[Buchgedanken] Michael Wildenhain: „Das Ende vom Lied“

In der letzten Zeit habe ich auch „Das Ende vom Lied“ von Michael Wildenhain gelesen. Der Roman ist 2026 bei Klett-Cotta, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH erschienen und der Gegenwartsliteratur zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Mit 13 Jahren ist der Junge in diesem Alter: Das Leben hängt schief in den Angeln, der Alltag gerät zum Schwelbrand, die erste Liebe überwältigt ihn und lässt die Tage beben. 1969 steht die Zeit in Westberlin vielerorts noch still, und doch ändert sich für den Jungen alles. Weil der Vater eine neue Stelle antritt, muss auch der Sohn in die Belziger Straße ziehen, in eine Atmosphäre der Wut gegen die ganze Welt. Hier droht die von den Traumata des Krieges geprägte Familie – der versehrte Vater, die gezeichnete Mutter – zu zerfallen; dort lockt die Wirklichkeit der Straße, brutal und zärtlich, derb und schön, die den Jungen in eine Entscheidung von beträchtlicher Tragweite treibt. Was zählt: die Nähe zu Körschi, Bandenchef und bester Boxer der Belziger. Und Alina, die Angebetete, die Körschi als sein Eigentum betrachtet und von der der Junge dennoch nicht lassen kann. Manchmal, das erfährt er, musst du etwas riskieren, selten sogar das Leben.

„Das Ende vom Lied“ ist mein erstes Buch des hochdekorierten Autors Michael Wildenhain, der unter anderem bereits für den Deutschen Buchpreis und den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war – und dessen Können durchaus an der ein oder anderen Stelle im Roman auch durchblitzt. Dabei lässt sich das Buch gar nicht so einfach kategorisieren, ist es doch zugleich Coming of Age und Gesellschaftsporträt, das auf der schmalen Grenze zwischen Gegenwartsliteratur und historischem Roman balanciert, wobei ich das Buch schlussendlich der Gegenwartsliteratur zugesprochen habe.

Denn der Roman beschreibt die Geschichte des grundsätzlich namenlosen Erzählers (auch wenn die Indizien stark auf „Daniel“ hindeuten), der Ende der 1960er-Jahre im Alter von 12/13 in Westberlin aufwächst. Dabei hat die Handlung durchaus einige Längen und ist im ersten Teil relativ sprunghaft, sodass man anfangs den roten Faden vermisst, der sich erst spät einstellt – fast zu spät, um noch alle Handlungsstränge zufriedenstellend aufzulösen, sodass viele offene, ungeklärte Fragen verbleiben. Dennoch spricht der Roman, der zu großen Teilen aus der Ich-Perspektive des namenlosen Protagonisten erzählt wird, hier natürlich wichtige Themen an.

Das Setting hingegen brilliert auf ganzer Linie. So entführt der Autor die Leser:innen in die von der DDR umschlossene Stadt, in eine atmosphärisch dichte Zeit des Umbruchs hinein voller Straßenbanden, linker Revolutionäre und weltumspannender Ereignisse wie die Mondlandung. Hierbei gelingt es Michael Wildenhain die Zeit greifbar, spürbar zu machen, auch für Generationen, die die 60er selbst nicht aktiv miterlebt haben – auch wenn einige der beschriebenen Situationen aus heutiger Sicht nicht nur bizarr anmuten, sondern schlichtweg nicht mehr vorstellbar sind.

Die einzelnen Figuren bleiben dabei teils nicht greifbar, sind im Wesentlichen dennoch vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Gefühle. Hierbei überzeugen vor allem wichtige Nebencharaktere wie Alina in ihrer Ambivalenz und Beef, ein ungewohnt und versteckt starker Charakter. Michael Wildenhains Schreibstil überzeugt dabei vor allem in den poetischen Passagen, während die Schachtelsätze teils etwas drüber sind. Dennoch lässt sich das Buch größtenteils flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist noch ordentlich. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist fehlerfrei, hätte aber gerade die poetischen Passagen etwas schöner setzen können. Der Buchumschlag ist mit Klappen versehen und generell eher schlicht – genau wie das unter dem Umschlag befindliche Buch. Das Covermotiv vermag zwar die Atmosphäre zu transportieren, ist aber ebenfalls kein Eyecatcher und wird – genau wie die Coverrückseite – irritierend krass zum Buchrücken hin abgegrenzt.

Mein Fazit? „Das Ende vom Lied“ ist ein atmosphärisch starker Roman der Gegenwartsliteratur, der teils mit spannenden Figuren aufwartet, in der Handlung aber Längen und ein relativ offenes Ende besitzt. Für Leser:innen, die das Gefühl der 60er-Jahre nachspüren wollen, noch zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Fabian Lenk: „Im Zeichen der Kobra: Der Raub der Totenmaske“ (Im Zeichen der Kobra 1)

Frisch von der Leipziger Buchmesse habe ich heute noch eine Buchbesprechung für Euch. Denn in den letzten Tagen habe ich auch „Im Zeichen der Kobra: Der Raub der Totenmaske“ von Fabian Lenk gelesen. Das Buch ist 2026 in der Knesebeck GmbH & Co. Verlag KG erschienen und als illustriertes Jugendbuch einzuordnen, für die Illustrationen zeichnet dabei Thilo Krapp verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Ein spannender Sommer in Ägypten: Die Zwillinge Yana und Yamon (12) reisen mit ihrer Schwester Anouk, einer schlagfertigen Archäologiestudentin, und ihrem Onkel Professor Klawitter ins Tal der Könige. Dort entdecken sie eine bisher unentdeckte Grabkammer – und darin eine magische Formel, mit der sie sich in heilige Tiere verwandeln: Bastet die Katze, Horus den Falken und Anubis den Hund. Als sie beim Besuch im Ägyptischen Museum Zeugen eines Raubüberfalls werden, bei dem unter anderem Tutanchamuns Maske und eine Mumie entwendet werden, kommt es zu einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd. Und der Drahtzieher kennt das Geheimnis der magischen Formel! Wird es den drei Geschwistern gelingen, die historischen Schätze zurückzuholen?

„Im Zeichen der Kobra: Der Raub der Totenmaske“ ist der erste Band der gleichnamigen Buchreihe, die im Herbst 2026 mit „Im Zeichen der Kobra: Der Schatz im versunkenen Palast“ fortgesetzt wird – eine Vorschau dazu befindet sich bereits am Ende dieses Buches. Empfohlen wird das Buch – in etwa analog zum Alter der jüngeren Protagonist:innen – für Leser:innen ab 11 Jahren und balanciert daher auf der Grenze vom Kinder- zum Jugendbuch, wobei ich es eher als Jugendbuch sehen würde. Da hier mehrere Untergenres gemixt werden – Jugendfantasy, -Abenteuer, -Detektivroman – um nur einige zu nennen habe ich es bei der allgemeinen Kategorisierung als (illustriertes) Jugendbuch belassen.

Die Handlung ist hierbei kurzweilig, spannend und altersgerecht, spielen neben dem Kriminalfall doch auch leichte jugendtypische Probleme eine Rolle – etwas, das in den nächsten Bänden aber noch ausgebaut werden kann, um die Dynamik innerhalb der Geschwister noch zu verstärken. Auch erscheint die Handlung nicht immer logisch, die Ermittler“bande“ ist an Dilettantismus kaum zu überbieten. Unterstützt wird die Geschichte dabei von den gelegentlich eingestreuten und toll anzusehenden Illustrationen von Thilo Krapp.

Das Setting vermag naturgemäß zu überzeugen. So entführt der Autor uns ins Ägypten der Jetztzeit, nimmt uns mit auf eine Reise zu Ausgrabungen, nach Kairo und ins Museum. Dabei zeugt die große Sachkenntnis – nicht nur der ägyptischen Mythologie und Geschichte, sondern auch der aktuellen Verhältnisse vor Ort – von einem fundierten breiten Wissen oder einer alternativ exzellenten Recherche – ich bin mal gespannt, wie sich das über die Folgebände entwickelt, wenn dann auch andere Regionen der Welt von den Geschwistern bereist werden.

Die einzelnen Figuren sind teils noch etwas eindimensional, gerade im Bereich der Antagonisten, insgesamt bestehen hier noch Entwicklungspotentiale für die Folgebände. Am stärksten überzeugen hier bislang Yana, Anouk und Hugo, während Yamon für mich noch nicht so richtig greifbar wird. Fabian Lenks Schreibstil ist altersgerecht eher einfach gehalten und lässt sich daher leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist gelungen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Umschlag ist auf dem Cover hochwertig geprägt und mit farbigen, aber eintönigen Coverinnenseiten versehen. Das Covermotiv und die Coverrückseite werden zum Buchrücken hin krass unterbrochen, insgesamt sind diese aber sehr ansehnlich, das Covermotiv zwar genretypisch, dennoch durchaus ein Eyecatcher und durch die ungewöhnliche Prägung haptisch einfach traumhaft. Abzuwarten bleibt, ob mit den Folgebänden hier ein Wiedererkennungswert für die gesamte Reihe geschaffen werden kann.

Mein Fazit? „Im Zeichen der Kobra: Der Raub der Totenmaske“ ist ein gelungener Auftakt in die Jugendbuchreihe mit tollem Setting und kurzweiliger Handlung, aber auch noch mit leichten Nachholbedarfen bei einzelnen Charakteren. Für Leser:innen ab dem vom Verlag vorgeschlagenen Alter von 11 Jahren bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Yngra Wieland: „Die weiße Dame“ (Salome Liebeskind 1)

In den letzten Tagen habe ich auch „Die weiße Dame“ von Yngra Wieland gelesen. Das Buch ist 2026 in der Edition M, Amazon Media EU S.à r.l. (Amazon Publishing) erschienen und als Kriminalroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Psychotherapeutin Salome Liebeskind kommt sich vor wie eine Figur in einem Schachspiel: Da ist die schwierige Beziehung zu ihren Eltern in Israel, ihre verlorene Liebe – und jetzt auch noch ein Tötungsdelikt. Denn in Salomes Gemeinschaftspraxis wurde ihre Kollegin Eva brutal ermordet. War es eine Beziehungstat? War einer der Patienten der Täter? Der ermittelnde Hauptkommissar Julian Christ hält Salome für verdächtig, und sie beginnt selbst nachzuforschen. Dabei entdeckt sie, dass Eva keineswegs so korrekt war, wie es den Anschein machte. Als auch der Pfarrer und der Bürgermeister des Münchner Vorortes ermordet werden, zieht sich für Salome die Schlinge zu. Sie muss ihr ganzes psychologisches Können einsetzen, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Diese scheint so undurchdringlich wie die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele …

„Die weiße Dame“ ist der Auftaktband in die Buchreihe um die Psychotherapeutin Salome Liebeskind und mein erster Roman aus der Feder von Yngra Wieland, die ich bereits aus dem Burgenwelt Verlag kenne. Das Buch lässt sich dabei klar als Kriminalroman einordnen – was auch die Platzierung im Label „Edition M“ bereits andeutet, handelt es sich doch um das Verlagsimprint von Amazon Publishing für deutschsprachige Krimis und Thriller. Atypisch wird der Fall dabei parallel von den Protagonist:innen bearbeitet, eine wirkliche Zusammenarbeit findet eigentlich nicht statt.

Dabei ist die Handlung durchaus spannend und abwechslungsreich, wenn auch anfangs mit kleineren Längen versehen. Interessant ist hierbei die Mischung des Kriminalfalls mit psychologischen Ansätzen, ist Salome doch praktizierende Psychotherapeutin und versucht, hinter die Fassade der Menschen zu blicken – als Anhängerin Jungs, die ihre Katze nach dem bekannten Psychiater benannt hat. Vor allem das Ende vermag vorliegend zu überzeugen, kommt es doch – obwohl es ein Reihenauftakt ist – ohne Cliffhanger aus, sodass das Buch gut als Standalone zu lesen ist.

Das Setting ist gelungen, aber auch etwas austauschbar, entführt die Autorin doch die Leser:innen in einen Münchener Vorort – Stammtisch, Kirche und politisches Geklüngel inklusive. Abgesehen von den typisch bayrischen Gerichten in der Wirtschaft fehlt es jedoch etwas an Lokalkolorit – ein bisschen Dialekt hätte hier gerade bei den Stammtischgesprächen nicht geschadet und für ein noch runderes Leseerlebnis gesorgt. Auch hätte ich mich gefreut, noch tiefer in psychologische Thematiken einzusteigen.

Die einzelnen Figuren sind durchaus vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive – auch wenn aufgrund der Kürze des Buches durchaus in den Folgebänden die Komplexität der Charaktere noch ausgebaut werden kann. Bislang überzeugen vor allem wichtige Nebencharaktere wie Benno, Ciggy, aber auch Julian kann glänzen, während Salome nicht immer nachvollziehbar handelt. Yngra Wielands Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz sind zwar Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss aber nicht erheblich schmälern. Das Covermotiv wird teils zum Buchrücken hin unterbrochen, der sich dann aber zur Coverrückseite hin fortsetzt. Abgesehen davon ist das Covermotiv eher einfach gehalten, kein Eyecatcher und genreatypisch, zeigt aber durchaus Anklänge zur Handlung. Abzuwarten bleibt zudem, ob es gelingt, mit den Covern der Folgebände einen einheitlichen Gesamteindruck der Reihe mit Wiedererkennungswert zu erzeugen.

Mein Fazit? „Die weiße Dame“ ist ein gelungener Auftaktband, der durch die spannende und interessante Mischung aus Krimi und Psychologie brilliert, bei den Charakteren aber auch noch Luft nach oben für die Folgebände lässt. Für Leser:innen des Genres daher bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von 16 Jahren.