[FBM2023] Tag 1 – Ein Einstand nach Maß

Gestern begann endlich die Frankfurter Buchmesse und öffnete ihre Tore für das Fachpublikum – ein Tag für mich mit Petra Schier, Tonio Schachinger, Dmitry Glukhovsky, Claudia Roth, Deniz Yücel, Michail Schischkin, Prof. Dr. Irina Scherbakowa, Elke Heidenreich, Friedhelm Schneidewind, und Arabella Meran – also sehr kulturlastig, was sich spätestens ab Freitagmittag mit Beginn des Publikumsgeschäft ändern wird. Aber jetzt mal chronologisch :).

Nach eine kurzen Meet & Greet mit Petra Schier – toll, dass es bereits am ersten Messetag geklappt hat – und drei signierten Büchern, ging es für mich zur klassischen Auftaktveranstaltung: der Vorstellung des Gewinners des Deutschen Buchpreises auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat. Prämiert wurde in diesem Jahr Tonio Schachinger für seinen Roman „Echtzeitalter“, ein Gesellschafts- und Internatsroman mit Bezügen zur Gamingszene – das klingt erfrischend anders und spannend. Erschienen ist das Buch des österreichischen Autors bei Rowohlt, das Gespräch mit ihm führte Cécile Schortmann.

Im Anschluss besuchte ich eine Diskussion zur Zukunft und zu den Entwicklungen in Russland. Moderiert von Deniz Yücel, der vor der Antwortlänge und -fülle des Panels kapitulierte und sein Programm verwarf, diskutierten Claudia Roth, und die Exilschriftsteller Dmitry Glukhovsky und Michail Schischkin sowie die Memorial-Mitgründerin Prof. Dr. Irina Scherbakowa. Ein hochspannendes Thema mit tollen Redebeiträgen, mangels konsequenter Moderation allerdings auch ausufernd und wenig zielführend.

Den Vormittag beendete ich dann mit einer literarischen Legende – erneut auf der Literaturbühne. Elke Heidenreich stellte im Gespräch mit Katty Salié ihr neues Kinder- und Erwachsenenbuch „Frau Dr. Moormann & ich“ (Hanser) vor. Gewohnt humorvoll erzählte sie aus ihrem Leben und las auch eine kurze Passage – viel zu schnell waren die etwas weniger als 20 Minuten vorbei – ich hätte hier auch deutlich länger zuhören können. Danach schlenderte ich etwas durch die Hallen 3.0 und 3.1 und sah mir die (noch) weitgehend von Besuchern freien Stände von LYX und der Bücherbüchse an, die ab Freitag nicht mehr betreten werden können.

Mein Nachmittag begann mit einer Vorstellung vom „Quiz der Ringe“, einem Quizspiel um die Bücher „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ aus der arsEdition GmbH. Moderiert von Friedhelm Schneidewind, Autor des Quizzes und Tolkien-Experte, wurden im Anschluss einige Fragen des Quizzes auch vor Ort noch gespielt – was bei mir erschreckende Wissenslücken in den Details ans Licht brachte. Hier muss ich wohl noch zwingend nacharbeiten – erstaunlich, wie gut informiert teils die anderen Besucher waren.

Ebenfalls am Nachmittag besuchte ich noch eine Lesung von Arabella Meran, die für Amazon Publishing und den Verlag Tinte & Feder ihren zweiten Roman „Im Takt ihrer Träume“ vorstellte, ein historischer Roman über eine Frau, die als Dirigentin an die Wiener Staatsoper möchte – und sich dafür als Mann ausgeben muss. Gerade das Setting begeisterte mich hier bereits seitdem ich vor einiger Zeit das erste Mal von dem Buch gehört habe – ich meine, die Opernwelt im Wien der 20er Jahre: Was will man mehr? Vielen Dank auch an den Verlag und die Autorin für das im Anschluss bereitgestellte und signierte Leseexemplar !

Am Abend ließ ich den Tag dann gemütlich auf der Standparty des Gemeinschaftsstandes der Thüringer Verlag und Start-Ups ausklingen. Mit toller Livemusik, thüringischen Snacks und Getränken verbrachte ich eine schöne Stunde, bevor der Messegong mich zurück ins Pressezentrum hetzen ließ (ich hatte die Schließzeiten vergessen :D). Nichtsdestotrotz ein toller Abschluss des Tages – und insgesamt ein Auftakt nach Maß. Auch heute steht wieder ein eher ruhiger Tag an – unter anderem mit Oliver Masucci und Christian Handel – ich werde natürlich berichten! Bis dahin: allen viel Spaß auf der Messe!

[Buchgedanken] Wilfried N’Sondé: „Frau des Himmels und der Stürme“

Vor kurzem habe ich auch „Frau des Himmels und der Stürme“ von Wilfried N’Sondé gelesen. Das Buch ist in der deutschen Erstausgabe 2023 im Kopf & Kragen Literaturverlag erschienen, die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel „Femme du ciel et des tempêtes“ bei Actes Sud. Der Roman ist als Gegenwartsliteratur einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Brigitte Große verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Der Schamane Num vom Nomadenvolk der Nenzen entdeckt im aufgetauten Permafrostboden Russlands das über 10.000 Jahre alte, prunkvolle Grab einer Schwarzen Frau. War sie eine Königin? Unser aller Urmutter? Haben die sibirischen Völker der Jamal-Halbinsel womöglich Vorfahren aus Afrika? Zur gleichen Zeit werden in derselben Gegend riesige Erdgasvorkommen gefunden, deren Ausbeutung das empfindliche ökologische Gleichgewicht der arktischen Tundra zu zerstören droht. Der Schamane sucht, bestärkt durch das meditative Zwiegespräch mit der Afrikanerin der Arktis, Unterstützung bei einem befreundeten französischen Wissenschaftler, der schleunigst ein Forschungsteam zusammenstellt. Gemeinsam mit einer deutsch-japanischen Rechtsmedizinerin und einem Anthropologen mit kongolesischen Wurzeln bricht er zu einer geheimen Expedition auf die Jamal-Halbinsel auf. Der sensationelle Grabfund könnte die Ausbeutung der Erdgasvorkommen stoppen und die Natur vor der Zerstörung bewahren. Doch das Expeditionsteam hat es mit mächtigen und skrupellosen Gegnern zu tun: der russischen Mafia samt ihren Handlangern und Speichelleckern.

Puh, was war das? „Frau des Himmels und der Stürme“ wird als hochspannender und vielschichtiger Umweltthriller, als modernes Märchen mit brennender Aktualität angepriesen. Nach der Lektüre kann ich persönlich hier weder einen wirklichen Thriller, noch ein Märchen finden, die Anklänge daran sind jeweils viel zu schwach ausgeprägt, sodass ich es trotz der paranormalen Elemente in Ermangelung einer richtigen Genrezugehörigkeit als Gegenwartsliteratur klassifiziert habe.

Die Handlung kommt hierbei überaus langsam in Schuss. Während in der ersten Hälfte sehr wenig geschieht, überschlagen sich zum Ende hin die Ereignisse, ohne allerdings einen richtigen roten Faden erkennen zu lassen, kleinere Logikfehler und ein diffuses Ende inklusive. Dabei werden Dialoge teils gerafft nacherzählt und dem Leser jegliche Emotionen vorweggenommen – „Show don’t tell“ ist hier gänzlich ignoriert worden -, sodass es mir schwer fiel, irgendeine Bindung zur Handlung aufzubauen.

Dahingegen kann zumindest das Setting hier glänzen. So entführt der Autor den Leser auf die Jamal-Halbinsel ins Gebiet der nomadischen Nenzen; in den Permafrost der russischen Arktis – vor dem Hintergrund der aktuellen Probleme des auftauenden Permafrosts und des Naturschutzes eine wirklich wichtige Reise. Zwar irritiert die wirtschaftlich-expansive, sonst aber normale Darstellung Russlands in der heutigen Zeit, da das Buch aber bereits vor Beginn des russischen Angriffskrieges verfasst worden ist, erklärt sich dies – die verspätete Veröffentlichung der deutschen Übersetzung kann hier zumindest nicht zum Nachteil des Autors gewertet werden.

Der Kreis der handelnden Figuren ist beschränkt – passend auch zur Kürze des Romans. Hierbei kann Mischa noch am stärksten punkten, während Laurent wankelmütig und schwach wirkt und auch Silvère nicht so recht überzeugen kann sowie Sergej als Antagonist sehr eindimensional wirkt. Wifried N’Sondés Schreibstil lässt sich dabei zwar durchaus flüssig lesen, ergießt sich aber in verschachtelten Mammutsätzen und Beschreibungen, die jegliches Tempo vermissen lassen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben – mit Ausnahme der Logikfehler – solide gearbeitet, auch wenn ich hier eine auch bezifferte Kapiteleinteilung sinniger gefunden hätte. Der Buchdeckel ist auf dem Cover und Buchrücken hochwertig geprägt und mit farbigen bzw. schwarzen Coverinnenseiten versehen. Das Titelmotiv zieht sich über den Buchrücken und die Coverrückseite, sodass ein tolles Gesamtbild entsteht, ist aber insgesamt etwas zu experimentell – auch in der Farbgebung.

Mein Fazit? „Frau des Himmels und der Stürme“ ist ein nur in Teilen überzeugender Roman der Gegenwartsliteratur, der mit seinem Setting glänzt, sich aber in der Handlung und einem ausufernden Schreibstil verliert. Für thematisch interessierte Leser noch zu empfehlen – sofern man mit dem Schreibstil klarkommt.