[Buchgedanken] Frauke Scheunemann: „Der Tote im Netz“ (Usedomkrimi 1)

In der letzten Zeit habe ich „Der Tote im Netz“ von Frauke Scheunemann gelesen, den ersten Teil ihrer Usedom-Krimi-Reihe um Franziska Mai und Kay Lorenz. Das Buch ist 2022 bei FISCHER Scherz, S. Fischer Verlag GmbH, erschienen und als Regionalkrimi einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Im Seebad Heringsdorf auf Usedom herrscht Aufruhr: Bäderland-Radio, der kleine Ostsee-Lokalsender, soll von einem größeren Konkurrenten geschluckt werden. Radioreporterin Franziska Mai ist zwar der Liebe wegen auf die Insel gezogen, aber nun gilt es, ihren Job zu retten. Ihre Idee: ein neues Format, bei dem die Usedomer alles auf den Tisch bringen können, was ihnen unter den Nägeln brennt. Und Franziska versucht zu helfen. Aber bald geht es nicht mehr um Nachbarschaftsstreitigkeiten, sondern um den Mord an einem Fischer, der tot in sein eigenes Netz gewickelt im Hafen von Zeglin gefunden wird – in seine Brust das Wort »Rache« eingeritzt. Franziska wittert ihre Chance und mischt sich in die Ermittlungen ein. Und kommt nicht nur Kommissar Kay Lorenz ins Gehege, sondern auch dem Mörder gefährlich nahe.

„Der Tote im Netz“ ist ein vielversprechender Reihenauftakt, der Elemente klassischer Regionalkrimis mit Eigenschaften des Genres Cosy Crime mischt und so eine humorvolle und locker-leichte Lektüre kreiert. Gewaltszenen werden im Wesentlichen ausgespart und der Fokus stärker auf die Beziehung zwischen den Protagonisten gelegt.

Die Handlung ist abwechslungsreich, gelegentlich aber auch voraussehbar. Gerade zum Ende hin verschwimmt teils die Schwerpunktsetzung zwischen dem Haupthandlungsstrang und einem Nebenhandlungsstrang, der zudem nie aufgelöst wird. So vermag auch das Ende an und für sich nur in Teilen zu überzeugen, bietet dafür aber Ansatzpunkte für die Folgebände.

Das Setting ist ländlich-idyllisch und entführt den Leser nach Usedom, in eine Welt zwischen Provinzradio und Hafenkneipe. Und auch wenn der Hauptteil der Handlung leider in einem ausgedachten Ort spielt, gelingt es der Autorin doch, das Flair der Küste und die Eigenart der Insulaner einzufangen, sodass das Kopfkino sofort anspringt – auch dank dem leicht und flüssig zu lesenden Schreibstil von Frauke Scheunemann.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, besonders überzeugen bislang aber die Nebencharaktere. So sind Greta und Janis absolute Sympathieträger des Romans, während bei Kay und Franzi noch etwas Luft nach oben ist, die die Folgebände aber gut ausfüllen kann. Lediglich die Antagonisten bleiben bislang etwas blass.

Die Buchgestaltung kann ebenfalls überzeugen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Umschlag ist auf dem Titel und Buchrücken hochwertig geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen. Das Covermotiv ist schön anzusehen, aber etwas belanglos und lässt Bezug zur Handlung vermissen. Zudem gehen Buchrücken und Coverrückseite harmonisch ineinander über, zwischen Cover und Buchrücken ist jedoch ein harter Bruch.

Mein Fazit? „Der Tote im Netz“ ist ein gelungener Auftakt in die Krimireihe, der vor allem durch sein Setting und mit Humor punkten kann, gerade zum Ende hin aber auch noch kleinere Schwächen hat, die jedoch im Folgeband ausgeräumt werden können. Für Liebhaber des Genres bedenkenlos zu empfehlen, etwa ab einem Lesealter von 13 Jahren.

[Buchgedanken] Jan Weiler: „Der Markisenmann“

In der letzten Zeit habe ich „Der Markisenmann“ von Jan Weiler gelesen. Das Buch ist 2022 im Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen und als Entwicklungsroman bzw. Gegenwartsliteratur zu klassifizieren. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Was wissen wir schon über unsere Eltern? Meistens viel weniger, als wir denken. Und manchmal gar nichts. Die fünfzehnjährige Kim hat ihren Vater noch nie gesehen, als sie von ihrer Mutter über die Sommerferien zu ihm abgeschoben wird. Der fremde Mann erweist sich auf Anhieb nicht nur als ziemlich seltsam, sondern auch als der erfolgloseste Vertreter der Welt. Aber als sie ihm hilft, seine fürchterlichen Markisen im knallharten Haustürgeschäft zu verkaufen, verändert sich das Leben von Vater und Tochter für immer.

„Der Markisenmann“ ist – wie oben schon erwähnt – Entwicklungsroman und Gegenwartsliteratur zugleich; Coming of Age meets Vater-Tochter-Roman. Dabei schildert der Roman primär einen Sommer des Jahres 2005, erzählt aus der Sicht einer 17 Jahre älteren Protagonistin in der Jetztzeit (2022). Eingestreute Kommentare dieser Erzählerin sorgen dafür, dass leider wesentliche Handlungspunkte schon vorweggenommen werden, was dem Buch etwas an Spannung nimmt.

Die Handlung ist dabei durchaus abwechslungsreich und humorvoll, teils aber auch unlogisch – und lässt Konsequenzen und Reflektionen im Zusammenhang mit Fehlern vermissen – selbst rückblickend vom 17 Jahre älteren Ich werden diese teils geschönt. Insgesamt ist die erste Hälfte des Romans deutlich stärker, zum Ende hin wird vieles erwartbar und kann mit der aufgebauten Spannung nicht mithalten – und auch das Ende an und für sich vermag in einigen Punkten nicht zu überzeugen.

Hingegen brilliert das Setting auf ganzer Linie. Jan Weiler gelingt es, das Ruhrgebiet zwischen Herzlichkeit und Tristesse, zwischen Akropolis, Venezia und Centro, dem Leser ans Herz zu legen. Automatisch erschafft Weiler mit seinen Worten Bilder in den Köpfen der Leser – die Verfilmung schreibt sich quasi von selbst. Ich würde ja die pubertierende Kim in ein, zwei Jahren mit Helena Zengel besetzen …

Die Buchgestaltung ist im Wesentlichen gelungen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Covermotiv zieht sich einheitlich über den kompletten Buchumschlag, ist aber simpel, unauffällig und farblich … gewöhnungsbedürftig, passt daher aber zur Handlung. Dahingegen ist die Einbindung von Autor und Titel auf dem Cover über die Banderole sehr innovativ, die damit integraler Bestandteil des Gesamtbildes wird.

Mein Fazit? „Der Markisenmann“ ist ein Entwicklungsroman über die Beziehung zwischen Vater und Tochter, der vor allem durch sein brillantes Setting punktet, aber auch im Verlauf der Handlung leider abbaut. Für Liebhaber der Gegenwartsliteratur bedenkenlos zu empfehlen – etwa ab einem Lesealter von 13, 14 Jahren.