[Buchgedanken] Sebastian Beck: „Vinz Solo“

Vor kurzem habe ich „Vinz Solo“ von Sebastian Beck gelesen. Das Buch ist 2023 in der Langen Müller Verlag GmbH erschienen und als Entwicklungsroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Die niederbayerische Provinz in den Achtzigern: In Artlhofen tobt der Kulturkampf zwischen Kirche, CSU und der Anti-Atombewegung. Mittendrin der 18-jährige Oberministrant Vinzenz Bachmaier, der endlich auch einmal cool sein möchte. Aber statt zur Demo nach Wackersdorf muss er zur Wallfahrt nach Altötting mitfahren. So wird das nichts mit seiner Ricarda und der Karriere als Rockgitarrist. Als er schließlich mit seiner Band aus der katholischen Enge ausbricht und das Glück greifbar nah scheint, nimmt sein Leben eine tragische Wendung. Vinzenz ist plötzlich ganz auf sich und seinen kauzigen Freund Kowalczyk gestellt – und auf seinen trotzigen Lebenswillen.

„Vinz Solo“ ist der neueste Roman des bayrischen Journalisten Sebastian Beck – und mehr oder weniger ein Porträt, eine Skizze über das Leben im ländlichen Bayern der 80er Jahre. Darüber hinaus ist das Buch – wie oben benannt – ein Entwicklungsroman, ist Coming-of-Age und Gegenwartsliteratur. Und es ist durchaus auch Gesellschaftskritik – im Großen wie im Kleinen. Dabei lassen sich zumindest einige der angesprochenen Themen auch gut in die heutige Zeit transportieren und sorgen so für eine gewisse Aktualität.

Die Handlung ist hierbei durchaus abwechslungsreich, teils aber auch vorhersehbar und überzeugt vor allem im ersten Abschnitt, der vor Humor und Leichtigkeit strotzt, während der zweite und dritte Teil des Buches doch etwas abbaut. Zwar wird das Buch zum Ende hin wieder etwas stärker, dies wird aber durch das in Gänze offene Ende konterkariert, das den Leser doch etwas unbefriedigt zurücklässt – insgesamt fehlt hier etwas der rote Faden, der sich sinnstiftend durch die komplette Handlung zieht.

Das Setting ist naturgemäß ein Traum. Der Autor entführt den Leser in die bayrische Provinz der 80er Jahre, in eine Welt zwischen Tradition und ersten, zarten modernen Anwandlungen – zwischen Punk und Kirchenchor, zwischen Anti-Atomkraft und Konservatismus. Eine Reise, die für die meisten Leser, die die 80er Jahre nur am Rande oder gar nicht miterlebt haben, in vielen Punkten abenteuerlich, teils sogar gar nicht vorstellbar ist.

Die einzelnen Figuren sind vielschichtig angelegt, einige zentrale Nebenfiguren wie Dilara und Simmerl können hier auch überzeugen. Vinz hingegen hängt irgendwie in der Luft, handelt teils nicht nachvollziehbar, zeigt keine Lernkurve und macht es dem Leser somit trotz der Ich-Perspektive schwer, eine Bindung zu ihm zu entwickeln. Sebastian Becks Schreibstil ist leicht und flüssig lesbar und überzeugt gerade im ersten Teil mit bestechendem Humor, der leider im Verlauf der Handlung immer weiter abnimmt.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist fehlerfrei und lässt (immerhin) wenigstens die drei Buchabschnitte auf ungeraden Seiten beginnen, was bei der Masse an Kapiteln sonst nicht geschieht. Der Buchumschlag ist mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, das Titelbild zieht sich gut über den gesamten Umschlag und sorgt für einen tollen Gesamteindruck, der auch durch die unglaublich gelungene Haptik des Buches verstärkt wird. Allerdings vermag das Titelbild in seiner Komposition nicht zu überzeugen. Zwar ist es farblich toll, die Zusammenstellung des gezeichneten Motivs mit dem hineingesetzten Menschen irritiert jedoch.

Mein Fazit? „Vinz Solo“ ist ein interessantes Porträt über das ländliche Bayern der 80er Jahre, das mit seinem Setting brilliert und stark und humorvoll beginnt, aber leider mit Verlauf der Handlung etwas nachlässt, den roten Faden vermissen lässt und viel zu offen endet. Für Leser mit Interesse am Thema dennoch zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Thorsten Pilz: „Weite Sicht“

Vor kurzem habe ich „Weite Sicht“ von Thorsten Pilz gelesen. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen und als Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Vier Frauen, vier Leben. Charlotte, die nach dem Tod ihres Mannes in Frage stellt, woran sie so lange glaubte. Gesine, die Hilfe braucht und nicht weiß, wie sie darum bitten soll. Sabine, die einsam ist und sich nicht damit abfindet. Und die Dänin Bente, der Freigeist, die Unruhestifterin, die fürchtet, nicht mehr genug Zeit zu haben für das, was sie noch vorhat. Nach vielen Jahren taucht Bente plötzlich wieder in Hamburg auf und wirbelt Charlottes Leben durcheinander. Mit ihrem Humor, ihrer Begeisterung für die Schriftstellerin Karen Blixen und ihrer Abenteuerlust. Vier Frauen, vier Leben. Und doch ist das, was ihnen die Sicht auf Neues verstellt, nur mit vereinten Kräften zur Seite zu schieben.

„Weite Sicht“ ist der Debütroman von Thorsten Pilz – und ich habe mich bereits mit der Genrezuordnung schwer getan. So liegt keine klassische Familiensaga vor, aber definitiv ein Roman über Familie – echte und selbst gewählte. Gleichsam sind aber auch Aspekte eines Entwicklungs- und Schicksalsroman vorhanden – und auch durchaus Argumente für die Klassifizierung als Gegenwartsliteratur. Aufgrund der jedoch wirklich starken Zentrierung um das Thema „Familie“ habe ich es schlussendlich bei der Eingruppierung als Familiensaga gelassen.

Die Handlung ist eher sekundär, passiert doch – etwas zugespitzt gesagt – fast gar nichts, wird die Geschichte doch vielmehr durch die Beziehungen untereinander und durch jeweils intrinsische Motive der Charaktere vorangetrieben als durch externe Handlungselemente. Dies ist in der Schlichtheit und Klarheit auch vollkommen okay – ich hätte mir lediglich gewünscht, dass die rar eingestreuten Handlungselemente etwas intensiver behandelt worden wären. Toll jedoch, dass die Handlung zeigt, dass auch im Alter von über 70 neue Liebe, neue Lebensabschnitte und drastische Veränderungen möglich sind.

Das Setting ist gelungen. So entführt der Autor den Leser nach Hamburg in die High Society zwischen Reederfamilie und Kulturstiftung, und in einen Vorort von Kopenhagen am Oresund – malerischer Sandstrand inklusive. Dabei zeigt Thorsten Pilz vor allem die stillen Seiten der Orte, die Alster am frühen Morgen, das Geburtshaus von Karen Blixen – oder auch den Berliner Teufelsberg. Eine bewusste Ruhe und Entschleunigung, die sicher auch dem Alter der Protagonistinnen geschuldet ist.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugt vor allem die dänische Wahlverwandtschaft mit Bente, Mogens und Troels, während Sabine nicht zwingend nachvollziehbar handelt. Der Schreibstil von Thorsten Pilz ist dabei leicht und flüssig lesbar, lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist ordentlich, auch wenn die Überschrift der Kapitel mit fortlaufender Handlungsdauer unnötig erscheint. Der Buchumschlag ist mit Klappen ausgestaltet, das Titelbild zieht sich gut über den kompletten Umschlag und sorgt für einen tollen Gesamteindruck, auch wenn der Bezug zur Handlung etwas fehlt.

Mein Fazit? „Weite Sicht“ ist ein im Großen und Ganzen, vor allem sprachlich, überzeugendes Debüt mit tollem Setting und interessanten Charakteren und nur kleineren Schwächen in der Handlung. Bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag empfohlenen Lesealter von 16 Jahren – vielleicht auch ein, zwei Jahre früher.

[Buchgedanken] Marie Merburg: „Leuchtturmsommer“ (Liebwitz 2)

Vor kurzem habe ich „Leuchtturmsommer“ von Marie Merburg gelesen. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen und als Liebesroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Nach einer Lebenskrise zieht Eva mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter an die Ostsee, um sich dort ihren Traum zu erfüllen und neu zu starten. Doch ihr Optimismus wird auf eine harte Probe gestellt, denn ihre Teenagertochter scheint Probleme magisch anzuziehen, und die Übernahme des örtlichen Cafés läuft alles andere als rund. Besonders der brummige Standesbeamte Jakob sieht die Neuzugänge im Ort kritisch. Dabei benötigt Eva für das Café dringend die Hochzeitsempfänge, um Geld in ihre Kasse zu spülen. Erst als Eva Jakob näher kennenlernt, erkennt sie, wie es gelingen könnte, seine harte Schale zu knacken. Aber dann geschieht etwas, das nicht nur Evas Herz ein weiteres Mal zu brechen droht …

„Leuchtturmsommer“ ist nach „Strandkorbzauber“ der zweite in Liebwitz spielende Roman der Autorin – und ihr, wenn ich mich nicht verzählt habe, siebter Ostsee-Roman. Dabei lässt sich das Buch gut als Standalone lesen. Zwar treten die Charaktere des ersten Bandes auch in diesem Buch auf, da aber die Protagonistin Eva zu Beginn des Romans neu nach Liebwitz zieht, lernt man diese zusammen mit Eva gemeinsam kennen – und, zumindest teils, lieben. Es schadet aber natürlich nicht, den ersten Band der Reihe gelesen zu haben.

Die Handlung ist kurzweilig und abwechslungsreich, genrebedingt durchaus aber teils auch vorhersehbar. Zwar mischt Marie Merburg auch das ein oder andere schwere Thema in den Roman mit ein, dies aber nur in einem Umfang, der nie die Liebesgeschichte dominiert, sodass das Feel-Good-Leseerlebnis die ganze Zeit erhalten bleibt – quasi eine perfekte Urlaubslektüre. Nichtsdestotrotz hätte man im Nachwort oder Anhang vielleicht noch die ein oder andere Website oder sonstige Hilfsangebote oder Ratschläge zum Umgang mit Cybermobbing erwähnen können.

Das Setting ist – wie sollte es anders sein? – gelungen. Die Autorin nimmt den Leser mit in ein fiktives Dorf auf der Halbinsel Darß-Fischland-Zingst: Leuchtturm, Strand und malerische Waldabschnitte inklusive. Ein Sehnsuchtsort mit viel Charme – und absoluter In-Hotspot für kleine Leuchtturmhochzeiten. Aufgrund von Marie Merburgs Schreibstil, der leicht und flüssig zu lesen ist und das Kopfkino sofort anspringen lässt, auch für den Leser gut vorstellbar – sogar wenn man selbst noch nicht in der Gegend gewesen ist.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Auch wenn vor allem die Nebencharaktere brillieren – Nele und Hannah sind absolute Superstars -, können auch Jakob und Eva, vor allem aber die Chemie zwischen ihnen beiden, überzeugen. Sofern es einen weiteren Band geben wird, bin ich daher jetzt schon gespannt, welchem Liebwitzer die Autorin das nächste, genrebedingt zwingende, Happy-End spendiert – ich könnte mir hier ja Ella gut vorstellen, deren Fernbeziehung ja auch irgendwie mal geklärt werden muss.

Die Buchgestaltung ist ebenfalls gelungen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Buchdeckel ist auf dem Cover und Buchrücken hochwertig geprägt, das Buch mit farbigen Coverinnenseiten versehen – sehr edel. Leider ist die Gestaltung des Covers und der Coverrückseite zwar ansehnlich, aber doch sehr belanglos ohne große Bezüge zur Handlung und generell eher austauschbar.

Mein Fazit? „Leuchtturmsommer“ ist ein toller Liebesroman, der zwar durchaus vorhersehbar ist, aber dennoch mit tollen Charakteren aufwarten kann – eine ideale Urlaubslektüre mit Feel-Good-Garantie. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – vielleicht auch schon ein oder zwei Jahre vor dem vom Verlag empfohlenen Lesealter ab 16 Jahren.

[Buchgedanken] Sarah Goodwin: „Stranded – Die Insel“

Vor kurzem habe ich „Stranded – Die Insel“ von Sarah Goodwin gelesen. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2021 unter dem Titel „Stranded“ bei AVON, HarperCollins Publishers Ltd. veröffentlicht. Das Buch ist als Thriller einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Dr. Holger Hanowell verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Für Maddy wird ein Traum wahr: Sie nimmt an einem neuartigen Fernsehexperiment teil, in dem acht Fremde auf einer einsamen schottischen Insel überleben müssen, ein Jahr lang, mit nur minimaler Ausrüstung und ohne Kontakt zur Außenwelt. 18 Monate später ist Maddys Traum zum Albtraum geworden. Die Behörden greifen die junge Frau in einem Fischerdorf auf dem Festland auf. Verzweifelt berichtet sie, wie das Boot, das die Teilnehmer nach einem Jahr abholen sollte, nicht kam. Und davon, wie in den folgenden Wochen einer nach dem anderen starb, nicht durch Hunger oder Krankheit, sondern durch menschliche Hand. Doch was verschweigt Maddy? Und wie schaffte sie es, die Insel lebend zu verlassen?

„Stranded – Die Insel“ ist der Debütroman von Sarah Goodwin – und was für einer! Als Thriller eingeordnet, könnte man ihn auch den Untergruppen „Psychothriller“ oder „Survivalthriller“ zuordnen. Gleichsam ist das Buch auch durch den von der Außenwelt abgeschnittenen, kleinen Handlungsraum und den damit verbundenen kleinen Kreis an Protagonisten ein Kammerspiel par excellence, das sich in ungeahnte Eskalationsspiralen steigert. Dabei ist der Schreibstil der Autorin zu jeder Zeit schnell und flüssig lesbar und lässt das – brutale – Kopfkino sofort anspringen.

Die Handlung ist kurzweilig, abwechslungsreich, eskapistisch und mit vielen unerwarteten Wendungen versehen. Wenn auch nicht immer logisch, entwickelt sie doch einen unglaublichen Sog, der nur dadurch abgemildert wird, dass die verschiedenen Zeitebenen, in denen das Buch spielt, einige Ergebnisse bereits vorwegnehmen. Dabei greift Sarah Goodwin auf die archaischen Triebfedern der Menschen zurück, um die Handlung voranzubringen: Hunger, Kälte – und den nackten Kampf ums Überleben.

Das Setting ist für den Roman perfekt gewählt. Eine abgeschiedene Insel vor Schottlands Küste, nicht weit, aber weit genug weg von der Zivilisation. Ein gar nicht undenkbares Reality-TV-Format. Und eine diverse Gruppe, die auf Sprengstoff angelegt ist – Sarah Goodwin schafft ein Setting, das plausibel (genug) erscheint, um dem Leser mit Erschrecken auf vieles hinzuweisen, was in der heutigen Gesellschaft schief läuft – und ihm den ein oder anderen Schauer über den Rücken laufen zu lassen.

Die einzelnen Figuren sind zumindest in der Breite vielschichtig angelegt – auch wenn man dank der Erzählperspektive (die hier auch für die Beklemmung sorgt) nur Maddy wirklich im Detail kennen lernt. Dennoch überzeugt auch der „Nebencast“ – allen voran Zoe, während lediglich Frank etwas blass bleibt – hier hätte man aus seiner Figur mehr rausholen können. Gern hätte ich auch mehr über Sashas und Adrians Erlebnisse erfahren, aber dafür hätte ja eine gänzlich neue Perspektive, fernab der Insel, eröffnet werden müssen.

Zur Buchgestaltung kann wenig gesagt werden, da mir ein Leseexemplar vorliegt, das mit der finalen Ausgestaltung nur bedingt übereinstimmt. Festgehalten werden kann jedoch zumindest, dass Lektorat, Korrektorat und Buchsatz sauber gearbeitet haben und das Covermotiv sehr atmosphärisch, allerdings auch etwas beliebig daherkommt. Mit der angekündigten Prägung und dem Farbschnitt sollte das Buch zudem einen hochwertigen Eindruck erzeugen – dies kann aber, wie gesagt, nicht abschließend beurteilt werden.

Mein Fazit? „Stranded – Die Insel“ ist ein wahrer Pageturner, ein toller, atmosphärisch und psychologisch starker Debütroman und Thriller. Für Liebhaber des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Hannah Conrad: „Ein Graf auf Abwegen“ (Das Lilienpalais 2)

Vor kurzem habe ich auch „Ein Graf auf Abwegen“, den zweiten Band der Reihe „Das Lilienpalais“ von Hannah Conrad gelesen – einem Pseudonym, hinter der sich das Autorinnenquartett Frieda Bergmann, Persephone Haasis, Monika Pfundmeier und Laila El Omari verbirgt. Das Buch ist 2023 im Wilhelm Heyne Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen und als historische Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Maximilian von Seybach ist Arzt aus Leidenschaft. Sein größter Wunsch ist es, besonders den Ärmsten der Gesellschaft zu helfen. Das passt ganz und gar nicht zu den ehrgeizigen Plänen seiner Familie. Als er erfährt, dass seine Großmutter bereits eine Ehe mit der wohlhabenden Sophie de Neuville arrangiert hat, ist er außer sich vor Wut. Heimlich hat Maximilian schon lange ein Auge auf die schöne und kluge Louisa geworfen. Das Problem: Louisa ist Dienstmädchen im Hause von Seybach. Er will nicht riskieren, dass sie ihre Stellung verliert, aber gegen seine Gefühle ist er machtlos. Unaufhaltsam kommen sie sich immer näher. Doch für ihre Liebe gibt es keinen Platz in der Gesellschaft. Und Maximilians Heirat mit Sophie steht kurz bevor …

„Ein Graf auf Abwegen“ ist der zweite Band der historischen Familiensaga um die Familie von Seybach. Da sich jeder Band um ein anderes Paar dreht, ist der Band als Standalone lesbar, ich würde es aber nicht empfehlen. So fehlten mir als Einsteiger mit Band 2 doch etwas die Vorgeschichte und die Erlebnisse aus Band 1, die einige der Personen in diesem Buch ja nachhaltig geprägt haben. Apropos andere Pärchen: Da sich jedes Buch um ein anderes Liebespaar dreht, hätte man hier auch das Genre Historical Romance oder historischer Liebesroman annehmen können – aufgrund der familiären Bande untereinander habe ich es aber bei einer Familiensaga belassen, auch wenn diese sich üblicherweise über mehrere Generationen erstreckt und nicht wie hier – zumindest in den ersten drei Bänden – lediglich eine Generation abdeckt.

Die Handlung ist abwechslungsreich, kurzweilig und stellt sich mit dem Wechsel zwischen „Oben“ und „Unten“ als Mischung aus Downton Abbey und Aschenputtel dar. Dabei gelingt es der Autorin (oder müsste ich „den Autorinnen“) sagen, die Probleme und Geschichten gut miteinander zu verflechten, die Handlungsstränge gut zusammenzuführen – lediglich der Plot-Twist am Ende mutet hier dann doch etwas konstruiert und unglaubhaft an – ein nur minimaler Wermutstropfen in dem sonst absoluten Pageturner.

Das Setting ist – wie sollte es anders sein – brillant. München um 1830, eine Geschichte zwischen Prachtvillen, dem Königshof und den Armenvierteln. Hannah Conrad entführt den Leser in eine Zeit des Umbruchs, die trotzdem an alten gesellschaftlichen Konventionen, die wir alle so lieben, festhält. Hierbei werden die krassen Unterschiede zwischen den Ständen unter einem Dach deutlich – und die nicht sehr gleichberechtigte Gesetzeslage, wenn man nur mal an Annas Lage denkt.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei brilliert Sophie als absoluter Megastar des Buches, während mich auch Isabella, Johanna (deren Geschichte aus Band 1 mir leider fehlt), Leopold und Alexander überzeugten. Max hingegen bleibt etwas blass – hier hätte noch mehr kommen können – und Nanette schlichtweg nicht einschätzbar, ihre Geheimnisse möchte ich unbedingt aufgedeckt wissen. Der Schreibstil, in dem das Buch verfasst wurde, ist darüber hinaus leicht und flüssig lesbar und lässt das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist ebenfalls größtenteils gelungen. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz überzeugt und wartet mit kleinen Verzierungen zu Kapitelbeginn auf. Der Buchdeckel ist auf dem Cover hochwertig geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen. Lediglich das Titelbild und die harten Brüche zwischen Cover, Buchrücken und Coverrückseite (die allerdings toll gestaltet ist), vermögen hier nicht zu überzeugen. So hätte ich mir beim Cover etwas mehr Liebe zum Detail gewünscht – wenn schon die Kleidung (durchaus gut) dem Ball der guten Seelen nachempfunden worden ist, hätte hier etwas mehr Sorgfalt in das Kleid gelegt werden können, das zwar farblich passt, aber dann doch leicht anders beschrieben wird. Abgesehen davon wird die Geschichte von einer Dramatis Personae und einem historischen Abriss umrahmt und abgerundet.

Mein Fazit? „Ein Graf auf Abwegen“ ist ein toller Roman aus der Reihe „Das Lilienpalais“, der vor allem mit seinem Setting und einer wundervollen Handlung punkten kann. Für Liebhaber des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Kameron Hurley: „Soldaten im Licht“

Kurz unterbreche ich die Messeberichterstattung für eine weitere Rezension, da ich vor einigen Tagen „Soldaten im Licht“ von Kameron Hurley beendet habe. Das Buch ist 2022 in der Panini Verlags GmbH erschienen, die Originalausgabe wurde 2019 unter dem Titel „The Light Brigade“ bei SAGA PRESS, einem Imprint von Simon & Schuster inc. veröffentlicht. Der Roman ist dem Genre Science-Fiction zuzurechnen, für die Übersetzung zeichnet Helga Parmiter verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Die Lichtbrigade – so nennen Veteranen des Marskriegs diejenigen Kameraden, die zurückkommen … und nicht mehr sie selbst sind. Diese Konzern-Kämpfer wurden in Licht umgewandelt, um schnell zu interplanetaren Schlachtfeldern versetzt werden zu können. Doch bei dieser Transformation geschieht etwas mit ihnen. Diejenigen, die die Prozedur überleben, halten sich exakt an die Missionsvorgaben – koste es was es wolle. Dietz, ein frischgebackener Infanterist, muss feststellen, dass seine Erinnerungen an die Einsätze nicht mit denen seines Zuges übereinstimmen. Sie erzählen eine ganz andere Geschichte des Krieges, die ganz und gar nicht dem entspricht, was die Konzernleitung ihren Soldaten weismachen will. Licht oder Schatten? In den Wirren des Krieges ist der Unterschied manchmal nur noch marginal.

„Soldaten im Licht“ ist der neue Roman der Gewinnerin zweier Hugo Awards, die sie für einen Essay und als bester Fan-Autor erhalten hat. Das Buch lässt sich dem Genre Science-Fiction oder auch dem Untergenre Military Sci-Fi zuordnen, gleichsam finden sich dystopische Ansätze. Aufgrund der sehr futuristischen Technik und dem Aspekt der Zeitreisen würde ich es jedoch bei der allgemeinen Kategorisierung als klassische Science-Fiction belassen, auch wenn der Krieg natürlich eine zentrale Rolle spielt.

Die Handlung ist, nun ja, durchaus spannend, aber vor allem eines, nämlich verworren. Als Leser verzweifelt man schier – wie der Protagonist – und versucht, sich zurechtzufinden. Dabei ist die Atmosphäre wirklich toll, die Erlebnisse eindringlich, die einzelnen Szenen durchweg stark. Und doch, es bleibt eine gewisse Frustration, auch über das viel zu offene Ende, das kaum Fragen beantwortet und sicherlich zumindest einige der Leser unbefriedigt zurücklässt.

Das Setting hingegen vermag zu überzeugen. Kameron Hurley entführt den Leser in eine sehr dystopische Welt, in der Konzerne die Regierungen abgelöst haben; in eine Zukunft, in der Menschen wieder in Klassen eingeteilt sind, die das Leben vorbestimmen und Wechsel fast unmöglich machen. Dabei wird gerade der Krieg in all seiner Grausamkeit und Idiotie gut dargestellt, was „Soldaten im Licht“ auch zum Antikriegsbuch macht. Der Schreibstil der Autorin ist hierbei eindringlich und schonungslos, aber dennoch gut und flüssig lesbar und lässt das Kopfkino anspringen.

Durch die enorme Masse an Figuren, durch die ständigen Wechsel und ja, auch Tode, ist es nahezu unmöglich, alle vielschichtig und detailliert auszuarbeiten. Hierbei überzeugen vor allem Andria, Jones und Munoz als wichtige Nebencharaktere, während Norberg als Antagonistin ebenfalls solide ist. Dietz als Ich-Erzähler bleibt hingegen, trotz der Perspektive, geheimnisvoll und verschlossen, verwehrt dem Leser etwas den Zugang zum Charakter, auch wenn man die Verzweiflung und Verwirrtheit der Figur gut spüren kann.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Buchdeckel ist auf dem Cover und Buchrücken hochwertig geprägt, mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen. Das Covermotiv, das sich auch auf dem Buchrücken und den Coverinnenseiten wiederfindet – etwas mehr Abwechslung hätte hier auch nicht geschadet -, ist dennoch gut anzusehen, sehr eindrucksvoll und ein wahrer Eyecatcher, auch wenn dessen Wirkung auf dem Cover durch die doch etwas penetrant-große und das Cover sogar überschreitende Schrift gemindert wird.

Mein Fazit? „Soldaten im Licht“ ist ein solider Science-Fiction Roman, der vor allem durch seine Message und sein Setting punkten kann, dessen Handlung aber auch sehr verworren daherkommt. Für Liebhaber des Genres dennoch zu empfehlen – allerdings nicht unter 16 Jahren.

[Buchgedanken] Anne Prettin: „Der Ruf des Eisvogels“

Vor kurzem habe ich „Der Ruf des Eisvogels“ von Anne Prettin gelesen. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen und als Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

21 Gramm, so viel wiegt eine Seele, weiß Olga. Ungefähr so viel wie der Eisvogel, in dem die Seele ihrer Mutter fortlebt, ewig und drei Tage. Das zumindest behauptet ihr Großvater, obwohl er Arzt ist und doch eigentlich an Wissenschaft glaubt. Er ist es auch, der Olga die Wunder der Natur erklärt und in ihr die Liebe zur Medizin weckt. Denn der kühle, distanzierte Vater hat kein Verständnis dafür, dass Olga die Welt mit eigenen Augen sieht. Dann bricht der zweite Weltkrieg in die Idylle der Uckermark ein. Die Achtzehnjährige muss fliehen, und nichts ist mehr, wie es war. Erst fünfzig Jahre später kehrt sie mit Tochter und Enkelin zurück.

„Der Ruf des Eisvogels“ ist nach „Die vier Gezeiten“ mein zweites Buch von Anne Prettin. Dabei lässt sich das Buch sowohl als Familiensaga einordnen – allerdings ungewohntermaßen als Standalone – oder natürlich auch als historischer Roman oder als Entwicklungsroman, um nur einige der relativ vielen Möglichkeiten zu nennen. In jedem Fall ist „Der Ruf des Eisvogels“ jedoch ein Buch über Mut und Freundschaft, über Liebe, schwere Entscheidungen und Verlust – ein Buch über das Leben also.

Die Handlung ist kurzweilig und abwechslungsreich und mit unerwarteten Wendungen versehen. Durch die verschiedenen Zeitebenen, Zeitsprünge und das in der vergangenen Zeitebene teils sogar unchronologische Erzählen ist es jedoch nicht immer ganz einfach, hier den Überblick über alles zu behalten – und es dauert einige Zeit, bis man so richtig im Lesefluss ist. Zudem ist die Handlung gespickt mit schweren Themen, die aber alle durchweg gut aufgearbeitet worden sind, aber im Zweifel für die ungewohnt späte Leseempfehlung des Verlags sorgen, die ich uneingeschränkt teile.

Das Setting ist gelungen und ein Panorama der näheren deutschen Geschichte. So entführt Anne Prettin den Leser nicht nur ins Deutschland nach der Machtergreifung der NSDAP und während des Zweiten Weltkrieges, sondern auch ins Nachkriegsdeutschland, ins geteilte Deutschland und in die frisch wiedervereinigte Bundesrepublik – und schildert anschaulich die Probleme und Unterschiede der einzelnen Epochen für verschiedene Generationen und Bevölkerungsgruppen.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive, auch wenn aufgrund der Vielzahl der handelnden Personen über mehrere Zeitstränge hinweg nicht alle gleichermaßen dreidimensional gestaltet wurden. Hier überzeugen insbesondere Sara, Karl und Annemie als wichtige Nebencharaktere. Anne Prettins Schreibstil ist zudem gefühlvoll, ist leicht und flüssig lesbar und lässt das Kopfkino sofort anspringen.

Zur Buchgestaltung kann vorliegend wenig gesagt werden, da das vorliegende Vorab-Leseexemplar nicht der finalen Ausgestaltung des Buches entspricht. So sind bisweilen noch – allerdings ohnehin in tolerierbarem Umfang – Fehler vorhanden, die ein (ggf. weiteres) Endkorrektorat aber ausmünzen würde. Zudem ist das Covermotiv mit der finalen Ausgabe identisch und farblich ein Traum.

Mein Fazit? „Der Ruf des Eisvogels“ von Anne Prettin ist ein gefühlvoller Roman mit abwechslungsreicher Handlung und tollem Setting, allerdings braucht man etwas, sich zurechtzufinden. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab dem (wie oben schon angeteasert) vom Verlag angegebenen Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Arnaldur Indridason: „Gletschergrab“

Vor kurzem habe ich „Gletschergrab“ von Arnaldur Indridason gelesen. Das Buch zum gleichnamigen Kinofilm ist in der vorliegenden Ausgabe 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen, die Originalausgabe wurde 1999 unter dem Titel „Napóleonsskjölin“ bei Forlagið veröffentlicht, die deutsche Erstausgabe 2005 ebenfalls bei Bastei Lübbe. Der Roman ist dabei als Thriller einzuordnen, für die Übersetzung zeichnen Coletta Bürling und Kerstin Bürling verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Die Eiskappe des Vatnajökull auf Island schmilzt. Die Streitkräfte der US-Basis Keflavík sind in Alarmbereitschaft, denn der Gletscher hütet ein Geheimnis: ein abgestürztes Flugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg mit brisanter Fracht. Vor der grandiosen Kulisse des ewigen Eises gerät eine junge Isländerin in Lebensgefahr. Sie weiß nur wenig, aber das ist schon zu viel für die Drahtzieher der „Operation Napoleon“ …

„Gletschergrab“ entstammt der Feder des erfolgreichsten isländischen Krimiautors und ist sein erster Roman außerhalb der Reihe um den bekannten Kommissar Erlendur. Dabei handelt es sich jedoch bei „Gletschergrab“ nicht um einen Kriminalroman, sondern – wie oben beschrieben – um einen Thriller, genauer gesagt einen waschechten Spionagethriller mit Bezügen zum zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg und einer durchscheinenden Kritik an der Stationierung amerikanischer Truppen in Island, die 2006, einige Jahre nach Erscheinen des Buches, auch endete.

Die Handlung ist spannend und abwechslungsreich und mit einigen, unerwarteten Wendungen versehen, teils aber fast auch schon zu abstrus – und nicht in allen Punkten zwingend logisch. Erschreckend auch die Schilderung politischer Abläufe in den USA, die – selbst wenn damals vielleicht möglich – mittlerweile zumindest überwunden sein sollten, auch wenn es erfrischend ist, einmal einen Roman zu lesen, in dem die Antagonisten dem US-Militär entspringen – was gleichermaßen aber erneut die anscheinend starke Abneigung einiger Isländer und vermutlich auch des Autors hinsichtlich der amerikanischen Militärpräsenz zeigt.

Das Setting ist bestechend, führt es den Leser doch nicht nur auf den Vatnajökull sondern auch auf eine amerikanische Militärbasis und hinein in die höchsten Schaltzentralen amerikanischer Militärpolitik. Gerade auf dem Gletscher hätte ich mir hier jedoch noch etwas mehr Beklemmung, etwas stärkere Schwierigkeiten, einen etwas größeren Kampf mit den Naturgewalten gewünscht – das spielte nahezu keine Rolle, mit Ausnahme dessen, dass das Flugzeug im Schnee versunken war.

Aufgrund der sehr zentralen Verfolgungsjagd ist das Personal an Protagonisten doch relativ beschränkt, nur wenige Charaktere haben wirklich relevante Anteile an der Handlung. Hier überzeugen Miller, Jon und Julius am stärksten, während Steve doch relativ blass, Ratoff relativ eindimensional verbleiben. Auch Kristin kann nur eingeschränkt glänzen, bleiben ihre Handlungen doch nicht immer nachvollziehbar, ihre Entwicklung zur Superspionin teils unglaubhaft. Arnaldur Indridasons Schreibstil hingegen ist rasant und dynamisch, lässt sich leicht und flüssig lesen und sorgt dafür, dass das Kopfkino sofort anspringt.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz sind ordentlich, das Covermotiv zieht sich als einheitliches Gesamtbild über den kompletten Buchdeckel. Das Titelbild spickt sich dabei aus Motiven des Films mit den Darstellern und ist ein wahrer Eyecatcher, lediglich die Filminformationen auf der Coverrückseite sind etwas zu raumfüllend, sind sie doch fast genau so lang wie der eigentliche Klappentext.

Mein Fazit? „Gletschergrab“ ist ein spannender und kurzweiliger Thriller mit tollem Setting, der teils aber auch etwas ins Abstruse und Unlogische abgleitet. Für Leser des Genres – nicht nur für Liebhaber des Films – bedenkenlos zu empfehlen; ab dem vom Verlag angegebenen Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Lea Adam: „Stigma“ (Milo 1)

Vor kurzem habe ich „Stigma“ von Lea Adam gelesen, einem Pseudonym des Autorinnenduos Regina Denk und Lisa Bitzer. Der Roman ist 2023 als Ullstein Taschenbuch in der Ullstein Buchverlage GmbH veröffentlicht worden und als Thriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Eine Männerleiche, die Augenhöhlen leer, eine Plastiktüte über dem Kopf: Mordermittlerin Jagoda „Milo“ Milosevic und ihr Kollege Vincent Frey stoßen auf Hinweise, dass der Tote in der Vergangenheit Frauen missbraucht hat. Ein mögliches Motiv? Der Verdacht erhärtet sich, als kurz darauf ein weiterer verurteilter Sexualstraftäter ermordet wird. Milo folgt bei den Ermittlungen ihrem Instinkt, doch sie fühlt sich zunehmend beobachtet. Erkennt sie das Böse, wenn es vor ihr steht?

„Stigma“ ist der erste Fall für das Ermittlerduo Jagoda „Milo“ Milosevic und Vincent Frey, die schon länger in Hamburg gemeinsam als Partner arbeiten. Vom Verlag als feministischer Thriller beworben (was soll das überhaupt sein?), lassen sich aufgrund der Tätigkeit beider Ermittler auch gute Argumente für die Eingruppierung als – etwas blutigerer – Kriminalroman finden, der Einfachheit halber habe ich es aber bei der Genrezuordnung „Thriller“ belassen, die Übergänge sind hier ohnehin fließend. Es bleibt zudem abzuwarten, in welche Richtung sich die Reihe noch entwickelt.

Die Handlung ist spannend und abwechslungsreich, wenn auch im späteren Verlauf zumindest teils vorhersehbar. Dabei streuen die Autorinnen in die aus Milos Sicht geschilderten Ermittlungen (ich hätte mir hier mehr auch von Vince gewünscht!) auch einzelne Taten aus Opferperspektive ein – allerdings nicht die aufzuklärenden Verbrechen an den Männern, sondern ausschließlich die zugrundeliegenden Gewalttaten an Frauen – vielleicht ist das mit feministischem Thriller gemeint. Alternativ könnte dies auch auf der etwas holzhammerartigen Informationsvermittlung zu sexueller Gewalt liegen – in dieser Bandbreite und Dichte etwas zu viel und unnötig, denn niemand heißt diese Taten gut und die Defizite bei der Strafverfolgung sind bekannt – auch wenn die Polizei und Justiz daran die geringste Schuld tragen (was man vielleicht auch hätte klarer herausarbeiten können oder müssen).

Das Setting ist gelungen. Die Autorinnen entführen den Leser in ein Hamburg zwischen Nobelsiedlung und Sozialwohnungen, zwischen Rotlichtviertel, Organisierter Kriminalität und Politskandalen – eine pulsierende Stadt voller Leben (okay, einiger Leben weniger, wenn man bedenkt, wie sich hier durch das Buch gemordet wird). Lediglich innerhalb der Polizei hätte ich mir manchmal etwas mehr Beschreibungen gewünscht – um das Flair der Ermittlungen noch besser greifen zu können.

Die einzelnen Charaktere sind – im Wesentlichen – vielschichtig dargestellt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugt neben Vincent vor allem auch Susanne Süß, von der ich mir noch mehr Auftritte gewünscht hätte, wohingegen Milo doch eher blass bleibt und als ungeoutete lesbische Tochter konservativ-osteuropäischer Eltern doch diverse Klischees bedient. Der Schreibstil der Autorinnen lässt sich gut und flüssig lesen, wirkt aus einem Guss und lässt das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben ordentlich gearbeitet, der Buchsatz ist unaufgeregt, lediglich die Darstellung der Kapitel aus Opfersicht hätte noch etwas drastischer abgegrenzt werden können. Der Buchumschlag ist mit farbigen Coverinnenseiten versehen und generell farblich und typografisch toll gestaltet, das Covermotiv passt zum Genre, ist aber doch etwas nichtssagend.

Mein Fazit? „Stigma“ ist ein gelungener Auftakt in die Thriller-Reihe, der vor allem mit seinem Setting und einer spannenden Handlung glänzt, aber auch etwas unklar in seiner Botschaft ist und Nachholbedarfe gerade in der Figur der Protagonistin besitzt. Mit Potential für Folgebände und für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Michaela Grünig: „Blankenese – Zwei Familien: Licht und Schatten“ (Blankenese 1)

Vor kurzem habe ich „Blankenese – Zwei Familien: „Licht und Schatten“, den Auftaktband der neuen Trilogie von Michaela Grünig, gelesen. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen und als Familiensaga einzuordnen Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Hamburg, 1919. John Casparius glaubt nicht mehr an das Gute im Menschen. Die grausamen Erfahrungen des Krieges verfolgen ihn, die einst so florierende Reederei, seit Jahrzehnten in Familienbesitz, ist durch die politischen Turbulenzen angeschlagen. Von Schuldgefühlen geplagt kreisen seine Gedanken darum, ins Wasser zu gehen. Nach einer durchgrübelten Nacht trifft er im Morgengrauen am Elbufer auf die junge Leni Hansen. Zwei Fremde, die der Zufall für einen kurzen, aber schicksalshaften Moment zusammenführt und die nicht ahnen, dass von nun an ihr Leben und das ihrer Familien über Generationen miteinander verwoben sein wird.

Mit „Blankenese – Zwei Familien: Licht und Schatten“ startet Michaela Grünig eine neue Familiensaga. Dabei deckt der Auftaktband die Zeit von März 1919 bis Januar 1939 ab – also im Wesentlichen die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Während sich das Buch auf die Verzahnungen und Geschicke zweier Familien konzentriert, werden so die großen politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen am Mikrokosmos der Hansen- und Casparius-Dynastien deutlich – und noch eindringlicher spürbar.

Hierbei ist die Handlung im Wesentlichen spannend und abwechslungsreich, auch wenn ich mir teils eine andere Schwerpunktsetzung gewünscht hätte, sind die Zeitsprünge zwischendurch doch teils sehr groß und lassen durchaus relevante Teile der Geschichte/Figurenentwicklung entfallen – vielleicht hätte man den Band zweiteilen sollen, um den einzelnen Figuren und Handlungssträngen hier besser gerecht werden zu können. Schade finde ich es zudem, dass wir hier keinen Prolog oder Rückblende aus Sicht von Veit oder Gustav über die Ereignisse in Deutsch-Südwestafrika lesen konnten – das hätte die Geschichte noch weiter abgerundet.

Das Setting ist naturgemäß gelungen. So entführt Michaela Grünig den Leser nach Blankenese – vor der Eingliederung in Altona (1927) und Hamburg (1938) eine eigene Gemeinde, in der sich der Kontrast zwischen arm und reich aufgrund der prunkvollen Villen gut darstellen lässt. Hier hätte ich mir teils noch detailliertere Beschreibungen gewünscht, um nicht nur das Setting, sondern auch das Flair der 20er Jahre noch besser erleben zu können. Nichtsdestotrotz gelingt es der Autorin, mit ihrem leicht und flüssig zu lesenden, authentischen Schreibstil das Kopfkino anlaufen zu lassen.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen vor allem wichtige Nebenfiguren wie Otto, Lola und Felicitas, während Leni und John als Protagonisten zwar ebenfalls glänzen können, teils aber nicht nachvollziehbar handeln. Spannend, dass mit Max zudem ein Charakter prominent angelegt ist, der stark einer historischen Persönlichkeit, dem berühmten Max Warburg, nachempfunden ist.

Die Buchgestaltung überzeugt ebenfalls auf ganzer Linie. Lektorat und Korrektorat sind solide, der Buchsatz ist schlicht. Darüber hinaus ist das Buch mit Klappen und farbigen, aber eintönigen Coverinnenseiten versehen und der Umschlag auf dem Cover hochwertig geprägt. Auch das Covermotiv ist gelungen und wunderschön anzusehen – einziger Wermutstropfen hier ist der doch abrupte Bruch zwischen Titelbild und Buchrücken.

Mein Fazit? „Blankenese – zwei Familien: Licht und Schatten“ ist ein toller Einstieg in die Familiensaga, der vor allem mit einem Setting und guten Charakteren glänzen kann, aber auch leichte Schwächen in der Schwerpunktsetzung hat. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag empfohlenen Lesealter von 16 Jahren.