[Buchgedanken] Vea Kaiser: „Rückwärtswalzer: oder Die Manen der Familie Prischinger“

Da ich mich derzeit in Wien aufhalte, möchte ich Euch heute ein Buch einer österreichischen Autorin vorstellen. In den letzten Tagen habe ich Vea Kaisers dritten Roman: „Rückwärtswalzer: oder Die Manen der Familie Prischinger“ gelesen. Das Buch ist 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und ist eine Mischung aus Familienroman und Road Trip – ein klassischer Roman der Gegenwartsliteratur. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars. Buch und Autorin durfte ich auch im Rahmen der Leipziger Buchmesse auf dem Bloggertreffen von Kiepenheuer & Witsch persönlich kennenlernen.

41eFMQJuH6L._SX303_BO1204203200_Als Onkel Willi stirbt, stehen der Drittel-Life-Crisis geplagte Lorenz und seine drei Tanten vor einer Herausforderung. Willi wollte immer in seinem Geburtsland Montenegro begraben werden. Doch da für eine regelkonforme Überführung der Leiche das Geld fehlt, begibt man sich kurzerhand auf eine illegale Fahrt im Panda von Wien Liesing bis zum Balkan. Auf der 1029 Kilometer langen Reise finden die abenteuerlichen Geschichten der Familie Prischinger auf kunstvolle Weise zueinander.
Mirl, die älteste der Schwestern, muss nach dem Krieg schon früh Verantwortung übernehmen und will nur weg aus dem elterlichen Gasthof, weg vom Land. Doch weder die Stadt noch ihre Ehe entwickeln sich so, wie sie es sich erträumte. Wetti interessiert sich bereits als Kind mehr für Tiere als für Menschen. Als Putzfrau im Naturhistorischen Museum kennt sie die Präparate der Sammlungen bald besser als jeder Kurator, und als alleinerziehende Mutter einer dunkelhäutigen Tochter schockiert sie die Wiener Gesellschaft. Und Hedi, die Jüngste im Bunde, lernt Willi zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben kennen, an dem sie mit selbigem fast schon abgeschlossen hat. Denn die drei Schwestern haben in jungen Jahren einen schweren Verlust erlitten. Und sie alle geben sich die Schuld daran.

„Rückwärtswalzer: oder Die Manen der Familie Prischinger“ ist ein kurioser, witziger, skuriller, dramatischer und emotionaler Familienroman. Die Geschichte um Hedi, Wetti und Mirl, Lorenz und Sepp, Gottfried und Willi, die Kinder der Schwestern, Herr Ferdinand, Nenerl, Ana und Vlad, Fanny und ihren Vater spielt auf mehreren Ebenen. Es ist eine Reise, nicht nur durch verschiedene Länder, sondern auch durch die Gesellschaft – und die Zeit. So spielt die Handlung in zwei verschiedenen Zeitebenen – es wechseln sich Kapitel aus der Gegenwart mit Erzählungen aus der Vergangenheit ab. Und auch wenn sich die Geschichte erst nach und nach entfaltet, die Hintergründe der Charaktere erst Stück für Stück enthüllt werden, bin ich mir immer noch nicht sicher, ob nicht eine chronologische Erzählung sinnvoller gewesen wäre, da die Wechsel sehr drastisch, sehr fordernd sind und viel vom Leser verlangen.

Nichtsdestotrotz ist das Buch ein wahres Kleinod, das mit seiner Situationskomik und genial angelegten, plastisch und vielschichtig ausgearbeiteten Charakteren punkten kann. Die Figuren entwickeln sich auch im Laufe der Handlung weiter (nicht nur über die historischen Rückblicke, sondern auch im Verlauf der kurzen Episode in der Gegenwart). Dabei nimmt der Roman auch auf die römische Mythologie Bezug und baut diese geschickt als Motivation der Handelnden mit in die Geschichte ein.

20190328_183517Der Schreibstil der Autorin ist authentisch und passt sich erfrischend den Figuren an. Er ist nicht glattpoliert, sondern strotzt vor österreichischen Floskeln und – gerade in den historischen Kapiteln – zeitgeschichtlichem Vokabular. Dabei sind es gerade die Unterschiede in den Charakteren, das gegenseitige Unverständnis und unvereinbare Weltbilder, die zu der vielgelobten Situationskomik führen, die das Lesen des Buches zu einem wahren Erlebnis macht.

Der Buchsatz ist gelungen, Lektorat und Korrektorat überzeugen ebenfalls auf ganzer Linie. Das Cover ist ausdrucksstark und glänzt mit kleinen Details wie einem Bären, die sich erst nach dem Lesen des Buches erschließen.

Mein Fazit? „Rückwärtswalzer: oder die Manen der Familie Prischinger“ ist ein Road Trip der Extraklasse, ein Familenroman, der vor allem durch seine exzellenten Charaktere punkten kann. Auch wenn die anachronistische Erzählweise vom Leser viel Aufmerksamkeit fordert, sorgen die komischen und humorvollen Elemente für ein großes Lesevergnügen. Für Leser abseits der Genreliteratur, für Liebhaber von zeitgenössischen Romanen und Familiensagas bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Anne Reinecke: „Leinsee“

In der letzten Zeit habe ich „Leinsee“ von Anne Reinecke gelesen. Das Buch und die Autorin sind mir zum ersten Mal auf der diesjährigen Litblog Convention begegnet – vielen Dank an dieser Stelle für die Bereitstellung eines Lese- und Signierexemplares auf der Veranstaltung. Der Roman ist als Gegenwartsliteratur einzuordnen und wurde 2018 im Diogenes Verlag veröffentlicht.

41HUvZI8DrL._SX315_BO1204203200_Karl, der Sohn des weltberühmten Künstlerpaares Ada und August Stiegenhauer, hat sich unter einem Pseudonym selbst als Künstler in Berlin einen Namen gemacht und seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern. Bis ein Anruf seine Welt völlig ins Wanken bringt. Sein Vater tot, seine Mutter schwer erkrankt – Karls Rückkehr in seinen Heimatort verändert sein Leben völlig. Die einzige Konstante ist Tanja, ein achtjähriges Mädchen, das ihn seit der Ankunft in Leinsee aus dem Garten beobachtet und ihm mit Bildern und Zeichen ein Stück Lebensfreude zurückgibt.

„Leinsee“ ist experimentell, ist drastisch und schonungslos. Es ist provokativ, ehrlich und bestürzend. Anne Reinecke gelingt ein, vor allem sprachlich, überzeugendes Debüt, das auf eine tolle Karriere hoffen lässt.

Auch wenn es für viele nur ein kleines Detail ist, gibt es eine Sache, die mich vollends begeistert hat. Es ist eine Kunst für sich, Kapitelüberschriften zu finden, die weder die Handlung vorwegnehmen, noch gänzlich belanglos sind. Der Autorin ist dies hier mit Bravour gelungen. So ist jedes Kapitel mit einer Farbe überschrieben, einem Farbton, der auf den folgenden Seiten eine Rolle spielen und einen Akzent setzen wird.

Die Handlung überzeugt mich hingegen nur teilweise – ist im Ergebnis aber auch irgendwie irrelevant, da „Leinsee“ mehr das Porträt eines zerstörten Menschens ist, mehr Einblick in sein Innenleben, mehr Charakterstudie als wirklicher Ablauf von spannungsgeladenen Ereignissen. Und so gibt es Längen, und gleichzeitig werden Jahre übersprungen. Jahre, in denen viel passiert sein mag, aber nichts den Charakter geändert hat.

Die Figurenentwicklung ist dahingegen, gerade in der Hauptfigur, brilliant. Der Protagonist zeigt Stärken und (viele) Schwächen, entwickelt sich, hadert, verzweifelt – und lässt so den Leser tief in sein Innerstes ein. Dass die Entwicklung der Nebenfiguren aufgrund der Fixierung auf den Protagonisten Karl dabei etwas in den Hintergrund gerät, stört daher kaum.

Das Ende des Romans hat mich allerdings frustriert zurückgelassen. Einige Sätze mehr, einige Sätze weniger – alles hätte ich für vertretbar gehalten. Aber an dieser Stelle aufzuhören, ist Qual für den Leser, ist meines Erachtens nach überspitzt und übertrieben. Die Buchgestaltung ist hingegen ordentlich gelungen. Das Cover – verlagstypisch – zurückhaltend, der Buchsatz, das Lektorat und Korrektorat geräuschlos und harmonisch.

Mein Fazit? „Leinsee“ ist ein gelungenes Debüt, ein Gegenwartsroman, der durch Kleinigkeiten und eine tolle, ehrlich-direkte Sprache besticht. Auch wenn das Ende mich frustriert zurücklässt, ist er doch bedenkenlos zu empfehlen.