Bevor ich in den nächsten Tagen wieder einige Rezensionen für Euch habe, möchte ich Euch heute noch zwei Neuzugänge präsentieren, die mich in den letzten Tagen über Lovelybooks.de erreicht haben. „Aus Angst“ von Jörg Kirchner kam dabei als Gewinn einer Buchverlosung zu mir, „Cyberdorf“, der erste Band der Reihe „Neugeburt 2.0.“, von Bernd Hünermann als Rezensionsexemplar im Rahmen einer Leserunde – vielen Dank dafür! Beide Werke sind dabei im Selfpublishing erschienen und thematisieren hochaktuelle Entwicklungen, handeln sie doch von Wirtschaftskriminalität und als Near-Future Science Fiction von KI und einem dritten Weltkrieg im Cyberspace. Ich bin auf beide Bücher schon sehr gespannt und freue mich darauf, unbekannte, neue literarische Stimmen für mich zu entdecken.
Lest Ihr öfters Romane, die im Selfpublishing veröffentlicht worden sind?
Vor kurzem habe ich auch „Traxl und der tote Lebemann“ von Wolfgang Oppler gelesen. Das Buch ist 2024 im Volk Verlag erschienen und als Regionalkrimi einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.
Kriminalhauptkommissarin Pia Traxl ist eine Marke für sich: eigensinnig, selbstbewusst und als eingefleischte Boxerin hart im Nehmen. Der Steuerberater, der in einer beachtlichen Blutlache vor seinem eigenen Kühlschrank liegt, schlägt ihr dennoch auf den Magen. Liegt es daran, dass sie den Fall ohne ihren langjährigen Partner aufklären soll? Oder ist es das ungute Gefühl, dem Toten nicht zum ersten Mal begegnet zu sein? Bentje Schammach heißt die neue Kollegin, die Traxl zur Seite gestellt wird, ein frisch nach München versetztes Nordlicht mit großer Liebe zu Gummienten und erschreckend fröhlichem Gemüt. Zusammenraufen ist angesagt! Denn die Liste der Verdächtigen wird immer länger. Und je tiefer Traxl und Schammach graben, desto klarer wird, dass der tote Lebemann selbst den meisten Dreck am Stecken hatte …
„Traxl und der tote Lebemann“ ist der erste Band der Buchreihe um die Kommissarinnen Pia Traxl und Bentje Schammach, die – nunmehr beide – in München ermitteln. Dabei lässt sich der Roman zwar als Kriminalroman einordnen – er wird ja auch auf dem Cover als „Krimi“ bezeichnet -, ich persönlich würde den Roman jedoch noch stärker kategorisieren und ihn den Regionalkrimis zuordnen, spielt der bayrische Einschlag doch eine entscheidende Rolle – Dialekt und Kulinarik inklusive. Abgesehen davon ließen sich sicherlich auch noch Argumente für einen Wirtschaftskrimi oder -Thriller finden.
Die Handlung ist durchaus spannend und abwechslungsreich und wartet mit unerwarteten Wendungen auf. Mit Ausnahme des etwas unnötigen Prologs wird sie sehr stringent erzählt – und insbesondere die für einen Krimi doch eher ungewöhnliche Erzählperspektive eines Ich-Erzählers aus Pias Sicht vermag hier zu glänzen, ermöglicht sie doch ein noch tieferes Eintauchen in die Ermittlungen. Hingegen kann das Ende leider nicht gänzlich überzeugen, ist es doch gerade Pia, die hier für einen unrunden Abschluss des Falles sorgt – und ihre Pflichten aufs gröbste verletzt und damit viele Pluspunkte verliert, die sie im Verlauf der Handlung sammeln konnte.
Das Setting kann ebenfalls im Wesentlichen glänzen. So entführt Wolfgang Oppler die Leser:innen nach München, in eine pulsierende Stadt mit Brauhäusern, Viktualienmarkt und diversen Kneipen und Bars – man sieht, dem Essen und – vor allem – Trinken wird in diesem Roman viel Platz eingeräumt. Dabei wird viel Wert auf Lokalkolorit gelegt – teils sogar ins Dialektische abgedriftet, aber nie so stark, dass die Lesbarkeit eingeschränkt wird. Etwas schade ist es allerdings, dass der Culture Clash zwischen München und Tönning, zwischen Pia und Bentje hier kaum eine Rolle spielt, hier wird einiges an Potential für die Auflockerung der Geschichte verschenkt.
Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Aufgrund der Vielzahl an handelnden Personen ist allerdings noch einiges an Entwicklungspotential vorhanden, gerade bei Pia würde mich hierbei auch interessieren, wie sie das Ende der Geschichte verarbeitet. Wolfgang Opplers Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.
Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben nur Kleinigkeiten durchrutschen lassen, die den Lesefluss nicht wesentlich schmälern, der Buchsatz ist gelungen, auch wenn mich die Kapitelbeginne mitten auf der Seite irritieren. Der Buchumschlag ist mit Klappen versehen, insgesamt aber sehr eintönig. Die Typografie auf dem Cover kann begeistern, das Covermotiv ist eher austauschbar und beliebig – und das Boxen im Buch doch eher Randerscheinung,
Mein Fazit? „Traxl und der tote Lebemann“ ist ein solider Start in die Buchreihe, der vor allem mit seinem Setting und einer hochspannenden Handlung punkten kann, am Ende jedoch etwas schwächelt und einiges an Potential verschenkt. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.
Vor kurzem habe ich auch „Bad Business. Deal mit dem Tod“ von Lucie Flebbe gelesen. Das Buch ist 2024 im GRAFIT Verlag in der Emons Verlag GmbH erschienen und als Thriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.
Mieke Jentsch macht ihren Job als stellvertretende Klinikverantwortliche schon deutlich zu lange. Als ihr Vorgesetzter unerwartet Suizid begeht, rückt sie in die Chefposition auf und wird beauftragt, Kliniken an einen Medizinkonzern zu verkaufen. Ist der Milliardendeal die Chance, ihre Fähigkeiten endlich unter Beweis zu stellen? Doch je tiefer Mieke in die Materie vordringt, desto größer werden ihre Zweifel daran, dass ihr Vorgänger freiwillig aus dem Leben gegangen ist. Als sie das Opfer mehrerer Anschläge wird, beginnt sie zu ahnen, dass sie längst zur Schachfigur in einem tödlichen Spiel geworden ist …
„Bad Business. Deal mit dem Tod“ ist der neueste Roman der Krimiautorin Lucie Flebbe, die 2009 für ihr Debüt mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet wurde. Dabei ist der Roman als Einzelband konzipiert, lässt sich jedoch nicht ganz einfach einem Genre zuordnen. Auf dem Cover – passend zur Vita der Autorin – als Kriminalroman betitelt und beworben, erfüllt das Buch für mich eher die Genreanforderungen eines Thrillers, daher habe ich diese Eingruppierung übernommen, die Genregrenzen sind ohnehin fließend. Hierbei könnte man sogar noch stärker differenzieren und den Roman als Wirtschafts- oder Politthriller sehen, mit viel gutem Willen vielleicht sogar als Wissenschaftsthriller, aber da ich hier keine eindeutige Zuordnung treffen konnte, habe ich es bei der allgemeinen Bezeichnung als Thriller belassen.
Die Handlung ist hochspannend und abwechslungsreich und wartet auch mit der ein oder anderen überraschenden Wendung auf. Aufgrund der vielen Perspektivwechsel und sehr kurzen Sinnabschnitte ist der Start zwar durchaus herausfordernd und zäh, mit dem Verlauf der Handlung entwickelt sich diese jedoch immer stärker zum Pageturner, während das aus meiner Sicht für einen Einzelband deutlich zu offene Ende hier wieder etwas abfällt. Auch mischt die Autorin das zentrale und wichtige Thema der Privatisierung im Medizinbereich mit einer Lovestory und – unter anderem – den Komplikationen beim Familiennachzug von ehemaligen afghanischen Ortskräften, wobei sich letzteres nicht gerade homogen in die Story einfügt und etwas gewollt rüberkommt.
Das Setting hingegen überzeugt auf ganzer Linie. So entführt Lucie Flebbe den Leser ins Ruhrgebiet – auch wenn die Region hier eher zweitrangig ist. Vielmehr nimmt sie den Leser mit in das hochaktuelle Thema der Privatisierung von Medizinleistungen, in das Spannungsfeld (teils) konkurrierender Interessen zwischen Rentenversicherungen, Wirtschaftsunternehmen, Krankenhäusern und deren Beschäftigter. Als Abwechslung geht es dann auf einen Pferdehof, wobei das dortige Führungskräftetraining mit Pferden zwar der Fantasie der Autorin entspringt, aber gar nicht so weit weg von der Realität ist, gibt es doch bereits Bildungsurlaube mit Pferden zum Thema „authentisches Miteinander im Beruf“.
Die Figuren sind – im Wesentlichen – vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Lana und Sami, während Mo und Bille teils etwas unlogisch handeln und daher etwas blass verbleiben. Lucie Flebbes Schreibstil ist zudem leicht und flüssig zu lesen und lässt das Kopfkino sofort anspringen.
Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben im Wesentlichen ordentlich gearbeitet, das Covermotiv ist sehr schlicht und wird zum Buchrücken abrupt unterbrochen. Insgesamt ist der Umschlag eher einfach gestaltet und kein Eyecatcher, auch wenn die Farbkombination durchaus gelungen ist. Gewünscht hätte ich mir zudem, dass bei den im Roman verstärkt auftretenden psychischen Erkrankungen und Problemen bis hin zu Selbstverletzungen im Nachwort für Betroffene Hilfsangebote angeführt worden wären.
Mein Fazit? „Bad Business. Deal mit dem Tod“ ist ein im Wesentlichen überzeugender Thriller, der ein wichtiges Thema auf spannende Weise anspricht, leider aber auch ein zu offenes Ende bietet, sonst jedoch nur kleinere Schwächen hat. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.