[Buchgedanken] Michaela Grünig: „Blankenese – Zwei Familien: Licht und Schatten“ (Blankenese 1)

Vor kurzem habe ich „Blankenese – Zwei Familien: „Licht und Schatten“, den Auftaktband der neuen Trilogie von Michaela Grünig, gelesen. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen und als Familiensaga einzuordnen Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Hamburg, 1919. John Casparius glaubt nicht mehr an das Gute im Menschen. Die grausamen Erfahrungen des Krieges verfolgen ihn, die einst so florierende Reederei, seit Jahrzehnten in Familienbesitz, ist durch die politischen Turbulenzen angeschlagen. Von Schuldgefühlen geplagt kreisen seine Gedanken darum, ins Wasser zu gehen. Nach einer durchgrübelten Nacht trifft er im Morgengrauen am Elbufer auf die junge Leni Hansen. Zwei Fremde, die der Zufall für einen kurzen, aber schicksalshaften Moment zusammenführt und die nicht ahnen, dass von nun an ihr Leben und das ihrer Familien über Generationen miteinander verwoben sein wird.

Mit „Blankenese – Zwei Familien: Licht und Schatten“ startet Michaela Grünig eine neue Familiensaga. Dabei deckt der Auftaktband die Zeit von März 1919 bis Januar 1939 ab – also im Wesentlichen die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Während sich das Buch auf die Verzahnungen und Geschicke zweier Familien konzentriert, werden so die großen politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen am Mikrokosmos der Hansen- und Casparius-Dynastien deutlich – und noch eindringlicher spürbar.

Hierbei ist die Handlung im Wesentlichen spannend und abwechslungsreich, auch wenn ich mir teils eine andere Schwerpunktsetzung gewünscht hätte, sind die Zeitsprünge zwischendurch doch teils sehr groß und lassen durchaus relevante Teile der Geschichte/Figurenentwicklung entfallen – vielleicht hätte man den Band zweiteilen sollen, um den einzelnen Figuren und Handlungssträngen hier besser gerecht werden zu können. Schade finde ich es zudem, dass wir hier keinen Prolog oder Rückblende aus Sicht von Veit oder Gustav über die Ereignisse in Deutsch-Südwestafrika lesen konnten – das hätte die Geschichte noch weiter abgerundet.

Das Setting ist naturgemäß gelungen. So entführt Michaela Grünig den Leser nach Blankenese – vor der Eingliederung in Altona (1927) und Hamburg (1938) eine eigene Gemeinde, in der sich der Kontrast zwischen arm und reich aufgrund der prunkvollen Villen gut darstellen lässt. Hier hätte ich mir teils noch detailliertere Beschreibungen gewünscht, um nicht nur das Setting, sondern auch das Flair der 20er Jahre noch besser erleben zu können. Nichtsdestotrotz gelingt es der Autorin, mit ihrem leicht und flüssig zu lesenden, authentischen Schreibstil das Kopfkino anlaufen zu lassen.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen vor allem wichtige Nebenfiguren wie Otto, Lola und Felicitas, während Leni und John als Protagonisten zwar ebenfalls glänzen können, teils aber nicht nachvollziehbar handeln. Spannend, dass mit Max zudem ein Charakter prominent angelegt ist, der stark einer historischen Persönlichkeit, dem berühmten Max Warburg, nachempfunden ist.

Die Buchgestaltung überzeugt ebenfalls auf ganzer Linie. Lektorat und Korrektorat sind solide, der Buchsatz ist schlicht. Darüber hinaus ist das Buch mit Klappen und farbigen, aber eintönigen Coverinnenseiten versehen und der Umschlag auf dem Cover hochwertig geprägt. Auch das Covermotiv ist gelungen und wunderschön anzusehen – einziger Wermutstropfen hier ist der doch abrupte Bruch zwischen Titelbild und Buchrücken.

Mein Fazit? „Blankenese – zwei Familien: Licht und Schatten“ ist ein toller Einstieg in die Familiensaga, der vor allem mit einem Setting und guten Charakteren glänzen kann, aber auch leichte Schwächen in der Schwerpunktsetzung hat. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag empfohlenen Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Caroline Schmitt: „Liebewesen“

Vor kurzem habe ich das Debüt „Liebewesen“ von Caroline Schmitt gelesen. Das Buch ist 2023 im Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG veröffentlicht worden und dem Genre Liebesroman zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Lios Körper ist ihr Albtraum, daran ändert auch ihr Freund Max nichts. Als sie ungeplant schwanger wird, starrt sie nicht nur fassungslos auf den positiven Test, weil jemand wie sie doch gar nicht schwanger werden kann, sondern auch auf das Ende einer mühsam erarbeiteten Normalität. Sie ist unfähig, Max von der Schwangerschaft zu erzählen, und genauso unfähig, diese zu beenden. Während das Kind in Lios Bauch wächst, prasseln Erinnerungen auf sie ein: an ihre kalte Mutter, ihren hilflosen Vater und an all das andere, das sie für immer vergessen wollte. Zum ersten Mal stellt sie sich ihrer Vergangenheit – und riskiert damit, dass alles zusammenbricht.

„Liebewesen“ ist der Debütroman der Journalistin Caroline Schmitt – und was für einer. Dabei lässt er sich bereits nur schwerlich einem Genre zuordnen. Als Modernisierung fürs Liebesroman-Genre beworben, lässt er sich zwar unzweifelhaft dort einordnen, changiert aber auch zwischen Entwicklungs- und Schicksalsroman, ist Gegenwartsliteratur und ließe sich sogar im Bereich LGBTQIA+ einordnen – ein bunter Genremix also.

Die Handlung ist zentriert auf die Liebesgeschichte – bzw. die Beziehung – zwischen Max und Lio und wird aus der Ich-Perspektive von Lio erzählt, was es dem Leser ermöglicht, mit ihr im Speziellen mitzufiebern, zu weinen, zu lachen und zu leiden. Dabei verliert die Geschichte – trotz der schweren Themen – nie ihren Humor, der den Roman prägt und viel zum – sprachlichen – Erfolg des Debüts beiträgt. So unglaublich stark sie anfängt, baut sie allerdings auch leicht in der zweiten Hälfte ab – und gerade das Ende vermag hier nicht zu überzeugen.

Das Setting ist so austauschbar wie das Leben, belanglos – und daher gerade gut und realistisch. Eine chaotische WG, eine Wohnung mit Goethe-Gesamtausgabe – und ein Palettenbett in der gemeinsamen Wohnung. Caroline Schmitt führt den Leser in den banalen Alltag zwischen Bootstouren nach Frankreich und Jahrgangspartys im Garten der Mutter – schonungslos und ehrlich zeigt sie die Klischees von ihrer wahren Seite: weder romantisch verklärt, noch glamourös leuchtend.

Dies schlägt sich auch in den Figuren durch, die perfekt unperfekt sind – vom depressiven Radiomoderator bis hin zur – nicht näher definierten – asexuellen Biologin, die schwanger wird. Die Autorin schafft hier Figuren, die nachvollziehbar sind, die auch problemlos im Nachbarhaus leben könnten. Dabei ist ihr Schreibstil gut und flüssig lesbar, pointiert und prägnant – lediglich am Ende verlieren sich Autorin und Geschichte etwas.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist konservativ, aber fehlerfrei – auch wenn man auf die den späteren Kapiteln vorgestellten Erklärungen zu den einzelnen Schwangerschaftswochen hätte verzichten können. Der Buchumschlag ist einfach, die Coverrückseite überladen, das Buch unter dem Umschlag immerhin mit farbigen, allerdings eintönigen Coverinnenseiten versehen. Das Covermotiv ist experimentell und gewöhnungsbedürftig – schon ein Eyecatcher, allerdings ein fragwürdiger, fehlt mir doch jeder Sinn hinter dem Motiv.

Mein Fazit? „Liebewesen“ ist ein spannendes Debüt, das vor allem dank der pointierten Sprache, dem Humor und seiner schonungslosem Realismus punktet, aber auch kleinere Schwächen gerade am Ende hat. Für Leser von Gegenwartsliteratur bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Susanne Kristek: „Die nächste Depperte: Von einer, die auszog, um Autorin zu werden“

Vor kurzem habe ich „Die nächste Depperte: Von einer, die auszog, um Autorin zu werden“ von Susanne Kristek gelesen. Das Buch ist 2023 in der Gmeiner-Verlag GmbH erschienen und als humoristischer, autofiktionaler Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Das beschwerliche Leben einer Frau, die es sich in den Kopf gesetzt hat, Bestseller-Autorin zu werden und in ihrem Eifer vor keiner durchgeknallten Idee zurückschreckt. Sie bedrängt den Pfarrer für eine Besprechung im örtlichen Pfarrblatt, hält Lesungen vor Toten und lässt sich von Hera Lind in Hausschuhen coachen.

„Die nächste Depperte: Von einer, die auszog, um Autorin zu werden“ ist Gegenwartsliteratur, ist autofiktionaler Roman – und ein Buch über das Schreiben, den Literaturbetrieb generell, zumindest den in Österreich. Noch viel mehr ist es aber ein humoristischer Roman, der mit – mindestens – einem Augenzwinkern ironisch über sich selbst lachen kann – und auch dem Leser ein Lächeln ins Gesicht zaubert und ihn an eigene Erlebnisse auf Messen oder in der Buchbranche erinnert.

Die Handlung ist dabei relativ simpel – und vernachlässigbar. Susanne Kristeks Weg zum Buch lebt vor allen Dank seiner kleinen, eingestreuten Anekdoten übers Scheitern, übers Auf und Ab des Schreibens – über den Kampf mit und gegen den Text. Und beinhaltet auch die unumstößliche Wahrheit, dass Kinderbücher nicht einfach so geschrieben werden können, sondern schwieriger sind, als man denkt – außer vielleicht für den Gatten.

Das Setting ist – auch wenn es gerade nicht aufgesetzt, sondern sehr real ist – einer der Leuchtpfeiler des Romans und trägt im Wesentlichen zu dessen Humor bei. So entführt Susanne Kristek den Leser nach Österreich auf eine Tour durch Buchhandlungen, Fastenkuren und Friedhöfe bis in die heiligen Hallen von Hera Lind. Dabei ist der Schreibstil der Autorin locker und leicht lesbar und lässt das Kopfkino sofort anspringen, sodass die skurrilen Orte direkt vor dem inneren Auge entstehen.

Bei einem autofiktionalen Roman etwas über die Figuren zu sagen, verbietet sich eigentlich von selbst. Nichtsdestotrotz muss ich hier einmal festhalten, dass ich ein totaler Fan des Gatten – und auch der Tochter – bin (klingt nach einer unglaublich tollen Familie). Daher würde es mich unglaublich freuen, zu sehen (bzw. zu lesen), was der Gatte aus der doch tollen Kinderbuchidee macht.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist unauffällig, aber auch etwas uninspiriert. Der Buchumschlag ist mit Klappen und farbigen – leider etwas eintönigen – Coverinnenseiten versehen. Das Covermotiv ist interessant und bietet einige Bezüge zur Handlung, wird aber irritierenderweise als nichtssagender Ausschnitt auf dem Buchrücken wieder aufgegriffen. Auf der Coverrückseite werden zudem nicht ein, nicht zwei, drei oder vier, sondern ganze fünf Blurbs zusätzlich zur Buchbeschreibung abgedruckt, sodass diese gänzlich überladen ist – hier wäre weniger sicherlich mehr gewesen.

Mein Fazit? „Die nächste Depperte: Von einer, die auszog, um Autorin zu werden“ ist ein autofiktionaler Roman, der vor allem durch seinen tollen Humor punktet und nur kleinere Schwächen aufweist. Für Leser des Genres – und für jeden im Literaturbetrieb – bedenkenlos zu empfehlen.

Vom Tod in all seinen Facetten | Doppelte Buchpost

Wer meine anderen Profile verfolgt, hat bereits mitbekommen, dass in der letzten Zeit viele Bücher angekommen sind, die ich Euch hier noch nicht gezeigt habe, was ich – zusammen mit weiteren Rezensionen – in den nächsten Tagen nachholen möchte. Den Anfang machen heute „Tod in Siebenbürgen“ von Lioba Werrelmann (Eichborn Verlag) und „Der überaus durchschnittliche Thomas Schmidt und der Keksberg der Persephone“ von Nicole Reckzeh (Selfpublishing). Letzteres erreichte mich dabei über eine Rezensionsanfrage der Autorin – vielen Dank dafür; „Tod in Siebenbürgen“ kam eher unerwartet zu mir, ist doch die Bewerbung für die Leserunde damals erfolglos geblieben. Da ich allerdings bereits andere Bücher von Lioba – unter dem Pseudonym „Lilly Bernstein“ – gelesen habe, freue ich mich schon auf den Regionalkrimi, der mich nach Siebenbürgen entführt.

Welches SP-Buch habt Ihr zuletzt gelesen?

[Buchgedanken] Katharina Oswald: „Die Frauen vom Lindenhof – Ein Neuanfang für uns“ (Lindenhof 1)

Vor kurzem habe ich „Die Frauen vom Lindenhof – Ein Neuanfang für uns“ von Katharina Oswald gelesen. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich das Autorinnenduo Andrea Bottlinger und Claudia Hornung. Das Buch ist 2023 bei FISCHER Taschenbuch, S. Fischer Verlag GmbH erschienen und als Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Hohenlohe 1953: Nach dem Tod des Vaters kommen Marianne, ihre Mutter und ihre kleinen Schwestern kaum über die Runden. Die alte Schreinerei, einst Stolz der Familie, verfällt. Doch Marianne will sich dem Schicksal nicht ergeben. Zu sehr liebt sie den Duft der Werkstatt, die sanfte Wärme des Holzes unter ihren Fingern. Sie will wieder aufbauen, etwas ganz Neues wagen. Nur wer traut ihr das als Frau in diesen Zeiten zu? Marianne muss um ihren Traum kämpfen. Doch dann verliebt sie sich ausgerechnet in den traumatisierten Kriegsheimkehrer Alexandre…

„Die Frauen vom Lindenhof – Ein Neuanfang für uns“ ist eine Familiensaga, die – im ersten Band – den Zeitraum zwischen 1953 bis 1957 bzw. in Alexandres Fall den Zeitraum zwischen 1951 und 1957 abdeckt. Dabei konzentriert sich die Handlung im Wesentlichen auf die Geschicke der Familie Wagner um Marianne und Henni, streut aber auch dunkle Themen wie Kriegstraumata und toxische Beziehungen mit ein, wie man auch den der Geschichte nachgestellten Content Notes entnehmen kann.

Die Handlung ist durchaus spannend und abwechslungsreich, teils aber vorhersehbar. Gerade der Einstieg wird dem Leser hier jedoch leichtgemacht, werden doch trotz des Genres nur einige, wenige Handlungsstränge parallel angelegt, sodass relativ stringent erzählt werden kann und man sofort im Lesefluss ist. Ebenfalls positiv zu erwähnen ist das runde und gelungene Ende, das weder in einem großen Cliffhanger mündet, noch wesentliche Handlungsstränge unabgeschlossen lässt, lediglich fast zu klischeehaft happy ist.

Das Setting kann ebenfalls überzeugen. So entführt die Autorin den Leser nach Baden-Württemberg, in die Region Hohenlohe und nach Schwäbisch Hall, sowie nach Nürnberg – in ein Deutschland der 50er Jahre zwischen Wiederaufbau, Kriegsentschädigung und Besatzung. Dabei ist der Schreibstil der Autorin leicht und flüssig lesbar, authentisch und zeitgemäß und lässt so das Kopfkino sofort anlaufen.

Trotz der wenigen Handlungsstränge spielen im Verlauf des Buches doch immer mehr Charaktere eine wichtige Rolle, sodass diese, auch aufgrund der Kürze des Buches, nicht alle im Detail angelegt werden können. Ich hoffe daher, einigen in den Folgebänden erneut zu begegnen, nachdem diese konsequent weiterentwickelt wurden. Bislang überzeugten Henni, Ludwig und Ruth, während Marianne doch etwas blass verblieb bzw. nicht immer nachvollziehbar handelte.

Die Buchgestaltung ist sehr gut. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Buchumschlag ist auf Cover und Coverrückseite hochwertig geprägt sowie mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen. Das Covermotiv ist idyllisch und nett anzusehen, auf die abgebildete Person hätte man jedoch verzichten können, da sie die Gesamtkomposition doch etwas stört.

Mein Fazit? „Die Frauen vom Lindenhof – Ein Neuanfang für uns“ ist ein guter Beginn in die Familiensaga um die Familie Wagner, der vor allem durch sein tolles Setting brilliert, teils aber auch etwas vorhersehbar ist. für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Kacen Callender: „How do I tell them I love them?“

Vor kurzem habe ich „How do I tell them I love them“ von Kacen Callender gelesen. Das Buch ist 2022 im LYX Verlag in der Bastei Lübbe AG veröffentlicht worden, die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel „Lark and Kasim Start a Revolution“ bei Amulet Books, einem Imprint von Abrams, New York. Das Buch ist als Jugendbuch einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Anne-Sophie Ritscher verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Lark Winters größter Traum ist es, Autor*in zu werden. Aber dey erhält eine Agenturabsage nach der anderen. Zu jung, zu queer, zu emotional – niemand will die Relevanz der Geschichte für nichtbinäre Menschen wie Lark erkennen. Doch als plötzlich ein Tweet von Lark über unerwiderte Liebe viral geht, ist deren Traum zum Greifen nah. Endlich bekommt Lark die Aufmerksamkeit, die dey sich die ganze Zeit gewünscht hat. Einziges Problem: Lark hat den Tweet nie geschrieben! Er stammt eigentlich von Larks ehemals bestem Freund Kasim, der seit einem Jahr nicht mehr wirklich mit demm redet. Lark muss sich entscheiden: einen Traum leben, der auf einer Lüge basiert, oder herausfinden, was hinter Kasims Tweet steckt und was mit ihrer Freundschaft passiert ist …

Auch bei „How do I tell them I love them?“ fällt die Genrebestimmung nicht leicht. So liegt unzweifelhaft ein Jugendbuch/-Roman vor, es ließen sich aber – durchaus genretypisch – auch die Voraussetzungen eines Entwicklungsromans, eines Liebesromans oder eines LGBTQIA+-Romans bejahen. Kacen Callender steht in jedem Fall als Own Voice-Autorin zur Verfügung und besetzt spätestens seit ihrem letzten Romans mehrere der Themen prominent in den Medien.

Die Handlung ist geprägt von Gesprächen über Diskriminierung, Cybermobbing, LGBTQIA+-Thematiken und polyamouröse Beziehungen – hier werden wichtige Themen von der Autorin angerissen und glaubhaft diskutiert. Leider erschöpft sich die Handlung auch bereits darin und kommt so mehr oder weniger ohne Spannungskurve aus – die Integration der gesellschaftlich relevanten Themen in eine tragfähigere Handlung hätte diese durchaus noch präsenter werden lassen können.

Das Setting ist naturgemäß gelungen. Die Autorin entführt den Leser authentisch in die USA der Jetztzeit, in minorisierte Communities in dem Land, das nach Trump weiter von Polizeigewalt und tiefen Spaltungen geprägt ist. Dabei spielt die Corona-Pandemie in dem Roman ebenfalls eine tragende Rolle, auch wenn sie weder viel zur Handlung noch für die Atmosphäre des Settings beiträgt, mit Ausnahme der obligatorischen Maskenpflicht.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, bilden aber auch eine in sich geschlossene Bubble, die sie in Gänze von der, teils verhassten, weißen cis-Mehrheitsgesellschaft abgrenzt – hier hätte etwas Durchmischung, hätten etwas mehr durchlässige Grenzen nicht geschadet. So enttäuscht gerade Lark als Charakter und bleibt blass, während Jamal und Asha als wichtige Nebenfiguren hingegen glänzen können. Kacen Callenders Schreibstil ist dabei leicht und flüssig lesbar, teils aber zu belehrend.

Die Buchgestaltung ist gelungen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Einbau von Tweets ist wunderschön gelöst, die Handlung mit eingebauten Texten und Kommentaren durchbrochen und abgerundet. Der Buchumschlag ist auf dem Cover und dem Buchrücken hochwertig geprägt, das unter dem Umschlag befindliche Buch ebenfalls aufwendig gearbeitet und mit farbigen Coverinnenseiten versehen. Das Covermotiv passt gut zur Geschichte, lässt aber etwas Spannung, Akzente vermissen, die dafür sorgen, dass es direkt ins Auge springt und im Gedächtnis bleibt.

Mein Fazit? „How do I tell them I love them?“ ist ein Jugendbuch, das wichtige Themen anspricht und durch sein Setting brilliert, leider aber auch kleinere Schwächen in der Hauptfigur und bei der Handlung hat. Für Leser des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag empfohlenen Lesealter von 14 Jahren.

[Buchgedanken] Aiki Mira: „Neongrau: Game Over im Neurosubstrat“

Vor kurzem habe ich „Neongrau: Game Over im Neurosubstrat“ von Aiki Mira gelesen. Das Buch ist 2023 im Polarise Verlag, einem Imprint der dpunkt.verlag GmbH veröffentlicht worden und dem Genre Science-Fiction zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Hamburg im Jahr 2112: Die Stadt wird immer wieder von Starkregen geflutet, im Binnendelta hat sich ein Slum aus schwimmenden Containern gebildet und über allem thront das gigantische Stadion. Zum „Turnier der Legenden“ reisen Fans aus der ganzen Welt an, um die berühmten Glam-Gamer spielen zu sehen. Auch Go [Stuntboi] Kazumi begeistert sich für das VR-Gaming, fährt jedoch noch lieber Stunts auf dem Retro-Skateboard. Ein Sturz scheint das Aus für Gos Karriere zu bedeuten, doch dann wird Go ein Job im Stadion angeboten – bei den Rahmani-Geschwistern, den berühmtesten Gamern Deutschlands! Von da an überschlagen sich die Ereignisse und Gos Welt wird komplett auf den Kopf gestellt: ein Bombenanschlag, illegale Flasharenen, Tech-Aktivisten, Cyberdrogen, künstliche Intelligenzen – und dann ist da auch noch dieses Mädchen …

„Neongrau: Game Over im Neurosubstrat“ lässt sich bereits schwer einem Genre zuordnen. Vom Verlag beworben als Near-Future-Science-Fiction, als Entwicklungsroman, als LGBTQIA+-Roman, habe ich es der Einfachheit halber bei der Einordnung als Science-Fiction belassen – denn für „Near-Future“ sind mir die 90 Jahre doch etwas viel. Gute Argumente hätten sich aber auch für die Einstufung als progressive Phantastik gefunden – oder sogar für die Kategorisierung als (Polit-) Thriller oder Dystopie.

Die Handlung ist spannend und abwechslungsreich, teils aber auch etwas verworren und sehr komplex, fügen sich doch genug Handlungsstränge und Schauplätze für – mindestens – zwei Bücher mal mehr, mal weniger gut zusammen. So bleiben gerade die politischen Themen etwas flach, die verschiedenen Aktivisten- und Terrorgruppen blass, während der Handlungsstrang um Go, ELLL und die Rahmanis gut aufgearbeitet wird. Gerade der Einstieg fällt jedoch unglaublich schwer – selbst für gameaffine Leser ist der Wechsel zwischen Realität und VR, zwischen Gesprächen, Chats und übermittelten Gedanken anfangs viel und nicht immer leicht fassbar.

Das Setting begeistert hingegen auf ganzer Linie. Aiki Mira entführt den Leser in ein Hamburg der Zukunft, in eine Welt, die von global agierenden Unternehmen geprägt und dominiert wird. Und auch wenn man anfangs etwas braucht, sich zurechtzufinden, ist die Welt doch nach und nach immer faszinierender, spannender und – ja – auch dystopischer. Lediglich die Ingame-Umgebung und die Szenen im Neurosubstrat lassen sich bildlich für die Leser nur schwer fassen.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen vor allem Ren Kazumi, beide Rahmanis und ELLL, während Ben und Tayo sehr blass bleiben. Bei Go bin ich zwiegespalten. So sind die Zweifel, ihre Suche nach der geschlechtlichen Identität gut dargestellt, darüber hinaus handelt sie aber nicht zwingend nachvollziehbar. Aiki Miras Schreibstil ist im Wesentlichen gut und flüssig lesbar, sehr authentisch und technikaffin.

Die Buchgestaltung ist gelungen, Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist solide, aber relativ schlicht – hier hätte man den Gamecharakter oder die technologischen Features noch etwas besser darstellen können. Das Covermotiv zieht sich über den kompletten Buchumschlag, ist farblich ein Traum und verbirgt das ein oder andere typografische Easter Egg. Allerdings hätte hier durchaus noch mit Klappen oder farbigen Coverinnenseiten das Design etwas aufgepeppt werden können.

Mein Fazit? „Neongrau: Game Over im Neurosubstrat“ ist ein sehr ambitionierter, aber auch gelungener Science-Ficion Roman, der mit einem brillanten Setting punktet, aber fast zu viel Handlung für ein Buch bietet. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

Von blauem Blut und kuriosen Nasen | Doppelte Buchpost

Auch diese beiden Bücher erreichten mich vor kurzem als Rezensionsexemplare – vielen Dank dafür! „Das Lilienpalais – Ein Graf auf Abwegen“ von Hannah Conrad (Heyne Verlag) kam dabei über eine Leserunde auf Lovelybooks.de zu mir, „Geniale Nasen“ von Lena Anlauf & Vitali Konstantinov aus dem NordSüd Verlag direkt als Rezensionsangebot vom Verlag. Ich freue mich schon darauf, die Tierwelt genauer zu erkunden – und in den Skandalen der High Society abzutauchen. Größer könnten die Unterschiede zwischen den Büchern jedenfalls kaum sein! Das verspricht Spannung :).

Welches Buch hat Euch zuletzt gehörig überrascht?

[Buchgedanken] Sabine Weiß: „Blüte der Zeit“

Vor kurzem habe ich „Blüte der Zeit“ von Sabine Weiß gelesen, nach „Krone der Welt“ mein zweiter Roman der Autorin. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen und dem Genre historischer Roman zuzurechnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

1672. Weil Krieg droht, flieht der junge Landschaftsgärtner Max mit seiner Mutter und seinem Bruder aus den Niederlanden nach Brandenburg-Preußen. Dort setzt Kurfürst Friedrich Wilhelm nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges alles daran, sein Land wieder aufzubauen. Prachtvolle Schlösser und gewaltige Parkanlagen entstehen. Für Max, der die geheimen Bedürfnisse von Pflanzen und Menschen spüren kann und einen Sinn für die Schönheit der Gartengestaltung hat, bedeutet diese Landschaft Seelenbalsam und Zerstreuung. Doch es naht schon ein neuer Krieg, der ganz Europa in Mitleidenschaft ziehen wird und in den auch Max und die junge Heilkundige Elvina verwickelt werden …

„Blüte der Zeit“ ist der dritte historischer Roman der Autorin, der sich nach „Krone der Welt“ und „Gold und Ehre“ mit der niederländischen Geschichte befasst. Dabei deckt der Roman die Zeitspanne von 1667 bis 1689 ab und widmet sich nicht nur den Protagonisten Max, Paulus und Elvira, sondern bettet das Geschehen in die großen weltpolitischen Entwicklungen ein, die eine Hauptrolle im Roman spielen. Hierbei verschlägt es den Leser ungewohnt weit von den Niederlanden über Brandenburg, England und Frankreich bis nach Südafrika.

Die Handlung ist im Wesentlichen spannend, abwechslungsreich und mit überraschenden Wendungen versehen. Lediglich der Einstieg ins Buch fällt nicht ganz leicht, wird durch die Vielzahl an Handlungssträngen und Schauplätzen doch die Stringenz der Erzählung unterbrochen. Immerhin fördert jedoch die der Geschichte vorangestellte Dramatis Personae die Zuordnung der Personen und hilft, sich im Dschungel der vielen Handlungsstränge zurechtzufinden.

Das Setting besticht auf ganzer Linie. So entführt die Autorin den Leser nicht nur in die oben genannten Länder sondern auch in die schönsten Gärten und Schlösser, und lässt den Leser Flucht, Krieg, Vertreibung und die krassen Gegensätze zwischen den Ständen, zwischen Arm und Reich hautnah erleben. Gleichzeitig lernt man viel über Blumen, Pflanzenhandel und Gartengestaltung – Wissen, das an einem in der Regel bislang doch eher vorbeigegangen ist.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive – wenn auch einige Charaktere nicht zwingend plausibel weiterentwickelt werden. Brillieren können jedoch Elvira, Floris und Paulus, obwohl letzterer im Verlauf des Romans einen Großteil der Sympathien verspielt hat, die ich anfangs noch für ihn hegte. Der Schreibstil der Autorin ist dabei, trotz des historischen Settings, leicht und flüssig lesbar, durchaus authentisch und lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist gelungen. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist klassisch unaufgeregt. Der Buchumschlag ist auf dem Cover hochwertig geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, die toll gestaltet sind, aber etwas mehr Abwechslung hätten vertragen können, sind doch vordere und hintere Coverinnenseite gleich, obwohl es noch so viele weitere Gärten und Landkarten gegeben hätte, die man hätte abdrucken können. Das Cover selbst ist detailverliebt und klassisch für einen historischen Roman und zieht sich gut über den kompletten Buchumschlag, sodass ein tolles Gesamtbild entsteht.

Mein Fazit? „Blüte der Zeit“ ist ein gelungener historischer Roman, der vor allem durch sein tolles Setting und die intelligent eingebaute Handlung punkten kann, aber auch einen schweren Einstieg und kleinere Schwächen in der Figurenentwicklung besitzt. Für Liebhaber des Genres bedenkenlos zu empfehlen.

Von Gletschern und unendlichen Weiten

Auch diese beiden Bücher trudelten vor kurzem als Rezensionsexemplare bei mir ein. „Gletschergrab“, das Buch zum aktuellen Film, von Arnaldur Indridason (Lübbe Verlag) erreichte mich dabei über die Bloggerjury von Bastei Lübbe, während „Glorious Heritage – Das Vermächtnis der Erde“ von Florian Gräfe (Knaur Verlag) im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de zu mir kam – vielen Dank dafür. Ich bin schon ganz gespannt auf die Reisen nach Island und ins All.

Welche Buchverfilmung hat Euch zuletzt begeistert?