[Buchgedanken] Martin Schäuble: „Warum du schweigst“

In der letzten Zeit habe ich auch „Warum du schweigst“ von Martin Schäuble gelesen. Das Buch ist 2024 in der Fischer Sauerländer GmbH erschienen und als Jugendroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Lena liebt Fußball. Und den neuen Trainer Charly findet sie super: endlich einer, der was draufhat, endlich mal spannende Trainingseinheiten, endlich die Möglichkeit, sportlich etwas zu erreichen. Und er macht Lena zu seiner neuen Kapitänin! Aber er hält auch ihre Hand, als die Mannschaft in der Pizzeria ihren ersten Sieg feiert. Viel zu lange. Lena ist das unangenehm, aber sie traut sich nicht, die Hand wegzuziehen. Und vielleicht ist das ja auch alles ganz normal?

„Warum du schweigst“ ist mein erstes Buch von Martin Schäuble, der sich in seinen Werken schon mehrfach gesellschaftlich brisanten Themen gewidmet hat. Dabei ist der Roman klar als Jugendbuch einzuordnen, auch eine Einordnung als Schicksalsroman wäre möglich. Empfohlen wird das Buch für Leser:innen ab 14 Jahren, eine meines Erachtens zutreffende Einschätzung, da auch bestimmte Szenen ausgeblendet werden (sonst hätten auch die Content-Warnungen deutlich erhöht werden müssen).

Die Handlung ist eindringlich, bedrückend und wühlt auf – und sorgt gleichsam für Wut, Frust und Unverständnis über eine Welt, in der systematisch Jugendliche zu Betroffenen werden. Leider geht die Handlung im zweiten Teil für mich etwas schnell und endet zu früh, ich hätte mir hier noch eine gerechte juristische Aufarbeitung gewünscht – und gern auch einen stärkeren Fokus auf die Therapiesitzungen, die ebenfalls komplett ausgeblendet worden sind.

Das Setting bleibt dabei bewusst austauschbar, um zu verdeutlichen, dass das Phänomen allumfassend im Leistungssport (und in anderen gesellschaftlichen Bereichen) auftaucht, ist vage und vermittelt das Flair einer typisch deutschen Klein- bzw. mittelgroßen Stadt. Durch die Nutzung mehrerer Perspektiven erweitert Martin Schäuble den Themenkreis um weitere, jugendtypische Probleme, die aber vor dem Hintergrund von Lenas Erlebnissen nur eine absolute Nebenrolle spielen.

Als Figuren können hier neben Tim vor allem Finn und Noah glänzen, aber auch Fatima überzeugt auf ganzer Linie. Sich mit Lena zu identifizieren fällt anfangs leicht aber irgendwann schwer – vermutlich ist es als Nichtbetroffener schlichtweg schwierig nachzuvollziehen, weshalb sie nicht schon vorher agiert hat, obwohl sie das grenzüberschreitende Verhalten von Charly schon früh reflektiert und in seiner Intention erkannt hat – und sich erst viel zu spät irgendwelche Hilfe holt. Martin Schäubles Schreibstil ist dabei altersgerecht, leicht und flüssig zu lesen und lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss nicht erheblich schmälern, der Buchsatz ist solide, auch wenn man die Chatnachrichten innovativer hätte setzen können. Das Titelmotiv wird auf dem Buchrücken erneut aufgegriffen und passt gut zur Handlung, generell ist der Buchumschlag relativ eintönig und kein Eyecatcher, das Hardcover insgesamt sehr schlicht. Abgerundet wird die Geschichte (wichtig!) durch die dieses Mal vorangestellte Benennung von Hilfsangeboten für Betroffene.

Mein Fazit? „Warum du schweigst“ ist ein aufrüttelnder, berührender Roman über sexuellen Missbrauch im Leistungssport, der lediglich zum Ende hin leicht schwächelt, aber zu jeder Zeit betroffen macht. Für Leser:innen ab 14 Jahren zu empfehlen.

Von Wendepunkten im Großen wie im Kleinen | Doppelte Buchpost

Heute habe ich mal wieder zwei Neuzugänge für Euch, die mich vor kurzem über Lovelybooks.de erreichten – vielen Dank dafür. „Warum du schweigst“ von Martin Schäuble (FISCHER Sauerländer), das als Rezensionsexemplar im Rahmen einer Leserunde zu mir kam, thematisiert dabei als Jugendroman sexuellen Missbrauch im Breitensport, während „Amurru und der Zauber des Anfangs“ von Van Deus (B-B-One Publishing), das Prequel zu „The Triangular Files“, die Leser:innen mit einem prähistorischen Thriller zu den Anfängen der Menschheit zurückführt – dieses Buch stieß als Gewinn einer Buchverlosung zu mir. In beiden Romanen kommen die Protagonist:innen dabei an Wendepunkte, die nicht nur ihr Schicksal bestimmen, sondern – im Fall von Amurru – die Zukunft der Menschheit.

Welche Themen sollten in Jugendbüchern öfters behandelt werden?

[Buchgedanken] Mirjam Raymond: „Von Null auf Held oder Wer ist eigentlich Amin?“

Vor kurzem habe ich auch „Von Null auf Held oder Wer ist eigentlich Amin?“ von Mirjam Raymond gelesen. Das Buch ist 2025 in der Fischer Sauerländer GmbH erschienen und als illustriertes Jugendbuch einzuordnen, für die Illustrationen zeichnet Maja Bohn verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Der zwölfjährige Johnny hat eine große Klappe und steckt ständig in der Klemme. Als Amin, ein Junge aus seiner Klasse, plötzlich verschwindet, wittert Johnny seine Chance: Er will beweisen, dass er der würdige Anführer seiner Schulhofbande ist. Großspurig verspricht er, den Fall zu lösen. Doch dann findet er Amins Tagebuch und schnell wird klar, dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Amin lebt in einer Unterkunft für Geflüchtete. Und er schwebt in großer Gefahr. Johnny nimmt all seinen Mut zusammen und macht sich auf die Suche nach Amin. 

„Von Null auf Held oder Wer ist eigentlich Amin?“ ist der Debütroman von Mirjam Raymond, der unter anderem durch ein Stipendium der Akademie für Kindermedien gefördert wurde. Empfohlen wird der Roman für Leser:innen ab 10 Jahren, aufgrund des Alters des Protagonisten (12 Jahre) ist dies vermutlich gerade die Grenze. Generell balanciert der Roman auf dem schmalen Grat zwischen Kinder- und Jugendbuch, da ich ihn aber eher für Leser:innen ab 11, 12 Jahren empfehlen würde, habe ich ihn schlussendlich als Jugendbuch eingeordnet.

Die Handlung ist grundsätzlich altersgerecht und mischt dabei jugendtypische Probleme wie Freundschaft und familiäre und schulische Konflikte mit großen gesellschaftlichen Themen wie Migration und Ausländerfeindlichkeit. Dabei gelingt es Mirjam Raymond, die Themen jugendgerecht aufzuarbeiten. Zudem brilliert der Roman in dem abgedruckten Tagebuch von Amin, das nicht nur mit persischen Textpassagen aufwartet, sondern auch mit wundervollen Illustrationen von Maja Bohn, die die Handlung perfekt abrunden.

Das Setting ist gelungen. So entführt Mirjam Raymond die Leser:innen in eine süddeutsche Großstadt, nimmt sie mit auf eine Zugreise nach Düsseldorf und gedanklich in die Kriege und Krisen der Welt. Dabei erkundet man die Welt aus Sicht von Johnny, der im Roman als Ich-Erzähler fungiert und – etwas irritierend – teils die Leser direkt anspricht und in reißerischen Zeitungsschlagzeilen denkt.

Die Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Ava, Sympathieträgerin und heimlicher Star des Romans, und Niko, während Johnny, selbst für sein Alter, teils nicht nachvollziehbar handelt, immerhin zum Ende hin aber einige seiner Handlungen reflektiert. Mirjam Raymonds Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen, ist altersgerecht, teils sogar fast zu jugendlich.

Die Buchgestaltung glänzt auf ganzer Linie. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist wirklich überzeugend mit den eingestreuten Tagebucheinträgen und Illustrationen. Der Buchumschlag wartet mit schön gestalteten Coverinnenseiten auf, das Covermotiv und die Coverrückseite werden zum Buchrücken hin krass abgegrenzt. Insgesamt ist das Covermotiv durchaus gelungen und zeigt starke Ansätze zur Handlung, die Typographie des Covers überzeugt ebenfalls.

Mein Fazit? „Von Null auf Held oder Wer ist eigentlich Amin?“ ist ein gelungenes Debüt von Mirjam Raymond, das vor allem mit der tollen Gestaltung, den Illustrationen und einer altersgerechten Aufarbeitung des Themas Migration punktet, dabei aber auch kleinere Schwächen hat. Für Leser:innen ab etwa 11, 12 Jahren bedenkenlos zu empfehlen.