[Buchgedanken] Roddy Doyle: „Die Frauen hinter der Tür“ (Paula Spencer 3)

In den letzten Tagen habe ich auch „Die Frauen hinter der Tür“ von Roddy Doyle gelesen. Das Buch ist 2025 im GOYA Verlag in der JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH veröffentlicht worden, die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel „The Women Behind the Door“ bei Jonathan Cape, London. Das Buch ist als Gegenwartsliteratur einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Sabine Längsfeld verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Die 66-jährige Paula Spencer lebt endlich ihr eigenes Leben. Sie ist Mutter, Großmutter, Witwe, trockene Alkoholikerin und Überlebende. Sie hat einen Job bei der Reinigung, der ihr Spaß macht, einen Mann – Joe – mit dem sie ihre Gedanken teilen kann, Freundinnen, die sie so nehmen, wie sie ist, und vier erwachsenen Kinder, die ihre eigenen Familien haben. Sie hat sich den Geistern ihrer Vergangenheit widersetzt und blickt nach vorn. Bis alles durcheinandergebracht wird, als ihre älteste Tochter Nicola vor der Tür steht. Die unabhängige, wohlhabende und liebevolle Ehefrau und Mutter – Paulas Vorzeigetochter – ist auf einmal fest entschlossen, alles hinter sich zu lassen. In den kommenden Tagen vertraut Nicola ihrer Mutter nach und nach an, was diese Krise ausgelöst hat.

„Die Frauen hinter der Tür“ ist nach „Paddy Clarke Ha Ha Ha“ mein zweiter Roman des Booker-Prize-Gewinners Roddy Doyle. Zugleich ist es auch ein Sequel der anderen Romane um Paula Spencer – was weithin unerwähnt bleibt und nur durch Zufall bei der Recherche auftauchte, ist Paula doch bereits Protagonistin zweier Romane aus den 90er- und 2000er-Jahren und tauchte sogar erstmals in einer Fernsehserie auf. Dennoch lässt sich der Roman gut als Standalone lesen, die Kenntnis der anderen Bücher hätte aber vermutlich eine noch tiefere Verbindung zur Geschichte geschaffen. Das Buch lässt sich dabei relativ einfach einem Genre zuordnen, ist aus meiner Sicht klassische Gegenwartsliteratur und nicht – wie auf Verkaufsportalen teils angegeben – eine Familiensaga.

Die Handlung wird dabei aus personaler Sicht von Paula erzählt – und in den ersten zwei Dritteln geht sie auch relativ stringent voran, wenn auch mit größeren Zeitsprüngen gespickt. Dabei erzählt Roddy Doyle die familiären Geschehnisse eingebettet in die großen gesellschaftlichen Entwicklungen der frühen 20er Jahre, nimmt stark Bezug auf die Corona-Pandemie und – zuletzt – auch auf die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Zum Ende hin wird die Handlung jedoch etwas zähflüssig, durchbricht die Stringenz und sorgt für ein sehr antiklimaktisches Ende, das größtenteils auch schon vorweggenommen worden ist.

Das Setting kann dahingegen wieder überzeugen. So entführt der Autor die Leser:innen ins Irland der Jetztzeit, in eine Stadt, geprägt von der Pandemie, in einen Haushalt, geprägt von den vergangenen Gräueltaten. Durch die Aktualität gelingt es ihm dadurch, natürlich sofort auch bei den Leser:innen Erinnerungen und Erwartungen zu schaffen, sich mit Paula zu connecten und sofort eine Verbindung zu ihr aufzubauen. Gleichsam ist immer ein irischer Flair vorhanden, sodass der Handlungsort trotzdem prägend verbleibt.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Am stärksten kann hier Mary glänzen, aber durchaus auch Paula schafft es, zumindest phasenweise zu begeistern. Sonst ist der Personenkreis kammerspielartig stark begrenzt. Roddy Doyles Schreibstil lässt sich durchaus flüssig und gut lesen, lediglich mit den Dialogen und ihrer Darstellung werde ich auch weiterhin nicht warm.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist einfach, insbesondere die Chatnachrichten hätte man ggf. innovativer setzen können. Das Covermotiv ist eher simpel und kein Eyecatcher, farblich wird der Umschlag zur Coverrückseite krass unterbrochen und abgeändert. Insgesamt ist die Gestaltung eher eintönig, die Ausgabe generell sehr schlicht.

Mein Fazit? „Die Frauen hinter der Tür“ ist ein Roman der Gegenwartsliteratur, der mit seinem Setting und seiner Eindringlichkeit punktet, zum Ende hin aber auch etwas abbaut. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von 16 Jahren.

Eine Reise quer durch Europa | Lovelybooks-Buchpost

In den nächsten Tagen habe ich wieder einige Neuzugänge und Rezensionen für Euch. Den Anfang machen heute zwei Romane, die mich als Rezensionsexemplare im Rahmen von Leserunden auf Lovelybooks.de erreichten – vielen Dank dafür. Während „Heute alles und morgen vielleicht“ von Suza Summer (Kampenwand Verlag) die Leser:innen dabei in ein Chalet in den Schweizer Alpen entführt, reist man in „Die Frauen hinter der Tür“ von Roddy Dole (GOYA Verlag, JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH) erneut mit dem renommierten Booker Prize Gewinner nach Irland. Ich bin mal gespannt, welche Reise mich mehr begeistert.

In welches Land würdet Ihr – real oder literarisch – gern einmal reisen?

[Buchgedanken] Roddy Doyle: „Paddy Clarke Ha Ha Ha“

In der letzten Zeit habe ich auch „Paddy Clarke Ha Ha Ha“ von Roddy Doyle gelesen. Der Roman ist 2024 im GOYA Verlag in der Jumbo Neue Medien & Verlag GmbH erschienen, die Originalausgabe wurde unter gleichem Titel 1993 bei Secker & Warburg veröffentlicht. Der Roman ist der Gegenwartsliteratur zuzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Alexandra Rak verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Irland, 1968. Paddy Clarke ist zehn Jahre alt und tut das, was so ziemlich alle Zehnjährigen tun: Er langweilt sich in der Schule, zieht mit einen Freunden durch die Straßen, ärgert seinen kleinen Bruder und treibt Unfug. Er liebt den Geruch seiner Wärmflasche und am liebsten liest er mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke. Doch Paddys Welt beginnt sich zu verändern. Die Felder, auf denen er gestern noch herumgestreift ist, werden bebaut, Barrytown bekommt neue Straßen und vergrößert sich. Gleichzeitig wird Paddys Reich immer kleiner und die Stimmung zu Hause immer angespannter. Je mehr Paddy von der Welt mitbekommt, desto weniger versteht er.

„Paddy Clarke Ha Ha Ha“ ist der „neue“ Roman von Roddy Doyle – allerdings nur als neuübersetzte Version. Denn – wie oben bereits erwähnt – stammt die Originalausgabe bereits aus dem Jahr 1993 und wurde damals mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Im Kontext dessen ist der Roman als Gegenwartsliteratur einzuordnen – wenn er heute neu herauskäme, könnte man ihn fast als historischen Roman eingruppieren, schildert er doch die Realität der späten 1960er Jahre in Irland, eine Zeit, die 1993 allerdings noch fast präsent war und gerade eine Generation zurücklag.

Die Handlung ist dabei durchaus abwechslungsreich und spannend, allerdings auch antiklimaktisch und ohne erkennbaren roten Faden. So wird episodenhaft und nicht zwingend chronologisch aus der Sicht des zehnjährigen Paddy als Ich-Erzähler nicht mehr und nicht weniger als der Alltag der damaligen Zeit dargestellt, eine Zeit mit klaren Rollenbildern, die geprägt war von Gewalt – in den Familien, auf den Straßen, in den Schulen – und von klaren Hierarchien und einem einfachen, aber ehrlichen Leben.

Das Setting kann hier brillieren. So entführt Roddy Doyle die Leser:innen nach Barrytown, in einen fiktiven Vorort Dublins, in dem bereits andere Romane Doyles und deren filmische Adaptionen spielen. Dabei gelingt es dem Autor, ein beeindruckendes, eindringliches Porträt der damaligen Zeit und Gesellschaft zu erschaffen, mit all ihren Problemen aber auch dem ganz eigenen Charme und der – im Vergleich zur heutigen Moderne – doch Einfachheit der Lebensentwürfe und Tagesabläufe.

Die einzelnen Figuren sind dabei teils doch sehr schematisch dargestellt, werden sie doch aus der Sicht von Paddy beleuchtet – einem Zehnjährigen, der zwar teils älter erscheint, dennoch aber einen kindlichen Blick auf die Welt hat. Robby Doyles Schreibstil ist dabei sehr gewöhnungsbedürftig, insbesondere die Dialoge können mich nicht überzeugen – und auch der fehlende rote Faden sorgt für ein doch eher anstrengendes Leseabenteuer.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind doch einige Fehler durchgerutscht, die den Lesefluss aber nicht erheblich schmälern, der Buchsatz ist unauffällig – Sinnabschnitte hätten dem Buch jedoch gut getan. Das Covermotiv ist wirklich gelungen, ein Glossar irischer Begriffe und Ausdrücke wird der Geschichte vorangestellt. Leider wird das Cover zum Buchrücken krass unterbrochen, dieser und die Coverrückseite sind eher unauffällig und schlicht.

Mein Fazit? „Paddy Clarke Ha Ha Ha“ ist ein interessantes Porträt der irischen Gesellschaft aus Sicht eines Zehnjährigen, das mit seinem Setting brilliert, aber sehr ungewöhnlich und ohne roten Faden erzählt wird. Für Leser:innen des Genres und sprachlich eigenwilliger Texte durchaus zu empfehlen, ab einem Lesealter, das deutlich über dem der Protagonisten liegt.

Kinder an die Macht | Doppelte Buchpost

Vor kurzem erreichten mich auch diese beiden Bücher als Rezensionsexemplare im Rahmen von Leserunden auf Lovelybooks.de – vielen Dank dafür. „Die coolste Klasse des Planeten“ von Anja Janotta aus dem Gulliver Verlag (Beltz & Gelberg) ist dabei ein von Ulla Mersmeyer illustriertes, super lesbares Kinderbuch über eine Schulband, während „Paddy Clarke Ha Ha Ha“ von Roddy Doyle (Goya Verlag, JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH) die Geschichte des zehnjährigen Paddy im Irland der späten 60er Jahre erzählt. Zudem handelt es sich bei dem Roman um die von Alexandra Rak neu übersetzte Fassung des bereits 1993 erschienenen und mit dem Booker Prize ausgezeichneten Werkes. Bücher für und über Kinder – ich bin schon ganz gespannt auf die unterschiedlichen Ansätze.

Welches Kinderbuch hat Euch geprägt?

[Buchgedanken] Lucia Jay von Seldeneck: „Komm tanzen!“

Vor kurzem habe ich auch „Komm tanzen!“ von Lucia Jay von Seldeneck gelesen. Der Roman ist 2024 im GOYA Verlag in der JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH erschienen und als Gegenwartsliteratur einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Die langen Tische auf der Wiese, die Luft voller Flieder und der Wannsee in der Abendsonne. Alles ist perfekt. Cora und Robbie haben eingeladen, und alle sind gekommen: die Schwester Lotte und der alte WG-Freund Tom, die beste Freundin Marta und natürlich Bulle. Und Claire, die neu in Berlin ist. Doch als die Freunde hinausfahren, hinaus auf den nachtschwarzen Wannsee, kommt alles anders. Was da über sie hereinbricht, reißt ihnen allen den für so felsenfest gehaltenen Boden unter den Füßen weg. Es ist ein Atemstocken mitten in der Nacht. Nur um am Ende feststellen zu müssen: Ihre Katastrophe war nur der Nebenschauplatz.

„Komm tanzen!“ ist ein Roman, der sich nicht ganz leicht einem Genre zuordnen lässt. Es ist durch den abgeschotteten Schauplatz und den begrenzten Personenkreis eine Art Kammerspiel, ist ein Panorama eines Abends unter Freunden, der in einer Katastrophe endet. Auf Verkaufsportalen als Gesellschaftsroman, als Coming-of-Age eingeordnet, würde ich das Buch jedoch eher der Gegenwartsliteratur zuordnen, da es für mich den Bogen spannt zwischen den Personen hin zu wichtigen gesellschaftspolitischen Fragestellungen.

Die Handlung ist durchaus abwechslungsreich und spannend und wird aus der Ich-Perspektive von Charlotte erzählt, wodurch das Ende relativ abrupt – und dann letztendlich auch sehr offen gestaltet wird, was der Erzählung aber keinen Abbruch tut. Jedoch fehlt der Geschichte etwas die Stringenz, verliert sich die Protagonistin doch oft in Erinnerungen und Rückblenden und unterbricht somit die Erzählung des Abends. Auch wird das Ende teils durch den Prolog (hier als 0. Kapitel bezeichnet) vorweggenommen, was die Spannung etwas trübt – und insgesamt ist der Roman etwas vorhersehbar.

Das Setting ist gelungen. So entführt uns die Autorin an das Ufer des Berliner Wannsees in den Garten einer Villa, zu einer eskapistischen Party unter Freunden – und zuletzt auch auf den See hinauf. Der Roman, dessen Handlung im Wesentlichen nur eine Nacht andauert, spricht dabei auch Themen wie Klimawandel, Hochsensibilität, Freundschaft und Familienbande an, feiert das Leben und regt doch zum Nachdenken an.

Die einzelnen Figuren sind – aufgrund der Kürze des Romans – teils nur schematisch ausgestaltet, haben dennoch durchaus Stärken und Schwächen. Dabei überzeugt mich Claire am meisten, während auch Cora und Bulle glänzen können. Charlotte bleibt teils jedoch etwas blass, auch der Wandel am Ende ging mir etwas zu abrupt, etwas zu schnell. Lucia Jay von Seldenecks Schreibstil lässt sich hierbei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben unauffällig gearbeitet, der Buchumschlag ist simpel, aber immerhin werden Cover und Coverrückseite zum Buchrücken nicht unterbrochen, sondern nur leicht farblich abgeschwächt. Insgesamt ist aber auch das Covermotiv eher eintönig und kein Eyecatcher, stilisiert wird jedoch durchaus der Bezug zur Handlung durch den Verweis auf das Wasser deutlich sichtbar.

Mein Fazit? „Komm tanzen!“ ist ein durchaus atmosphärischer Roman der Gegenwartsliteratur, der mit seinem Setting und dem Eskapismus glänzt, aber auch leichte Schwächen in der Handlung hat. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

Von Berlin nach Schwaben | Lovelybooks-Buchpost

In“ den letzten Tagen erreichten mich auch diese beiden Bücher als Rezensionsexemplare im Rahmen von Leserunden auf Lovelybooks.de – vielen Dank dafür. Während „Komm tanzen!“ von Lucia Jay von Seldeneck (GOYA Verlag, JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH) den Leser dabei auf eine Party am und auf dem Berliner Wannsee entführt, nimmt Sarah Kempfle in „Mord im Rotstiftmilieu“ (Blanvalet Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH) den Leser mit ins Schwabenland zum zweiten Kriminalfall für das Ermittlerduo Bähr/Klein. Da ich in der Nähe des Wannsees aufgewachsen bin und seit vielen Jahren nicht allzu weit weg von dem schwäbischen Handlungsort in Sarah Kempfles Buch lebe, sind mir beide Umgebungen etwas vertraut. Ich bin daher mal gespannt, welche in mir die stärksten Heimatgefühle hervorruft.

In welcher Region sollte endlich mal wieder ein Roman spielen?

[Buchgedanken] Simon Bill: „Und Sie sind also der Künstler?“

Vor kurzem habe ich auch „Und Sie sind also der Künstler?“ von Simon Bill gelesen. Das Buch ist 2023 im GOYA Verlag, JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH erschienen, die Originalausgabe wurde 2016 zuletzt unter dem Titel „Artist in Residence“ bei Sort of Books, eine frühere Version unter dem Titel „Brains“ bei CABINET II veröffentlicht. Das Buch ist der Gegenwartsliteratur zuzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Friederike Moldenhauer verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Ganz schön frustrierend, wenn man sich von Vernissage zu Vernissage schleppt, selbst aber schon lange nichts mehr verkauft hat – immerhin sind die Drinks gratis. Auch sonst sieht die Situation für Simon Bills Antihelden nicht gerade rosig aus: Seine Freundin hat ihn sitzen lassen und der einzige Händler, der ihm Aufmerksamkeit schenkt, ist sein Drogendealer. Das soll sich jedoch ändern, als er an ein Arbeitsstipendium an einem neurologischen Institut kommt. Die rettende Idee: eine von Neurowissenschaften inspirierte Ausstellung! Es läuft nur leider nicht ganz so glatt, wie er sich das vorgestellt hat …

„Und Sie sind also der Künstler?“ ist ganz anders als erwartet – und lässt sich daher bereits nicht wirklich einem Genre zuordnen. Beworben als bissige Satire, fehlt mir hier sowohl der Biss als auch die Satire – am ehesten gleicht das Buch noch einer Mischung aus überzeichnetem Porträt der modernen Kunstwelt gemischt mit sachbuchhaften Ausführungen. Daher habe ich es dem Genre der Gegenwartsliteratur zugeordnet – mir gingen hier schlicht die Ideen aus.

Die Handlung ist im Grundsatz interessant, hat durch die teils echt umfangreichen, wissenschaftlichen Ausführungen aber durchaus auch Längen. Zudem fehlt fast gänzlich ein roter Faden, als Leser bekommt man nie das Gefühl, zu wissen, wo Simon Bill mit dem Buch hinmöchte, es ist viel mehr eine Momentaufnahme der Kunstszene als eine wirkliche Geschichte – schade, hier hätte man mit den Charakteren durchaus mehr machen können. Auch ist das Ende fast gänzlich offen und lässt mich als Leser durchaus unbefriedigt zurück.

Das Setting kann dahingegen im Wesentlichen überzeugen. So nimmt Simon Bill den Leser mit auf eine Reise durch die Kunstwelt – und in ein neurologisches Institut. Auch wenn die wissenschaftlichen Ausführungen – wie oben angegeben – teils zu umfangreich sind und daher den Fortgang und Lesefluss hemmen, ist die Mischung doch interessant und ermöglicht spannende Einblicke in das Zusammenwirken von Kunst und Neurowissenschaft.

Die einzelnen Figuren sind teils nur sehr schematisch angelegt, bestehen doch die Nebenfiguren für die Protagonisten fast nur aus ihren Erkrankungen – stärkere persönliche Einblicke fehlen hier leider. Am ehesten können noch Ben, Colin und Emily überzeugen, der namenlos bleibende Protagonist kann zu keiner Zeit eine richtige Verbindung zum Leser aufbauen – und das liegt nicht nur an dem exzessiven Alkohol- und Drogenkonsum. Simon Bills Schreibstil lässt sich dahingegen durchaus flüssig lesen, verbleibt aber alles in allem etwas emotionslos.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben ordentlich gearbeitet, die Handlung wird mit vereinzelten Abbildungen aufgelockert und unterstützt. Das Buch unter dem Umschlag ist schlicht, das Covermotiv etwas nichtssagend, zieht sich aber immerhin gut über den Buchrücken und die Coverrückseite, sodass ein einheitliches Gesamtbild mit tollem Farbverlauf entsteht.

Mein Fazit? „Und Sie sind also der Künstler?“ ist ein grundsätzlich interessantes Porträt der Londoner Kunstwelt gemischt mit neurowissenschaftlichen Ausführungen, dem jedoch leider der rote Faden und der versprochene bissige Humor fehlt. Daher nur bedingt zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Anne-Marie Garat: „Erinnerung und Lüge“

Vor kurzem habe ich auch „Erinnerung und Lüge“ von Anne-Marie Garat gelesen. Das Buch ist 2023 im GOYA Verlag, JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH veröffentlicht worden, die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel „La Source“ bei Actes Sud. Das Buch ist als Familiensaga einzuordnen, für die Übersetzung zeichnen Claudia Steinitz und Barbara Heber-Schärer verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Ein wundersames Herrenhaus im Herzen der Franche-Comté. Anfang der 1980er reist eine junge Wissenschaftlerin nach Ostfrankreich, vorgeblich für Studien. Mit dem Dorf Mauduit verbindet die Protagonistin auch eine verstörende Kindheitserinnerung. Eine Exkursion wird nie durchgeführt – aber die Protagonistin taucht auf anderem Wege tief in die Vergangenheit Mauduits ein, nämlich durch die Erzählungen der alten Lottie, die als letzte Bewohnerin eines verwunschenen Herrenhauses die Geschichte der Familie Ardenne hütet. Lottie gewährt der Protagonistin Kost und Logis, im Gegenzug muss die junge Frau ihrer Gastgeberin allabendlich am Kamin Gesellschaft leisten, während diese die Geschichte des Hauses und seiner Bewohner*innen erzählt. Die Wissenschaftlerin wird allmählich in den Bann des Ortes gezogen und zur Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte animiert. Wiederholt kehrt sie nach Mauduit zurück, um mit Lottie den Quellen der Geschichten auf den Grund zu gehen.

„Erinnerung und Lüge“ – selten fiel mir eine Rezension so schwer. So ist der Roman das zweite, ins Deutsche übersetzte Werk der vielfach prämierten und mittlerweile leider verstorbenen französischen Schriftstellerin Anne-Marie Garat. Dabei war der Roman bereits schwerlich einem Genre zuzuordnen, hat Aspekte historischer Romane oder auch der Gegenwartsliteratur. Aufgrund der starken Konzentration auf die Schicksale mehrerer Familien über diverse Generationen, habe ich mich jedoch für die Eingruppierung als Familiensaga entschieden.

Die Handlung ist grundsätzlich interessant und abwechslungsreich, allerdings relativ antiklimaktisch und teils unlogisch und durch abstruseste Zufälle gesteuert. Sie konzentriert sich auf die Geschicke mehrerer Familien, die miteinander verknüpft sind. Dabei werden die einzelnen Handlungsstränge kaum voneinander abgegrenzt, teils ist es sogar schwierig, die einzelne Perspektive zu erkennen, sodass es fast unmöglich ist, der Handlung sinnvoll zu folgen – auch durch die teils absurd langen Mammutsätze über mehr als 20 Zeilen, die das Lesevergnügen komplett wegbrechen lassen.

Das Setting kann im Gegensatz überzeugen. So entführt die Autorin den Leser ins kleinstädtische, ländliche Frankreich zur Zeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nimmt den Leser mit auf eine Reise bis nach Alaska auf den Spuren der frühen Goldgräber. Dabei werden die weltumstürzenden historischen Ereignisse im kleinen an Einzelschicksalen illustriert und greifbar gemacht.

Die Figuren zu beschreiben, ist kaum möglich, treten sie doch im Wesentlichen nur in Erzählungen auf – und haben teils nicht einmal Namen, so wie die Protagonistin des Buches. Insbesondere Anais wird hier unglaublich eindimensional dargestellt – und auch Lottie und die anderen Figuren zeichnen sich durch Egoismus und wenig Vielseitigkeit aus. Lediglich Nebenfiguren wie Marie-France und Abel vermögen hier zu überzeugen, gehören sie doch auch zu den wenigen, die direkt in Kontakt mit der Protagonistin treten. Anne-Marie Garats Schreibstil ist – wie oben bereits angedeutet – zwar poetisch und bildhaft, kommt durch die unnötig langen Sätze jedoch kaum in Geltung, ergießt sich in unzähligen Metaphern und Beschreibungen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind lediglich Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist solide – kann allerdings mangels Kapiteleinteilung auch kaum Struktur vermitteln. Der Buchumschlag ist relativ eintönig, das unter dem Umschlag befindliche Buch sehr einfach gestaltet – farbige Coverinnenseiten, Prägungen oder sonstige Veredelungen sucht man hier vergebens. Das Covermotiv ist durchaus ansehnlich, wenn auch beliebig, es wird jedoch zum Buchrücken hin radikal unterbrochen.

Mein Fazit? „Erinnerung und Lüge“ ist eine Familiensaga, die interessant beginnt, zum Ende hin aber abflacht und insgesamt durch überflüssig lange Sätze und fehlende Sinneinheiten jeden Lesefluss und jegliche Dynamik vermissen lässt. Eingeschränkt für Sprachliebhaber noch zu empfehlen.

Von Künstlern und Helden | Lovelybooks-Buchpost

Vor kurzem erreichten mich auch diese beiden Bücher über Lovelybooks.de – vielen Dank dafür! „Und Sie sind also der Künstler?“ von Simon Bill, übersetzt von Friederike Moldenhauer (Goya Verlag, Jumbo Neue Medien & Verlag GmbH) kam dabei als Rezensionsexemplar im Rahmen einer Leserunde zu mir, „So kommt das Gute in die Welt“ von Alexandra Stewart, illustriert von Jake Alexander (Midas Kinderbuch, Midas Verlag AG) als Gewinn einer Buchverlosung. Ein satirischer Roman über die Londoner Kunstwelt mit Ausflügen in die Neurowissenschaft – und ein illustriertes Kindersachbuch mit kleinen Geschichten über große Helden – definitiv ein abwechslungsreiches Programm :). Ich bin jedenfalls schon ganz gespannt!

Welchen Künstler mögt Ihr besonders?

Von neuen Wegen und alten Erinnerungen | Lovelybooks-Buchpost

Vor kurzem erreichten mich auch diese beiden Bücher über Lovelybooks.de – vielen Dank dafür. „Erinnerung und Lüge“ von Anne-Marie Garat (Goya Verlag, JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH) kam dabei als Rezensionsexemplar im Rahmen einer Leserunde zu mir, „Neue Wege der Lust“ von Alisha Schmidt (Selfpublishing, Books on Demand) als Gewinn einer Buchverlosung. Ein Sachbuch und Ratgeber, eine Familiensaga und Generationenroman: so unterschiedlich waren meine Neuzugänge wohl noch nie. Ich bin auf beide Bücher jedenfalls schon sehr gespannt!

Welches Buch ist zuletzt bei Euch eingezogen?