[Buchgedanken] Miřenka Čechová: „Tote Schwäne tanzen nicht“

Vor kurzem habe ich auch „Tote Schwäne tanzen nicht“ von Miřenka Čechová gelesen. Das Buch ist 2025 im Anthea Verlag veröffentlicht worden, die Originalausgabe erschien 2020 bei Nakladatelstvi Paseka s. r. o. unter dem Titel „Baletky“. Der Roman ist als Gegenwartsliteratur einzuordnen, für die Übersetzung aus dem Tschechischen zeichnet Julia Miesenböck verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Ballerinen haben zwei Gesichter. Eines, das für das Publikum bestimmt ist. Und das andere, das niemand zu Gesicht bekommen soll – mit einem verblassenden Lächeln, das sich hinter den Kulissen zu einer Grimasse verzieht, gezeichnet von Erschöpfung und Schmerz, keuchend nach Luft. Wenn man diese Gesichter filmen würde, könnte man meinen, es handelt sich um eine erschreckende Enzyklopädie des menschlichen Leidens. Wie in einem militärischen Ausbildungscamp werden sie darauf trainiert, vor dem Publikum zu strahlen – so auch die Erzählerin dieser Geschichte. Sie ist noch keine vierzehn Jahre alt und schon Expertin für Abführmittel und Erbrechen, um das Gewicht zu halten. Der Traum, eine Primaballerina zu werden, verwandelt sich zunehmend in einen Albtraum. In den düsteren Ecken des Prager Nachtlebens der späten 1990er-Jahre sucht sie Ablenkung und flüchtet sich in die verführerische Welt von Partys, Drogen und ersten sexuellen Erfahrungen.

„Tote Schwäne tanzen nicht“ ist ein lose auf privaten Erlebnissen und Tagebucheinträgen basierendes Porträt der tschechischen Ballettszene um die Jahrtausendwende von der Tänzerin und Choreografin Miřenka Čechová. Da das Buch nicht streng biografisch anmutet – und jegliche Information und Einordnung dazu fehlt, in welchen Punkten die Erinnerung verlassen und ausgeschmückt wurde, habe ich es als Roman der Gegenwartsliteratur zugeordnet – mit einem einordnenden Nachwort oder einer Klarstellung hätte man das Buch durchaus auch als biografisch/anekdotische Erzählung werten können.

So oder so beschreibt das Werk in losen Anekdoten und Tagebucheinträgen das Aufwachsen der jugendlichen Protagonistin in Prag, wo sie eine Ballettakademie besucht und fernab ihrer Familie in Internaten, Gastfamilien und später einer eigenen Wohnung lebt. Zwar stellt sich durch die fragmentarische Darstellung nie ein wirklicher roter Faden oder Lesefluss ein, insgesamt bleibt das Porträt der Jugend aber durchaus spannend, abwechslungsreich und aufregend, wenn auch sicherlich etwas einseitig und nicht verallgemeinernd.

Denn die Ballettausbildung wird – trotz der durchlebten Träume und kleinerer Erfolgsmomente – durchaus kritisch und schonungslos dargestellt – vom diktatorischen Zwang der Schulleitung bis hin zu sexuellen Übergriffen, dem dauerhaften Hungern und der totalen Selbstaufgabe, dem fehlenden Selbstbewusstsein, dem Abtauchen in die Drogen- und Nachtclubszene, in der ein Mindestalter von 18 Jahren auch nur eine Scheinvoraussetzung ist. Sicherlich ist dies kein Einzelschicksal – wie ja auch die angedeuteten „Karrieren“ der Mitschüler:innen andeuten. In dieser dargestellten Allgemeingültigkeit ist dies aber, zumindest über das tschechische Ballett hinaus gesehen, so sicherlich auch nicht richtig.

Das Buch lässt nämlich etwas die Freude am Tanz vermissen, die Erfolgserlebnisse, das Zusammenwirken eines unterstützenden Umfelds mit einer pädagogisch wertvollen, ganzheitlichen und nicht gesundheitsschädigenden . Ausbildung, die es sicherlich auch gibt und die – vermutlich – sich in den letzten Jahrzehnten auch stärker ausgebreitet hat – allen hier präsentierten Horrorszenarien zum Trotz sicherlich auch in den osteuropäischen Raum. Und so verbleibt das Buch – so informativ und spannend, so aufrüttelnd und ehrlich – ein Mahnmal, wie man es nicht machen sollte, wie man weder dem wundervollen Ballett noch der Jugend gerecht wird.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind einige Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss aber nicht erheblich schmälern, der Buchsatz ist ordentlich, wenn man auch die Tagebucheinträge noch etwas mutiger hätte setzen können. Das Buch ist mit farbigen Coverinnenseiten und einer weiteren Illustration versehen, das Covermotiv setzt sich auf Buchrücken und Coverrückseite fort und sorgt für ein einheitliches Gesamtbild. Insgesamt ist der Buchumschlag aber eher eintönig und kein Eyecatcher, das Covermotiv sehr verwachsen und die Coverrückseite etwas textlastig und überfrachtet. Zuletzt merkt man der Übersetzung auch die Herkunft der Übersetzerin aus Österreich an, finden sich im Text doch vereinzelt dialektspezifische Begriffe wieder.

Mein Fazit? „Tote Schwäne tanzen nicht“ ist ein unzweifelhaft interessantes Porträt des Aufwachsens in der Ballettszene, das in Teilen aber überzeichnet erscheint und sehr einseitig die Schattenseiten herausstellt. Für Liebhaber des Tanzes – und für Leser:innen ab 16 Jahren dennoch bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Kristin MacIver: „Limerick Love. Break the Rules“ (Limerick Love 1)

Vor kurzem habe ich auch „Limerick Love. Break the Rules“ von Kristin MacIver gelesen. Das Buch ist 2025 im Knaur Verlag in der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG erschienen und als Historical Romance einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Die rebellische Lady Vivienne FitzGerald, genannt Viv, langweilt sich tödlich auf Limerick Castle, wo sie nicht mehr tun darf, als den Tag mit Sticken und Singen zu vertrödeln. Als Viv dann auch noch erfährt, dass sie in wenigen Wochen heiraten soll – den ebenso besitzergreifenden wie hochnäsigen Sir Liam – trifft sie eine verzweifelte Entscheidung: Wenigstens einmal im Leben will sie tun, wonach ihr Herz sich sehnt! Verkleidet als Junge schließt Viv sich dem Hurling-Team an. Trotz einiger Rückschläge beim Training entdeckt sie nicht nur ihre Begabung für den leidenschaftlichen Sport. Da ist auch ein verbotenes Kribbeln in ihrem Bauch, jedes Mal, wenn sie mit dem besten Hurling-Spieler Ruairí zusammen ist. Doch Ruairí und sie kommen aus verschiedenen Welten und ihre Familien spaltet eine Vergangenheit, die alles zerstören könnte …

„Limerick Love. Break the Rules“ ist der Auftaktband in die historische Sports Romance-Dilogie von Kristin MacIver, von der ich bislang auch die Celtic-Dreams-Trilogie kenne. Angesiedelt ist die Geschichte im Irland des 15. Jahrhunderts und wird aus der Ich-Perspektive von Viv erzählt. Dabei lässt sich die Geschichte relativ leicht kategorisieren, ist kein klassischer historischer Roman, auch kein historischer Liebesroman, sondern Historical Romance – mit allem, was das Genre so mit sich bringt, zum Beispiel spicy Szenen und eine Happy-End-Garantie. Darüber hinaus hätte man es auch noch als „Historical Sports Romance“ bezeichnen können, ich habe es aber bei der etwas allgemeinen Kategorisierung belassen, um das Genre nicht zu eng zu fassen.

Die Handlung ist spannend, kurzweilig und mit der ein oder anderen überraschenden Wendung versehen. Dabei mischt Kristin MacIver in altbekannter (und bewährter) Manier aus der Celtic Dreams Reihe eine freiheitsliebende Protagonistin mit einer spannenden Leidenschaft (hier das Hurling) und einer undenkbaren Liebesgeschichte zu einer wirklich toll lesbaren Geschichte, die viel Spaß macht und vor allem am Ende überzeugt – auch wenn das Konzept nicht allzu innovativ ist. Hierbei ist durchaus toll recherchiert worden – auch wenn sicherlich nicht alles historisch korrekt ist und sich sogar die ein oder andere moderne popkulturelle Anspielung findet.

Das Setting ist gelungen. So entführt die Autorin ihre Leser:innen ins Irland in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, nach Limerick, in eine Stadt voller Konflikte zwischen den englischen Besatzern und der irischen Bevölkerung. Dabei werden vor allem die gesellschaftlichen Unterschiede in aller Deutlichkeit herausgearbeitet – und der Fokus auf Hurling als historischer Sportart gelegt (prägend für die Reihe, in Band 2 wird sich dann einem anderen historischen Sport gewidmet). Gern hätte ich mir noch zur Unterstützung des Settings eine Karte gewünscht – aber die großflächige Illustration in den Coverinnenseiten ist natürlich auch wunderschön anzusehen.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Sláine (als heimlicher Leser:innenliebling – und wundervollerweise die Protagonistin des Folgebandes), Martha und Hugh, während sich Sir Liam und Darragh etwas eindimensional verbleiben und Viv nicht immer nachvollziehbar handelt. Toll ist zudem, welche Wandlung Adeline hinlegt und sich ebenfalls zu einer Favoritin entwickelt. Kristin MacIvers Schreibstil lässt sich leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen – die Waage ist hier sicherlich zugunsten der Lesbarkeit in Abwägung zur historischen Authentizität gekippt.

Die Buchgestaltung überzeugt ebenfalls im Wesentlichen. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist ordentlich, die Geschichte wird mit einer vorangestellten wundervollen Playlist abgerundet. der Umschlag ist mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen. Cover und gleich gestaltete Coverrückseite werden leider zum Buchrücken hin krass abgegrenzt, insgesamt sehen sie aber toll aus und bilden hoffentlich mit dem Folgeband ein tolles, einheitliches Reihenbild mit Wiedererkennungswert.

Mein Fazit? „Limerick Love. Break the Rules“ ist eine wundervolle Historical Romance mit spannender Handlung, interessanten Themen und nur minimalen Schwächen, die hier kaum ins Gewicht fallen und Lust auf Band zwei machen. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem genreüblichen Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Volker Gerling: „Die Todesfalle“ (Skalla & Krampe 1)

In der letzten Zeit habe ich auch „Die Todesfalle“ von Volker Gerling, einem der Pseudonyme des Autors Volker Schulz gelesen. Das Buch ist 2025 bei SAGA Egmont, Egmont Verlagsgesellschaften mbH erschienen und als Thriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Investigativjournalistin Rachel Skalla arbeitet an einem Artikel über illegale Medikamententests, als sie Mark Kreutzer kennenlernt. Mark kann ihr die richtigen Türen für die Story öffnen. Um sich dafür bei ihm zu bedanken, will Rachel Mark dabei helfen, einen mysteriösen Fall aufzuklären, der ihn bis heute belastet. Marks Vater sitzt im Gefängnis. Er soll auf grausame Weise eine Prostituierte ermordet haben, beteuert aber bis heute seine Unschuld. Bei ihren Recherchen entdeckt Rachel sieben weitere Fälle, die dem von Marks Vater gleichen. Alle vermeintlichen Täter waren betrunken und wachten neben ermordeten Prostituierten in einem Hotelzimmer auf. Nur ein Zufall? Oder handelt es sich um das Werk eines raffinierten Serienmörders? Mit Hilfe des Hamburger Fallanalytikers Daniel Krampe begeben Rachel und Mark sich auf die Suche nach der Wahrheit – und geraten dabei selbst ins Visier des gnadenlosen Killers!

„Die Todesfalle“ ist nach „Redemptio: Sie wissen alles“ mein zweites Buch des Autors und der erste Band um die Investigativjournalistin Rachel Skalla und den Fallanalytiker Daniel Krampe, der bereits in Volker Gerlings vorheriger Trilogie zusammen mit Kommissarin Laura Graf Fälle löste. Dennoch kann man das Buch gut ohne Vorwissen als Standalone lesen, wenn auch die vorherigen Romane einem die Figur von Daniel sicherlich noch näher gebracht hätten. Zudem balanciert das Buch auf der Grenze zwischen Krimi und Thriller, der Einfachheit halber habe ich es bei der vom Verlag getroffenen Einordnung als Thriller belassen.

Die Handlung ist durchaus spannend und abwechslungsreich, auch wenn antiklimaktisch der Täter schon früh für alle aufgedeckt und präsentiert wird. Dennoch gelingt es dem Buch, die Leser:innen durch das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Täter und Ermittelnden nicht zu verlieren. Kleinere Schwächen verbleiben jedoch bei der teils implausiblen Polizei- und Justizarbeit und auch bei dem Handlungsstrang über die illegalen Medikamententests, der sang- und klanglos vernachlässigt und nicht wieder aufgegriffen wird.

Das Setting ist ebenfalls gelungen, aber austauschbar, entführt uns der Autor doch in eine schnelllebige Welt zwischen JVA, Luxushotels, abgeschiedenen Blockhütten, nimmt uns mit in die USA, nach Kanada und Indien. Dabei mischt der Autor in die Krimi-/Thrillerhandlung weitere, gesellschaftlich relevante Themen wie dysfunktionale Familien, illegale Medikametentests und Justizirrtümer mit ein, verbleibt hier aber jeweils sehr an der Oberfläche, was insbesondere bei den Medikamententests sehr ärgerlich ist, sind diese doch so prominent im Klappentext erwähnt.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere Rachel und Johannes, während Mark nicht immer nachvollziehbar handelt und Daniel aufgrund der fehlenden Vorgeschichte wenig greifbar erscheint. Volker Gerlings Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen, wenn auch die Kapitellänge etwas zu kurz ist und die personalen Erzählperspektiven daher ständig wechseln.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist ordentlich und unauffällig. Das Covermotiv ist genretypisch, bietet aber wenig Anklänge zur Handlung und ist – zusammen mit dem gesamten Buchumschlag – eher unauffällig. Abzuwarten bleibt, ob der Roman mit den Folgebänden für einen einheitlichen Gesamteindruck der Reihe mit Wiedererkennungswert sorgt.

Mein Fazit? „Die Todesfalle“ ist ein spannender Thriller, der ungewöhnliche Wege geht und vor allem aufgrund der Interaktionen zwischen Täter und Ermittelnden brilliert, dabei aber auch kleinere Schwächen und Logikfehler aufweist. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Lou Sandberg: „Mainblüte“ (Buck & Lange 2)

Vor kurzem habe ich auch „Mainblüte“ von Lou Sandberg gelesen. Das Buch ist 2024 im Selfpublishing über BoD (Books on Demand GmbH) veröffentlicht worden und als Kriminalroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an die Autorin für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Im Licht- und Luftbad am Frankfurter Mainufer liegt die Leiche eines Kindes. Der Junge trägt ein weißes Kleid und ruht in einem Meer aus Blütenblättern. Alle Anzeichen deuten auf einen selbst gewählten Tod – und eine selbst gewählte Identität: Tyra. Aber wer ist Tyra? Sebastian Buck, Frankfurter wider Willen, und seine Kollegin Maike Lange machen sich auf die Suche nach Antworten. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Tyra hat eine Schwester, die nur eines will: Rache.

„Mainblüte“ ist nach „Strohtod“ der zweite Band der Reihe um Kriminalhauptkommissar Sebastian Buck und Kriminaloberkommissarin Maike Lange – mittlerweile existiert mit „Branderbe“ auch ein dritter Teil. „Mainblüte“ lässt sich dabei gut als Standalone lesen, werden doch relevante Stationen der Vergangenheit von beiden Protagonist:innen erklärt und eingebunden, sodass man nicht das Gefühl hat, den ersten Teil zu vermissen. Die Genrezuordnung ist jedoch nicht ganz leicht, ich habe es der Einfachheit halber bei der Einordnung der Autorin als „Kriminalroman“ belassen.

Denn die Handlung entspricht durchaus nicht einem klassischen Krimi, liegt doch weder ein Verbrechen vor, noch muss groß ermittelt werden. Vielmehr zeigt das Buch Anklänge an einen Jugendthriller, an einen Schicksalsroman und an Gegenwartsliteratur – halt mit Polizist:innen. Insbesondere in der ersten Hälfte ist das Buch daher eher ereignisarm, aber nichtsdestotrotz sehr interessant und abwechslungsreich, auch wenn die Vielzahl an behandelnden Themen von (u.a.) Transidentität, Cybermobbing, sexuellem Missbrauch Schutzbefohlener, Integrationsmängeln, Queerfeindlichkeit, Patchworkfamilien, Gewaltausbrüchen und Suizid dafür sorgt, dass man hier eher an der Oberfläche verbleibt.

Dennoch kann das Setting überzeugen. So entführt die Autorin ihre Leser:innen nach Frankfurt am Main, aber nicht in die schillernde Bankmetropole sondern eher in die verschiedenen Milieus zwischen Eckkneipen und verlassenen Freibädern, auch wenn hier manchmal durchaus Klischees bedient werden – auch bei der etwas zu offensiv eingesetzten Jugendsprache, die sogar per Glossar noch erklärt wird. Zudem endet das Buch leider etwas offen – die Konsequenzen der Handlungen der Figuren werden zumindest in diesem Band leider nicht mehr beleuchtet, sondern nur teils angedeutet, und auch die Perspektive wechselt sehr regelmäßig, teils auch mitten in den Kapiteln.

Die einzelnen Figuren sind vielschichtig, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive und entwickeln sich – zumindest was das Ermittelnden-Duo angeht – sicherlich auch von Band zu Band weiter. In diesem Roman überzeugen vor allem wichtige Nebencharaktere w.ie Shirin und OB, während auch Maike glänzen kann, Buck aber noch etwas farblos verbleibt. Lou Sandbergs Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen. Dabei hilft es sicherlich, dass die Nachstellung der Ophelia-Szene momentan in aller Munde ist – wenn auch eher durch ein Bild im Museum Wiesbaden und nicht durch das Werk im Tate Britain.

Die Buchgestaltung ist solide. Sofern durchgeführt sind Lektorat und Korrektorat zwar Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss aber nicht erheblich schmälern, der Buchsatz ist ordentlich. Die Geschichte wird mit dem bereits erwähnten Glossar und einer Liste von Hilfsangeboten für diverse Themen abgerundet (unglaublich wichtig!), aufgrund der brisanten Themen hätten sich zudem Content Notes angeboten. Das Cover bzw. der Buchumschlag generell ist farblich toll und zeigt Anklänge zur Handlung, ist insgesamt aber eher unauffällig und schlicht. Ob es gelingt, über alle Bände hinweg ein einheitliches Gesamtbild mit Wiedererkennungswert zu schaffen, bleibt zudem abzuwarten.

Mein Fazit? „Mainblüte“ ist ein ungewöhnlicher Kriminalroman, der wichtige Themen anspricht und abwechslungsreich ist, aber auch etwas an der Oberfläche verbleibt und kleinere Schwächen hat. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen – aber nicht unter einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Julia Dippel: „Velvet Falls, but the Gods forgot to die“ (Velvet-Dilogie 1)

In den letzten Tagen – auch während der Buchmesse – habe ich „Velvet Falls, but the Gods forgot to die“ von Julia Dippel gelesen. Das Buch ist 2025 bei Loomlight in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH erschienen und als New Adult Romantasy einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Als die Sterne fielen, kehrte die Magie in unsere Welt zurück und mit ihr neue Götter. Seit diesem Tag träumte Velvet von der Aufnahme in einen Hexenzirkel, aber Schicksal und Verrat zwangen ihr einen anderen Weg auf: den einer Dämonenreiterin. Doch dämonische Kräfte sind unberechenbar, und als sie Velvet eines Tages mit Visionen einer brennenden Zukunft fluten, entdeckt sie, dass ein magisches Virus die unsterblichen Götter auszulöschen droht. Um es aufzuhalten, soll sie das Blut der sieben göttlichen Söhne beschaffen. Ein schier unmögliches Unterfangen – würde Velvet nicht zufällig einen der Göttersöhne kennen: Kash, alias Kashmere Sinclair, alias ihr Ex und der Grund für all ihre zerstörten Träume. Ihn um Hilfe zu bitten, reißt nicht nur alte Wunden auf, sondern stürzt Velvet in einen erbitterten Kampf um ihr Herz und die Rettung der Welt.

„Velvet Falls, but the Gods forgot to die“ ist der Auftaktband in die „Velvet“-Dilogie von Julia Dippel für Loomlight, mein erstes Buch der Autorin (also abgesehen von SuB-Werken). Das Buch lässt sich dabei klar als New Adult Romantasy einordnen, aufgrund des Settings könnte man es aber auch als Urban Fantasy kategorisieren. Empfohlen wird der Roman seitens des Verlags für Leser:innen ab 16 Jahren, aufgrund der sehr spicy Szenen sollte das definitiv auch die Untergrenze darstellen.

Die Handlung ist kurzweilig, actionreich, spannend und sehr spicy, auch wenn sich die Anzahl der Sexszenen durchaus genretypisch in Grenzen hält. Dabei verbleiben diese zudem – im Rahmen – geschmackvoll und nicht zu explizit, sodass man an der Alterseinschätzung festhalten kann. Zum Ende hin wird das Buch etwas hektisch, etwas verworren – und endet in einem Cliffhanger, der es leider nicht ermöglicht, das Buch als Standalone zu lesen. Bis dahin ist es jedoch ein absoluter Pageturner, ein wirklich unglaubliches Leseerlebnis, ein Highlight der letzten Zeit.

Denn auch das Setting ist atemberaubend. So entführt Julia Dippel die Leser:innen nach New Orleans und in die Götterstadt Imperion, nimmt sie mit auf eine Reise quer durch die ganze Welt, zum Beispiel nach Hongkong und in die Nähe von Moskau. Schillernde Partys und High Society wechseln sich hier mit hochgerüsteten Kämpfen ab, Magie und Technologie gehen einher und erschaffen eine Welt, die man gern sehen, fühlen und spüren würde und die – trotz aller Fantasie – nicht auf solche Profanitäten wie Pizza-Lieferdienste verzichtet.

Die einzelnen Figuren sind vielschichtig, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive – die immer noch nicht alle aufgedeckt sind. Hierbei überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Monty, Eddie, Cole und Joanne, während Kash nicht wirklich nachvollziehbar handelt. Julia Dippels Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen, ist insbesondere im ersten Teil auch sehr humorvoll und zieht die Leser:innen in die Handlung.

Die Buchgestaltung ist traumhaft. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist wunderschön und setzt nicht nur Chatnachrichten innovativ, sondern überzeugt vor allem durch hübsche Kapitelanfänge. Der Umschlag ist mit Goldfolie veredelt und mit Klappen versehen, das unter dem Umschlag befindliche Buch wunderschön und mit farbigen Coverinnenseiten ausgestattet. Dabei kann das Cover des unter dem Umschlag befindlichen Buches fast noch mehr brillieren als das auch hübsche, eigentliche Cover, das vor allem durch die Farbgestaltung punktet.

Mein Fazit? „Velvet Falls, but the Gods forgot to die“ ist ein wundervoller Auftakt in die Reihe mit tollem Setting, atemberaubender Spannung, knisternder Erotik und nur minimalen Schwächen, die den Lesegenuss nicht im Ansatz schmälern. Für Leser:innen des Genres ab dem vorgeschlagenen Alter von 16+ bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Charlotte von Feyerabend: „Liebesrausch: Anaïs Nin und Henry Miller in Paris“

Vor kurzem habe ich auch „Liebesrausch: Anaïs Nin und Henry Miller in Paris“ von Charlotte von Feyerabend gelesen. Das Buch ist 2025 im Droemer Verlag, einem Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG erschienen und als Romanbiografie einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars nach Rezensionsangebot durch die Autorin.

Paris, 1931. Als Anaïs Nin den zwölf Jahre älteren Henry Miller trifft, wird ein Feuer entfacht: Beide inspirieren sich nicht nur literarisch, zwischen ihnen brennt auch eine ungezügelte Leidenschaft. Das Leben mit allen Sinnen zu fassen, alle Schranken zu sprengen und dafür die perfekten Worte zu finden, das streben beide an – koste, was es wolle. Sie tanzen auf den rauschendsten Festen und lassen ihrer Fantasie freien Lauf. Doch während sich Henry voll und ganz den Exzessen hingibt, führt Anaïs auch eine konventionelle Ehe mit Hugo, der sie über alles liebt und finanziell für sie und ihre Künstlerfreunde sorgt. Den emotionalen Spagat zwischen Hemmungslosigkeit und Konventionen kann Anaïs nur in ihren berühmt-berüchtigten Tagebüchern verarbeiten: Gehören Erotik und Sinnlichkeit in den Mittelpunkt des Lebens? Und darf man dafür die Menschen belügen, die einen lieben?

„Liebesrausch: Anaïs Nin und Henry Miller in Paris“ ist nach „Seid nett aufeinander“ meine zweite Romanbiografie von Charlotte von Feyerabend, die sich um Frauen der Geschichte dreht – in beiden Romanen jeweils um prägnante Figuren des 20. Jahrhunderts. In „Liebesrausch“ steht aber nicht nur Anaïs Nin im Mittelpunkt, sondern auch Henry Miller, sodass wir keine klassische Romanbiografie, sondern fast sogar einen historischen Liebesroman haben – was auch die beiden Erzählperspektiven verdeutlichen. Da allerdings nur Anaïs eine Ich-Perspektive erhalten hat – Henrys Sicht wird aus personaler Perspektive erzählt – kann man Anaïs schon als Hauptfigur des Buches sehen.

Die Geschichte begleitet Anaïs und Henry im Wesentlichen in der Zeit von 1931 bis 1936 – kleine Rückblenden in Anaïs‘ Vergangenheit ausgenommen. Leider wird das Buch zum Ende hin etwas hastig, endet relativ plötzlich und unerwartet. Dabei spielt die Handlung vor allem in Paris, auch bei Abwesenheiten einer der Protagonisten verbleibt die Perspektive oftmals bei der in Paris verbliebenen Person. Dadurch gelingt es Charlotte von Feyerabend, den Fokus auf die Künstler:innen-Szene im Paris der 1930er Jahre zu legen, eine Szene, die insbesondere bei Autor:innen so fernab vom heutigen Berufsbild ist, dass das teils abstrus anmutet.

Generell ist das Leben von Anaïs und Henry geprägt von toxischen Beziehungen – auch die Affäre untereinander ist hier keine Ausnahme. Wie man im Nachwort erfährt, wird Anaïs Zeit ihres Lebens nicht aus diesem Schema ausbrechen können. Genau wie Henry Miller geht Charlotte von Feyerabend schonungslos mit der Sprache um, passt sich der Zeit und den handelnden Personen an – insgesamt zeugt das Buch nicht nur hier von einer gelungenen Recherche. So verbleibt das Buch spannend und abwechslungsreich und macht nicht nur Lust auf die Zeit, sondern vor allem auch darauf, vielleicht mal etwas von Anaïs oder Henry zu lesen.

Die Buchgestaltung ist überzeugend. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist ordentlich. Der Buchumschlag ist mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, die Geschichte wird durch ein Quellenverzeichnis, diverse Anmerkungen und ein Nachwort abgerundet. Das Covermotiv passt zur Handlung und ist durchaus ansehnlich und genretypisch, insbesondere die Farbkombination überzeugt. Leider wird es zum Buchrücken hin krass unterbrochen – und die Coverrückseite wirkt durch den langen Klappentext auch etwas überladen.

Mein Fazit? „Liebesrausch: Anaïs Nin und Henry Miller in Paris“ ist eine in weiten Teilen überzeugende Romanbiografie über zwei faszinierende Persönlichkeiten im Paris der 1930er, die vor allem durch das Setting, durch gelungene Recherche und die damit verbundene schonungslose Sprache punkten kann und dabei nur kleinere Schwächen aufweist. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Marco Wanda: „Dass es uns überhaupt gegeben hat“

In den letzten Tagen habe ich auch „Dass es uns überhaupt gegeben hat“ von Marco Wanda gelesen. Das Buch ist 2025 in der Paul Zsolnay Verlag Ges. m. b. H. veröffentlicht worden und als autobiografischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

On the road mit Marco Wanda! Der Bandleader und Songwriter von „Wanda“ hat ein Buch geschrieben. Er erzählt die Geschichte eines Erfolgs und verschweigt nicht den Preis, den man dafür zahlt, er erzählt von Wien und den Menschen, die diese Stadt ausmachen, von einer Künstlergeneration, die „zum lebenden Kult“ geworden ist. Ein bestechend ehrliches Buch über einen, der mehr erreicht hat, als er sich jemals vorstellen konnte – und der überlebt hat.

„Dass es uns überhaupt gegeben hat“ ist das Debüt von Marco Wanda, dem Frontmann der bekannten und hochdekorierten österreichischen Band Wanda. Dabei lässt sich das Buch gar nicht so einfach einem Genre zuordnen, ist mehr oder weniger ein bunter Genremix, der als literarisches Selbstporträt beschrieben wird. Teils wird es auch im Feuilleton als Coming of Age oder literarischer Roadtrip bezeichnet – ich habe es der Einfachheit halber beim autobiografischen Roman belassen.

Denn in dem Buch beschreibt Marco Wanda seine frühen Jahre, die Entstehungsgeschichte der Band, deren Hoch- und Problemphasen. Zugute halten muss man ihm hier, dass die Erzählung schonungslos ist, nichts verschweigt – lediglich das Privatleben wird nahezu vollkommen ausgeklammert. So bietet das Buch einen interessanten Einblick in die österreichische Underground-Szene und deckt dabei im Wesentlichen die Jahre von 2010 bis etwa 2023 ab.

Doch so spannend und kurzweilig das teils auch ist, so erschreckend ist es auch. Gefühlt besteht das Buch im Wesentlichen aus Alkohol – und Drogenexzessen, blinder Zerstörungswut und selbstzerstörerischem Verhalten. Die ungleich spannende Entstehungsgeschichte einiger Songs gerät dabei etwas in den Hintergrund. Lediglich zum Ende hin wird hier etwas reflektiert, nachdem den Großteil des Buches eher verharmlosend über die Exzesse berichtet wurde, die auch nicht durch den kometenhaften Aufstieg der Band entschuldigt werden können.

Am spannendsten wird das Buch, wenn Marco Wanda von seinen wenigen Reisen fernab der Band berichtet, von seiner Zeit in Kairo oder in Paris, wenn auch – in den letzten Reisen – hier teils ein problematisches Verhältnis zu Geld und zu Kellner:innen durchscheint, deren freundschaftliche Zuneigung er sich über großzügige Trinkgelder erkauft. So oder so – eine Welt, die so fernab der Realität normaler Menschen ist, dass man sich schwerlich damit identifizieren kann.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben größtenteils sauber gearbeitet, der Buchsatz ist ordentlich, hätte aber durchaus Kapitel zu Seitenbeginn und nicht teils mitten auf den Seiten starten können. Der Buchumschlag ist auf dem Cover hochwertig geprägt, das unter dem Umschlag befindliche Buch eher schlicht. Das Cover“motiv“ setzt sich nahtlos auf Buchrücken und Coverrückseite fort, sodass ein einheitlicher Gesamteindruck entsteht, ist farblich ansprechend, aber ohne großen Bezug zur Handlung und kein Eyecatcher.

Mein Fazit? „Dass es uns überhaupt gegeben hat“ ist ein spannender und interessanter Einblick in die Künstlerseele von Marco Wanda, der leider sehr destruktiv daherkommt und wenig Sympathien weckt. Für musikinteressierte Leser:innen dennoch zu empfehlen – nicht unter einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Jana Stieler: „Brackwasser“

Vor kurzem habe ich auch „Brackwasser“ von Jana Stieler gelesen. Das Buch ist 2025 bei Limes in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH veröffentlicht worden und als Psychothriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Vor über zwanzig Jahren hatte Svea sich geschworen, nie wieder in die Heimat zurückzukehren. Nach einem Sommerfest verschwand Sveas beste Freundin ohne jede Spur. Aber nun wurde ihre Leiche gefunden, tief im Wald versteckt. Für Svea steht der Schuldige fest: ihr Schwager, der damals mit ihrer Freundin zusammen war. Keiner kennt die Wälder an der Schlei so gut wie er. Svea will ihre Schwester Fenja und deren Kinder mit allen Mitteln vor dem überzeugten Prepper schützen. Doch Fenja misstraut ihr zutiefst – und Svea kann ihr nicht sagen, was in jener Nacht wirklich geschah …

„Brackwasser“ ist mein erstes Buch von Jana Stieler – und das Thrillerdebüt der Autorin, die sonst in anderen Genres (und teils unter Pseudonym) unterwegs ist. Dabei wird das Buch deutlich als Psychothriller beworben – und auch auf dem Cover so betitelt, sodass ich die Einordnung des Verlags übernommen habe. Persönlich hätte ich es aber eher bei der allgemeinen Bezeichnung als Thriller belassen, zeigt er doch auch viele Anhaltspunkte zu anderen Unterarten des Genres, ist die Handlung doch ungemein regional verwurzelt – und auch Elemente eines Politthrillers sind enthalten.

Denn in der durchweg hochspannenden und abwechslungsreichen Handlung werden auch krass unterschiedliche Lebensentwürfe gegenübergestellt, die teils aus politisch extremistischen und demokratiefeindlichen Bestrebungen genährt werden, die hier durchaus handlungstreibend und motivgebend sind. Dabei wird die Handlung aus drei verschiedenen Ich-Perspektiven erzählt – nicht nur für das Genre, sondern generell sehr unüblich. Im Laufe der Zeit habe ich mich daran gewöhnt – so richtig warmgeworden damit bin ich jedoch nicht.

Das Setting überzeugt auf ganzer Linie. So entführt die Autorin ihre Leser:innen nach Norddeutschland in ein fiktives Örtchen an der Schlei, das mit den dunklen, verlassenen Wäldern eine atmosphärisch dichte und unglaublich spannende Umgebung für den Thriller bietet. In die Thrillerhandlung mischt Jana Stieler dabei neben den oben bereits angedeuteten, (gesellschafts-) politischen Themen (Prepper, Reichsbürger, Fremdenfeindlichkeit) auch noch psychische Erkrankungen, toxische Beziehungen und viele weitere Probleme mit ein, ohne den Roman dabei jedoch zu sehr zu überfrachten. Gegebenenfalls hätte man hier jedoch im Nachwort noch auf Hilfsangebote für Betroffene verweisen können.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Torge und Gemma – auch wenn man auf ihre Perspektive wohl hätte verzichten können, während Svea nicht immer nachvollziehbar handelt. Jana Stielers Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben ordentlich gearbeitet, der Buchsatz ist fehlerfrei, auch wenn man die Kapitel nur bei Perspektivwechseln jeweils mit den handelnden Personen hätte übertiteln müssen. Der Umschlag ist auf Cover, Buchrücken und Coverrückseite hochwertig geprägt und mit Klappen versehen, das Covermotiv setzt sich gut auf Buchrücken und Coverrückseite fort, sodass ein einheitliches Gesamtbild entsteht. Insgesamt ist das Motiv auch durchaus schön anzusehen und atmosphärisch passend, lediglich die Farbkomposition unter Einbeziehung der Schrift vermag nicht in Gänze zu überzeugen.

Mein Fazit? „Brackwasser“ ist ein atmosphärisch starker und hochspannender, regional verwurzelter Thriller, der vor allem mit seinem Setting brilliert und lediglich in der Anzahl der Erzählperspektiven etwas gewöhnungsbedürftig ist. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von nicht unter 16 Jahren.

[Buchgedanken] Bernd Hünermann: „Neugeburt 2.0 – Cyberdorf“ (Neugeburt 2.0 Band 1)

In der letzten Zeit habe ich auch „Neugeburt 2.0 – Cyberdorf“ von Bernd Hünermann gelesen. Das Buch ist 2024 im Selfpublishing veröffentlicht worden und als dystopischer Thriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Autor für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

2033. Der Dritte Weltkrieg wird im Cyberspace ausgetragen. Durch Entdigitalisierung ist der Gegner wehrlos. Unter der Führung des narzisstischen Psychopathen Gabriel greift ein internationales Industriekonsortium in den Krieg der politischen Mächte ein. In Deutschland formiert sich Widerstand gegen Gabriel und sein Kartell. Im Kraken, einem unterirdischen Cyberabwehrzentrum, kämpft Gerald von Greifen mit weiteren IT-Wissenschaftlern um nichts Geringeres als die Freiheit. Zur Tarnung betreiben sie auf dem Gelände ein Permakulturprojekt. Sie müssen sich nicht nur gegen den äußeren Feind behaupten, sondern auch gegen Spione in den eigenen Reihen. Am Schluss muss sich entscheiden, ob Gabriel den Krieg gewinnt und die politische Herrschaft über alle Nationen übernimmt.

„Neugeburt 2.0 – Cyberdorf“ ist der erste Band der sechsteiligen, im Selfpublishing erscheinenden Reihe Neugeburt 2.0 von Bernd Hünermann – einem Professor der Nuklearmedizin. Dabei lässt sich das Buch schwerlich einem Genre zuordnet, denn aufgrund der Datierung der Handlung spielt es nah an der Jetztzeit, beinhaltet aber durchaus auch dystopische Elemente und hat Anklänge zur Science Fiction. Vom Autor als Thriller kategorisiert, habe ich mich daher schlussendlich für die Einordnung als dystopischen Thriller entschieden, aber auch andere Unterarten des Genres wie Politthriller oder Spionagethriller wären sicherlich vertretbar.

Der Gesamthandlung der Reihe liegt dabei die Überzeugung des Autors als Prämisse zugrunde, dass die menschliche Intelligenz genetisch nicht in der Lage ist, sich auf Dauer der Herrschaft einer künstlichen Intelligenz zu widersetzen – ein hoch problematischer Ansatz, der nicht nur philosophische Grundsatzfragen aufwirft. In diesem Band wird jedoch erstmal ein vorgelagerter dritter Weltkrieg im Cyberspace thematisiert, der durchaus spannend, aber auch sehr fragmentarisch, mit großen Zeitsprüngen, vielen Handlungsorten und handelnden Charakteren beschrieben wird.

Dabei kann das Setting in Teilen durchaus glänzen. So nimmt der Autor die Leser:innen nicht nur mit in ein als Permakulturprojekt getarntes, unterirdisches Cyberdorf sondern auch in diverse Schaltstellen der Macht, insgesamt hätte durchaus aber auch noch mehr beschrieben werden können – hier wurde sich oftmals aufs nötigste beschränkt. Eine Konzentrierung auf weniger Handlungsorte hätte hier sicher für eine stringentere Erzählung mit weniger Lücken sorgen und so auch die politischen Entwicklungen besser abbilden können.

Gleiches gilt auch für die für die Kürze des Buches unglaubliche Anzahl an handelnden Figuren, die dadurch größtenteils sehr schematisch angelegt sind und bei denen kaum Raum für Emotionen verbleibt, was die Identifikation mit und die Bindung zu den Figuren für die Leser:innen erschwert. Durch eine konsequente Weiterentwicklung der Charaktere in den nächsten Bänden kann dies aber noch gerettet werden. Bernd Hünermanns Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anspringen, kommt aber ebenfalls ohne größere Emotionen aus.

Die Buchgestaltung ist noch solide. Lektorat und Korrektorat sind durchaus einige Sachen durchgerutscht, der Buchsatz ist ordentlich, aufgrund der unglaublich kurzen Kapitel finden sich jedoch durchaus viele Leerstellen, was das ohnehin kurze Buch noch weiter verkürzt. Das Covermotiv ist unauffällig und ohne großen Bezug zur Handlung, der Buchumschlag generell sehr eintönig und schlicht.

Mein Fazit? „Neugeburt 2.0 – Cyberdorf“ ist ein dystopisch angehauchter Thriller, der mit einer tollen Idee und durchaus mit Spannung punktet, dabei aber unglaublich fragmentarisch ist, kaum Bindung zu den Protagonist:innen zulässt und daher nicht als Standalone lesbar ist. Für Leser:innen, die der Reihe insgesamt eine Chance geben wollen, noch zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Roddy Doyle: „Die Frauen hinter der Tür“ (Paula Spencer 3)

In den letzten Tagen habe ich auch „Die Frauen hinter der Tür“ von Roddy Doyle gelesen. Das Buch ist 2025 im GOYA Verlag in der JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH veröffentlicht worden, die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel „The Women Behind the Door“ bei Jonathan Cape, London. Das Buch ist als Gegenwartsliteratur einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Sabine Längsfeld verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Die 66-jährige Paula Spencer lebt endlich ihr eigenes Leben. Sie ist Mutter, Großmutter, Witwe, trockene Alkoholikerin und Überlebende. Sie hat einen Job bei der Reinigung, der ihr Spaß macht, einen Mann – Joe – mit dem sie ihre Gedanken teilen kann, Freundinnen, die sie so nehmen, wie sie ist, und vier erwachsenen Kinder, die ihre eigenen Familien haben. Sie hat sich den Geistern ihrer Vergangenheit widersetzt und blickt nach vorn. Bis alles durcheinandergebracht wird, als ihre älteste Tochter Nicola vor der Tür steht. Die unabhängige, wohlhabende und liebevolle Ehefrau und Mutter – Paulas Vorzeigetochter – ist auf einmal fest entschlossen, alles hinter sich zu lassen. In den kommenden Tagen vertraut Nicola ihrer Mutter nach und nach an, was diese Krise ausgelöst hat.

„Die Frauen hinter der Tür“ ist nach „Paddy Clarke Ha Ha Ha“ mein zweiter Roman des Booker-Prize-Gewinners Roddy Doyle. Zugleich ist es auch ein Sequel der anderen Romane um Paula Spencer – was weithin unerwähnt bleibt und nur durch Zufall bei der Recherche auftauchte, ist Paula doch bereits Protagonistin zweier Romane aus den 90er- und 2000er-Jahren und tauchte sogar erstmals in einer Fernsehserie auf. Dennoch lässt sich der Roman gut als Standalone lesen, die Kenntnis der anderen Bücher hätte aber vermutlich eine noch tiefere Verbindung zur Geschichte geschaffen. Das Buch lässt sich dabei relativ einfach einem Genre zuordnen, ist aus meiner Sicht klassische Gegenwartsliteratur und nicht – wie auf Verkaufsportalen teils angegeben – eine Familiensaga.

Die Handlung wird dabei aus personaler Sicht von Paula erzählt – und in den ersten zwei Dritteln geht sie auch relativ stringent voran, wenn auch mit größeren Zeitsprüngen gespickt. Dabei erzählt Roddy Doyle die familiären Geschehnisse eingebettet in die großen gesellschaftlichen Entwicklungen der frühen 20er Jahre, nimmt stark Bezug auf die Corona-Pandemie und – zuletzt – auch auf die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Zum Ende hin wird die Handlung jedoch etwas zähflüssig, durchbricht die Stringenz und sorgt für ein sehr antiklimaktisches Ende, das größtenteils auch schon vorweggenommen worden ist.

Das Setting kann dahingegen wieder überzeugen. So entführt der Autor die Leser:innen ins Irland der Jetztzeit, in eine Stadt, geprägt von der Pandemie, in einen Haushalt, geprägt von den vergangenen Gräueltaten. Durch die Aktualität gelingt es ihm dadurch, natürlich sofort auch bei den Leser:innen Erinnerungen und Erwartungen zu schaffen, sich mit Paula zu connecten und sofort eine Verbindung zu ihr aufzubauen. Gleichsam ist immer ein irischer Flair vorhanden, sodass der Handlungsort trotzdem prägend verbleibt.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Am stärksten kann hier Mary glänzen, aber durchaus auch Paula schafft es, zumindest phasenweise zu begeistern. Sonst ist der Personenkreis kammerspielartig stark begrenzt. Roddy Doyles Schreibstil lässt sich durchaus flüssig und gut lesen, lediglich mit den Dialogen und ihrer Darstellung werde ich auch weiterhin nicht warm.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist einfach, insbesondere die Chatnachrichten hätte man ggf. innovativer setzen können. Das Covermotiv ist eher simpel und kein Eyecatcher, farblich wird der Umschlag zur Coverrückseite krass unterbrochen und abgeändert. Insgesamt ist die Gestaltung eher eintönig, die Ausgabe generell sehr schlicht.

Mein Fazit? „Die Frauen hinter der Tür“ ist ein Roman der Gegenwartsliteratur, der mit seinem Setting und seiner Eindringlichkeit punktet, zum Ende hin aber auch etwas abbaut. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von 16 Jahren.