[Buchgedanken] Marie Sand: „Wie ein Stern in mondloser Nacht“ (Heimliche Heldin 2)

Vor kurzem habe ich auch „Wie ein Stern in mondloser Nacht“ von Marie Sand gelesen. Das Buch ist 2023 als Droemer Taschenbuch im Droemer Verlag in der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG veröffentlicht worden und als historischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Immer größer wird die Schere zwischen Arm und Reich im Berlin der 50er-Jahre. Das sieht auch die Hebamme Henni Bartholdy mit wachsender Sorge. Wie kann es sein, dass im Deutschland des Wirtschaftswunders verzweifelte Mütter ihre ungewollten Babys aus Scham und schierer Not aussetzen oder gar töten? Als auch Hennis große Liebe, der Arzt Ed von Rothenburg, keine Antwort weiß, handelt sie. Kurzerhand stellt sie eine Apfelsinenkiste in den Hinterhof ihres Geburtsraumes auf. Bis tatsächlich das erste Findelkind in der Klappe liegt – und lebt!

„Wie ein Stern in mondloser Nacht“ ist der zweite Roman von Marie Sand über eine „heimliche Heldin“ der deutschen Geschichte, die so nicht in den Lehrbüchern steht. Persönlich fällt mir hier schon eine Genrezuordnung schwer – aufgrund der verschiedenen Handlungsstränge in den 50ern und den 2000ern könnte man über eine Familiensaga nachdenken, auch eine historische Romanbiografie wäre denkbar oder auch ein zeitgenössischer Roman, da die Vergangenheit noch nicht allzu weit entfernt ist. Schlussendlich habe ich mich aufgrund des Hauptschwerpunkts der Handlung in den 50er Jahren jedoch für die Eingruppierung als historischer Roman entschieden.

Die Handlung ist kurzweilig und abwechslungsreich, wenn auch teils vorhersehbar, auch durch den Prolog und die zweite, nah an der Jetztzeit spielende, Handlungsebene – auf diesen Zeitstrang hätte man meines Erachtens auch verzichten können, da er wenig zur Handlung beiträgt. Abgesehen davon ist es jedoch wichtig, dass Marie Sand dieses doch eher unterrepräsentierte Thema deutscher Geschichte mit dem Roman in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit gerückt hat – erschreckend, wie wenig sich hier über Jahrzehnte getan hatte. Auch wenn Hennis Weg sicherlich nicht der ideale war, ist ihr Mut doch zu bewundern.

Das Setting ist naturgemäß gelungen – etwas anderes würde bei historischen Romanen auch irritieren. So entführt Marie Sand den Leser ins Berlin der (im Wesentlichen) 50er Jahre, lässt den Gegensatz zwischen den Gesellschaftsschichten im Nachkriegsdeutschland deutlich werden, sodass die Beklemmung, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der handelnden Personen für den Leser durchaus spürbar wird, man mit den Charakteren leidet.

Die einzelnen Figuren sind – im Wesentlichen – vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere Marta und Mol, während Henni nicht immer nachvollziehbar handelt und Liv sich unfair gegenüber ihrer Mutter verhält. Marie Sands Schreibstil ist dabei leicht und flüssig zu lesen, trotz einer durchaus vorhandenen Authentizität, die für eine hinreichende Recherche spricht.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten (gerade am Ende) durchgerutscht, die den Lesefluss aber nicht allzu sehr mindern. Der Buchsatz überzeugt, nicht zuletzt auch durch den Beginn jedes größeren Sinnabschnitts auf einer ungeraden Seite. Der Buchumschlag ist mit Klappen und toll gestalteten, farbigen Coverinnenseiten versehen, das Covermotiv eindringlich, wenn auch die abgebildeten Personen künstlich ins Bild gesetzt scheinen. Auch irritiert der krass abgesetzte Buchrücken, der einen starken Kontrast zum restlichen Buchdesign bildet.

Mein Fazit? „Wie ein Stern in mondloser Nacht“ ist ein gelungener historischer Roman über ein wichtiges, zu oft vernachlässigtes Thema, das den modernen Handlungsstrang aber nicht gebraucht hätte. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Petra Schier: „Die Liebe des Pilgers“ (Pilger 3)

Vor kurzem habe ich auch „Die Liebe des Pilgers“ gelesen, den dritten Band der Pilger-Trilogie von Petra Schier. Das Buch ist 2023 bei HarperCollins in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH erschienen und als historischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Eine verbotene Liebe, die nur heimlich gelebt werden kann – Palmiro weiß, wie gefährlich das ist, und doch zerreißt es ihm das Herz, als der Mensch, mit dem er sein Leben verbringen möchte, Koblenz verlässt. Um sich abzulenken, stürzt er sich in sein noch junges Geschäft, den Handel mit kostbaren Pelzen und wertvollem Geschmeide, und wird immer mehr zum angesehenen und erfolgreichen Geschäftsmann. Doch Palmiro ahnt nicht, dass auch dieser Erfolg bedroht ist. Der ehemalige Inquisitor Erasmus von London hat geschworen, Palmiro der Ketzerei zu überführen. Er schreckt dabei vor nichts zurück und bringt damit auch Palmiros Freunde und Familie in Gefahr.

„Die Liebe des Pilgers“ ist nach „Das Kreuz des Pilgers“ und „Das Geheimnis des Pilgers“ der abschließende Band der Pilger-Trilogie, einem Spin-Off zur „Kreuz“-Trilogie („Die Eifelgräfin“, „Die Gewürzhändlerin“ und „Die Bastardtochter“). Dabei setzt der Roman die Handlung des Vorgängers nahtlos fort. Trotz der starken Konzentration auf die familiären Bindungen untereinander sehe ich das Buch weiterhin als klassischen historischen Roman und nicht als historische Familiensaga. Dieser ist allerdings nur schwerlich als Standalone lesbar. Zwar werden viele Punkte im Roman wieder aufgegriffen und (erneut) erklärt, dennoch ist Vorwissen sinnvoll und erleichtert zumindest das Verständnis.

Die Handlung ist abwechslungsreich und grundsätzlich spannend, auch wenn das große Finale der kompletten Trilogie hier leider doch etwas antiklimaktisch daherkommt. Zudem ist aufgrund der Vielzahl der Handlungsstränge die Handlung teils doch sehr langatmig, wird wenig stringent erzählt und geht, gerade im Mittelteil, doch wenig voran. Dabei fällt auch der Einstieg nicht ganz leicht aufgrund der schieren Masse an Personen, wird aber immerhin durch die vorangestellte Dramatis Personae etwas erleichtert.

Das Setting bleibt natürlich überzeugend. So entführt die Autorin den Leser ins mittelalterliche Koblenz, nimmt ihn unter anderem mit auf eine Reise nach Nürnberg, Colmar und England, in eine Welt zwischen Handel und Adel, zwischen Kirche und Sünde, zwischen Hoffnung und Schwermut. Dabei werden teils noch schwierigere Themen angesprochen wie in dem vorherigen Band, insgesamt überzeugt vor allem die Authentizität, die auf eine hinreichende Recherche schließen lässt, die aber den Lesefluss nicht allzu stark schmälert.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive und entwickeln sich durchaus im Vergleich zum letzten Band weiter. Hierbei können insbesondere wichtige Nebenrollen wie Elisabeth, Notker, Minta und Nilda überzeugen, während vor allem Genericus aber auch Mariana wenig nachvollziehbar handeln. Petra Schiers Schreibstil ist dabei, trotz der Authentizität, größtenteils leicht und flüssig zu lesen und lässt das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben im Wesentlichen ordentlich gearbeitet, der Buchumschlag ist auf dem Cover und dem Buchrücken leicht geprägt, eine vorangestellte Karte und Dramatis Personae runden die Handlung ab. Das Covermotiv und die Gesamtgestaltung sind genretypisch und passen sich gut in das Gesamtbild der Reihe ein, bieten aber wenig Überraschungen oder Highlights.

Mein Fazit? „Die Liebe des Pilgers“ ist ein im Wesentlichen gelungener Abschluss der Buchreihe, der durch sein Setting und interessante Figuren glänzt, aber doch etwas antiklimaktisch und mit Längen daherkommt. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – allerdings nicht als Standalone und ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Rachel Yoder: „Nightbitch“

Vor kurzem habe ich auch „Nightbitch“ von Rachel Yoder gelesen. Das Buch ist 2023 bei Klett-Cotta, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH erschienen, die Originalausgabe wurde 2021 unter gleichem Titel im Verlag Doubleday, New York, veröffentlicht. Der Roman ist als Gegenwartsliteratur einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Eva Bonné verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Eine junge Mutter legt ihre eigene Karriere auf Eis, um sich um ihren Sohn zu kümmern. Ein Knochenjob zwischen Holzeisenbahn und Lätzchen. Doch als sie körperliche Veränderungen feststellt – geschärfte Eckzähne und Haare, die sich wie Fellbüschel anfühlen – entdeckt sie eine unbekannte, animalische Seite an sich. Je stärker sich die rationale Künstlerin auf ihre Verwandlung einlässt, desto natürlicher gestaltet sich die Beziehung zu ihrem Kind. Doch wie soll sie es ihrem Mann erklären, dass der Sohn neuerdings im Hundekorb schläft und statt Joghurt und Cornflakes lieber rohes Fleisch frühstücken möchte?

„Nightbitch“ ist … ja was eigentlich? Ich bleibe jedenfalls als Leser etwas ratlos zurück. Der Debütroman von Rachel Yoder – umjubelt und hochdekoriert – lässt sich in keine Schublade pressen, ist unkonventionell, feministisch und brutal, gleichzeitig aber auch irritierend mystisch, erschreckend und teils unverständlich. Ich habe ihn hierbei als Gegenwartsliteratur eingruppiert, wobei sich sicherlich auch Argumente für andere Genrezuschreibungen finden lassen.

Aussagen zur Handlung sind hier nicht so leicht zu treffen, da Realität und Einbildung auf mehreren Ebenen verschwimmen – eine klare Linie ist jedenfalls nicht ersichtlich. Zudem baut das Buch zum Ende hin hier auch noch einmal stark ab, die immer größeren Eskalationsspiralen sind irgendwann doch zu viel und verstörend. Dabei wird jedoch nicht verkannt, dass das Buch unglaublich wichtige Themen anspricht und Fragen aufwirft, die wir uns alle stellen sollten.

Das Setting vermag im Wesentlichen zu überzeugen, porträtiert Rachel Yoder doch das typisch-amerikanische städtische und familiäre Idyll, zwischen Spiel- und Hundeplatz, Einfamilienhaus und Müttergruppen, zwischen Bibliotheken, Vernissagen und Verkaufsveranstaltungen und hinterfragt dieses gesellschaftskritisch, insbesondere im Hinblick auf klassische und überkommene Rollenverteilungen, die teils noch viel zu stark in der Gesellschaft verankert sind.

Auch Aussagen zu den Figuren sind kaum möglich, ist der Cast doch stark begrenzt und Nightbitch als Protagonistin verstörend ungreifbar. Allerdings vermag der Mann nicht zu überzeugen, die ständige Gleichgültigkeit, das Desinteresse wirkt irgendwann doch stark überzeichnet und nicht mehr realistisch. Rachel Yoders Schreibstil hingegen brilliert und sorgt für das einzige, wirkliche Highlight des Buches: die Sprache. Rachel Yoder schreibt schonungslos ehrlich, pointiert und unglaublich bildhaft – ein Lichtblick auf nach dem Debüt folgende Romane – ich würde ihr jedenfalls eine weitere Chance geben.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist ordentlich und verdient sich ein Lob dafür, jeden Abschnitt auf einer ungeraden Seite zu beginnen. Das Cover ist ein wahrer Eyecatcher und passt zum Inhalt des Buches, Buchrücken und Coverrückseite sind hier allerdings etwas eintönig und ideenlos, das unter dem Umschlag befindliche Buch ist schlicht.

Mein Fazit? „Nightbitch“ ist ein Debütroman, der sprachlich brilliert, aber sich selbst verliert, unverständlich bleibt und zum Ende hin eskaliert, aber dadurch abbaut. Für Liebhaber sprachlich starker Werke noch zu empfehlen – definitiv aber nichts für zartbesaitete Leser:innen und erst ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Kathrin Lange / Susanne Thiele: “ Toxin“ (Nina Falkenberg 2)

Vor kurzem habe ich auch „Toxin“ von Kathrin Lange und Susanne Thiele gelesen. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen und als Wissenschaftsthriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury und die vermittelnde Agentur Buchcontact.

Als in Berlin Obdachlose an Milzbrand sterben, ist Wissenschaftsjournalistin Nina Falkenberg alarmiert. Die Fälle erinnern an ein Ereignis in Alaska vor 10 Jahren, als das Auftauen des Permafrostbodens einen tödlichen Erreger freisetzte. Ebenfalls in Alaska verschwindet Ninas Freund, der Milzbrand-Forscher Gereon Kirchner. Nina bittet ihren Bekannten Tom Morell, dorthin zu reisen und herauszufinden, was passiert ist. Schon kurz nach Toms Ankunft taucht in einem Eistunnel eine Frauenleiche auf. Ist Gereon schuld an ihrem Tod? Hat er gar mit dem qualvollen Tod der Obdachlosen in Berlin zu tun? Während Tom und Nina versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen, müssen sie begreifen, dass sie gegen einen sehr viel mächtigeren Gegner kämpfen, als sie dachten …

„Toxin“ ist nach „Probe 12“ der zweite Roman des Autorenduos Kathrin Lange und Susanne Thiele um die Wissenschaftsjournalistin Nina Falkenberg und den Food- und Reiseblogger Tom Morell und knüpft zeitlich relativ nah an den Vorgänger an, kann aber als Standalone gelesen werden (auch wenn ich es nicht empfehlen würde). Während „Probe 12“ noch klassisch ein Wissenschaftsthriller war, habe ich dies für „Toxin“ auch angenommen. Genauso gut hätte man das Buch aber auch als Umwelt- oder Politthriller bezeichnen können, es zeigt theoretisch sogar Aspekte eines Spionagethrillers.

Die Handlung ist durchaus kurzweilig und mit einigen tollen Twists versehen, in Teilen aber auch vorhersehbar. Gerade am Anfang kommt die Handlung zudem relativ schwer in Schuss, einige angelegte Handlungsstränge machen bislang in ihrer Präsenz auch noch wenig Sinn – ob dies durch einen Nachfolgeband aufgefangen wird, ist mir zumindest noch nicht bekannt. Abgesehen davon mischt der Roman – ein bekanntes Rezept des Vorgängers – hochaktuelle und wichtige Themen mit einer spannenden Thrillerhandlung zu einem tollen Gesamtprodukt – ein wahrer Pageturner.

Auch das Setting vermag zu überzeugen. So entführen die Autorinnen den Leser nicht nur erneut nach Berlin, sondern vor allem auch nach Alaska, in die endlosen Weiten des Permafrostgebietes mit Forschungsstationen, Kleinstädten und indigenen Siedlungen. Dabei zeugt vor allem der wissenschaftliche Part wieder von enormem Fachwissen und gelungener Recherche, während die Polizeiarbeit teils etwas stiefmütterlich behandelt wird – die Fehler dort aber auch im Nachwort zugegeben werden.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen vor allem Sylvie und auch mit leichten Abstrichen Nina, während Tom mir im ersten Band noch besser gefallen hat. Der Schreibstil der Autorinnen ist dabei leicht und flüssig zu lesen und lässt das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist ebenfalls gelungen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Buchumschlag ist mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen. Das Titelmotiv passt farblich gut zum ersten Band und sorgt so für einen halbwegs einheitlichen Gesamteindruck der Reihe.

Mein Fazit? „Toxin“ ist ein spannender und überzeugender Wissenschaftsthriller, der allerdings etwas langsam beginnt und nicht ganz an die Brillanz des ersten Buches heranreicht. Dennoch für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag empfohlenen Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Ulla Scheler: „Acht Wölfe“

In den letzten Tagen habe ich auch „Acht Wölfe“ von Ulla Scheler gelesen. Das Buch ist vor einigen Tagen – um genau zu sein, am 13.09.2023 – im Wilhelm Heyne Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen und als Survivalthriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an die Autorin und den Verlag für die Bereitstellung eines Leseexemplars mit Rezensionsangebot.

Acht junge Menschen schließen sich einer geführten Wanderung im größten Nationalpark Kanadas an. Sie wollen für drei Wochen ungezähmte Natur erleben und Nordlichter sehen. Aber sogar in der tiefsten Wildnis kann man zur falschen Zeit am falschen Ort sein. Als sie Zeugen eines Verbrechens werden, bleibt ihnen keine andere Wahl, als Hals über Kopf ins Dickicht zu fliehen. Sie haben keine Orientierung, kaum Ausrüstung und können einander nicht leiden. Aber sie haben nur eine Chance, es lebendig nach Hause zu schaffen: wenn sie zusammenhalten

Was für ein wilder Ritt! „Acht Wölfe“ ist nach „Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen“ und „Und wenn die Welt verbrennt“ mein drittes Buch von Ulla Scheler – und nach ihren traumhaften Jugendbüchern ihr erster All-Age Roman, der sich gar nicht so einfach kategorisieren lässt. Gegenwartsliteratur? Survivalroman oder -thriller? Psychothriller? Der Einfachheit halber habe ich es oben als Survivalthriller bezeichnet, denn das Genre ist eigentlich egal – die einzige Einordnung die zählt, ist folgende: „Acht Wölfe“ ist ein Jahreshighlight! Vielleicht sogar mehr. Und Ulla Scheler hat erneut ein Buch geschrieben, das mich hellauf begeistert, und das ihren Platz im Olymp meiner Lieblingsautor:innen verteidigt – nicht, dass er je in Gefahr gewesen wäre.

Die Handlung ist hochspannend, abwechslungsreich, schonungslos und voller Plottwists, die das Buch zum absoluten Nailbiter und Pageturner werden lassen. Dabei scheut sich Ulla auch nicht, unpopuläre Entscheidungen zugunsten des Plots zu treffen (auch wenn ich ihr eine sehr übel nehme :D), anders hätte der Roman jedoch sicherlich nicht diese nachhallende Wucht entfesselt. Zugleich füllt die Autorin den Roman mit Hintergrund, räumt Liebesgeschichten Raum ein, lässt diese aber nicht dominant werden, und sorgt für ein richtiges Maß an Infodump zu den Figuren, ohne den Lese- und Handlungsfluss zu stören.

Das Setting ist natürlich atemberaubend. Ulla Scheler nimmt den Leser mit auf einen – im wahrsten Sinne des Wortes – Trip in den größten Nationalpark Kanadas, in die absolute Wildnis, zu einem Kampf auf Leben und Tod. Dabei gelingt es der Autorin, die Natur eindringlich zu beschreiben, die Beklemmung, Angst und Hoffnungslosigkeit aber auch die Gemeinschaft und kurzen Momente der Freude fühlbar zu machen – und ja, mir zumindest an einer Stelle auch die Tränen in die Augen zu treiben.

Die einzelnen Figuren sind vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen eigentlich alle, am stärksten ins Herz geschlossen habe ich aber Bombe, die wirklich eine Bombe ist (man verzeihe mir das Wortspiel :D) und einfach brilliert. Aber auch Valentina und Jakob können glänzen. Genau wie Ulla Schelers Schreibstil, der präzise, gefühlvoll und unglaublich berührend ist, der die Figuren zum Leben erweckt und das Kopfkino sofort anspringen lässt – wie Katja Brandis im Blurb bereits festgestellt hat: Es handelt sich um die Sprache „einer meisterhaften Autorin“.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben ordentlich gearbeitet, der Buchumschlag ist mit Klappen versehen, gegebenenfalls hätte man hier noch mit einer Prägung oder farbigen Coverinnenseiten das Produkt etwas veredeln können. Das Titelbild ist hingegen atmosphärisch toll und setzt sich auf Buchrücken und Coverrückseite fort, sodass ein tolles Gesamtbild entsteht.

Mein Fazit? „Acht Wölfe“ ist das neue Meisterwerk von Ulla Scheler, die den Wechsel vom Jugendbuch zum All-Age mühelos meistert. Dabei kann der Roman vor allem durch seine atemberaubende Handlung und seine gefühlvolle Sprache brillieren, und wartet zudem mit tollen Charakteren auf. Für Leser aller Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Sarah Nisi: „Ich bringe dich zum Schweigen“

Vor kurzem habe ich auch „Ich bringe dich zum Schweigen“ von Sarah Nisi gelesen. Das Buch ist 2023 im btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH veröffentlicht worden und als Psychothriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Die Beziehung der Stiefschwestern Phoebe und Charlie ist seit ihrer Kindheit durch Konkurrenzkampf geprägt. Ein Ereignis in der Schulzeit machte daraus offene Feindschaft. Umso überraschter sind beide, als sie jetzt, mit Ende 20, gemeinsam ein größeres finanzielles Erbe antreten sollen. Die einzige Bedingung: Sie müssen sich unterstützen – denn nur durch enge Zusammenarbeit kann ihnen der Durchbruch in der Theaterszene Londons gelingen. Was sich wie eine Aufforderung zur Versöhnung anhört, wird für Charlie und Phoebe zum Albtraum. Und das Ringen um eine erfolgreiche Inszenierung ein fatales Spiel um Leben und Tod.

„Ich bringe dich zum Schweigen“ ist nach „Ich will dir nah sein“ der zweite Psychothriller von Sarah Nisi. Nachdem der erste direkt zum Bestseller avancierte und von den Kritiken gefeiert wurde, waren Druck und Erwartungshaltung für dieses Buch unglaublich hoch – und Sarah Nisi hat geliefert. „Ich bringe dich zum Schweigen“ ist einer der besten Thriller, die ich in der letzten Zeit gelesen habe – und begeistert mich auch einige Zeit, nachdem ich das Buch beendet habe, immer noch nachhaltig.

Die Handlung ist hochspannend, abwechslungsreich und wartet immer mal wieder mit unerwarteten Wendungen auf. Und auch wenn man Teile der Handlung gut überblickt, durchaus vorausahnt, hat Sarah Nisi immer einen weiteren Plottwist im Köcher, um dem ganzen die Krone aufzusetzen. Dabei wird die Geschichte immer mal wieder durch Rückblenden unterbrochen, sowohl solche der nahen Vergangenheit als auch welche aus der Kindheit/Jugend der Protagonistinnen. Erzählt wird die Geschichte hierbei aus fünf verschiedenen personalen Erzählperspektiven – die Rückblenden in die tiefste Vergangenheit nicht eingerechnet. Einziges kleines Manko: das Ende. Nicht von der Auflösung, sondern von den Konsequenzen. Mehr wird hier aber nicht verraten :).

Auch das Setting vermag zu überzeugen. Sarah Nisi entführt den Leser nach London und in die Vergangenheit nach Norlington, in ein Spannungsfeld zwischen Theater-AG und der Inszenierung des Erbes einer weltbekannten Theaterautorin. Dabei gelingt es der Autorin, immer mal wieder spannende Fakten übers Theater und Theaterproduktionen einzubringen, ohne das Buch damit zu überfrachten, sodass der Kernfokus auf der Thrillerhandlung bleibt.

Die einzelnen Figuren sind vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugt Charlie als allumfassend gelungene und dreidimensionale Protagonistin, während lediglich Luke etwas vernachlässigbar blass bleibt. Sarah Nisis Schreibstil ist dabei leicht und flüssig zu lesen, lässt das Kopfkino sofort anlaufen und das Buch zum Pageturner werden.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, lediglich die kursiv gesetzte Vergangenheitsperspektive mutet ideenlos an. Der Buchumschlag ist auf Cover, Coverrückseite und Buchrücken leicht geprägt, mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen – sehr edel. Das Titelmotiv, das auch auf der Coverrückseite und den Coverinnenseiten wieder aufgegriffen wird, ist ansehnlich und farblich toll, aber auch austauschbar und etwas beliebig.

Mein Fazit? „Ich bringe dich zum Schweigen“ ist einer der besten Psychothriller der letzten Zeit, der vor allem mit atemberaubenden Plottwists und einem tollen Setting punkten kann. Für Leser des Genres unbedingt zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] André Milewski: „Alle Feuer der Hölle“ (Vulkane 2)

Vor kurzem habe ich „Alle Feuer der Hölle“ von André Milewski gelesen. Das Buch ist 2023 im Selfpublishing veröffentlicht worden und als historischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Autor für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Im Jahr 1902 genießt die Stadt St. Pierre auf der Karibikinsel Martinique den Ruf, die „Perle der Antillen“ zu sein. Der deutsche Handelskapitän Leonhard Mahler ist auf der Suche nach guten Zucker- und Rumgeschäften in die Stadt gekommen. Derweil wächst in der Stadt die Spannung unter der Bevölkerung. Wahlen stehen an. Als im April des Jahres die ersten Rauchschwaden aus dem Vulkan Mont Pelée aufsteigen, ahnt man in St. Pierre noch nichts Böses. Doch als das Grollen immer lauter wird und Asche wie Schnee vom Himmel fällt, wächst die Sorge. Doch fliehen kommt nicht in Frage, denn die Politiker wollen unbedingt den Wahltermin einhalten, und zwar mit der größtmöglichen Zahl von Leuten. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf …

„Alle Feuer der Hölle“ ist der lose verknüpfte, zweite Band von André Milewskis Reihe über berühmte Vulkanausbrüche. Schon im Vorgänger „Der Choral der Hölle“ trat zwar Leonhard Mahler, einer der Protagonisten des Romans, bereits in Erscheinung – grundsätzlich sind die Bücher jedoch alle als Einzelbände angepriesen und sollen unabhängig voneinander lesbar sein. Zumindest mir haben wenige Informationen gefehlt – sodass ich bestätigen kann, dass „Alle Feuer der Hölle“ als Standalone lesbar ist.

Die Handlung ist spannend, wenn natürlich auch hinsichtlich der historischen Ereignisse genrebedingt vorhersehbar. Allerdings kommt die Handlung dabei nur langsam im Schwung, aufgrund der Vielzahl an Handlungssträngen fehlt es anfangs an Stringenz. Dabei mischt der Roman die Aspekte der Katastrophe mit diversen Liebesgeschichten, einer kritischen Betrachtung des Kolonialismus und diversen weiteren Themen. Daher habe ich den Roman auch nicht als klassischen (historischen) Katastrophenroman, sondern generell als historischen Roman eingruppiert.

Das Setting kann naturgemäß überzeugen. So entführt der Autor den Leser nach Martinique, in das beginnende 20. Jahrhundert, in eine Welt voller technischer Neuerungen und erster Unabhängigkeitsbestrebungen der Kolonien. Dabei kann der Roman hier durch eine gute Recherche und ein authentisches Setting punkten, fällt dafür allerdings auch gelegentlich in eine Art Bericht zurück, insbesondere zum Ende hin. Gleichzeitig ist das Buch hier auch erschreckend anschaulich, schonungslos brutal und daher nichts für zarte Gemüter oder junge Leser:innen.

Die einzelnen Figuren sind aufgrund der Vielzahl teils nur eindimensional angelegt, haben aber dennoch im Wesentlichen eigene Ziele und Motive. Hierbei glänzen insbesondere Louis Mouttet und Isabella als wichtige Nebencharaktere, während Leonhard nicht immer ganz nachvollziehbar handelt. André Milewskis Schreibstil lässt sich dabei trotz der Authentizität noch leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anspringen, wenn auch teils etwas die Nähe zu den Figuren und die damit verbundene Emotionalität fehlt.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und/oder Korrektorat halten sich noch im Rahmen, die durchgerutschten Fehler schmälern den Lesefluss nicht wesentlich, der Buchsatz ist ordentlich, auf die teils spoilernden Kapitelüberschriften hätte man aber verzichten können. Die Geschichte wird dabei durch eine Dramatis Personae und eine Karte abgerundet, der Buchumschlag ist relativ eintönig, aber in genretypischer Grundfarbe. Das Covermotiv kann zwar überzeugen, die Farbgebung mutet allerdings skurril an.

Mein Fazit? „Alle Feuer der Hölle“ ist ein solider historischer Roman mit tollem Setting und einer spannenden Handlung, die aber etwas langsam in Fahrt kommt. Für Leser des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von nicht unter 16 Jahren

[Buchgedanken] Nadja Raiser: „Die Weltenseglerin“

Vor kurzem habe ich auch „Die Weltenseglerin“ von Nadja Raiser gelesen. Das Buch ist 2023 im Knaur Verlag, einem Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG erschienen und als historischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Portugal, 1519: Um der Ehe mit einem gewalttätigen Trinker zu entgehen, flüchtet sich die junge Mariella Alvaro als Mann verkleidet auf die Concepción – eines der fünf Schiffe, mit denen ihr Onkel Fernando Magellan den westlichen Seeweg von Spanien zu den Gewürzinseln Indonesiens erkunden will. Als Mariellas Tarnung schließlich auffliegt, muss sie sich nicht nur gegen zermürbende Flauten und lebensbedrohliche Stürme behaupten: Die Matrosen begegnen ihr entweder mit offener Feindseligkeit, weil sie überzeugt sind, eine Frau an Bord würde Unglück bringen; oder sie werfen ihr Blicke zu, die Mariella als mindestens ebenso gefährlich empfindet. In die größte Gefahr bringt Mariella jedoch ihr eigenes Herz, das sie ausgerechnet an den ehemaligen Kapitän Juan Sebastián de Elcano verliert …

„Die Weltenseglerin“ ist ein klassischer historischer Roman, der ein prägendes Ereignis der Weltgeschichte, die erste Weltumsegelung durch Ferdinand Magellan (im Roman wird die im Deutschen auch gebräuchliche, aber unüblichere und an das Spanische angelehnte Version Fernando Magellan genutzt) bzw. dessen Expedition, ins Zentrum der Handlung rückt und erlebbar macht. Dabei werden die bekannten Schicksale historischer Persönlichkeiten mit denen fiktiver Protagonistinnen verknüpft und zu einem größtenteils authentischen historischen Roman gesponnen.

Die Handlung ist spannend und abwechslungsreich, teils aber anfangs mit Längen versehen, später dafür mit größeren Zeitsprüngen und Aussparungen an interessanten Stellen – hier hätte die Schwerpunktsetzung etwas feinjustiert werden können. Auch ist der Beginn sehr konstruiert, spätestens aber nach dem ersten Drittel ist dies vergessen und die Handlung, eine Mischung aus Abenteuerroman und sehr abenteuerlicher (und sehr präsenter) Liebesgeschichte, zieht einen vollends in seinen Bann.

Das Setting vermag naturgemäß zu überzeugen. So entführt die Autorin den Leser nicht nur ins beginnende 16. Jahrhundert, sondern nimmt ihn noch mit auf eine Reise um die Welt, unter anderem mit Stationen in Brasilien oder auf den Philippinen. Dabei zeugt der Roman von guter Recherche, historische Ungenauigkeiten werden im Nachwort (größtenteils) angesprochen, lediglich der Lebenswandel von Juan Sebastián de Elcano wird hier ausgespart, lässt sich dieser doch auch nicht zwingend mit dem Bild eines lebenslang treuen Ehemannes in Einklang bringen.

Die einzelnen Figuren sind – zumindest, was die größeren Rollen angeht – im Wesentlichen vielschichtig angelegt, unwichtigere Charaktere verbleiben aufgrund der schieren Masse an Figuren teils holzschnittartig und eindimensional. Hierbei können vor allem prominente Nebencharaktere wie Simon und Hernando überzeugen, während Juan teils wenig nachvollziehbar handelt. Nadja Raisers Schreibstil lässt sich leicht und flüssig lesen, balanciert dabei Authentizität und Lesbarkeit gut aus und lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung brilliert auf ganzer Linie. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben ordentlich gearbeitet, der Buchumschlag ist mit Klappen und toll gestalteten, farbigen Coverinnenseiten versehen. Titelbild, Buchrücken und Coverrückseite sind zudem wunderschön gestaltet, ein wahres Gesamtkunstwerk und ein wirklicher Eyecatcher. Lediglich in die, der Handlung vorangestellte, Dramatis Personae hätte man noch etwas Ordnung bringen können.

Mein Fazit? „Die Weltenseglerin“ ist ein im Großen und Ganzen toller historischer Roman mit einem unglaublich spannenden Thema, einem brillanten Setting und nur kleineren Schwächen in der Schwerpunktsetzung. Für Liebhaber des Genres daher bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Viktoria Bolle: „Blumental – Leeres Land“ (Blumental 1)

Vor kurzem habe ich auch „Blumental – Leeres Land“ von Viktoria Bolle gelesen. Das Buch ist 2023 im Kampenwand Verlag veröffentlicht worden und als historische Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Olga und ihre Familie leben als freie und wohlhabende Bauern, bis Stalins Regime ihre Welt auf den Kopf stellt. Als Kulaken und Deutsche werden sie von der Roten Armee verfolgt, enteignet und zur Arbeit im Kolchos gezwungen. Doch Olga gibt nicht auf. Inmitten von Hunger, Willkür und Leid kämpft sie ums Überleben und muss dabei ihre tiefsten Überzeugungen aufgeben.

„Blumental – Leeres Land“ ist der erste Teil der Blumentalsaga, die mit „Blumental – Eis und Sturm“ fortgesetzt wird. Dabei spielt der Roman in zwei Zeitebenen, einer vergangenen und einer halbwegs aktuellen (2004). Da man letztere jedoch gänzlich vernachlässigen kann, sie unnötig ist und nur aus Prolog und Epilog besteht, könnte man das Buch durchaus auch als historischen Roman einordnen. Aufgrund der starken Konzentration auf das Schicksal der Familie Suppes habe ich es dennoch bei der vom Verlag getroffenen Eingruppierung als (historische) Familiensaga belassen.

Die Handlung ist im Wesentlichen spannend, aber auch im ersten Drittel etwas langatmig und ereignisarm, was sich jedoch im Verlauf des Buches stark verbessert. Dabei vermag es die hochemotionale Handlung jedoch nicht, diese Gefühle auch komplett zum Leser zu transportieren, bleibt doch immer eine gewisse Distanz, eine gewisse Emotionslosigkeit in der Beschreibung der Handlung. Positiv festzuhalten bleibt dahingegen, dass der Roman nicht in einem Cliffhanger endet, sondern Handlungsstränge im Wesentlichen abgeschlossen werden, sodass das Buch auch als Standalone gelesen werden kann.

Das Setting ist gelungen. So entführt die Autorin den Leser nach Westsibirien, in die einst blühenden Landschaften deutscher Kolonisten, in der Zeitspanne nach dem ersten Weltkrieg bis in die 1930er Jahre. Dabei gelingt es Viktoria Bolle gut, die zwar entbehrungsreiche und keinesfalls perfekte Lebensweise der deutschen Kolonisten von den späteren sowjetischen Gräueltaten, dem allumfassenden Hunger und der herrschenden Willkür abzugrenzen, und so eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen.

Die einzelnen Figuren sind teils schematisch angelegt, es bleibt jedoch genug Potential, um diese im zweiten Band dann konsequent weiterzuentwickeln. Vorerst kann David – Olgas Bruder, nicht ihr Mann – am stärksten glänzen, gelingt ihm doch in seiner Person eine glaubhafte Entwicklung vom unbekümmerten Mädchenschwarm zum verantwortungsbewussten Erwachsenen, während Olga – trotz der Ich-Perspektive – etwas blass und vom Leser entfernt bleibt. Viktoria Bolles Schreibstil ist dabei zwar – wie bereits beschrieben – relativ emotionsarm, aber authentisch bis an die Grenzen guter Lesbarkeit und zeugt von umfassender Recherche.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben ordentlich gearbeitet, insbesondere der Buchsatz verdient sich ein Lob dafür, jedes Kapitel auf einer ungeraden Seite zu starten. Zudem wird die Handlung mit Rezepten abgerundet. Der Buchumschlag ist auf Cover, Coverrückseite und Buchrücken ganz leicht geprägt und typografisch toll gestaltet, insgesamt aber relativ eintönig und unauffällig.

Mein Fazit? „Blumental – Leeres Land“ ist ein in weiten Teilen spannender Auftakt in die Familiensaga mit tollem Setting, aber auch noch einigem Entwicklungspotential für den nächsten Band. Trotz der relativ emotionsarmen Erzählweise für Leser des Genres dennoch zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Tommie Goerz: „Im Tal“

Vor kurzem habe ich auch „Im Tal“ von Tommie Goerz gelesen. Das Buch ist 2023 im ars vivendi Verlag veröffentlicht worden und als Gegenwartsliteratur einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Im Sommer 1897 erblickt Anton Rosser auf einem abgelegenen Hof in der Fränkischen Schweiz das Licht der Welt – ein dunkles Licht mit schwarzen Schatten, die ihn sein Leben lang begleiten. Er lebt dort abgeschieden und allein, bis ihn im Winter 1968 ein Wanderer auffindet, vornübergesunken an seinem Küchentisch, erfroren. Der Arzt bescheinigt einen natürlichen Tod, doch bleiben Fragen.

„Im Tal“ ist der neueste Roman des mit dem Friedrich-Glauser-Preis und dem Crime Cologne Award prämierten Autors Tommie Goerz, der für das Buch sein Genre verlassen hat, auch wenn es in „Im Tal“ durchaus zu Verbrechen und Gewalt kommt. Zudem ist der Roman durchaus historisch, zeichnet die Ereignisse der Weltkriege, insgesamt grob die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts nach. Dennoch ist das Buch auch nicht als historischer Roman, sondern als Gegenwartsliteratur einzuordnen, eine Eingruppierung, die so auch auf Verkaufsplattformen übernommen worden ist.

Die Handlung ist abwechslungsreich und durchaus spannend, wenn auch teils vorhersehbar. Tommie Goerz vermischt hier viele verschiedene handlungstreibende Elemente wie Liebe und Hass, Krieg, Einsamkeit und autoritäre Erziehung zu einem tragisch-düsteren Gesamtpaket, das einem gelegentlich Schauer über den Rücken laufen lässt. Dabei ist die Handlung oftmals verknappt, aufs Wesentliche reduziert, sodass auf den wenigen Seiten fast 70 Jahre am Leser vorbeiziehen, mal schneller, mal langsamer, aber unaufhaltsam, so wie das Leben spielt. Lediglich das Ende fällt hier etwas ab, verbleibt einerseits im Unklaren und eskaliert andererseits.

Das Setting ist gelungen. So entführt der Autor den Leser nicht nur in die fränkische Schweiz auf ein abgelegenes Gehöft, sondern auch in die Schützengräben des ersten Weltkriegs, auf die Flöße der Holztreidler und zur Verteidigung von Monte Cassino – um nur einige der relevanten Stationen aus Tonis Leben zu nennen, die der Leser hautnah miterleben kann – auch wenn es in der Regel keine schönen Erlebnisse sind.

Etwas zu den einzelnen Figuren zu sagen, ist fast nicht möglich – schließlich nimmt der Roman mit Ausnahme von Toni keine andere Figur wirklich ernst, lässt alle im Schatten verbleiben, selbst Marga und Maria spielen zwar in Tonis Leben wesentliche Rollen, handeln aber kaum aktiv oder kommen kaum zu Wort. Und selbst zu Toni verbleibt eine Distanz, ist er doch so von der Gesellschaft und jeglichen menschlichen Konventionen abgeschnitten, dass man sich nur schwerlich mit ihm identifizieren kann. Der Schreibstil von Tommie Goerz ist dabei eindringlich und prägnant und lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz sind sauber und unauffällig, der Buchdeckel ist auf Cover und Buchrücken hochwertig geprägt und mit farbigen Coverinnenseiten versehen, insgesamt aber sehr eintönig und zurückhaltend, genau wie das Titelmotiv, das zwar inhaltlich durchaus lose Bezug zur Handlung nimmt, aber eher nicht überzeugen kann.

Mein Fazit? „Im Tal“ ist ein im Wesentlichen gelungener Roman der Gegenwartsliteratur, der vor allem durch sein Setting und die eindringliche Atmosphäre punkten kann, zum Ende hin aber auch leicht abbaut. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.