[Buchgedanken] Michael Wildenhain: „Das Ende vom Lied“

In der letzten Zeit habe ich auch „Das Ende vom Lied“ von Michael Wildenhain gelesen. Der Roman ist 2026 bei Klett-Cotta, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH erschienen und der Gegenwartsliteratur zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Mit 13 Jahren ist der Junge in diesem Alter: Das Leben hängt schief in den Angeln, der Alltag gerät zum Schwelbrand, die erste Liebe überwältigt ihn und lässt die Tage beben. 1969 steht die Zeit in Westberlin vielerorts noch still, und doch ändert sich für den Jungen alles. Weil der Vater eine neue Stelle antritt, muss auch der Sohn in die Belziger Straße ziehen, in eine Atmosphäre der Wut gegen die ganze Welt. Hier droht die von den Traumata des Krieges geprägte Familie – der versehrte Vater, die gezeichnete Mutter – zu zerfallen; dort lockt die Wirklichkeit der Straße, brutal und zärtlich, derb und schön, die den Jungen in eine Entscheidung von beträchtlicher Tragweite treibt. Was zählt: die Nähe zu Körschi, Bandenchef und bester Boxer der Belziger. Und Alina, die Angebetete, die Körschi als sein Eigentum betrachtet und von der der Junge dennoch nicht lassen kann. Manchmal, das erfährt er, musst du etwas riskieren, selten sogar das Leben.

„Das Ende vom Lied“ ist mein erstes Buch des hochdekorierten Autors Michael Wildenhain, der unter anderem bereits für den Deutschen Buchpreis und den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war – und dessen Können durchaus an der ein oder anderen Stelle im Roman auch durchblitzt. Dabei lässt sich das Buch gar nicht so einfach kategorisieren, ist es doch zugleich Coming of Age und Gesellschaftsporträt, das auf der schmalen Grenze zwischen Gegenwartsliteratur und historischem Roman balanciert, wobei ich das Buch schlussendlich der Gegenwartsliteratur zugesprochen habe.

Denn der Roman beschreibt die Geschichte des grundsätzlich namenlosen Erzählers (auch wenn die Indizien stark auf „Daniel“ hindeuten), der Ende der 1960er-Jahre im Alter von 12/13 in Westberlin aufwächst. Dabei hat die Handlung durchaus einige Längen und ist im ersten Teil relativ sprunghaft, sodass man anfangs den roten Faden vermisst, der sich erst spät einstellt – fast zu spät, um noch alle Handlungsstränge zufriedenstellend aufzulösen, sodass viele offene, ungeklärte Fragen verbleiben. Dennoch spricht der Roman, der zu großen Teilen aus der Ich-Perspektive des namenlosen Protagonisten erzählt wird, hier natürlich wichtige Themen an.

Das Setting hingegen brilliert auf ganzer Linie. So entführt der Autor die Leser:innen in die von der DDR umschlossene Stadt, in eine atmosphärisch dichte Zeit des Umbruchs hinein voller Straßenbanden, linker Revolutionäre und weltumspannender Ereignisse wie die Mondlandung. Hierbei gelingt es Michael Wildenhain die Zeit greifbar, spürbar zu machen, auch für Generationen, die die 60er selbst nicht aktiv miterlebt haben – auch wenn einige der beschriebenen Situationen aus heutiger Sicht nicht nur bizarr anmuten, sondern schlichtweg nicht mehr vorstellbar sind.

Die einzelnen Figuren bleiben dabei teils nicht greifbar, sind im Wesentlichen dennoch vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Gefühle. Hierbei überzeugen vor allem wichtige Nebencharaktere wie Alina in ihrer Ambivalenz und Beef, ein ungewohnt und versteckt starker Charakter. Michael Wildenhains Schreibstil überzeugt dabei vor allem in den poetischen Passagen, während die Schachtelsätze teils etwas drüber sind. Dennoch lässt sich das Buch größtenteils flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist noch ordentlich. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist fehlerfrei, hätte aber gerade die poetischen Passagen etwas schöner setzen können. Der Buchumschlag ist mit Klappen versehen und generell eher schlicht – genau wie das unter dem Umschlag befindliche Buch. Das Covermotiv vermag zwar die Atmosphäre zu transportieren, ist aber ebenfalls kein Eyecatcher und wird – genau wie die Coverrückseite – irritierend krass zum Buchrücken hin abgegrenzt.

Mein Fazit? „Das Ende vom Lied“ ist ein atmosphärisch starker Roman der Gegenwartsliteratur, der teils mit spannenden Figuren aufwartet, in der Handlung aber Längen und ein relativ offenes Ende besitzt. Für Leser:innen, die das Gefühl der 60er-Jahre nachspüren wollen, noch zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

Jugendbücher im Doppelpack | Lovelybooks-Buchpost

Bevor es ab morgen wieder einige Buchbesprechungen gibt, habe ich auch heute noch einmal zwei Neuzugänge für Euch, die mich vor kurzem als Rezensionsexemplare im Rahmen von Leserunden auf Lovelybooks.de erreichten – vielen Dank dafür. „Du weißt nen Scheiß über Sterne“ ist dabei ein Coming-of-Age-Roman von Petr Hanel (Anthea Verlag), während „Der Anfang“ von Oskar Källner (illustriert von Karl Johnsson) der Auftaktband in die neu aufgelegte Jugendbuchreihe „Erben des Imperiums“ bei Atrium Kinderbuch ist, die Text- und Comicelemente mischt. Empfohlen werden die Bücher für Leser:innen ab 12, respektive ab 10 Jahren. Zwei sicherlich innovative Titel – ich bin auf beide schon gleichermaßen gespannt!

Lest Ihr gern Jugendbücher?

[Buchgedanken] Alexandra Kui: „Was hast du nur getan?“

Vor kurzem habe ich auch „Was hast du nur getan?“ von Alexandra Kui gelesen. Das Buch ist 2025 als cbt Taschenbuch im cbj Kinder- und Jugendbuchverlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen und als Jugendthriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Arthur Otto Falkenberg ist tot. Tot liegt er auf dem Schulhof unter einer Decke, damit man das Blut nicht sieht. Während die Polizei von einem Selbstmord ausgeht, werden Cassidy und ihre Clique von der Schulleiterin gebeten, sich um die anderen Schüler zu kümmern und die Ohren offen zu halten, um einen Skandal an ihrer Schule zu vermeiden. Doch bald häufen sich die Hinweise, dass mehr hinter Arthurs Tod steckt. Wie passen Drogenkäufe in das Image des Musterschülers? Wie viele Tränen der Schüler sind eigentlich Freudentränen? Während Cassidy selbst die Ermittlungen aufnimmt, geraten sie und ihre Clique ins Visier der Polizei. Denn eine von ihnen kannte den Toten besser, als sie zugibt.

„Was hast du nur getan?“ ist mein erster Roman der Krimi- und Thrillerautorin Alexandra Kui. Dabei lässt sich der Roman relativ leicht einem Genre zuordnen. Während das Buch teils als Schulthriller beworben wird – wohl ein noch tieferes Subgenre – würde ich das Buch als Jugendthriller einordnen. Zudem zeigt das Buch ganz leichte Elemente eines Entwicklungsromans und von Coming of Age, da die Protagonist:innen doch starke Wandlungen durchleben. Der Fokus liegt jedoch klar auf der Krimi- bzw. Thrillerhandlung, sodass jegliche andere Kategorisierung aus meiner Sicht ausgeschlossen sein sollte.

Denn die Handlung ist durchaus spannend und abwechslungsreich – und altersgerecht, wird der Roman doch seitens des Verlags für Leser:innen ab 14 Jahren empfohlen, ein relativ hohes (Mindest-)Alter für einen Jugendthriller. Und so spart der Roman auch nicht an körperlicher und psychischer Gewalt sowie einer Vielzahl an dysfunktionalen Beziehungen – sowohl zwischen Gleichaltrigen als auch innerhalb der Familien. Allerdings kann das Ende dann doch nicht ganz mithalten, löst zwar den Todesfall auf, lässt aber sonst vieles vermissen und wirft neue Fragen und Probleme auf, sodass ein leicht schaler Beigeschmack verbleibt.

Das Setting ist naturgemäß gelungen, aber austauschbar. So entführt uns die Autorin in ein urbanes norddeutsches Idyll, in eine Stadt mit Villenviertel, Schule, Freibad, Skaterpark und Tennisplätzen in der Nähe von Hamburg – die Geschichte hätte aber genau so gut an nahezu jedem anderen Ort funktioniert. Zentraler Ort des Geschehens ist hier die (ebenfalls sehr dysfunktionale) Schule. Jugendtypische Probleme wie Freundschaft, erste Liebe, Mobbing, Statusdenken, Cliquenbildung und familiäre Vernachlässigung werden hier mit der Thrillerhandlung zu einem Gesamtkonstrukt verflochten, das doch etwas überladen ist – und da sind die beiläufig eingestreuten Themen wie Fluchterfahrung, aufenthaltsrechtliche Probleme, Drogenkonsum und latenter Rassismus noch gar nicht mit eingerechnet.

Die einzelnen Figuren sind teils doch sehr schematisch angelegt, und handeln – vor allem, was die erwachsenen Charaktere betrifft – gelegentlich sehr abstrus und wenig nachvollziehbar. Frau Sturm, Herr Nowak, Monas Vater und Nadja sorgen für permanentes Kopfschütteln, lediglich einige der „jüngeren“ Protagonist:innen können hier punkten – vor allem Leo und Mona überzeugen. Alexandra Kuis Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen, ist altersgerecht, aber nicht aufdringlich jugendsprachlich, und lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist ordentlich. Lektorat und Korrektorat haben solide gearbeitet, der Buchsatz ist gelungen und startet die größeren Sinnabschnitte auf ungeraden Seiten. Der Buchumschlag ist genretypisch gestaltet, das Covermotiv setzt sich mit den Blutspritzern nahtlos auf Buchrücken und Coverrückseite fort, sodass ein einheitliches Gesamtbild entsteht. Das Covermotiv ist jedoch austauschbar und eher belanglos, es fehlt hier der konkrete Bezug zur Handlung.

Mein Fazit? „Was hast du nur getan?“ ist ein solider Jugendthriller, der vor allem mit seiner Spannung und Kurzweil punktet, aber auch in den Charakteren und zum Ende hin etwas schwächelt. Für Leser:innen ab dem vom Verlag vorgegebenen Alter von 14 Jahren dennoch zu empfehlen.

[LBM2025] Tag 3 – Ein unglaublich voller Tag

Mit etwas Verspätung möchte ich Euch heute noch von dem dritten Tag der Leipziger Buchmesse berichten – ein unglaublich voller Tag, sowohl was mein Programm als auch was die Messehallen betraf. Und so verbrachte ich den Tag mit: Theresa Hannig, Freya Petersen, Kai-Holger Brassel, Tascha (worteimlicht), Christoph Kramer, Mona Ameziane, Kati Naumann, Sarah Sprinz, Franzi Kopka, Nina MacKay, Bianca Wege, Elya Adair, Kristin MacIver, Nina Bilinszki, Frieda Bergmann, Persephone Haasis und Heike Abidi.

Mein Tag begann dabei mit einer Veranstaltung im Bloggerroom. Mit Tascha von worteimlicht sprachen die drei am Vortag prämierten diesjährigen Seraph-Preisträger Kai-Holger Brassel (bester Indietitel), Freya Petersen (bestes Debüt) und Theresa Hannig (bestes Buch), die für „Parts Per Million“ bereits ihren dritten Seraph gewann, und stellten ihre Bücher vor. Nachdem ich im letzten Jahr ja noch als Juror für den Preis tätig war, fieberte ich in diesem Jahr als Leser mit – gleichsam spannend, aber weniger arbeitsreich. Dennoch würde ich jederzeit wieder als Juror einspringen – wer weiß, vielleicht klappt es ja in den nächsten Jahren noch einmal.

Von den Seraph-Preisträgern zog es mich zu einer weiteren Preisverleihung. Bei der Verleihung des Delia-Literaturpreises traf ich kurz auf Heike Abidi, Persephone Haasis und Frieda Bergmann – Glückwünsche gehen an dieser Stelle an Mo Enders und Charlotte Inden zu den Preisen. Danach besuchte ich eine Lesung und Buchpräsentation von Kati Naumann zu „Fernwehland“, ein Buch, das ich erst vor kurzem gelesen habe. Für den MDR sprach sie über das Buch und die dazugehörige Recherche. Im Anschluss ließ ich mir von ihr den Roman signieren, genauso wie „Die Sehnsucht nach Licht“ – das mich ebenso wie „Fernwehland“ begeisterte.

Danach ging das Bühnenprogramm für mich weiter. Während ich mich auf dem Weg zur Literaturbühne noch durch die Masse kämpfte, die Hape Kerkeling umgab (der soeben von der Bühne verschwand), war dort weiterhin eine unglaubliche Menschentraube, denn nach Hape nahm Fußball-Weltmeister Christoph Kramer auf der Bühne Platz, der im Gespräch mit Mona Ameziane sein Coming-of-Age Debüt „Das Leben fing im Sommer an“ präsentierte. Ein unglaublich tolles Gespräch – und bestimmt ein unglaublich toller Roman!

Mein Nachmittag startete mit einem absoluten Highlight: der Signierstunde der deutschen Bestsellerautorin Sarah Sprinz, die ich schon mehrfach auf den Messen treffen durfte. Dabei war das in diesem Jahr meine einzige Signierstunde beim LYX Verlag, da Lena Kiefer, für die ich ebenfalls ein Ticket hatte, leider krankheitsbedingt absagen musste – und ich für Mona Kasten kein Ticket mehr bekam. Monas Signierstunden sind in etwa so gefragt wie Taylor Swift Konzerte – spätestens nach der erfolgreichen Serienverfilmung ihrer Buchreihe „Maxton Hall“ sind die Karten meist bereits nach Sekundenbruchteilen weg.

Abgerundet wurde mein Programm durch ein großes Meet & Greet mit vielen Autor:innen. Hier traf ich – immer wieder toll – Franzi Kopka, Nina MacKay und Kristin MacIver, lernte Bianca Wege und Elya Adair neu kennen und schwelgte mit Nina Bilinszki in Erinnerungen an den Write! Love! Sports!-Wettbewerb 2018. Jedes Mal ein unglaublich tolles Event – ich freue mich schon auf die nächste Auflage, gern dann auch wieder mit Cari Brinkmann, die ich schmerzlich vermisst habe :D.

Den folgenden Sonntag ließ ich danach ruhig angehen – doch dazu in Kürze mehr. Welchen Autor, welche Autorin würdet Ihr gern einmal treffen?

[Buchgedanken] Michaela Thewes: „Mein Herbst voller Küsse, Chaos und Graffiti“ (Charly und Noah 2)

In den letzten Tagen habe ich auch „Mein Herbst voller Küsse, Chaos und Graffiti“ von Michaela Thewes gelesen. Der Roman ist 2024 bei One in der Bastei Lübbe AG erschienen und als Jugendbuch einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die verlagseigene Bloggerjury.

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie aufgeregt ich bin! Sina, eine Freundin von früher, soll für eine Weile bei uns wohnen und in meine Klasse gehen. Das wird bestimmt cool – habe ich gedacht. Aber irgendwie ist diese Sina ganz anders als in meiner Erinnerung. Sie sieht aus wie ein Rockstar und verhält sich total feindselig. Ich weiß, dass sie im Moment ’ne Menge durchmacht, also versuche ich, ihr den Neustart zu erleichtern. Mein Freund Noah hilft mir dabei. Er nimmt sogar mit Sina an einem Graffitiprojekt teil … und irgendwie verbringen sie super viel Zeit miteinander. Noah versteht nicht, warum ich das echt ätzend finde. Und auf einmal verbreitet auch noch jemand an der Schule fiese Gerüchte über mich. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sina dahintersteckt, die mir Noah ausspannen will – oder?

„Mein Herbst voller Küsse, Chaos und Graffiti“ ist nach „Mein Sommer voller Flips und Flops“ der zweite Band der Buchreihe um Charly, Noah und deren gemeinsame Freunde. Dabei lässt sich der Roman relativ einfach als Jugendbuch einordnen, auch eine Zuordnung ins Genre Teen Romance wäre gleichsam möglich. Über die komplette Buchreihe hinweg könnte man zudem über eine Eingruppierung als Coming-of-Age nachdenken, dafür fehlt mir aber etwas der langfristige Blick, etwas die kontinuierliche Entwicklung, sodass ich es bei der allgemeinen Kategorisierung als Jugendbuch belassen habe. Empfohlen wird der Roman dabei seitens des Verlages für Leser:innen ab 12 Jahren.

Die Handlung ist durchaus abwechslungsreich und spannend, teils aber auch vorhersehbar. So reichert Michaela Thewes die Geschichte um die erste große Liebe mit anderen, jugendtypischen und altersgerechten Problemen an wie Mobbing, familiäre Streitigkeiten und mangelndes Selbstwertgefühl und mischt das ganze mit Romance-typischen Tropes, z.B. „Forced Proximity“ und „Friends to Enemies to Friends“ (ausnahmsweise mal keine Lover). Dabei erlaubt es die Handlung, das Buch als Standalone zu lesen – das habe ich auch getan, ohne allzu viel zu vermissen. Für ein runderes Gesamtbild empfiehlt es sich aber sicherlich, vor diesem Band auch den ersten Teil zu lesen.

Das Setting ist relativ austauschbar, für die Geschichte aber auch eher unwichtig. So entführt die Autorin ihre Leser:innen in eine – gefühlt – kleine bis mittelgroße Stadt, die lediglich namenlose Kulisse für das persönliche Drama der Protagonist:innen ist und dafür lediglich ein Gymnasium, ein Eiscafé, eine Pizzeria und einige weitere, versprengte Handlungsorte aufweisen muss. Etwas Lokalkolorit, eine genauere Verortung hätte zwar die Handlung nicht weiter vorangebracht, aber ihr vielleicht noch einen stärkeren, authentischen Flair verleihen können.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig ausgearbeitet, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Trotz der relativ kurzen Auftritte haben mich Emma und Anna besonders überzeugt, auch Nele und Sina können größtenteils glänzen, während insbesondere Charly nicht immer nachvollziehbar handelt – und mir gerade am Ende von nahezu allen Charakteren etwas Einsicht und Größe fehlt, sind ihre Aktionen doch durchaus problematisch. Der Schreibstil von Michaela Thewes lässt sich jedoch leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen, ist altersgerecht, teils aber zu bemüht jugendsprachlich durchsetzt.

Die Buchgestaltung ist ebenfalls solide. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist schön anzusehen und versucht sogar, die Chatnachrichten innovativ zu setzen – auch wenn hier sicherlich noch mehr rauszuholen gewesen wäre. Der Buchumschlag ist auf dem Cover, dem Buchrücken und der Coverrückseite leicht geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen. Das Covermotiv passt sich gut in die Reihe ein und sorgt für einen einheitlichen Gesamteindruck, ist dabei jedoch recht eintönig – und die Darstellung der Protagonistin Ton in Ton mit dem Hintergrund irritiert zudem.

Mein Fazit? „Mein Herbst voller Küsse, Chaos und Graffiti“ ist ein durchaus abwechslungsreiches und berührendes, teils humorvolles Jugendbuch, das – wie das Leben selbst – aber auch nicht perfekt ist und kleinere Schwächen aufweist. Für Leser:innen ab dem vom Verlag vorgeschlagenen Lesealter von 12 Jahren bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Elif Shafak: „Am Himmel die Flüsse“

In der letzten Zeit habe ich auch „Am Himmel die Flüsse“ von Elif Shafak gelesen. Der Roman ist 2024 in der Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG erschienen, die Originalausgabe wurde 2024 unter dem Titel „There are Rivers in the Sky“ bei Viking, Penguin UK veröffentlicht. Das Buch ist der Gegenwartsliteratur zuzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Michaela Grabinger verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Narin ist neun, als in dem yezidischen Dorf am Tigris Planierraupen auftauchen. Ihre Heimat soll einem Dammbauprojekt der türkischen Regierung weichen. Die Großmutter, fest entschlossen, die Enkelin an einem ungestörten Ort taufen zu lassen, bereitet alles für die Reise ins heilige Lalisch-Tal vor. Kurz vor Aufbruch stößt Narin auf das Grab eines gewissen Arthur – direkt neben dem ihrer Ururgroßmutter Leila. Wer war dieser „König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere“, der Junge aus dem viktorianischen London, von den Ufern der verschmutzten Themse? Und was hat er mit Narins eigener Vertreibung zu tun?

„Am Himmel die Flüsse“ ist mein erster Roman von der weltweit gefeierten Autorin Elif Shafak – und zeigt mir beeindruckend, warum sie mit Preisen überhäuft wird. Etwas irritierend auf Verkaufsplattformen teils als Coming-of-Age eingruppiert, würde ich den Roman vielmehr der Gegenwartsliteratur zuordnen, spricht er doch – trotz der auch historischen Aspekte – wichtige gesellschaftliche Themen und Problemkreise an und zeigt Parallelen zur Vergangenheit auf – alles vor dem Hintergrund der Klimakrise und der Geschichte des Wassers.

Die Handlung ist durchaus spannend und abwechslungsreich, wenn auch teils mit kleineren Längen versehen. Dabei wird die Geschichte im Wesentlichen in drei verschiedenen Handlungssträngen erzählt – den vierten, prologartigen, kann man hierbei vernachlässigen. Auch spielt die Handlung im Wesentlichen in zwei Zeitebenen, im viktorianischen England und – mehr oder weniger – in der Gegenwart 2014 bzw. 2018 und bildet nicht nur vergangene Ereignisse sondern auch wesentliche Entwicklungen der Jetztzeit ab. Elif Shafak mischt dabei gesellschaftlich wichtige Themen wie Organhandel, moderne Sklaverei, religiöse und ethnische Verfolgung und psychische Erkrankungen mit der Geschichte des Wassers und der Klimakrise zu einem gelungenen, monumentalen Gesamtkonstrukt.

Und auch das Setting kann dabei glänzen. So entführt die Autorin ihre Leser:innen in das heutige und das viktorianische London und in das gegenwärtige und vergangene Mesopotamien, genauer gesagt ins irakische Ninive und in die türkischen Gebiete am Tigris – inklusive eines kurzen Ausflugs ins Königreich von Assurbanipal. Dabei zeugen die Beschreibungen der Orte von einer ausführlichen Recherche, auch wenn Arthurs Reise fast noch präsenter, fast noch detaillierter hätte dargestellt werden können, um seine Eindrücke als Leser:in noch intensiver fühlen zu können.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei brillieren insbesondere Zaleekhah, Besma und Nen, während Arthur teils etwas blass verbleibt. Elif Shafaks Schreibstil ist hierbei unglaublich poetisch (ein Lob auch an die Übersetzung von Michaela Grabinger), lässt sich leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Auch die Buchgestaltung überzeugt größtenteils. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, die das Lesevergnügen kaum schmälern, der Buchsatz ist gelungen und wartet teils mit kleineren Abbildungen/Illustrationen auf. Eine Übersicht über die Reise eines Wassertropfens und umfangreiche Anmerkungen der Autorin runden die Geschichte ab – gern hätte ich mir hier auch noch eine Karte von Mesopotamien gewünscht. Das Covermotiv zieht sich gut über den kompletten Buchumschlag, der darüber hinaus auch noch mit farbigen, aber eintönigen Coverinnenseiten versehen ist. Allerdings ist das Covermotiv insgesamt zwar farblich stark, aber etwas zu simpel, um ein richtiger Eyecatcher zu sein.

Mein Fazit? „Am Himmel die Flüsse“ ist ein poetisch und atmosphärisch starker Roman der Gegenwartsliteratur, der wichtige Themen anspricht, dabei nur minimale Längen hat und somit Elif Shafaks Platz im Literaturolymp zementiert. Für Leser:innen ab 16 Jahren bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Kevin Panetta: „Bloom“ (Bloom 1)

Vor kurzem habe ich auch „Bloom“ von Kevin Panetta gelesen. Die Graphic Novel ist 2024 im One Verlag in der Bastei Lübbe AG veröffentlicht worden, die Originalausgabe erschien unter gleichem Titel 2019 bei First Second Books. Die Illustrationen stammen aus der Feder von Savanna Ganucheau, für die Übersetzung zeichnet Linde Müller-Siepen verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die verlagseigene Bloggerjury.

Die Highschool neigt sich dem Ende zu, und Ari kann es kaum erwarten, mit seiner Band in die Großstadt zu ziehen und durchzustarten – falls er seinen Dad davon überzeugen kann, dass er nicht länger in der Bäckerei der Familie gebraucht wird. Als Kind liebte Ari es, dort auszuhelfen – doch ein Leben lang zwischen Hefeteig und Spritzgebäck verbringen? Das ist nichts für ihn. Auf der Suche nach einem würdigen Ersatz trifft Ari auf Hector. Der ist ein gutmütiger Typ, für den Backen eine echte Leidenschaft ist. Nach und nach kommen sich die beiden näher, und es knistert gewaltig zwischen ihnen. Doch dann passiert etwas, dass die zarten Knospen ihrer Liebe zu zerstören droht …

„Bloom“ ist der erste Band der Buchreihe um Ari und Hector – und lässt sich natürlich als Graphic Novel relativ schnell zuordnen. „Bloom“ ist aber auch als Roman über die erste Liebe definitiv ein (queeres) Jugendbuch für Leser:innen ab 12, ist Coming-of-Age und Teen Romance gleichermaßen. Dennoch habe ich es der Einfachheit halber bei der reinen Kategorisierung als Graphic Novel belassen.

Die Handlung ist durchaus spannend und abwechslungsreich, teils aber genrebedingt auch vorhersehbar. Kevin Panetta mischt hierbei in die Liebesgeschichte jugendtypische Themen wie die Abkapselung von der Familie, Gruppenzwang, (toxische) Freundschaft und Zukunftsängste mit ein und sorgt so für ein Gesamtkonstrukt, in dem sich viele Leser:innen mit ihren Problemen auch wiederfinden können. Dabei endet der Roman durchaus offen, aber mit einem insgesamt runden Ende, das eine gute Grundlage für einen Folgeband bildet.

Savanna Ganucheaus Illustrationen sind in Türkis-/Blautönen gehalten und unterstützen die Handlung nicht nur, sondern „schreiben“ sie weiter. Dabei sind insbesondere die ganzseitigen Backszenen wunderschön und liebevoll gezeichnet und sorgen zusammen mit den anderen, ganzseitigen Illustrationen für optische Glanzlichter. Interessant und schön sind auch die am Ende gezeigten Entwürfe und Probeseiten, die einen Eindruck in die Entwicklung des Zeichenstils ermöglichen.

Insgesamt wirken die Illustrationen und der Text gut zusammen und schaffen eine altersgerechte Erzählung über die erste Liebe, auch Kevin Panettas Schreibstil lässt sich hierbei leicht und flüssig lesen und passt sich authentisch der Zielgruppe an. Die einzelnen Figuren sind dabei durchaus vielschichtig angelegt und haben Stärken und Schwächen. Hierbei brilliert insbesondere Hanna, während Hector noch etwas blass verbleibt und in einem Folgeband mit etwas mehr Hintergrund unterfüttert werden könnte.

Die Buchgestaltung überzeugt natürlich auf ganzer Linie. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz setzt Texte und Bilder zu einem tollen Gesamtprodukt. Der Buchumschlag ist auf dem Cover, der Coverrückseite und dem Buchrücken hochwertig geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, das Covermotiv setzt sich auf dem Buchrücken fort, wird dort aber irritierenderweise zur Coverrückseite hin unterbrochen – schade. Dabei kann das Covermotiv durchaus überzeugen und greift in der Farbgebung schon den späteren Zeichenstil innerhalb des Buches auf.

Mein Fazit? „Bloom“ ist eine berührende Graphic Novel über die erste Liebe, die vor allem mit ihren Illustrationen glänzen kann, teils aber auch etwas vorhersehbar verbleibt und in der Charakterentwicklung noch Potential für die Folgebände bietet. Für Leser:innen ab 12 Jahren dennoch bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Beate Rösler: „Eddas Aufbruch“

Vor kurzem habe ich auch „Eddas Aufbruch“ von Beate Rösler gelesen. Das Buch ist 2024 bei Aufbau Taschenbuch in der Aufbau Verlage GmbH & Co. KG erschienen und als historische Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Um der Enge ihres autoritären Elternhauses zu entkommen, geht die 19-jährige Edda als Au-pair nach Paris. In einer politisch aufgeheizten Zeit verliebt sie sich in den Studenten Marcel, der neue Fragen in ihr weckt: Auf welcher Seite standen ihre Eltern in den Jahren des Nationalsozialismus? Zurück in Frankfurt am Main konfrontiert sie ihren Vater, doch dieser hüllt sich in Schweigen. Erst als Edda alte Feldpost im Schlafzimmer ihrer Mutter entdeckt, kommt sie den Ereignissen der Vergangenheit auf die Spur. Was sie herausfindet, stellt nicht nur ihre Beziehung zu Marcel auf die Probe. Edda muss sich zudem entscheiden, wie weit sie für Gerechtigkeit gehen will … 

„Eddas Aufbruch“ ist eine sehr lose Fortsetzung des Vorgängerromans der Autorin („Helenes Versprechen“) – zumindest trifft man hier teils auf bekannte Charaktere. Dabei sind die Romane jedoch jeweils als Standalone lesbar und angedacht, die Hinweise auf die Verbindungen ergaben sich für mich überhaupt nur durch den Austausch mit der Autorin. „Eddas Aufbruch“ lässt sich zudem nicht ganz einfach einem Genre zuordnen. Auf Verkaufsportalen teils eingruppiert als „Coming of Age“ habe ich mich aufgrund der Erforschung der familiären Vergangenheit dennoch für die Kategorisierung als Familiensaga entschieden – als „historische Familiensaga“ um genau zu sein, da die Handlung zudem mehr als 50 Jahre in der Vergangenheit spielt.

Apropos Handlung: Diese ist durchaus spannend und abwechslungsreich und wartet immer mal wieder mit der ein oder anderen unerwarteten Wendung auf. Gleichsam ist sie auch Produkt der erzählten Zeit, dennoch hätte ich mir trotz des jugendlichen Leichtsinns von Edda durchaus einen reflektierteren Blick auf die Verbrechen und Anfänge der RAF gewünscht – oder zumindest eine historische Einordnung in einem Nachwort. Auch sind mir die Handlungsübergänge zwischen den Sinnabschnitten teils etwas drastisch. So werden hier gelegentlich Probleme aufgeworfen und sind im nächsten Abschnitt bereits gelöst – dabei ist durchaus manchmal auch der Weg das Ziel, hier hätte man noch eine rundere Geschichte und Charakterentwicklung schaffen können.

Das Setting kann dahingegen völlig begeistern. So entführt die Autorin den Leser in die ausgehenden 60er Jahre zum Besuch des Schahs nach Berlin, in ein Paris der Studentenproteste und ein gutbürgerliches Frankfurter Elternhaus – kurz: in eine Welt im Umbruch mit krassen Gegensätzen, die hier durchaus deutlich werden. Dabei gelingt es Beate Rösler den schmalen Grat zwischen antiautoritärer Opposition und Radikalisierung greifbar zu machen – sie lässt ihre Figuren diesen nämlich regelmäßig überschreiten, sodass man ihnen teils auch kein Happy End mehr gönnt.

Diese Figuren sind somit durchaus auch komplex und vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei überzeugen vor allem wichtige Nebenrollen wie Ariane und Florence, während gerade Marcel etwas blass verbleibt und nicht nachvollziehbar handelt – aber vermutlich ist für viele Leser heute die damalige Radikalität nicht mehr wirklich verständlich. Beate Röslers Schreibstil hingegen lässt sich gut und flüssig lesen, das Kopfkino sofort anspringen und balanciert gut zwischen historischer Authentizität und der Lesbarkeit.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist ebenfalls ordentlich. Das Covermotiv zieht sich gut über Buchrücken und Coverrückseite, sodass ein tolles Gesamtbild entsteht, ist dabei durchaus auch ansehnlich, aber austauschbar beliebig. Gern hätte ich mir – wie oben angedeutet – auch ein ausführlicheres Nachwort gewünscht, das das Zeitgeschehen in den größeren historischen Kontext einordnet.

Mein Fazit? „Eddas Aufbruch“ ist eine im Wesentlichen überzeugende historische Familiensaga, die wichtige Themen und Fragen anspricht und aufwirft, aber auch kleinere Schwächen hat. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

Selfpublishing im Doppelpack | Adventliche Buchpost

Vor einigen Tagen erreichte mich eine tolle, adventliche Überraschung – ein Selfpublishing-Buchpaket aus dem Adventskalendergewinnspiel der Autoren-WG – vielen Dank dafür <3. Darin enthalten unter anderem: „Wie Schwimmen im Meer“ von Matti Laaksonen (B.o.D) und „Abby – Mit Butch Cassidy auf dem Outlaw Trail“ von Claudia Fischer (ebenfalls Books on Demand). Ersteres ist dabei ein queerer Young-Adult und Coming-of-Age Roman, während Claudias Buch der Auftakt in eine vierbändige historische Westernreihe ist und vormals bereits bei Bogner Media & Packaging veröffentlicht worden ist – ich bin gespannt! Im weiteren Verlauf der Woche zeige ich Euch dann noch die beiden weiteren, im Paket enthaltenen Bücher (und Teile der Goodies).

Welches Selfpublishing-Buch habt Ihr zuletzt gelesen?

[Buchgedanken] Katie Henry: „Gideon Green – Das Leben ist nicht schwarz-weiß“

Vor kurzem habe ich „Gideon Green – Das Leben ist nicht schwarz-weiß“ von Katie Henry gelesen. Das Buch ist 2023 im Magellan Verlag, Magellan GmbH & Co. KG erschienen, die Originalausgabe wurde 2022 unter dem Titel „Gideon Green in Black and White“ bei Katherine Tegen Books veröffentlicht. Der Roman ist als Jugendbuch einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Anne Emmert verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Eigentlich hat Gideon seine Karriere als Detektiv ja längst an den Nagel gehängt. Damals, nach den Vorkommnissen auf dem Schuldach. Doch dann steht plötzlich Lily vor der Tür, die mal sowas wie seine beste Freundin war. Sie ist da einer Sache auf der Spur und dafür braucht sie Gideons Hilfe. Und weil eben niemand so ein gutes Gespür hat für Verbrechen wie Gideon, kann er quasi nicht Nein sagen. Aber mit wem haben sie sich da angelegt? Als es schließlich um einen echten Mord geht und Gideon eine Verschwörung bis in die höchsten Kreise der Stadt wittert, muss er feststellen, dass das Leben so gar nichts mit einem Film noir zu tun hat.

„Gideon Green – Das Leben ist nicht schwarz-weiß“ wird vom Verlag als Jugendkriminalroman beworben, als Coming-of-Age Geschichte für Leser ab 13 Jahren. Da der Roman zudem jugendtypische Probleme thematisiert wie Freundschaft, Mobbing, Probleme mit den Eltern und die erste Liebe, sehe ich den Roman eher als klassisches Jugendbuch, sind doch beide Handlungsstränge für mich gleichwertig. Dabei ist der Roman soweit ich es sehe als Einzelband angelegt, er hätte jedoch durchaus auch das Potential eine Reihe zu begründen – ich würde mich zumindest über weitere Titel über Gideon und seine Freunde sehr freuen.

Die Handlung ist kurzweilig und abwechslungsreich, der Spannungsfaktor eher im moderaten Bereich, nahe eines Cozy Crime Titels – alles in allem also durchaus altersgerecht. Dabei werden die einzelnen Handlungsstränge gut ausbalanciert, sodass auch Gideons persönlich Entwicklung, die man durch die intelligent gewählte Ich-Perspektive hautnah miterleben darf, nicht zu kurz kommt. Obwohl alle wesentlichen Handlungsstränge aufgelöst werden, verbleib dennoch genug Potential für Folgebände – sowohl in kriminalistischer als auch in romantischer Richtung – hoffen darf man ja mal.

Das Setting ist gelungen, aber unspektakulär und austauschbar. So entführt der Roman den Leser in eine typische kalifornische Stadt – Strand und Highschool inklusive. Dabei spielt der Roman mit seinem Setting, durch Gideons Augen erlebt man die Handlungsorte einmal real und in einer Film noir Version, die er sich vorstellt. Besonderes Highlight? Der durch Gideons Vater ermöglichte Einblick ins Gastrogewerbe.

Die einzelnen Figuren sind vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Gideon kann hier durch seine Mischung aus Intelligenz und Unsicherheit durchaus punkten und überzeugen, aber die Show wird ihm von Tess gestohlen, die auf ganzer Linie brilliert und sich vom ersten Moment an in die Herzen aller Leser gespielt hat – gern würde ich auch Spinoff-Romane von ihrer Collegezeit lesen. Katie Henrys Schreistil ist hierbei leicht und flüssig zu lesen, altersgerecht und lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist ordentlich, hätte aber noch etwas mutiger, innovativer sein können. Der Buchdeckel bietet ein einheitliches Design und ist mit gestalteten Coverinnenseiten versehen, das Covermotiv kann gleichsam überzeugen, auch wenn auf Cover und Coverrückseite die Typografie ebenfalls etwas stärker ans Thema Film hätte angepasst werden können.

Mein Fazit? „Gideon Green – Das Leben ist nicht schwarz-weiß“ ist ein überzeugendes Jugendbuch, der vor allem durch faszinierende Charaktere und eine abwechslungsreiche Handlung brilliert und nach mehr davon schreit. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag vorgeschlagenen Lesealter von 13 Jahren.