[Buchgedanken] Evelyn Scala Schreiber: „Wir waren Artisten: Das Mädchen“ (Zirkus-Trilogie 1)

Vor kurzem habe ich „Wir waren Artisten: Das Mädchen“ von Evelyn Scala Schreiber gelesen. Das Buch ist 2026 bei Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen, die Originalausgabe wurde 2025 unter dem Titel „Privatflickan“ bei Bokförlaget Forum, Stockholm, veröffentlicht. Der Roman ist als Familiensaga einzuordnen, für die Übersetzung aus dem Schwedischen zeichnet Holger Wolandt verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Bertha Lindberg, eine junge Frau der feinen Stockholmer Gesellschaft, soll endlich standesgemäß heiraten. Doch während ihr Vater nach einem geeigneten Ehemann sucht, träumt sie von einer großen Bühnenkarriere. Als sie an einem Dezemberabend Baptiste begegnet, einem gefeierten Artisten aus Österreich, verliebt sie sich nicht nur in ihn, sondern auch in die schillernde Welt des Zirkus. Denn obwohl Bertha sich für eine moderne Frau hält, lernt sie hier eine Freiheit kennen, die ihre Vorstellung bei Weitem übersteigt. Nach nur drei Tagen muss sie eine Entscheidung treffen, die ihr Leben für immer verändert …

„Wir waren Artisten: Das Mädchen“ ist der Debütroman von Evelyn Scala Schreiber und der Auftaktband in die Trilogie um die Zirkusfamilie Schreiber, inspiriert von der wahren Familiengeschichte der Autorin. Der Roman, der jetzt bereits einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren abbildet, lässt sich daher gut als Familiensaga einordnen, auch die Eingruppierungen als historischer Roman oder Entwicklungsroman wären theoretisch denkbar, treten aber hinter die ganz klar im Zentrum stehende und alles überragende Familiengeschichte zurück.

Die Handlung ist dabei durchaus interessant und abwechslungsreich, wird aber durch den der Handlung vorgestellten Textauszug bereits in Teilen gespoilert, gleiches gilt durch die hintangestellten Fotos gegebenenfalls für die Folgebände. Erzählt wird die Geschichte aus mehreren personalen Erzählperspektiven, die dankenswerterweise jeweils kapitelweise wechseln und mit der jeweiligen Erzählstimme überschrieben sind. Und auch wenn der Roman kleinere Längen hat, man sich teils andere Ausgänge gewünscht hätte, ist man durch die Familiengeschichte der Autorin doch gebunden und kann sich von ihr fesseln lassen – das Buch lässt sich dabei trotz des durchaus offenen Endes sogar gut als Standalone lesen, auch wenn natürlich genug Potential für die Folgebände verbleibt.

Das Setting kann naturgemäß brillieren. So entführt die Autorin ihre Leser:innen ans Ende des 19. Jahrhunderts, nimmt diese mit auf eine Reise durch – vornehmlich – Nordeuropa, bringt sie aber bis nach Paris und St. Petersburg. Hierbei mischt Evelyn Scala Schreiber das – familiär präsente – Thema Zirkus mit den gesellschaftlichen Umwälzungen der damaligen Zeit, mit Themen wie Emanzipation, Ausgrenzung, Fremdenhass und familiären Verpflichtungen. Dabei entsteht eine schillernde Kulisse, die vor allem die krassen Gegensätze vom Leben in der Oberschicht zum Leben als reisender Zirkusartist gut illustriert.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Julia, Caroline, Hedda und Charles, während vor allem Baptiste leider etwas enttäuschend agiert, nicht nachvollziehbar handelt und viele Sympathien verspielt – was der Lovestory nicht wirklich zuträglich ist. Evelyn Scala Schreibers Schreibstil lässt sich darüber hinaus leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen, ist sicherlich aber auch zugunsten der Lesbarkeit im Vergleich zur historischen Authentizität hin ausbalanciert.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist ordentlich. Der Umschlag ist auf dem Cover und dem Buchrücken leicht geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, das Covermotiv setzt sich nahtlos auf Buchrücken und Coverrückseite fort und bietet Anklänge zur Handlung, ist insgesamt aber kein Eyecatcher. Die Geschichte wird durch eine etwas ausufernde Personenübersicht und durch Fotoaufnahmen abgerundet – gegebenenfalls hätte man die Fotos auch in die Coverinnenseiten packen können, damit diese farblich hätten dargestellt werden können. Gefreut hätte ich mich auch über Stammbäume – das hätte die Personenübersicht etwas entzerrt.

Mein Fazit? „Wir waren Artisten: Das Mädchen“ ist ein gelungenes Debüt und ein vielversprechender Auftakt in eine Familiensaga, die mal ganz andere Themen in den Mittelpunkt rückt. Kleinere Schwächen sind dabei zu verschmerzen, die schillernde Zirkuswelt macht hierbei Lust auf mehr. Für Leser:innen des Genres daher bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von etwa 14 Jahren.

[Buchgedanken] Elizabeth Macneal: „Zirkus der Wunder“

Vor kurzem habe ich „Zirkus der Wunder“ von Elizabeth Macneal gelesen. Das Buch ist 2022 im Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2021 unter dem Titel „Circus of Wonders“ bei Picador veröffentlicht. Das Buch ist als historischer Roman einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Eva Bonné verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Südengland, 1866. Die junge Nell, von Muttermalen gezeichnet, wird von den anderen Dorfbewohnern gemieden – bis „Jasper Jupiters Zirkus der Wunder“ im Ort kampiert. Nells skrupelloser Vater wittert ein Geschäft und verkauft sie als „Leopardenmädchen“ an Jasper. Doch was als traumatische Erfahrung beginnt, scheint sich als Glücksfall zu erweisen: Erstmals findet Nell eine echte Heimat. Sie schließt Freundschaften, verliebt sich in den sensiblen Toby – und wird, als „achtes Weltwunder“ gefeiert, zum Star des Zirkus. Doch mit dem Ruhm stellen sich neue Probleme ein.

„Zirkus der Wunder“ ist ein historischer Roman, der den Leser ins neunzehnte Jahrhundert entführt, gleichzeitig aber große Aktualität besitzt, ist er doch ein Plädoyer für Toleranz, Diversität und gesellschaftliche Akzeptanz, zeigt er doch die Folgen von Diskriminierung – im Großen und im Kleinen – und bespricht Themen wie Kriegspropaganda und Traumata. Es ist daher der natürliche Nachfolger von „The Greatest Showman“, auf dessen Protagonist hier oftmals Bezug genommen wird, allerdings mit rein fiktiven Charakteren – und weniger glorifizierend pompös.

Denn die Handlung ist zwar spannend und kurzweilig, aber auch düster. Schonungslos beschreibt Elizabeth Macneal die teils unmenschlichen Zustände anhand einzelner Schicksale, die zwar fiktiv, aber sicherlich authentisch sind. Dabei ist der Roman ungemein atmosphärisch dicht, nimmt den Leser mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt, und zeigt seine Authentizität auch darin, dass er ein realistisches und kein verklärtes, kitschgeschwängertes Happy-End bietet.

Das Setting ist erwartbar brillant – bei einer Reise ins viktorianische England kann man hier aber wenig falsch machen – es hat sich als Setting für alle Arten von Romanen bewährt. Schön ist es jedoch, dass die Autorin den Leser hier mal in ein England abseits von London mitnimmt, zumindest teils in ärmliche, ländliche Dörfer führt, die einen krassen Gegensatz zur illustren Hauptstadt bilden. Aber auch die spätere Darstellung von London überzeugt, lediglich die Szene im Buckingham Palace irritiert leicht, dies kann aber auch an dem starken Einfluss liegen, den eine andere Palastbewohnerin auf die letzten Generationen ausgeübt hat.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig ausgearbeitet, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen neben Nell vor allem Stella und Pearl, während Toby etwas blass bleibt. Der Schreibstil von Elizabeth Macneal ist dabei flüssig und gut lesbar, atmosphärisch dicht und sehr bildhaft.

Die Buchgestaltung ist solide, Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist unauffällig. Die farbliche Gestaltung des Schutzumschlags wird leider durch den Buchrücken unterbrochen, insgesamt ist die Gestaltung zudem relativ schlicht, auch wenn sich im Covermotiv immerhin einige Aspekte der Handlung widerspiegeln. Das Buch unterhalb des Umschlags ist gleichfalls schlicht, aber mit farbigen Coverinnenseiten versehen.

Mein Fazit? „Zirkus der Wunder“ ist ein wirklich bestechender historischer Roman mit nur minimalen Schwächen, der vor allem durch sein atmosphärisches Setting und die hohe Aktualität brilliert. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.