[Buchgedanken] Miřenka Čechová: „Tote Schwäne tanzen nicht“

Vor kurzem habe ich auch „Tote Schwäne tanzen nicht“ von Miřenka Čechová gelesen. Das Buch ist 2025 im Anthea Verlag veröffentlicht worden, die Originalausgabe erschien 2020 bei Nakladatelstvi Paseka s. r. o. unter dem Titel „Baletky“. Der Roman ist als Gegenwartsliteratur einzuordnen, für die Übersetzung aus dem Tschechischen zeichnet Julia Miesenböck verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Ballerinen haben zwei Gesichter. Eines, das für das Publikum bestimmt ist. Und das andere, das niemand zu Gesicht bekommen soll – mit einem verblassenden Lächeln, das sich hinter den Kulissen zu einer Grimasse verzieht, gezeichnet von Erschöpfung und Schmerz, keuchend nach Luft. Wenn man diese Gesichter filmen würde, könnte man meinen, es handelt sich um eine erschreckende Enzyklopädie des menschlichen Leidens. Wie in einem militärischen Ausbildungscamp werden sie darauf trainiert, vor dem Publikum zu strahlen – so auch die Erzählerin dieser Geschichte. Sie ist noch keine vierzehn Jahre alt und schon Expertin für Abführmittel und Erbrechen, um das Gewicht zu halten. Der Traum, eine Primaballerina zu werden, verwandelt sich zunehmend in einen Albtraum. In den düsteren Ecken des Prager Nachtlebens der späten 1990er-Jahre sucht sie Ablenkung und flüchtet sich in die verführerische Welt von Partys, Drogen und ersten sexuellen Erfahrungen.

„Tote Schwäne tanzen nicht“ ist ein lose auf privaten Erlebnissen und Tagebucheinträgen basierendes Porträt der tschechischen Ballettszene um die Jahrtausendwende von der Tänzerin und Choreografin Miřenka Čechová. Da das Buch nicht streng biografisch anmutet – und jegliche Information und Einordnung dazu fehlt, in welchen Punkten die Erinnerung verlassen und ausgeschmückt wurde, habe ich es als Roman der Gegenwartsliteratur zugeordnet – mit einem einordnenden Nachwort oder einer Klarstellung hätte man das Buch durchaus auch als biografisch/anekdotische Erzählung werten können.

So oder so beschreibt das Werk in losen Anekdoten und Tagebucheinträgen das Aufwachsen der jugendlichen Protagonistin in Prag, wo sie eine Ballettakademie besucht und fernab ihrer Familie in Internaten, Gastfamilien und später einer eigenen Wohnung lebt. Zwar stellt sich durch die fragmentarische Darstellung nie ein wirklicher roter Faden oder Lesefluss ein, insgesamt bleibt das Porträt der Jugend aber durchaus spannend, abwechslungsreich und aufregend, wenn auch sicherlich etwas einseitig und nicht verallgemeinernd.

Denn die Ballettausbildung wird – trotz der durchlebten Träume und kleinerer Erfolgsmomente – durchaus kritisch und schonungslos dargestellt – vom diktatorischen Zwang der Schulleitung bis hin zu sexuellen Übergriffen, dem dauerhaften Hungern und der totalen Selbstaufgabe, dem fehlenden Selbstbewusstsein, dem Abtauchen in die Drogen- und Nachtclubszene, in der ein Mindestalter von 18 Jahren auch nur eine Scheinvoraussetzung ist. Sicherlich ist dies kein Einzelschicksal – wie ja auch die angedeuteten „Karrieren“ der Mitschüler:innen andeuten. In dieser dargestellten Allgemeingültigkeit ist dies aber, zumindest über das tschechische Ballett hinaus gesehen, so sicherlich auch nicht richtig.

Das Buch lässt nämlich etwas die Freude am Tanz vermissen, die Erfolgserlebnisse, das Zusammenwirken eines unterstützenden Umfelds mit einer pädagogisch wertvollen, ganzheitlichen und nicht gesundheitsschädigenden . Ausbildung, die es sicherlich auch gibt und die – vermutlich – sich in den letzten Jahrzehnten auch stärker ausgebreitet hat – allen hier präsentierten Horrorszenarien zum Trotz sicherlich auch in den osteuropäischen Raum. Und so verbleibt das Buch – so informativ und spannend, so aufrüttelnd und ehrlich – ein Mahnmal, wie man es nicht machen sollte, wie man weder dem wundervollen Ballett noch der Jugend gerecht wird.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind einige Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss aber nicht erheblich schmälern, der Buchsatz ist ordentlich, wenn man auch die Tagebucheinträge noch etwas mutiger hätte setzen können. Das Buch ist mit farbigen Coverinnenseiten und einer weiteren Illustration versehen, das Covermotiv setzt sich auf Buchrücken und Coverrückseite fort und sorgt für ein einheitliches Gesamtbild. Insgesamt ist der Buchumschlag aber eher eintönig und kein Eyecatcher, das Covermotiv sehr verwachsen und die Coverrückseite etwas textlastig und überfrachtet. Zuletzt merkt man der Übersetzung auch die Herkunft der Übersetzerin aus Österreich an, finden sich im Text doch vereinzelt dialektspezifische Begriffe wieder.

Mein Fazit? „Tote Schwäne tanzen nicht“ ist ein unzweifelhaft interessantes Porträt des Aufwachsens in der Ballettszene, das in Teilen aber überzeichnet erscheint und sehr einseitig die Schattenseiten herausstellt. Für Liebhaber des Tanzes – und für Leser:innen ab 16 Jahren dennoch bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Ava Reed: „Ashes and Souls – Schwingen aus Rauch und Gold“ (Ashes 1)

In den letzten Tagen habe ich den ersten Band der „Ashes and Souls“-Dilogie von Ava Reed gelesen. „Ashes and Souls – Schwingen aus Rauch und Gold“ erschien 2019 als Hardcover in der Loewe Verlag GmbH und ist dem Genre Young-Adult Romantasy zuzuordnen.

51IniBPiJsL._SX351_BO1204203200_Eine Liebe zwischen Tod und Unsterblichkeit

Prag wird die goldene Stadt genannt, doch Mila sieht dort unendlich viel grau. Denn sie hat eine besondere Fähigkeit: Sie kann den Tod vorhersehen. Menschen, die bald sterben werden, verlieren in Milas Augen jegliche Farbe. Verzweifelt versucht sie, diesen Fluch loszuwerden, und gerät dabei in den Kampf zwischen Licht und Dunkelheit. Schnell findet sie heraus, dass Himmel und Hölle ganz anders sind, als sie es sich vorgestellt hat. Für welche Seite wird Mila sich entscheiden?

„Ashes and Souls – Schwingen aus Rauch und Gold“ ist ein beeindruckender Auftakt in eine phänomenale Dilogie, angesiedelt an der Grenze vom fantastischen Jugendbuch hin zu Young-Adult Romantasy, wobei die doch präsente Liebesgeschichte für mich den Ausschlag zu letzterer Genrezuordnung gab. Erzählt in mehreren personalen Erzählperspektiven und vor dem Hintergrund eines fabelhaften Settings in der Stadt Prag schafft die Autorin ein bildgewaltiges Werk, das nicht nur Schwarz und Weiß, sondern auch Grau in allen Schattierungen kennt.

Hierbei punktet das Buch vor allem auch dank seinen Charakteren. Dabei überzeugen nicht nur die Hauptprotagonisten, sondern auch die Nebencharaktere, sind vielschichtig und dreidimensional angelegt, haben Stärken, Schwächen, eigene Ziele und Motive. Neben Mila bin ich besonders von Reia und Zech – und natürlich von Mim und Pan angetan (ich meine, wer liebt sie nicht?!).

Der Spannungsbogen wird die ganze Zeit gehalten, auch wenn die Handlung teils vorhersehbar ist. Zwar endet das Buch in einem Cliffhanger, dieser ist aber erstaunlich moderat. Insgesamt sorgt er jedoch dafür, dass man Teil 1 keinesfalls als Standalone lesen kann – was man aber nach der wirklich tollen Lektüre auch nicht möchte.

Der Schreibstil der Autorin lässt sich leicht und flüssig lesen – und ist bildhaft, sodass das Kopfkino sofort anspringt. Trotz der personalen Erzählperspektive gelingt es Ava zudem, zwischen dem Leser und den Protagonisten, insbesondere zu Mila, ein Band aufzubauen, man leidet, lacht und weint mit ihr, sodass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Die Buchgestaltung ist ebenfalls überragend, Lektorat, Satz und Korrektorat haben sauber gearbeitet. Beim Cover hat sich Covergott Alexander Kopainski mal wieder selbst übetroffen und ein wunderschönes Titelbild gezaubert, das zudem hochwertig geprägt ist. Lediglich unter dem Schutzumschlag kommt das Buch etwas eintönig daher.

Mein Fazit? „Ashes and Souls – Schwingen aus Rauch und Gold“ ist ein wundervoller Reihenauftakt, der vor allem dank seiner tollen Charaktere und eines wunderschönen Settings punkten kann und viele Fragen für den Folgeband offenlässt. Für Genreleser bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag empfohlenen Alter von 14 Jahren. Wenn der Folgeband, der bereits auf meinem SuB liegt, das Niveau halten kann, ist der Dilogie die Aufnahme in meine Jahreshighlights wohl nicht zu nehmen.