[Buchgedanken] Malin Persson Giolito: „Mit zitternden Händen“

Vor kurzem habe ich „Mit zitternden Händen“ von Malin Persson Giolito gelesen. Der Roman ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2022 unter dem Originaltitel „I dina händer“ bei Wahlström & Widstrand veröffentlicht. Das Buch ist hierbei als Kriminalroman einzuordnen, für die Übersetzung aus dem Schwedischen zeichnet Thorsten Alms verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Billy und Dogge sind seit Kindesbeinen eng befreundet. Dass sie aus sehr unterschiedlichen Eltern­häusern kommen, hat sie nie gestört. Während Dogge meist von seinen wohlhabenden Eltern allein gelassen wurde, ist Billy, aus einer Einwandererfamilie stammend, umgeben von einer Bastion der Liebe aufgewachsen. Als kriminelle Banden Billys Wohnviertel mehr und mehr beherrschen, werden sowohl Dogge als auch Billy rekrutiert. Allzu gerne schließen sich die beiden an – angelockt durch schnelles Geld und leichten Zugang zu Drogen. Doch dann will Billy mit Hilfe seiner Mutter aussteigen …

„Mit zitternden Händen“ ist der neue Roman der Autorin, die mit „Im Traum kannst du nicht lügen“ einen Welterfolg landete, der auch von Netflix unter dem Titel „Quicksand“ verfilmt wurde. Und so ist es keine Überraschung, dass auch „Mit zitternden Händen“ für den Streaminggiganten als Serie adaptiert wird. Dabei ist der Roman zwar als Kriminalroman bezeichnet, er zeigt aber auch Aspekte eines (Jugend-) Thrillers – die Übergänge sind hier ohnehin fließend – und ist im allerweitesten Sinne auch Gegenwartsliteratur, ist der Roman doch durchaus auch ein teils gesellschaftskritisches Porträt verschiedener Milieus der schwedischen Gesellschaft und der organisierten Kriminalität.

Die Handlung ist hierbei hochspannend und kurzweilig – und immer mal wieder mit unerwarteten Wendungen versehen. Dabei wird sie in zwei verschiedenen Zeitebenen erzählt. So wechseln sich Abschnitte der aktuellen Handlung mit Blicken in die Vergangenheit von Billy und Dogge ab. So wichtig und gleichberechtigt beide Zeitabschnitte sind, hätte ich mir hier jedoch gewünscht, dass die einzelnen Passagen länger, die Wechsel daher etwas reduzierter sind, da es durch die nun doch sehr häufigen Wechsel der Handlung etwas an Stringenz fehlt.

Das Setting brilliert auf ganzer Linie. So zeigt Malin Persson Giolito die Gegensätze der schwedischen Gesellschaft am Beispiel zweier benachbarter Vororte, beschreibt anschaulich den Klammergriff der organisierten Kriminalität in strukturschwachen Regionen und Gesellschaftsschichten – mit einer bestürzenden und beklemmenden Perspektive für die Jugend. Und auch bei der Polizeiarbeit werden hier interessante Aspekte näher beleuchtet, sei es das Thema Opferschutz oder auch Strafmündigkeit und Jugendkriminalität.

Die Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen vor allem wichtige Nebencharaktere wie Nadja, Leila und Tusane, während Dogge in manchen Situationen etwas blass verbleibt – und auch Farid nicht immer nachvollziehbar handelt. Malin Persson Giolitos Schreibstil ist dabei leicht und flüssig zu lesen, atmosphärisch unglaublich stark und lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung kann ebenfalls größtenteils glänzen. Lektorat und Korrektorat haben größtenteils sauber gearbeitet und nur Kleinigkeiten übersehen, der Buchsatz ist solide. Der Buchumschlag ist genretypisch gestaltet, das Cover ansehnlich, die Coverrückseite jedoch ein wahrer Eyecatcher – sehr innovativ gestaltet. Das unter dem Umschlag befindliche Buch ist hingegen eher schlicht.

Mein Fazit? „Mit zitternden Händen“ ist ein atmosphärisch unglaublich starker Kriminalroman, der vor allem mit seinem tollen Setting und einer hochspannenden Handlung punktet, durch die ständigen Wechsel der Erzählzeit aber etwas an Stringenz verliert. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Sebastian Beck: „Vinz Solo“

Vor kurzem habe ich „Vinz Solo“ von Sebastian Beck gelesen. Das Buch ist 2023 in der Langen Müller Verlag GmbH erschienen und als Entwicklungsroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Die niederbayerische Provinz in den Achtzigern: In Artlhofen tobt der Kulturkampf zwischen Kirche, CSU und der Anti-Atombewegung. Mittendrin der 18-jährige Oberministrant Vinzenz Bachmaier, der endlich auch einmal cool sein möchte. Aber statt zur Demo nach Wackersdorf muss er zur Wallfahrt nach Altötting mitfahren. So wird das nichts mit seiner Ricarda und der Karriere als Rockgitarrist. Als er schließlich mit seiner Band aus der katholischen Enge ausbricht und das Glück greifbar nah scheint, nimmt sein Leben eine tragische Wendung. Vinzenz ist plötzlich ganz auf sich und seinen kauzigen Freund Kowalczyk gestellt – und auf seinen trotzigen Lebenswillen.

„Vinz Solo“ ist der neueste Roman des bayrischen Journalisten Sebastian Beck – und mehr oder weniger ein Porträt, eine Skizze über das Leben im ländlichen Bayern der 80er Jahre. Darüber hinaus ist das Buch – wie oben benannt – ein Entwicklungsroman, ist Coming-of-Age und Gegenwartsliteratur. Und es ist durchaus auch Gesellschaftskritik – im Großen wie im Kleinen. Dabei lassen sich zumindest einige der angesprochenen Themen auch gut in die heutige Zeit transportieren und sorgen so für eine gewisse Aktualität.

Die Handlung ist hierbei durchaus abwechslungsreich, teils aber auch vorhersehbar und überzeugt vor allem im ersten Abschnitt, der vor Humor und Leichtigkeit strotzt, während der zweite und dritte Teil des Buches doch etwas abbaut. Zwar wird das Buch zum Ende hin wieder etwas stärker, dies wird aber durch das in Gänze offene Ende konterkariert, das den Leser doch etwas unbefriedigt zurücklässt – insgesamt fehlt hier etwas der rote Faden, der sich sinnstiftend durch die komplette Handlung zieht.

Das Setting ist naturgemäß ein Traum. Der Autor entführt den Leser in die bayrische Provinz der 80er Jahre, in eine Welt zwischen Tradition und ersten, zarten modernen Anwandlungen – zwischen Punk und Kirchenchor, zwischen Anti-Atomkraft und Konservatismus. Eine Reise, die für die meisten Leser, die die 80er Jahre nur am Rande oder gar nicht miterlebt haben, in vielen Punkten abenteuerlich, teils sogar gar nicht vorstellbar ist.

Die einzelnen Figuren sind vielschichtig angelegt, einige zentrale Nebenfiguren wie Dilara und Simmerl können hier auch überzeugen. Vinz hingegen hängt irgendwie in der Luft, handelt teils nicht nachvollziehbar, zeigt keine Lernkurve und macht es dem Leser somit trotz der Ich-Perspektive schwer, eine Bindung zu ihm zu entwickeln. Sebastian Becks Schreibstil ist leicht und flüssig lesbar und überzeugt gerade im ersten Teil mit bestechendem Humor, der leider im Verlauf der Handlung immer weiter abnimmt.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist fehlerfrei und lässt (immerhin) wenigstens die drei Buchabschnitte auf ungeraden Seiten beginnen, was bei der Masse an Kapiteln sonst nicht geschieht. Der Buchumschlag ist mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, das Titelbild zieht sich gut über den gesamten Umschlag und sorgt für einen tollen Gesamteindruck, der auch durch die unglaublich gelungene Haptik des Buches verstärkt wird. Allerdings vermag das Titelbild in seiner Komposition nicht zu überzeugen. Zwar ist es farblich toll, die Zusammenstellung des gezeichneten Motivs mit dem hineingesetzten Menschen irritiert jedoch.

Mein Fazit? „Vinz Solo“ ist ein interessantes Porträt über das ländliche Bayern der 80er Jahre, das mit seinem Setting brilliert und stark und humorvoll beginnt, aber leider mit Verlauf der Handlung etwas nachlässt, den roten Faden vermissen lässt und viel zu offen endet. Für Leser mit Interesse am Thema dennoch zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Renate Silberer: „Hotel Weitblick“

In den letzten Tagen habe ich „Hotel Weitblick“ von Renate Silberer gelesen. Der Roman ist 2021 in der Verlag Kremayr & Scheriau GmbH & Co. KG erschienen und als Kammerspiel dem Genre „Gegenwartsliteratur“ zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag und die vermittelnde Agentur Buchcontact für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Vier Führungskräfte einer Werbeagentur, ein Wochenende in einem abgelegenen Hotel: Wer den Geschäftsführer-Posten bekommen soll, entscheidet der von Selbstzweifeln geplagte Consulter Marius Tankwart. Seine Auswahlseminare sind berühmt, doch der erbitterte Kampf der Manager untereinander macht eine gemeinsame Lösung unmöglich, und als er im Verhalten der Teilnehmer schließlich die Erziehungsmethoden einer Nazi-Pädagogin wiedererkennt, muss er eine Entscheidung treffen, von der sein eigenes Überleben abhängt.

„Hotel Weitblick“ ist der Debütroman der prämierten Lyrikerin und Prosaistin Renate Silberer und wurde über mehrere Projekt- und Arbeitsstipendien gefördert. Dabei spürt man die fachliche Grundlage der Autorin auf jeder Seite, ist doch kein Wort zuviel, kein unnötiges Beiwerk im Text vorhanden. Sätze werden unbeendet gelassen auf wörtliche Rede wird ganz verzichtet – Renate Silberer schreibt ungemein verdichtet, was das Lesen erschwert, dem Leser aber einen intensiven, zielgerichteten Einblick in die Psyche der einzelnen Protagonisten erlaubt.

Dabei liegt der Fokus auch klar auf der immer stärkeren Eskalationsspirale im Verhalten der Protagonisten. Als Kammerspiel mit begrenzten Personen und einem einzigen Handlungsort angelegt, steigert sich der Wahn der Charaktere ins Absurde, wird das selbstzerstörerische Verhalten jedes einzelnen Seminarteilnehmers – die nach außen durchaus normale und erfolgreiche Leben führen – sichtbar und erschreckend real. Die von der Autorin hiermit beabsichtigte Kritik an der kapitalistischen Leistungsgesellschaft verpufft jedoch etwas vor dem Hintergrund, dass weder Lösungsansätze noch Auswege präsentiert werden, berücksichtigt man doch, dass der Hauptprotagonist trotz Ausbruch aus dem Käfig der Leistungszwänge nicht minder verwirrt, unsicher und eskapistisch daherkommt, ja in seiner eigens auferlegten Mission nicht einmal merkt, welchen Schaden er anrichtet.

Darüber hinaus fordert – und verdient – „Hotel Weitblick“ die ungeteilte Aufmerksamkeit des Lesers, fällt es doch bei den schnellen Perspektivwechseln, dem Fließtext und der ungemein verdichteten Sprache schwer, der – zugegebenermaßen nicht sehr ausführlichen – Handlung jeweils aus der richtigen Perspektive zu folgen, die jeweiligen Gedanken dem jeweils richtigen wirren Geist zuzuordnen. Kein Buch für nebenbei – aber eines, das zum Nachdenken anregt.

Die Buchgestaltung hingegen übereugt auf ganzer Linie. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Cover ist stilistisch schön und sehr hochwertig geprägt. Darüber hinaus macht der ganze Buchumschlag einen sehr gelungenen Eindruck und das Buch an und für sich macht auch ohne Umschlag eine tolle Figur.

Mein Fazit? „Hotel Weitblick“ ist ein gelungener Debütroman, der mit der sprachlichen Präzision einer Lyrikerin das Seelenleben der Protagonisten auf eindrucksvolle Weise seziert, den Leser aber auch etwas ratlos und nachdenklich zurücklässt. Für Leser, die anspruchsvolle Texte nicht scheuen, bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16.

[Buchgedanken] Ilka Sommer: „Der Weg zu mir: Wolfsbruder“

In den letzten Tagen habe ich „Der Weg zu mir: Wolfsbruder“ von Ilka Sommer gelesen. Das Buch ist 2018 im Selfpublishing erschienen, die mir vorliegende Ausgabe entstammt der ersten Auflage. Vielen Dank an dieser Stelle der Autorin für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars. Eine Genreeinordnung ist jedoch gar nicht einfach. Auch wenn der Roman auf der Coverrückseite als „gesellschaftskritischer Roman“ betitelt wird, würde ich ihn doch eher als esoterisch-spirituellen Roman mit fantastischen Einflüssen sehen.

51GTKclXKFLNach einer kurzen Begegnung auf der Jagd mit einem Wolf gerät Jans Leben völlig aus den Fugen. Seine Arbeit als Banker, seine Beziehung, seine Freundschaften – alles steht auf dem Prüfstand. Bis er für sich den mystischen Weg der Tierkommunikation entdeckt, und damit auch den Weg zu sich selbst. Auf der Suche nach dem Krafttier und seiner neuen Bestimmung wird er von der Tierkommunikatorin Miriam unterstützt. Schritt für Schritt legt Jan dabei seine Ängste ab und erlebt Unglaubliches.

„Der Weg zu mir: Wolfsbruder“ ist mal ein ganz anderes Buch – ich habe bislang nicht allzuviel vergleichbares gelesen und bin in dem Genre nicht zuhause. Und so ganz schlau geworden, bin ich aus dem Roman auch nicht, da die Grenzen zwischen Traum und Geschehen, zwischen Realität und Fiktion in den ganzen Erlebnissen verschwimmen.

Dennoch bin ich froh darüber, es gelesen zu haben – man nimmt aus der Lektüre etwas mit. Und sei es nur, dass man sich selbst auch mit dem Gedanken an Tierkommunikation auseinandersetzt und etwas darüber lernt. Dabei ist es aus meiner Sicht sogar durchaus wahrscheinlich, dass man in gewissen Grenzen mit Tieren kommunizieren kann – allerdings von Angesicht zu Angesicht. Dass man über Bilder Kontakt zu Tieren aufnehmen kann, die man nie gesehen hat und die sich weit entfernt aufhalten, überzeugt mich weiterhin nicht – und auch der Sprachgebrauch der Tiere, insbesondere von Penelope, hat mich sehr irritiert.

Bei „Der Weg zu mir: Wolfsbruder“ handelt es sich – wie bereits oben erwähnt – aus meiner Sicht auch nicht um einen gesellschaftskritischen Roman – schließlich finden in der Gesellschaft alle ihren Platz – und werden mit einem zauberhaften Happy-End belohnt (auch wenn ich mich der Lektorin da anschließe: ein Liebes-Happy-End hat mir ebenfalls gefehlt). Es ist aber ein Buch, das die Entschleunigung propagiert, die Liebe zur und das Leben in Einklang mit der Natur. Es ist ein Buch, das Toleranz einfordert und die Rückbesinnung auf ein harmonisches, selbstbestimmtes Leben im Gegensatz zum allgegenwärtigen „Höher, Schneller, Weiter“.

Die Handlung ist zwar insgesamt – dem Genre geschuldet – vorhersehbar, die Figuren sind aber interessant gestaltet, gerade von Mike bin ich völlig überzeugt. Der Schreibstil der Autorin lässt sich gut und flüssig lesen, insbesondere die Beschreibungen gefallen mir sehr gut und hätten noch mehr und dichter sein können. Zudem hätte ich es spannend gefunden, diese Persönlichkeitsentwicklung, diese Erfahrungen in dem doch sehr auf den Hauptcharakter zentrierten Buch aus dessen persönlicher Ich-Erzählperspektive geschildert zu bekommen. Dies hätte vielleicht für eine noch stärkere Bindung und Identifikation der Leser mit dem Protagonisten gesorgt.

Die Buchgestaltung ist – im Großen und Ganzen – gelungen, und in jedem Fall überdurchschnittlich für ein Selfpublishing-Werk. Lektorat und Korrektorat haben solide gearbeitet, die noch vorhandenen Fehler halten sich in einem absolut akzeptablem Rahmen und stören nicht den Lesefluss. Das Cover ist schön anzusehen – hier hätte es aber durchaus auch noch Raum für mehr Kreativität gegeben. Gleichsam finde ich auch den Buchsatz etwas uninspiriert und sehr nüchtern.

Mein Fazit? Auch wenn ich nicht vom Konzept der Tierkommunikation überzeugt bin, ist „Der Weg zu mir: Wolfsbruder“ ein interessantes Buch für alle, die mal über den Tellerrand hinausschauen wollen. Ob man ihn nun spirituell oder fantastisch, esoterisch oder philosophisch nennt, der Roman nimmt einen mit auf eine Reise in die Welt der Wölfe und lässt einen über das Leben und die Gesellschaft nachdenken.

Doppelte Buchpost

In der letzten Zeit erreichte mich erneut doppelte Buchpost, die ich euch natürlich nicht vorenthalten möchte. Dabei könnten die Bücher unterschiedlicher nicht sein. Mit „Herz in Reparatur“, das neu von Montlake Romance übernommen und heute veröffentlicht wurde, legt Anna Fischer einen romantisch-frechen Liebesroman mit Herz, Seele und Humor vor. Dagegen erwartet einen bei „Der Weg zu mir – Wolfsbruder“ von Ilka Sommer ein gesellschaftskritischer, spiritueller Roman über Tierkommunikation und die Entschleunigung des Lebens, die Rückbesinnung auf die Natur. Vielen Dank an beide Autorinnen, und an Montlake Romance, für den Versand der Rezensionsexemplare. Die dazugehörenden Buchbesprechungen sollten noch diese, respektive nächste Woche folgen – ich bin schon ganz gespannt!

20181204_190412

[Kurzrezension] Sarah Ricchizzi: „Der Sandkornzähler“

In der letzten Woche habe ich auf dem Weg zur Buchmesse die Kurzgeschichte „Der Sandkornzähler“ von Sarah Ricchizzi gelesen, die mir von der Autorin im Zuge einer Verlosung zur Verfügung gestellt wurde (Vielen Dank nochmals dafür – auch an die Losfee!) :). Die Geschichte erschien 2017 als e-Book im Selfpublishing. Ich würde sie dem Genre der Phantastik zuordnen, sie ist zudem aber auch eine Art metaphorisches oder allegorisches Gleichnis (hätte ich besser in Deutsch aufgepasst, könnte ich das noch genauer sagen).

Die Sanduhr Beta ist von Beruf Sandkornzähler – ein wichtiger, aber nicht sehr 51ahz3pm5mlangesehener Beruf in der Gesellschaft. Er ist dafür zuständig, die Sandkörner zu zählen, um zu wissen, wie viele produziert und ausgeschüttet werden, wie viele Körner der Regierung noch zur Verfügung stehen. Als Bezahlung erhält er pro Tag eine Tagesration Sandkörner, sodass sein Leben nur aus seiner Arbeit besteht, denn sollte er seine neue Tagesration nicht erhalten und sein Sand auslaufen, würde er sterben. Ohne Träume, ohne Ziele, lebt er zufrieden Tag für Tag vor sich hin. Bis er den Träumer Henry kennenlernt, dessen verzweifelter Wunsch es ist, sich selbst in eine Stoppuhr zu verwandeln.

Das Grundprinzip der Geschichte (das auch in Andrew Niccols Sci-Fi-Film „In Time“ aufgegriffen wurde) ist, dass die Zeit als Währung dient. Durchaus gesellschaftskritisch wird auf die Ungleichverteilung innerhalb von Gesellschaften, auf die schlechte Bezahlung von wichtigen Berufsgruppen und auf den Eskapismus der Medien angespielt. Die Geschichte regt zum Nachdenken an und führt dazu, dass man sich intensiver mit dem Thema Zeit beschäftigt.

Dabei kann man sich als Leser gut in Beta hineinversetzen. Die Ungewissheit, das Beharren auf Sicherheit, das Aufrütteln durch Henry werden gut dargestellt. Dabei ist gattungstypisch das Ende offen gelassen worden. Der Schreibstil der Autorin lässt sich flüssig lesen, das Cover sieht auf dem Tablet ebenfalls gut aus. Lektorat und Korrektorat sind ebenfalls gelungen.

Nach „Die Geschichte des Luchris Sarberry“ (erschienen in der Anthologie: „Flucht in ein sicheres Leben“) ist das die zweite Kurzgeschichte, die ich von Sarah Ricchizzi lese. Ich bin gespannt, ob es Zufall war, dass beide Geschichten bisher gesellschaftskritische Ansätze ins Genre Fantasy transportiert haben, oder ob die Autorin dies so konsequent weiterführt. Ich freue mich jedenfalls schon darauf, mehr von ihr zu lesen.