In der letzten Zeit habe ich auch „Das perfekte Grau“ von Salih Jamal gelesen. Der Roman ist der Gegenwartsliteratur zuzuordnen und in der mir vorliegenden Ausgabe 2024 im btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen, zuvor wurde das Buch bereits 2021 unter gleichem Titel im Septime Verlag veröffentlicht. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Eine junge Frau, eine ältere Dame, ein afrikanischer Flüchtling und ein Tagedieb treffen in einem heruntergekommenen Hotel an der Ostsee aufeinander. Sie sind wie das Hotel renovierungsbedürftig und versuchen ihre Risse zu kaschieren. Und alle sind sie auf die eine oder andere Weise auf der Flucht, vor den inneren Dämonen oder der Polizei. Als sie sich tatsächlich gemeinsam auf eine Reise ins Ungewisse begeben, offenbaren sich ihre Geheimnisse. Aus dem gegenseitigen Mitgefühl entsteht Fürsorge und letztendlich Freundschaft.
„Das perfekte Grau“ stand 2021 auf der Hotlist der besten Neuerscheinungen der unabhängigen Verlage. Dabei lässt sich der Roman eher schwierig einem Genre zuordnen, ist er doch – wie auch auf dem (neuen) Cover beworben – ein literarisches Road Movie. Gleichermaßen ist er irgendwie aber auch, trotz des fortgeschrittenen Alters, Coming of Age, ist Entwicklungs- und Schicksalsroman. Zusammenfassend würde ich das Buch daher der Gegenwartsliteratur zuschlagen, eine Eingruppierung, die sich auch auf Verkaufsportalen finden lässt.
Die Handlung ist durchaus spannend und komplex, verknüpft der Roman doch vier verschiedene, schwierige Schicksale miteinander. Allerdings kommt der Roman hier nur sehr langsam ins Rollen, ein leicht späterer Start hätte hier sicherlich gut getan. Und auch das Ende vermag nicht zu überzeugen, endet der Roman doch völlig offen und schließt keine Handlungsstränge ab, sieht man mal – mit Wohlwollen – von Mimis ab. Erzählt wird der Roman aus der Ich-Perspektive von Dante, was durchaus gelungen ist – auch wenn ich mir manchmal gewünscht hätte, auch in Novelles Kopf schauen zu können, um eine noch innigere Bindung zur stärksten Figur des Romans herstellen zu können.
Das Setting überzeugt im Wesentlichen. So nimmt der Autor die Leser:innen mit auf einen Roadtrip von der Küste bis hin nach Österreich, über Erdbeerfelder, durch Seen und Sümpfe – mit Zwischen- und Endstopps in Berlin und Altötting. Und auch wenn es Salih Jamal hier gelingt, durchaus wichtige gesellschaftliche Themen anzusprechen – egal ob Flucht, Arbeitsausbeutung in der Saisonarbeit oder die Verdrängung kleinerer landwirtschaftlicher Betriebe -, fehlt es schlussendlich jedoch an einem moralischen Kompass, an einem Korrektiv, zieht das Protagonist:innenquartett doch einem Verbrechersyndikat ähnlich durch die Lande, nur um Straftat nach Straftat zu begehen – die allesamt ungesühnt bleiben.
Die einzelnen Figuren sind dabei im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive, sind sie alle doch mit einer Hintergrundgeschichte versehen, die jeweils so problematisch ist, dass dies den Roman sogar – bei dessen Kürze – überfrachtet. Am stärksten begeistert hier noch Novelle. Salih Jamals Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und – nach kurzen Startschwierigkeiten am Anfang – das Kopfkino dann auch anlaufen.
Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind durchaus Kleinigkeiten durchgerutscht, die das Lesevergnügen aber nicht erheblich schmälern, der Buchsatz ist einfach aber fehlerfrei – auch wenn man auf die Kapitelüberschriften hätte verzichten können, die meistens aber spoilerfrei bleiben. Das Covermotiv ist unauffällig und beliebig und wird leider zum Buchrücken hin unterbrochen, der ganze Buchumschlag ist hierbei kein Eyecatcher, allerdings dennoch eine Verbesserung zum Cover der Erstveröffentlichung.
Mein Fazit? „Das perfekte Grau“ ist ein durchaus spannendes, literarisches Roadmovie, das leider jedoch viel zu offen endet und dem etwas die moralische Einordnung fehlt. Für Leser:innen des Genres, die offene Enden tolerieren, dennoch zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.