Bevor es Morgen mit den Messeberichten weitergeht, habe ich heute noch eine Rezension für Euch. Denn in der letzten Zeit – auch während der Messe – habe ich „Berchtesgaden“ von Carolin Otto gelesen. Das Buch ist 2025 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen und als historischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die verlagseigene Bloggerjury.

Berchtesgaden im Mai 1945. Die Lieblingsstadt des Führers kapituliert, die US-Amerikaner übernehmen die Regierung. Trotz ihres bescheidenen Englischs tritt die 19-jährige Sophie eine Stelle beim Military Government an, wo sie zum ersten Mal mit der ganzen Wahrheit über die deutschen Verbrechen konfrontiert wird. Sie trifft dort Menschen, die den Blick auf ihre eigene Familie verändern. Da ist ihr Chef, der jüdische Emigrant Frank, der mit den GIs in seine Heimat zurückkehrt, in der plötzlich alle »von nichts gewusst« haben wollen. Und seine Freundin, die glamouröse Kriegsreporterin Meg, die den Siegeszug der Alliierten mit ihrer Kamera begleitet. Der einst zum Tode verurteilte Rudolf Kriss, der nun Bürgermeister ist. Und der schwarze GI Sam, in den Sophie sich verliebt. Im Schatten des Obersalzbergs kreuzen sich ihre Wege auf schicksalhafte Weise …
„Berchtesgaden“ ist der Debütroman von Carolin Otto, die als Drehbuchautorin tätig ist und seit 2019 der FES, der Vereinigung der europäischen Drehbuchautor:innen, vorsteht. Und so war – eigenen Angaben zufolge – „Berchtesgaden“ auch als Serienvorlage konzipiert, bevor es in Romanform gegossen worden ist. Dabei lässt sich das Buch aufgrund der doch viele Jahrzehnte zurückliegenden Handlung gut als historischer Roman einordnen, die teils auf Verkaufsplattformen vorgenommene Eingruppierung als Gegenwartsliteratur greift hier eher nicht mehr. Auch andere Kategorisierungen – sei es die als Schicksalsroman oder als Familiensaga – scheiden vorliegend eher aus.
Denn die Handlung deckt nur einen relativ kurzen Zeitraum von knapp vier Monaten ab (Ende April 1945 bis etwa Ende August 1945), ist also mehr Momentaufnahme der damaligen Zeit. Dabei ist die Handlung unweigerlich spannend, abwechslungsreich und hochinteressant, zeigt sie doch auch Entwicklungen und präsentiert, durchaus gut recherchierte, Fakten, die vielleicht nicht allgemein bekannt sind. Jedoch endet der Roman für die Leser:innen leider auch unerwartet offen, werden doch kaum Handlungsstränge zufriedenstellend aufgelöst.
Das Setting kann hingegen auf ganzer Linie glänzen. So entführt die Autorin die Leser:innen ins Berchtesgaden des Kriegsendes und der unmittelbaren Nachkriegszeit, in eine Stadt zwischen nationalsozialistischem Stolz, amerikanischer Besatzung und ersten Demokratiebestrebungen. Dabei gelingt es der Autorin gut, ein Porträt der zerrissenen Gesellschaft zwischen Ohnmacht, Hoffnung und Wut zu zeichnen – und dies aus multiplen Perspektiven zu erzählen – obwohl Sophie sicherlich als Hauptprotagonistin des Romans fungiert.
Sie und die anderen Charaktere sind dabei vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Und während Sophie und auch Meg und Frank hier brillieren, verbleiben Magda und Sam doch etwas eindimensionaler und handeln nicht zwingend nachvollziehbar. Carolin Ottos Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen – hat aber auch, wie das Nachwort selbst zugibt, zugunsten der Lesbarkeit sowohl auf historisch authentische Sprache als auch aufs Dialektische weitgehend verzichtet.
Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss nicht erheblich schmälern, der Buchsatz ist gelungen und lässt zumindest die fünf großen Sinnabschnitte jeweils auf ungeraden Buchseiten starten, auch wenn man die Briefe etwas stärker hätte vom Rest absetzen können. Die Geschichte wird hierbei durch ein einordnendes Nachwort sowie ein Literatur- und Zitatverzeichnis abgerundet, gern hätte ich mir hier noch einen Zeitstrahl der relevanten historischen Egeignisse gewünscht. Das Cover vermag mich jedoch nicht vollends zu überzeugen, wirkt etwas beliebig und austauschbar und ist kein Eyecatcher, das Hardcover unter dem Umschlag ist erwartbar schlicht.
Mein Fazit? „Berchtesgaden“ ist ein überzeugendes Debüt, das wichtige Themen anspricht und mit seinem Setting und einer starken Protagonistin glänzen kann, leider jedoch etwas offen endet. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag vorgeschlagenen Lesealter von 16 Jahren.











