von Lydia, wobei irritierenderweise später weitere Ich-Perspektiven eingestreut werden. Und auch wenn dies im Nachwort durchaus begründet wird, reißen diese Perspektiven doch etwas aus dem Lesefluss und stören die Stringenz, endet damit doch auch die streng chronologische Erzählung der Ereignisse.

Weiterführende Aussagen zur Handlung und zu den Personen verbieten sich aufgrund des starken biografischen Charakters des Romans, auf den Einstieg, der die Entstehungsgeschichte des Romans dargestellt hat, hätte ich jedoch verzichten können – mir hätte das im Nachwort gereicht. Viel lieber wäre ich direkt in Lydias Geschichte eingetaucht, die man noch mit einem Stammbaum oder vielleicht einer Karte, die die unglaublichen Wege der Familie illustriert, hätte versehen können.

Abgesehen davon bietet das Buch anhand des persönlichen Schicksals der Familie einen guten Überblick über die Geschichte der Russlanddeutschen, über die Vertreibung, die Willkür und Grausamkeiten, denen die Kriegsvertriebenen ausgesetzt waren und illustriert an kleinen Beispielen aber auch die Momente der Menschlichkeit, die manchmal den Unterschied zwischen Tod und Leben ausmachen konnten – viel zu sehr ist das teils in Vergessenheit geraten.

Die Buchgestaltung ist gelungen. Lektorat und Korrektorat haben ordentlich gearbeitet, der Buchsatz ist konservativ und fehlerfrei. Der Buchumschlag ist auf dem Cover, der Coverrückseite und dem Buchrücken hochwertig geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, das Titelmotiv setzt sich gut über den Buchrücken und die Coverrückseite hinweg, sodass ein einheitliches Gesamtbild entsteht, das sich von der Gestaltung auch in die Reihe der anderen Tatsachenromane von Hera Lind integriert. Insgesamt ist mir das Covermotiv aber etwas zu beliebig, auch wenn es natürlich Anklänge zur Handlung zeigt – ein Eyecatcher sieht dann doch anders aus.

Mein Fazit? „Um jeden Preis“ ist eine Familiensaga nach einer wahren Begebenheit, die mit aufrüttelnden und berührenden Schicksalen punktet und dabei nur kleinere Schwächen hat. Für Leser:innen ab 16 Jahren bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Sophie Mauve: „Golden State of Mind“

In den letzten Tagen habe ich auch „Golden State of Mind“ von Sophie Mauve gelesen. Das Buch ist 2023 im Selfpublishing über epubli veröffentlicht worden und als New Adult Romance einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an die Autorin für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Sie war auf der Schauspielschule in Los Angeles. Demi weiß, was sie kann. Doch das Glück, auf der großen Leinwand zu strahlen, scheint ihr nicht vergönnt zu sein. Stattdessen verkauft sie im Kino am Hollywood Boulevard nur überteuertes Popcorn. Weil der, ihrer Meinung nach, heißeste Schauspieler aller Zeiten eine neue Hauptrolle übernimmt, bewirbt Demi sich für diesen Film als Komparsin. Sie bekommt den Job. Das heißt, sie darf ihrem Nick näher kommen, als sie je zu träumen gehofft hatte. Doch die Nähe zwischen den beiden entfesselt ein Verhalten in ihr, welches eigentlich hinter Gitter gehört. Hinter Gittern? Ja, da wäre sie nun gern … hinter all den Gittern der eisernen Tore, die die Villen der Hollywood Hills vor Eindringlingen schützen sollen. Für Demi sind sie kein Hindernis. Doch besser wäre, sie würden eins darstellen …

„Golden State of Mind“ ist mein erster Roman von Sophie Mauve, dem Pseudonym einer deutschen Texterin für ihre Fantasy, Romance und Young Adult Bücher. Dabei ist dieses Werk, das im Titel sicherlich an den berühmten Song „New York State of Mind“ erinnern möchte, nicht so einfach zu kategorisieren, wird es doch von der Autorin selbst durchaus als Dark Romance beworben – und auch die Triggerwarnung geht in die Richtung. Doch trotz der dysfunktionalen, kaputten Charaktere reicht es mir dafür nicht ganz, sodass ich es sinnigerweise als New Adult Romance kategorisiert habe – so fühlt es sich zumindest an, auch wenn der Übergang sicherlich fließend ist.

Die Handlung ist durchaus abwechslungsreich, in Teilen jedoch auch vorhersehbar. Dabei wird diese größtenteils aus der Ich-Perspektive von Demi erzählt, allerdings stoßen irritierenderweise relativ spät im Buch ohne große Ankündigung weitere Erzählperspektiven (auch ein zusätzlicher Ich-Erzähler) hinzu – darauf hätte man gut und gern auch verzichten können, ohne den Handlungsbogen zu beeinträchtigen. Sonst ist die Handlung wie angekündigt dennoch etwas dunkel, sehr erratisch, mit dysfunktionalen Beziehungen auf allen Ebenen – einzig und allein die Freundschaft zwischen Demi und Kalisha ist noch halbwegs normal.

Das Setting kann hingegen auf ganzer Linie brillieren. So entführt uns die Autorin nicht nur nach Los Angeles in die Stadt der Engel, sondern auch an diverse Filmsets, in Castingprozesse und mitten hinein in die Schattenseiten der Filmwelt. Dabei klingt der fiktive „Orion Nebula“ nach einem Film, den ich gern im Kino gesehen hätte – Space Opera vom feinsten, wie eine Mischung aus Firefly und Robin Hood. Unterstützt wird das tolle Setting durch eine wundervolle Playlist, die dem Roman vorangestellt wurde und Songs u.a. von Taylor Swift und Zendaya enthält – was will man mehr?

Die einzelnen Figuren hingegen sind relativ schwierig zu fassen, da sie so kaputt sind – und daher teils doch eher eindimensional. Insbesondere Demi handelt hier obsessiv und wenig nachvollziehbar und auch Nick ist unglaublich wankelmütig, am ehesten können daher noch River und Kalisha überzeugen. Sophie Mauves Schreibstil ist zudem leicht und flüssig zu lesen und lässt – bei dem Thema auch nicht schwer – das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist durchwachsen. Lektorat/Korrektorat ist durchaus einiges durchgerutscht, was den Lesefluss leicht schmälert, der Buchsatz ist hingegen solide und beginnt – ein Lob dafür – jede Sequenz auf einer ungeraden Buchseite. Das Covermotiv zieht sich gut über Buchrücken und Coverrückseite, sorgt so für ein einheitliches Gesamtbild und ist durchaus ansprechend, auch zusammen mit der Typographie – die Coverrückseite wirkt jedoch etwas überladen.

Mein Fazit? „Golden State of Mind“ ist New Adult Romance, die vor allem mit dem tollen Setting punktet, deren Protagonist:innen aber nicht wirklich überzeugen. Für Leser:innen, die der fließende Übergang zu Dark Romance nicht stört, dennoch zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Fynn Jacob: „Brennendes Watt“ (Jaspari/van Loon 3)

In den letzten Tagen habe ich auch „Brennendes Watt“ von Fynn Jacob (Christian Kuhn) gelesen. Der Roman ist 2025 im Wilhelm Heyne Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen und als Kriminalroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Iska van Loon, erfahrene Beamtin der Nationale Politie, und der ehrgeizige Kriminalhauptkommissar Marten Jaspari stehen vor einem brisanten Fall. Luuk Raand, Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, die das LNG-Terminal bei Eemshaven schützt, wird tot am Strand von Borkum angespült. Eine Spur führt zu radikalen Umweltschützern, die Missstände bei der Erdgasverarbeitung aufdecken wollen, eine andere in das undurchsichtige private Umfeld des Opfers. Als schließlich im Hamburger Hafen der Kapitän eines Containerschiffes verschwindet, erreicht der Fall ungeahnte Dimensionen. Iska und Marten müssen alles riskieren, um zu verhindern, dass an der Nordsee ein flammendes Inferno ausbricht …

„Brennendes Watt“ ist der dritte Teil der Krimireihe um das internationale Ermittlerduo Marten Jaspari und Iska van Loon, der von Christian Kuhn unter dem Pseudonym Fynn Jacob veröffentlicht wurde. Dabei lässt sich der Roman gut als Standalone lesen, werden doch wichtige Stationen in der Vergangenheit der Protagonist:innen wieder aufgegriffen und erläutert. Die Genrezuordnung ist jedoch nicht so einfach, wie der Aufdruck „Kriminalroman“ auf dem Cover vermuten lässt. Denn phasenweise mutet das Buch mehr wie ein Thriller an, ließe sich sogar den Untergenres Agententhriller oder Spionagethriller zuordnen. Der Einfachheit halber habe ich es aber bei der Kategorisierung des Verlags belassen, auch um den Sinnzusammenhang der Reihe beizubehalten.

Die Handlung ist hochspannend, kurzweilig und hält gelegentlich auch eine unerwartete Wendung parat, auch wenn sie durchaus das ein oder andere Rollenklischee bedient. Zudem ist sie teils etwas überfrachtet, da die Protagonist:innen noch mit persönlichen Dramen belastet werden – den ein oder anderen Nebenhandlungsstrang hätte man für die Klarheit und Stringenz durchaus auch weglassen können. Auch das Ende bleibt relativ offen – sowohl, was die Identität der Täter:innen als auch was die Zukunft von Jaspari/van Loon betrifft. Ich bin daher mal gespannt, ob die Reihe hiermit beendet ist oder, falls nicht, wie die Folgebände die Handlung wieder aufgreifen.

Das Setting kann naturgemäß glänzen. So nimmt der Autor die Leser:innen mit auf eine Reise durch einen Großteil des deutsch-niederländischen Nordseeraums und greift dabei gesellschaftlich relevante Themen wie Umweltschutz, den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und die damit verbundene Energieunsicherheit sowie den teils fließenden Übergang zwischen zivilgesellschaftlichem Engagement und militantem Aktivismus auf. Erzählt wird dieses bunte Potpourri in multiplen personalen Erzählperspektiven, die teils nacheinander parallel stattfindende Ereignisse wiedergeben, was die Stringenz der Handlung etwas bricht.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei brillieren insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Karin und Banisch, aber auch die beiden Protagonist:innen können mit Abstrichen durchaus überzeugen – sicherlich wäre das Bild hier nochmal etwas anders, wenn ich die Charakterentwicklung über die komplette Reihe hinweg mitbekommen hätte. Fynn Jacobs Schreibstil lässt sich darüber hinaus flüssig und leicht lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz sind zwar Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss aber nicht erheblich schmälern. Der Umschlag ist mit Klappen versehen, die Gesamtgestaltung passt sich gut in die Reihe ein. Das Covermotiv ist dennoch eher austauschbar und beliebig und wird zum Buchrücken hin unterbrochen, der – genau wie die Coverrückseite – zudem eher eintönig und schlicht daherkommt.

Mein Fazit? „Brennendes Watt“ ist ein spannender und hochaktueller Kriminalroman mit tollem Setting, aber auch mit kleineren Schwächen. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Asa Avdic: „Hinters Licht“

In der letzten Zeit habe ich auch „Hinters Licht“ von Asa Avdic gelesen. Das Buch ist 2025 im Arche Literatur Verlag, einem Imprint der Atrium Verlag AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2023 unter dem Titel „Ett Liv Till“ im Albert Bonniers Förlag, Stockholm veröffentlicht. Das Werk ist als historischer Roman einzuordnen, für die Übersetzung aus dem Schwedischen zeichnet Stefanie Werner verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

„Assistent für spiritistisches Forschungsprojekt gesucht“. Als Ruth Doran im Frühsommer 1919 auf diese ungewöhnliche Anzeige stößt, hat sie ihren Traum von einer wissenschaftlichen Karriere bereits aufgegeben. Ihre glänzende Zukunft als Mathematikerin musste nach ihrer Heirat ein jähes Ende finden. Doch nun, als Witze mit drei Kindern, braucht sie dringend einen Job, und außerdem reizt sie die Zusammenarbeit mit dem schillernden Thomas Bradford, in den sie sich Hals über Kopf verliebt. Gemeinsam forschen die beiden an Möglichkeiten, Botschaften Verstorbener aus dem Jenseits zu empfangen – mit fatalen Folgen.

„Hinters Licht“ ist mein erstes Buch der Journalistin Asa Avdic – und bereits die Genrezuordnung fällt schwer. Eine Kategorisierung als Gegenwartsliteratur – wie durchaus auf Verkaufsportalen zu finden – scheidet aufgrund der doch mehr als hundert Jahre in der Vergangenheit spielenden Handlung eher aus, deckt das Buch doch im Wesentlichen die Zeitspanne von 1919 bis 1921 ab, mit kleineren Ausflügen in einen noch früheren Zeitraum ab 1903. Auch ist das Buch keine Romanbiografie, da sich die Autorin zwar realer Persönlichkeiten bedient, aber doch laut eigenen Aussagen massiv von deren bekannten Lebensgeschichten abweicht, sodass ich es schlussendlich aufgrund der Handlungszeit schlicht als historischen Roman betitelt habe, der aber ebenfalls erheblich von den künstlerischen Freiheiten Gebrauch macht.

Die Handlung wird dabei in multiplen Zeitebenen erzählt, im Wesentlichen bewegen wir uns einerseits in der „Gegenwart“ 1921, die vor allem über Tagebucheinträge dargestellt wird, sowie in den Jahren 1919 und 1920, zwischen denen munter hin- und hergesprungen wird. Dabei ist der Erzähler durchaus allwissend und spricht teils die Leser direkt an, sorgt für Hintergrundinformationen oder lässt mild spoilernd Schlimmes erahnen – eine aus meiner Sicht eher unglücklich gewählte Perspektive, hätte man doch über einen personalisierten (oder sogar einen Ich-Erzähler) eine stärkere Bindung zu Ruth aufbauen, ihre Obsession vielleicht sogar besser verstehen können.

Das Setting vermag hingegen auf ganzer Linie zu überzeugen. So entführt Asa Avdic die Leser:innen ins Amerika der unmittelbaren Nachkriegszeit, in ein Land zwischen Prohibition, bahnbrechenden Erfindungen und Rassentrennung, ein Land, das so widersprüchlich in sich ist/war, dass es damals sicherlich den idealen Nährboden für den Spiritismus geboten hat. Dessen Ideen und abstruse Experimente bringt die Autorin den Leser:innen dabei nah, ohne selbst allzu sehr Partei zu ergreifen im „ewigen“ Kampf zwischen Wissenschaft und Esoterik/Okkultismus. Asa Avdic mischt hierbei eine (toxische) Liebesgeschichte mit der sehr freien historischen Handlung, sodass ein unglaublich gefühlsintensives Gesamtkonstrukt entsteht.

Der Kreis an handelnden Figuren ist aufgrund der starken Konzentration auf Ruth und Thomas doch sehr beschränkt. Im Wesentlichen können hier vor allem Nebenfiguren wie Bradley und Evelyn glänzen und überzeugen, während insbesondere Ruth nicht wirklich nachvollziehbar handelt und gerade am Schluss auch etwas an Glaubhaftigkeit einbüßt, ist ihre Entwicklung doch nicht wirklich plausibel. Asa Avdics Schreibstil lässt sich hingegen leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen – in diesem Metier eine wirklich spannende Erfahrung.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben im Wesentlichen sauber gearbeitet, der Buchsatz beginnt die größeren Sinnabschnitte auch auf ungeraden Seiten, die Geschichte wird durch ein einordnendes Nachwort abgerundet. Der Buchumschlag punktet mit fließenden Übergängen vom Cover nicht nur zum Buchrücken sondern auch zur Coverrückseite und den Klappen, sodass ein tolles Gesamtbild entsteht, das Covermotiv ist jedoch belanglos und austauschbar, das Buch unter dem Umschlag schlicht.

Mein Fazit? „Hinters Licht“ ist ein ambitionierter historischer Roman, der mit einem spannenden Thema und einem tollen Setting punkten kann, deren Charaktere und Erzählweise aber nicht in Gänze überzeugen. Für Leser:innen des Genres, die Interesse an dem Thema haben, dennoch zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Carolin Otto: „Berchtesgaden“

Bevor es Morgen mit den Messeberichten weitergeht, habe ich heute noch eine Rezension für Euch. Denn in der letzten Zeit – auch während der Messe – habe ich „Berchtesgaden“ von Carolin Otto gelesen. Das Buch ist 2025 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen und als historischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die verlagseigene Bloggerjury.

Berchtesgaden im Mai 1945. Die Lieblingsstadt des Führers kapituliert, die US-Amerikaner übernehmen die Regierung. Trotz ihres bescheidenen Englischs tritt die 19-jährige Sophie eine Stelle beim Military Government an, wo sie zum ersten Mal mit der ganzen Wahrheit über die deutschen Verbrechen konfrontiert wird. Sie trifft dort Menschen, die den Blick auf ihre eigene Familie verändern. Da ist ihr Chef, der jüdische Emigrant Frank, der mit den GIs in seine Heimat zurückkehrt, in der plötzlich alle »von nichts gewusst« haben wollen. Und seine Freundin, die glamouröse Kriegsreporterin Meg, die den Siegeszug der Alliierten mit ihrer Kamera begleitet. Der einst zum Tode verurteilte Rudolf Kriss, der nun Bürgermeister ist. Und der schwarze GI Sam, in den Sophie sich verliebt. Im Schatten des Obersalzbergs kreuzen sich ihre Wege auf schicksalhafte Weise …

„Berchtesgaden“ ist der Debütroman von Carolin Otto, die als Drehbuchautorin tätig ist und seit 2019 der FES, der Vereinigung der europäischen Drehbuchautor:innen, vorsteht. Und so war – eigenen Angaben zufolge – „Berchtesgaden“ auch als Serienvorlage konzipiert, bevor es in Romanform gegossen worden ist. Dabei lässt sich das Buch aufgrund der doch viele Jahrzehnte zurückliegenden Handlung gut als historischer Roman einordnen, die teils auf Verkaufsplattformen vorgenommene Eingruppierung als Gegenwartsliteratur greift hier eher nicht mehr. Auch andere Kategorisierungen – sei es die als Schicksalsroman oder als Familiensaga – scheiden vorliegend eher aus.

Denn die Handlung deckt nur einen relativ kurzen Zeitraum von knapp vier Monaten ab (Ende April 1945 bis etwa Ende August 1945), ist also mehr Momentaufnahme der damaligen Zeit. Dabei ist die Handlung unweigerlich spannend, abwechslungsreich und hochinteressant, zeigt sie doch auch Entwicklungen und präsentiert, durchaus gut recherchierte, Fakten, die vielleicht nicht allgemein bekannt sind. Jedoch endet der Roman für die Leser:innen leider auch unerwartet offen, werden doch kaum Handlungsstränge zufriedenstellend aufgelöst.

Das Setting kann hingegen auf ganzer Linie glänzen. So entführt die Autorin die Leser:innen ins Berchtesgaden des Kriegsendes und der unmittelbaren Nachkriegszeit, in eine Stadt zwischen nationalsozialistischem Stolz, amerikanischer Besatzung und ersten Demokratiebestrebungen. Dabei gelingt es der Autorin gut, ein Porträt der zerrissenen Gesellschaft zwischen Ohnmacht, Hoffnung und Wut zu zeichnen – und dies aus multiplen Perspektiven zu erzählen – obwohl Sophie sicherlich als Hauptprotagonistin des Romans fungiert.

Sie und die anderen Charaktere sind dabei vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Und während Sophie und auch Meg und Frank hier brillieren, verbleiben Magda und Sam doch etwas eindimensionaler und handeln nicht zwingend nachvollziehbar. Carolin Ottos Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen – hat aber auch, wie das Nachwort selbst zugibt, zugunsten der Lesbarkeit sowohl auf historisch authentische Sprache als auch aufs Dialektische weitgehend verzichtet.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss nicht erheblich schmälern, der Buchsatz ist gelungen und lässt zumindest die fünf großen Sinnabschnitte jeweils auf ungeraden Buchseiten starten, auch wenn man die Briefe etwas stärker hätte vom Rest absetzen können. Die Geschichte wird hierbei durch ein einordnendes Nachwort sowie ein Literatur- und Zitatverzeichnis abgerundet, gern hätte ich mir hier noch einen Zeitstrahl der relevanten historischen Egeignisse gewünscht. Das Cover vermag mich jedoch nicht vollends zu überzeugen, wirkt etwas beliebig und austauschbar und ist kein Eyecatcher, das Hardcover unter dem Umschlag ist erwartbar schlicht.

Mein Fazit? „Berchtesgaden“ ist ein überzeugendes Debüt, das wichtige Themen anspricht und mit seinem Setting und einer starken Protagonistin glänzen kann, leider jedoch etwas offen endet. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag vorgeschlagenen Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Petra Schier: „Die Wächterin von Köln“

In den letzten Tagen habe ich auch „Die Wächterin von Köln“ von Petra Schier gelesen. Das Buch ist 2024 bei HarperCollins in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH erschienen und als historischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Köln 1396/97: Elsbeth ist naiv und liebreizend, als sie mit sechzehn Jahren beginnt, im Bordell „Zur schönen Frau“ zu arbeiten. Bald darauf wird einer ihrer Freier, der Ratsherr van Kneyart, vergiftet aufgefunden, und sie gerät ins Visier der Obrigkeit. Auch ihr Halbbruder wird auf sie aufmerksam und bewahrt sie vor dem Galgen. Die beiden werden Vertraute, und mit der Hilfe von Elsbeth, die für ihn im Dirnenhaus Informationen sammelt, wird er zum mächtigsten Mann Kölns und Elsbeth zur geschickten Drahtzieherin der Unterwelt. Der junge Henker Johannes ist zunächst nicht begeistert von ihren mutigen Forderungen und ihrer fehlenden Demut. Schon bald aber entflammen unerwartet Gefühle zwischen den beiden. Als ein grausamer Mord geschieht, müssen die beiden gemeinsam verhindern, dass es zu einer falschen Verurteilung kommt.

„Die Wächterin von Köln“ ist nicht mein erster historischer Roman von Petra Schier, aber der erste aus der – von mir vereinfacht so benannten – „Köln-Saga“, zu der auch „Mord im Dirnenhaus“ und die „Lombarden“-Trilogie gehören, gibt es doch vielfach Überschneidungen zwischen den Romanen. Dabei lässt sich dieser Roman durchaus als Standalone lesen, die vielen Querverbindungen würden aber mit der Lektüre der anderen Bände vorab ein noch intensiveres Leseerlebnis ermöglichen. Relativ einfach lässt sich der Roman zudem als historischer Roman einordnen, auch wenn zuweilen auch das Gefühl eines historischen Kriminalromans oder -Thrillers aufkommt.

Denn die Handlung ist durchaus spannend und abwechslungsreich und wartet auch mit der ein oder anderen unerwarteten Wendung auf. Dabei wird diese in zwei Erzählebenen erzählt, der erzählerischen Gegenwart sowie der Vergangenheit von Elsbeth, die in Rückblenden aufgearbeitet wird, die sich immer stärker der eigentlichen Handlung annähern. Leider treten anfangs die Rückblenden gehäuft auf, sodass die Stringenz der Geschichte doch stark unterbrochen wird und sie nur langsam ins Rollen kommt – zulasten auch späterer, größerer Zeitsprünge in der eigentlichen Erzählung. Aber abgesehen davon entwickelt sich der Roman gerade in der zweiten Hälfte durchaus zum Pageturner.

Das – ungewohnte – Setting kann hier vor allem brillieren. So entführt die Autorin ihre Leser:innen ins Köln des (größtenteils) 15. Jahrhunderts. Die Schauplätze reichen dabei vom mittelalterlichen Dirnenhaus als zentralem Anlaufpunkt des Romans bis hin zu verwunschenen Mausoleen und ungenutzten Kapellen. Petra Schier zeigt hierbei in aller Deutlichkeit die Arbeit der Hübschlerinnen, ihre Arbeitsbedingungen und die Probleme, mit denen sie sich – wie alle anderen unehrlichen Berufe – im Alltag herumschlagen mussten, die Recherche scheint allumfassend. Erstaunlicherweise (also im Hinblick auf das Genre, nicht auf das Setting) ist das Buch daher auch mit unzähligen Sexszenen durchzogen, insbesondere in den Rückblenden.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Aufgrund der Fokussierung der Erzählperspektive auf Elsbeth kommen andere Charaktere teils etwas kurz – sehr gern hätte ich auch mehr von Aleydis erfahren, die durchaus einen unglaublich spannenden Eindruck macht, während Elsbeth teils doch übertrieben agiert, im Allgemeinen aber durchaus Sympathien erweckt. Petra Schiers Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen, die Waage hat hier sicherlich zugunsten der Lesbarkeit im Vergleich zur sprachlich-historischen Authentizität ausgeschlagen, auch das Mundartliche ist nur sehr selten eingestreut.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben im Wesentlichen sauber gearbeitet, der Buchsatz ist gelungen, die Geschichte wird mit einer Karte, einer fast zu umfangreichen Dramatis Personae und einem ebenfalls sehr umfangreichen Nachwort abgerundet. Das Covermotiv zieht sich über Buchrücken und Coverrückseite und erzeugt so einen tollen Gesamteindruck, insgesamt ist der Umschlag aber genretypisch und kein wirklicher Eyecatcher.

Mein Fazit? „Die Wächterin von Köln“ ist ein spannender und thematisch ungewöhnlicher, historischer Roman mit nur kleineren Schwächen. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von nicht unter 16 Jahren.

[Buchgedanken] Lars Sommer: „Die innere Führung“

Vor kurzem habe ich auch „Die innere Führung“ von Lars Sommer (Lucas Fassnacht) gelesen. Das Buch ist 2024 in der ars vivendi verlag GmbH & Co. KG erschienen und als Kriminalroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Nachdem auf der Hochzeit eines Elitesoldaten der Bundeswehr eine tödliche Bombe hochgeht, beginnt Kriminalhauptkommissar Erich Kleinrädl zu ermitteln. Während er und sein Team die Hochzeitsgäste vernehmen, stellt die Boulevardpresse ihre eigenen Vermutungen an: Hat Inka Minden, die Ex-Freundin des Bräutigams, etwas mit der Sache zu tun? Welche Rolle spielt der ehemalige Scharfschütze Jonathan von Holl, der über dem Gesetz zu stehen scheint? Das LKA beurteilt die Bombe als ein Werk von Fachleuten. Ein zweiter Anschlag erhöht den Druck auf Kleinrädl. War die Bundeswehr das eigentliche Ziel des Attentats? Die Lage wird immer unklarer. Steckt der Feind gar in den eigenen Reihen?

„Die innere Führung“ ist ein Roman von Lars Sommer, einem Pseudonym des Thriller-Autors Lucas Fassnacht. Dabei wird das Buch vom Verlag – wie der Abdruck auf dem Cover verrät – als Kriminalroman eingeordnet, eine Eingruppierung, die ich daher auch übernommen habe. Es hätten sich aber auch gute Argumente dafür gefunden, das Buch als (Polit-)Thriller zu kategorisieren, auch andere Untergenres bei Thrillern wären hier denkbar gewesen. Zudem ist der Roman derzeit als Standalone angelegt, Potential für Fortsetzungen existiert jedoch – und wird auch durch das letzte Kapitel nochmal befeuert.

Die Handlung ist durchweg spannend und abwechslungsreich, wenn auch zuletzt zumindest in Teilen auch vorhersehbar. Dabei entwickelt sich der Roman schnell von einem reinen Kriminalfall hin zu einem gesellschaftspolitisch interessanten Thriller, der an Aktualität kaum zu überbieten ist, obwohl handlungsauslösende Ereignisse doch schon drei, vier Jahre in der Vergangenheit liegen. Lediglich das Ende vermag hier nicht in Gänze zu überzeugen.

Das Setting kann hingegen glänzen, entführt der Autor die Leser:innen doch nach München und ins bayerische Umland, in ein Spannungsfeld zwischen zivilgesellschaftlichen Kriegsgegnern und Veteranen von Spezialtruppen, die in Afghanistan gedient haben. Dabei kumuliert diese Zerrissenheit in der Figur von Inka, die als Sportsoldatin zwar Angehörige des Militärs, aber selbst nie im Einsatz gewesen war. Hierbei scheut der Roman auch nicht davor zurück, das schwierige Thema der Posttraumatischen Belastungsstörungen aus Militäreinsätzen anzusprechen, verpasst aber die Chance, im gleichen Zuge in einem möglichen Nachwort zum Roman auf Hilfsangebote und Kontaktadressen hinzuweisen, damit es in der realen Welt hoffentlich nicht so eskaliert wie in Lars Sommers Geschichte.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive, wenn auch aufgrund der doch Vielzahl an handelnden Personen einige noch stärker ausgearbeitet hätten werden können. Dabei überzeugen insbesondere Schlanghain, von Holl und in einer Nebenrolle Polizeipräsident Brandner, während Kleinrädl noch etwas blass verbleibt. Lars Sommer Schreibstil ist teils rasant, lässt sich hierbei aber leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben größtenteils sauber gearbeitet, der Buchsatz ist ordentlich, auch wenn man zumindest die größeren Sinnabschnitte jeweils auf ungeraden Seiten hätte starten können. Der Buchumschlag ist mit Klappen versehen, das Covermotiv wird leider zum Buchrücken hin krass unterbrochen, letzterer und die Coverrückseite sind eher eintönig und schlicht. Das Titelmotiv schafft es hierbei zwar, eine kleine Verbindung zur Handlung herzustellen, bleibt dennoch aber austauschbar und kein wirklicher Eyecatcher.

Mein Fazit? „Die innere Führung“ ist ein spannender und abwechslungsreicher, gesellschaftlich relevanter Kriminalroman an der Grenze zum Thriller mit nur kleineren Schwächen. Für Leser:innen des Genres daher bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Wolfgang Oppler: „Traxl und der tote Lebemann“ (Pia Traxl 1)

Vor kurzem habe ich auch „Traxl und der tote Lebemann“ von Wolfgang Oppler gelesen. Das Buch ist 2024 im Volk Verlag erschienen und als Regionalkrimi einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Kriminalhauptkommissarin Pia Traxl ist eine Marke für sich: eigensinnig, selbstbewusst und als eingefleischte Boxerin hart im Nehmen. Der Steuerberater, der in einer beachtlichen Blutlache vor seinem eigenen Kühlschrank liegt, schlägt ihr dennoch auf den Magen. Liegt es daran, dass sie den Fall ohne ihren langjährigen Partner aufklären soll? Oder ist es das ungute Gefühl, dem Toten nicht zum ersten Mal begegnet zu sein? Bentje Schammach heißt die neue Kollegin, die Traxl zur Seite gestellt wird, ein frisch nach München versetztes Nordlicht mit großer Liebe zu Gummienten und erschreckend fröhlichem Gemüt. Zusammenraufen ist angesagt! Denn die Liste der Verdächtigen wird immer länger. Und je tiefer Traxl und Schammach graben, desto klarer wird, dass der tote Lebemann selbst den meisten Dreck am Stecken hatte …

„Traxl und der tote Lebemann“ ist der erste Band der Buchreihe um die Kommissarinnen Pia Traxl und Bentje Schammach, die – nunmehr beide – in München ermitteln. Dabei lässt sich der Roman zwar als Kriminalroman einordnen – er wird ja auch auf dem Cover als „Krimi“ bezeichnet -, ich persönlich würde den Roman jedoch noch stärker kategorisieren und ihn den Regionalkrimis zuordnen, spielt der bayrische Einschlag doch eine entscheidende Rolle – Dialekt und Kulinarik inklusive. Abgesehen davon ließen sich sicherlich auch noch Argumente für einen Wirtschaftskrimi oder -Thriller finden.

Die Handlung ist durchaus spannend und abwechslungsreich und wartet mit unerwarteten Wendungen auf. Mit Ausnahme des etwas unnötigen Prologs wird sie sehr stringent erzählt – und insbesondere die für einen Krimi doch eher ungewöhnliche Erzählperspektive eines Ich-Erzählers aus Pias Sicht vermag hier zu glänzen, ermöglicht sie doch ein noch tieferes Eintauchen in die Ermittlungen. Hingegen kann das Ende leider nicht gänzlich überzeugen, ist es doch gerade Pia, die hier für einen unrunden Abschluss des Falles sorgt – und ihre Pflichten aufs gröbste verletzt und damit viele Pluspunkte verliert, die sie im Verlauf der Handlung sammeln konnte.

Das Setting kann ebenfalls im Wesentlichen glänzen. So entführt Wolfgang Oppler die Leser:innen nach München, in eine pulsierende Stadt mit Brauhäusern, Viktualienmarkt und diversen Kneipen und Bars – man sieht, dem Essen und – vor allem – Trinken wird in diesem Roman viel Platz eingeräumt. Dabei wird viel Wert auf Lokalkolorit gelegt – teils sogar ins Dialektische abgedriftet, aber nie so stark, dass die Lesbarkeit eingeschränkt wird. Etwas schade ist es allerdings, dass der Culture Clash zwischen München und Tönning, zwischen Pia und Bentje hier kaum eine Rolle spielt, hier wird einiges an Potential für die Auflockerung der Geschichte verschenkt.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Aufgrund der Vielzahl an handelnden Personen ist allerdings noch einiges an Entwicklungspotential vorhanden, gerade bei Pia würde mich hierbei auch interessieren, wie sie das Ende der Geschichte verarbeitet. Wolfgang Opplers Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben nur Kleinigkeiten durchrutschen lassen, die den Lesefluss nicht wesentlich schmälern, der Buchsatz ist gelungen, auch wenn mich die Kapitelbeginne mitten auf der Seite irritieren. Der Buchumschlag ist mit Klappen versehen, insgesamt aber sehr eintönig. Die Typografie auf dem Cover kann begeistern, das Covermotiv ist eher austauschbar und beliebig – und das Boxen im Buch doch eher Randerscheinung,

Mein Fazit? „Traxl und der tote Lebemann“ ist ein solider Start in die Buchreihe, der vor allem mit seinem Setting und einer hochspannenden Handlung punkten kann, am Ende jedoch etwas schwächelt und einiges an Potential verschenkt. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Christine Grän / Marianne von Waldenfels: „Das Fräulein muss sterben“ (Clara Frings 1)

In der letzten Zeit habe ich auch „Das Fräulein muss sterben“ von dem Autorinnen-Duo Christine Grän und Marianne von Waldenfels gelesen. Der Roman ist 2024 im Droemer Verlag in der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG erschienen und als historischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Bonn, 1972: In ihrem Penthouse feiert die niederländische Journalistin Nelie Hendriks, dass Willy Brandt das Misstrauensvotum überstanden hat. Zu ihrer illustren Gästeschar gehören neben einigen Damen der Nacht vor allem Spione und Politiker. Hat einer von ihnen die Finger im Spiel, als Nelie in den Tod stürzt? Kommissarin Clara Frings darf untergeordnet ermitteln, stößt in der Männerwelt der kleinen Hauptstadt am Rhein jedoch schnell an ihre Grenzen. Clara macht Fehler und muss dafür bezahlen. Die Emanzipation der Frauen hat gerade erst begonnen, und das gesellschaftliche Leben wird bestimmt vom Paragraph 218, Studentenprotesten, RAF-Bomben und Radikalenerlass. Erst am Tag von Willy Brandts Rücktritt wird Clara endlich Antworten finden …

„Das Fräulein muss sterben“ ist der erste Band in der historischen Kriminalromanreihe um – mittlerweile – Polizeihauptkommissarin Clara Frings, die in der Bonner Republik als eine der ersten Frauen in der Kriminalpolizei ermittelt – eine Buchidee, die auch die Reihe „Die Kriminalistinnen“ bereits aufgegriffen hat. Dabei deckt der Roman den Zeitraum von April 1972 bis Oktober 1974 ab. Aufgrund der starken Fokussierung auf die politischen Ereignisse hätte man den Roman auch als (historischen) Polit- oder Spionagethriller einordnen können. Ich hab es dennoch bei der – auch auf dem Cover abgedruckten – Eingruppierung als (historischen) Kriminalroman belassen, da ein Kriminalfall den Rahmen für die Darstellung der politischen Affären bildet.

Die Handlung ist generell durchaus spannend und abwechslungsreich und wartet mit der ein oder anderen unerwarteten Wendung auf. Dabei gelingt es den Autorinnen ein hochbrisantes Gesamtkonstrukt aus politischen und gesellschaftlichen Themen in Verbindung mit der Polizeiarbeit zu stricken, das allerdings in der Schwerpunktsetzung manchmal doch etwas scheitert. Auch hat die Handlung zuweilen doch kleinere Längen – und wird zum Ende hin durch die vielen und immer größer werdenden Zeitsprünge auch etwas fragmentarisch.

Das Setting hingegen kann auf ganzer Linie überzeugen, entführen die Autorinnen doch die Leser:innen in die Bonner Republik, in eine Zeit, geprägt von RAF-Terror und dem Kalten Krieg. Und auch wenn hier teils etwas zu holzhammerartig Kritik an den damaligen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen geübt und sehr einseitig geschildert wird, ist es doch wichtig, dass mit dem Roman auch Themen wie Emanzipation und die damalige Diskriminierung queerer Beziehungen in den Fokus gerückt wird – nur so erkennt man, wie weit wir doch heute eigentlich als Gesellschaft schon sind.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei können insbesondere Elisabeth und Fritz von Eschweg als wichtige Nebencharaktere punkten, während Clara teils nicht nachvollziehbar handelt und – etwas enttäuschend – als Polizistin ihre Pflichten mehrfach gröblichst verletzt. Der Schreibstil der Autorinnen lässt sich hierbei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen – auch merkt man keinen Bruch, sollten die Autorinnen hier kapitelweise vorgegangen sein.

Die Buchgestaltung ist gelungen. Lektorat und Korrektorat haben im Wesentlichen sauber gearbeitet, der Buchsatz ist ordentlich aber unauffällig. Der Buchumschlag ist mit Klappen versehen, die Geschichte wird durch eine ungewöhnliche Dramatis Personae und einen Abriss der historischen Ereignisse abgerundet. Cover, Buchrücken und Coverrückseite sind sehr einheitlich aber gleichsam sehr anschaulich gestaltet – hoffentlich zieht sich das Design durch die Reihe. Auch die Typografie auf dem Cover begeistert, das Covermotiv hingegen ist eher belanglos und austauschbar, hier fehlt mir der Bezug zur Handlung.

Mein Fazit? „Das Fräulein muss sterben“ ist ein spannender Auftakt in die Reihe um Clara Frings, der vor allem mit seinem Setting und einem explosiven Gesamtpaket glänzt, dabei aber auch kleinere Schwächen und Längen hat. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Salih Jamal: „Das perfekte Grau“

In der letzten Zeit habe ich auch „Das perfekte Grau“ von Salih Jamal gelesen. Der Roman ist der Gegenwartsliteratur zuzuordnen und in der mir vorliegenden Ausgabe 2024 im btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen, zuvor wurde das Buch bereits 2021 unter gleichem Titel im Septime Verlag veröffentlicht. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Eine junge Frau, eine ältere Dame, ein afrikanischer Flüchtling und ein Tagedieb treffen in einem heruntergekommenen Hotel an der Ostsee aufeinander. Sie sind wie das Hotel renovierungsbedürftig und versuchen ihre Risse zu kaschieren. Und alle sind sie auf die eine oder andere Weise auf der Flucht, vor den inneren Dämonen oder der Polizei. Als sie sich tatsächlich gemeinsam auf eine Reise ins Ungewisse begeben, offenbaren sich ihre Geheimnisse. Aus dem gegenseitigen Mitgefühl entsteht Fürsorge und letztendlich Freundschaft.

„Das perfekte Grau“ stand 2021 auf der Hotlist der besten Neuerscheinungen der unabhängigen Verlage. Dabei lässt sich der Roman eher schwierig einem Genre zuordnen, ist er doch – wie auch auf dem (neuen) Cover beworben – ein literarisches Road Movie. Gleichermaßen ist er irgendwie aber auch, trotz des fortgeschrittenen Alters, Coming of Age, ist Entwicklungs- und Schicksalsroman. Zusammenfassend würde ich das Buch daher der Gegenwartsliteratur zuschlagen, eine Eingruppierung, die sich auch auf Verkaufsportalen finden lässt.

Die Handlung ist durchaus spannend und komplex, verknüpft der Roman doch vier verschiedene, schwierige Schicksale miteinander. Allerdings kommt der Roman hier nur sehr langsam ins Rollen, ein leicht späterer Start hätte hier sicherlich gut getan. Und auch das Ende vermag nicht zu überzeugen, endet der Roman doch völlig offen und schließt keine Handlungsstränge ab, sieht man mal – mit Wohlwollen – von Mimis ab. Erzählt wird der Roman aus der Ich-Perspektive von Dante, was durchaus gelungen ist – auch wenn ich mir manchmal gewünscht hätte, auch in Novelles Kopf schauen zu können, um eine noch innigere Bindung zur stärksten Figur des Romans herstellen zu können.

Das Setting überzeugt im Wesentlichen. So nimmt der Autor die Leser:innen mit auf einen Roadtrip von der Küste bis hin nach Österreich, über Erdbeerfelder, durch Seen und Sümpfe – mit Zwischen- und Endstopps in Berlin und Altötting. Und auch wenn es Salih Jamal hier gelingt, durchaus wichtige gesellschaftliche Themen anzusprechen – egal ob Flucht, Arbeitsausbeutung in der Saisonarbeit oder die Verdrängung kleinerer landwirtschaftlicher Betriebe -, fehlt es schlussendlich jedoch an einem moralischen Kompass, an einem Korrektiv, zieht das Protagonist:innenquartett doch einem Verbrechersyndikat ähnlich durch die Lande, nur um Straftat nach Straftat zu begehen – die allesamt ungesühnt bleiben.

Die einzelnen Figuren sind dabei im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive, sind sie alle doch mit einer Hintergrundgeschichte versehen, die jeweils so problematisch ist, dass dies den Roman sogar – bei dessen Kürze – überfrachtet. Am stärksten begeistert hier noch Novelle. Salih Jamals Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und – nach kurzen Startschwierigkeiten am Anfang – das Kopfkino dann auch anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind durchaus Kleinigkeiten durchgerutscht, die das Lesevergnügen aber nicht erheblich schmälern, der Buchsatz ist einfach aber fehlerfrei – auch wenn man auf die Kapitelüberschriften hätte verzichten können, die meistens aber spoilerfrei bleiben. Das Covermotiv ist unauffällig und beliebig und wird leider zum Buchrücken hin unterbrochen, der ganze Buchumschlag ist hierbei kein Eyecatcher, allerdings dennoch eine Verbesserung zum Cover der Erstveröffentlichung.

Mein Fazit? „Das perfekte Grau“ ist ein durchaus spannendes, literarisches Roadmovie, das leider jedoch viel zu offen endet und dem etwas die moralische Einordnung fehlt. Für Leser:innen des Genres, die offene Enden tolerieren, dennoch zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.