[Buchgedanken] Markus Grundtner: „Die Dringlichkeit der Dinge“

Vor kurzem habe ich „Die Dringlichkeit der Dinge“ von Markus Grundtner gelesen Das Buch ist 2022 im Verlag edition keiper veröffentlicht worden und dem Genre Liebesroman zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars und an den Autor für die Rezensionsanfrage.

Mathias steht am Beginn seines Berufslebens, hatte gerade ein Bewerbungsgespräch in einer Wiener Kanzlei. Klaudia steht an einem Wendepunkt: Eigentlich Lehrerin für Italienisch und Latein, wollte sie in Wien als Literaturvermittlerin arbeiten und eine Familie gründen. Bisher hat nichts davon geklappt. Sie, Liebhaberin des Lebens, und er, Getreuer der Gesetze, merken schnell, dass Romantik und Recht sich schwer vertragen, hoffen aber während ihres turbulenten Bemühens umeinander, dass sie als Paar die Ausnahme sind, welche die Regel bestätigt.

„Die Dringlichkeit der Dinge“ lässt sich bereits schwer in ein Genre einordnen. Zwar ist Mathias Anwalt und seine Karriere spielt eine zentrale Rolle für die Handlung, zum Anwalts- bzw. Justizroman fehlt jedoch ein zentraler, die Geschichte beherrschender Fall. Teils wird das Buch auch als Gegenwartsliteratur klassifiziert, aufgrund der zentralen, prägnanten Liebesgeschichte würde ich es jedoch vielmehr als Liebesroman einordnen.

Die Handlung ist unterhaltsam, teils aber auch vorhersehbar. Markus Grundtner nimmt den Leser mit in eine Welt zwischen Gesetzen und Gefühlen, zwischen Familie und Karriere, zwischen Österreich und Italien. Dabei konzentriert sich die Handlung ausschließlich auf die beiden Protagonisten, andere Charaktere sind – ungewöhnlich – vollkommen vernachlässig- und austauschbar, spielen keine Rolle.

Das Setting – Wien und Triest – ist bezaubernd, hätte durchaus aber noch stärker beschrieben werden können. Da das Buch aus Sicht von Mathias in der Ich-Perspektive erzählt wird, ist die doch etwas nüchterne Art zwar folgerichtig, als Leser hätte ich mir aber den ein oder anderen Farbton mehr gewünscht.

Der Schreibstil des Autors lässt sich größtenteils leicht und flüssig lesen, auch wenn das eingestreute juristische Vokabular für deutsche Leser – selbst für rechtskundige – aufgrund der doch vorhandenen Unterschiede teils ungewohnt klingt – genau wie die sonst eingestreuten, im österreichischen Sprachgebrauch sicherlich üblichen Begriffe, die hier eher wenig Verwendung finden oder unbekannt sind.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, insbesondere die Überschreibung der Kapitel mit inhaltsbeschreibenden Paragraphen ist gelungen. Lediglich der Buchumschlag, also Cover, Buchrücken und Coverrückseite, vermag nicht zu überzeugen, ist eintönig, unauffällig und mutlos, auch wenn das vermengte Symbol aus Herz und Paragraphenzeichen eine nette Idee ist.

Mein Fazit: „Die Dringlichkeit der Dinge“ ist ein unterhaltsamer und kurzweiliger Liebesroman, der durch sein tolles Setting punktet, einen deutschen Leser aber auch über den ein oder anderen unbekannten österreichischen Ausdruck stolpern lässt. Für Leser des Genres – und nicht nur für Juristen – bedenkenlos zu empfehlen, der Glücksvertrag zwischen Autor und Leser muss also nicht widerrufen werden.

[Buchgedanken] Yvonne Struck: „Ich, die Jungs und die Sache mit dem Coolsein“

Vor einiger Zeit habe ich „Ich, die Jungs und die Sache mit dem Coolsein“ von Yvonne Struck gelesen. Das Buch ist 2022 im Boje Verlag in der Bastei Lübbe AG erschienen und als Jugendbuch einzuordnen, die Illustrationen stammen von Carolin Dendorfer. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.

Mit vierzehn noch ungeküsst? Höchste Zeit, das zu ändern, findet Lena! Und die Klassenfahrt ist DIE Gelegenheit dafür. Das Problem: Um bei ihrem Schwarm Justin eine Chance zu haben, muss Lena eindeutig cooler werden. Also schreibt sie zusammen mit ihrer Freundin Amira eine Liste, die ihr dabei helfen soll. Doch auf einem matschigen Waldausflug und beim peinlichen Karaokeabend cool zu wirken, ist alles andere als einfach! Vor allem, wenn auch noch das Geläster der Klassenzicken und die dummen Sprüche von Justins Kumpels dazukommen. Aber Lena gibt nicht auf, denn ein Kuss von Justin ist den ganzen Aufwand auf jeden Fall wert … Oder? Denn plötzlich fängt Lenas Bauch bei jemand ganz anderem leise an zu kribbeln …

„Ich, die Jungs und die Sache mit dem Coolsein“ ist ein Jugendbuch ab 12, dessen Handlung sich über eine erzählte Zeit von knapp fünf Tagen erstreckt, und das den Leser mit auf eine Klassenfahrt in eine abgelegene Jugendherberge, inklusive Kaninchenstall und Volleyballplatz, nimmt.

Die Handlung ist dabei größtenteils vorhersehbar, dennoch aber unterhaltsam und abwechslungsreich. Der Fokus wird – richtigerweise – auf die verworrenen und ständig wechselnden Beziehungen der Jugendlichen zueinander gelegt, die Rahmenhandlung bietet dafür lediglich eine Kulisse, ist daher vernachlässigbar.

Handlung und Sprache sind dabei altersgerecht, Yvonne Strucks Schreibstil ist authentisch und lässt sich leicht und flüssig lesen. Thematisiert werden jugendgerechte Problemkreise wie die erste Liebe, Cliquenbildung/Gruppenzwang und der Umgang mit Diversität. Auch das Thema Cybermobbing mit Nacktbildern wird angesprochen und ist richtig und wichtig, nimmt aber einen zu großen Raum ein.

Die einzelnen Charaktere sind dabei – auch bedingt durch das relativ kurze Buch – eher einseitig angelegt, gerade Lena und Justin bleiben etwas blass und handeln teils unlogisch, während Nebencharaktere wie Nadja und ja, auch Fabienne, unerwartet glänzen können, sich gerade in Person von Fabienne durchaus ambivalent zeigen und das schwarz-weiß-Schema durchbrechen.

Die Buchgestaltung ist gelungen, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, die Illustrationen von Carolin Dendorfer überzeugen auf ganzer Linie und lockern den Text auf. Der Buchumschlag kann hierbei jedoch nicht mithalten. Zwar ist die dahinterliegende Idee durchaus ansprechend, in der Umsetzung aber nicht gelungen, werden die abgeschnittenen Gesichter doch in der Innenseite des Umschlags verwirrenderweise fortgesetzt.

Mein Fazit: „Ich, die Jungs und die Sache mit dem Coolsein“ ist ein im Wesentlichen gelungenes Jugendbuch, das altersgerecht und abwechslungsreich durchaus wichtige Themen anspricht, dabei teils aber den Schwerpunkt verliert und – gerade in den Protagonisten – etwas blass bleibt. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag empfohlenen Lesealter von 12 Jahren.

[Buchgedanken] Akram El-Bahay: „Fabula – Das Portal der dreizehn Reiche“ (Fabula 1)

Vor einiger Zeit habe ich „Fabula – Das Portal der dreizehn Reiche“ von Akram El-Bahay gelesen. Das Buch ist 2022 im Baumhaus Verlag, Bastei Lübbe AG veröffentlicht worden und als phantastisches Kinderbuch ab 10 Jahren einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Bei einem Schulausflug in den Central Park machen die Zwillinge Will und Charlotte eine unglaubliche Entdeckung: Um einen Baum mit silbernen Blättern schwirrt ein kleines Wesen mit fast durchsichtigen Flügeln – eine Elfe, wie sich bald herausstellt. Als dann auch noch eine Furie bei ihnen zu Hause auftaucht und sich der Baum als Portal entpuppt, folgen die Geschwister der Elfe in die fantastische Welt von Fabula. Doch die Heimat der Fabelwesen ist in Gefahr. Und Charlotte und Will sind die Einzigen, die sie retten können. Denn auch in ihnen schlummern ungeahnte magische Kräfte …

„Fabula – Das Portal der dreizehn Reiche“ ist ein phantastischer Roman an der Grenze vom Kinder- hin zum Jugendbuch. So wird das Lesealter vom Verlag mit 10+ angegeben; eine Alterseinschätzung, die ich sowohl im Bezug auf die Handlung als auch auf die Sprache teile. Das Buch mischt dabei Elemente der Low Fantasy mit solchen der High Fantasy, entführt der Autor den Leser doch nach Fabula, eine Welt voller Magie, die jedoch mit der realen Welt untrennbar verknüpft ist.

DIe Handlung ist abwechslungsreich und spannend, teils aber auch vorhersehbar. Dabei kulminiert die Geschichte in einem sehr offenen Ende, das Raum für Folgebände lässt, die bislang aber zumindest noch nicht absehbar sind. Dabei ist der Schreibstil des Autors altersgerecht und lässt sich leicht und flüssig lesen.

Das Setting ist gelungen und erlaubt es dem Leser durch die sehr bildhafte Sprache, sich nach Fabula zu träumen. Hier hätte ich mir jedoch einen noch stärkeren Fokus auf die Entstehung und Verflechtung von Fabula mit der realen Welt und eine stärkere Erläuterung des Herrschafts- und Magiekonzepts von Fabula gewünscht – hier bleibt doch einiges im Dunklen.

Die einzelnen Charaktere sind vielschichtig angelegt, in der Komplexität jedoch noch ausbaubar. Hierbei überzeugen vor allem Charlotte, Hoin, Thel und Side, während Will und auch Orion eher blass bleiben – auch das könnte in einem Folgeband noch aufgefangen werden.

Die Buchgestaltung ist gelungen, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet. Der Buchumschlag ist auf Cover, Buchrückseite und Buchrücken hochwertig geprägt und wirklich schön anzusehen, das Titelmotiv ein absoluter Eyecatcher. Abgerundet wird der wunderschöne Gesamteindruck mit farbigen Coverinnenseiten.

Mein Fazit? „Fabula – Das Portal der dreizehn Reiche“ ist ein phantastisches Kinderbuch, das vor allem mit liebenswerten Charakteren und einer interessanten Handlung glänzt, aber auch ein sehr offenes Ende bietet, das eigentlich zwingend Folgebände verlangt. Für Leser ab 10 Jahren bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Irene Solà: „Singe ich, tanzen die Berge“

Vor einiger Zeit habe ich „Singe ich, tanzen die Berge“ von Irene Solà gelesen. Das Buch ist 2022 im Trabanten Verlag erschienen, die Originalausgabe wurde 2019 unter dem Titel „Canto jo i la muntanya balla“ bei Editorial Anagrama, Barcelona, veröffentlicht. Der Roman ist der Gegenwartsliteratur zuzurechnen, für die Übersetzung aus dem Katalanischen zeichnet Petra Zickmann verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die vermittelnde Agentur Buchcontact.

Gewitterwolken schürfen über den Rücken der Pyrenäen und ein Blitz erschlägt den dichtenden Bauern Domènec, dessen junge Frau Sió mit ihrem Schwiegervater und ihren Kindern allein zurückbleibt. Doch das Leben geht weiter. Teilnahmslos beobachten die Berge das Werden und Vergehen derer, die dort leben.

„Singe ich, tanzen die Berge“ adäquat zu beschreiben ist in etwa so erfolgsversprechend, wie ein Gewitter mit bloßen Händen aufzuhalten. Das mit dem Europäischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnete Werk ist so ungewöhnlich wie sprachlich bestechend, Irene Solàs Stimme in der Übersetzung von Petra Zickmann sehr melodisch und malerisch.

Dabei erzählt der Roman die Geschichte einer Region aus der Sicht verschiedener Protagonisten unterschiedlicher Generationen, aber auch aus der Perspektive von Tieren, Geistern, Wolken – oder auch der Erde selbst. Er vermischt Erzählung und Mythen, Tradition und Moderne.

Die Handlung folgt dabei zumindest lose den Schicksalen der Mitglieder einer Familie, richtige Spannung oder emotionale Bindungen zu den Figuren kommen jedoch nie wirklich auf, ist der Roman doch mehr Porträt einer Region als wirklich auf ein Ende zulaufende Geschichte. Dies sorgt auch dafür, dass das Buch – trotz der durchaus vorhandenen flüssigen Lesbarkeit – sich nie zu einem wahren Pageturner entwickelt, den Leser nie in einen Sog zieht, sodass er das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Das Setting ist – erwartbar, da der Roman komplett darauf angelegt ist – brillant und trägt im Endeffekt das Buch. Der Leser wird tief in eine Welt voller Mythen, in eine abgelegene Bergregion im Herzen Europas geführt, die zumindest in der Populärliteratur kaum Erwähnung findet.

Die Buchgestaltung ist im Wesentlichen gelungen, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Hardcover ist zudem leicht auf dem Titel geprägt. Dem Titelmotiv fehlt jedoch etwas der Bezug zur Handlung, auch ist das Buch insgesamt eher schlicht und unauffällig gestaltet.

Mein Fazit: „Singe ich, tanzen die Berge“ ist ein ungewöhnliches, in Romanform gegossenes Porträt einer Region, das durch sein Setting besticht, aber auch Handlungselemente vermissen lässt. Für Liebhaber von sprachlichen Bildern und anspruchsvoller Literatur dennoch bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Jonathan Lee: „Der große Fehler“

Vor einiger Zeit habe ich „Der große Fehler“ von Jonathan Lee gelesen. Das Buch ist 2022 in der Diogenes Verlag AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2021 unter dem Titel „The Great Mistake“ bei Alfred A. Knopf, New York, veröffentlicht. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de. Das Buch ist als Romanbiographie einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Werner Löcher-Lawrence verantwortlich.

Die Welt besteht aus Fehlern und Flickversuchen. Und manchmal aus seltsamen Missverständnissen. Andrew Green ist tot. Erschossen am helllichten Tag, an einem Freitag, den 13. Spekulationen schießen ins Kraut. Verdankt New York dem einstigen Außenseiter doch unter anderem den Central Park und die New York Public Library. Inspector McClusky nimmt die Ermittlungen auf. Was wussten die übereifrige Haushälterin, der Präsidentschaftskandidat Tilden und die brillante Bessie Davis, der halb New York zu Füßen liegt?

„Der große Fehler“ ist … ja was eigentlich? Von mir als Romanbiografie betitelt, bei Amazon unter anderem als Gegenwartsliteratur und als Polizeikrimi geführt, vereint der Roman doch mehrere Genres zu einem nicht immer wirklich überschaubaren Kuddelmuddel. So erzählt „Der große Fehler“ episodisch in Rückblenden aus dem Leben von Andrew Green, abwechselnd zur Darstellung der Emittlungen von McClusky.

Die Handlung ist daher sprunghaft und nur lose chronologisch, hilfreich wäre es gewesen, die Kapitel zumindest mit Jahreszahlen zu überschreiben. Auch ist die Schwerpunktsetzung nicht immer gelungen. So wird einzelnen Episoden und Handlungssträngen übermäßig viel Raum eingeräumt, während spannende Phasen wie das Wirken Andrew Greens vernachlässigt werden.

Setting, Sprache und Atmosphäre überzeugen hingegen. Der Autor nimmt den Leser mit auf eine Reise in das New York bzw. Amerika des 19. und (sehr frühen) 20. Jahrhunderts, in eine Zeit voller Vorurteile, Rassendiskriminierung und Klassenunterschiede, ohne diese Themen jedoch zu sehr zu politisieren und aus der heutigen Sicht zu beleuchten.

Der Schreibstil des Autors lässt sich – trotz der historischen Themen – im Wesentlichen gut und flüssig lesen, ist beschreibend, jedoch nicht störend oder ermüdend. Bei den Figuren überzeugt Mrs. Bray als Nebencharakter genau wie Samuel Tilden.

Die Buchgestaltung ist im Wesentlichen gelungen, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Buchumschlag und das Buch darunter sind verlagstypisch schlicht, das Covermotiv bietet aber immerhin mehrere Anklänge an die Handlung.

Mein Fazit? „Der große Fehler“ ist eine interessante Romanbiographie über einen amerikanishcen Visionär, die vor allem durch Setting und Sprache punktet, leider jedoch gerade die Visionen etwas vermissen lässt. Für Liebhaber des Genres bedenkenlos zu empfehlen, aber definitiv nicht – wie im Blurb auf dem Buchrücken angegeben – der „beste amerikanische Roman des Jahres“.

[Buchgedanken] Mario Schlembach: „heute graben“

In der letzten Zeit habe ich „heute graben“ von Mario Schlembach gelesen. Das Buch ist 2022 im Verlag Kremayr & Scheriau GmbH & Co. KG erschienen und dem Genre der Gegenwartsliteratur zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die vermittelnde Agentur Buchcontact.

Alles beginnt mit A. Ein Totengräber steigt in einen Zug und trifft A., seine erste Liebe. A. ist auch der Grund, weshalb er zu schreiben beginnt. In seinem Tagebuch begibt er sich auf eine Irrfahrt entlang der Untiefen des Dating- und Friedhofsalltags. Als bei ihm dieselbe Lungenkrankheit wie bei Thomas Bernhard diagnostiziert wird – kurioserweise, nachdem er sich intensiv mit dessen Werk auseinandergesetzt hat –, befeuert die Todesangst noch die unermüdliche Suche nach der wahren Liebe. Wird er sie finden oder bleibt sie für immer unerreichbar?

„heute graben“ ist ein autofiktional erzählter Roman über einen Totengräber auf der Suche nach der großen Liebe. Wer sich mit Schlembachs Biografie beschäftigt, kommt unweigerlich zu der Frage, ob es sich bei dem Protagonisten um den Autor selbst handeln könnte – und landet bei: vielleicht. So ist Schlembach selbst Totengräber und sicherlich sind viele Erfahrungen in das Werk, das in Form von Tagebucheinträgen erzählt wird, eingeflossen.

Dabei zieht sich eine depressive Grundstimmung durch das gesamte Buch, sei es im verzweifelten und vergeblichen Versuch, sich bei dem Werk über die vergangene, große Liebe nicht in kitschgeschwängerten Plattitüden zu verliehen – oder im permanenten Scheitern bei der Beziehungssuche, vergleicht der Protagonist doch unweigerlich irgendwann alle Frauen (die er netterweise mit B. bis Z. abkürzt) mit seiner großen Liebe A., deren Schicksal nie ganz geklärt wird.

Die Handlung wird vor allem durch die Erkrankung des Protagonisten an Sarkoidose vorangetrieben, einer Lungenkrankheit, an der ironischerweise auch Thomas Bernhard litt, mit dessen Werk sich der Protagonist im Rahmen seines Studiums intensiv beschäftigt hat. Dabei wechseln sich lustig-ironische Passagen wie der Kauf von Boki mit Selbstmitleid und fast psychotischen Episoden ab – der Tod allgegenwärtig aufgrund der Arbeit als Totengräber.

So sprachlich ansprechend das Buch auch ist, so wort- und bildgewaltig die Einträge des Protagonisten, die sich mit alltäglichen Routinen wie dem Festhalten von Mahlzeiten abwechseln, lässt „heute graben“ einen doch etwas ratlos zurück. So wird zu keinem Punkt wirklich erkennbar, wo Schlembach mit dem Buch hinmöchte. Ohne Ziel, mit einem Ende im Nirgendwo, ist es nicht mehr aber auch nicht weniger als eine Momentaufnahme – eine kurze Passage aus dem Leben des Protagonisten.

Die Buchgestaltung ist solide, Lektorat und Korrektorat haben im Wesentlichen sauber gearbeitet, der Buchsatz ist ebenfalls gelungen, auch wenn ich kein Freund von Trennzeichen zwischen den Abschnitten bin, die am Seitenende stehen. Das Cover, der gesamte Umschlag, ist künstlerisch gestaltet, aber relativ eintönig und unauffällig, dafür überrascht das Buch unter dem Umschlag mit einer tollen Gestaltung.

Mein Fazit: „heute graben“ ist ein Roman, eine Momentaufnahme aus dem Leben eines Totengräbers, der vor allem durch seine starke Sprache besticht, den Leser aber auch etwas ratlos zurücklässt. Für Liebhaber von Gegenwartsliteratur dennoch bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Mariana Enriquez: „Unser Teil der Nacht“

Vor kurzem habe ich „Unser Teil der Nacht“ von Mariana Enriquez gelesen. Das Buch ist 2022 im Tropen Verlag, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, erschienen, die Originalausgabe wurde 2019 unter dem Titel „Nuestra parte de noche“ im Verlag Editorial Anagrama, Barcelona, veröffentlicht. Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de. Für die Übersetzung zeichnen Silke Kleemann und Inka Marter verantwortlich.

Ein Vater und sein Sohn fahren quer durch Argentinien, als wären sie auf der Flucht. Wohin wollen sie? Vor wem fliehen sie? Es sind die Jahre der Militärjunta: Menschen verschwinden spurlos, überall lauert Gefahr. Sein Vater versucht den jungen Gaspar vor dem Schicksal zu schützen, das ihm zugedacht ist, seit seine Mutter unter ungeklärten Umständen gestorben ist. Bei einem Unfall, der vielleicht keiner war.  Wie sein Vater Juan soll Gaspar einem Geheimbund, genannt der Orden, als Medium dienen. Mit grausamen Ritualen versuchen sie, dem Geheimnis des ewigen Lebens auf die Spur zu kommen. Doch der Preis ist hoch und der körperliche und geistige Verfall schnell und unerbittlich, wie Juan weiß. Eine scheinbar aussichtslose Flucht beginnt, denn der Einfluss des Ordens kennt keine Grenzen.

Bei „Unser Teil der Nacht“ fällt bereits die Genrezuordnung schwer. So balanciert das Buch auf der Grenze zwischen okkultem Thriller und Historical Mystery, im Spannungsfeld von Gegenwartsliteratur und mythologischer Abhandlung. Trotz der düsteren Themen liest sich der Roman dennoch relativ gut und schnell – auch dank des hochathmosphärischen Schreibstils der Autorin.

Dabei brilliert der Roman eindeutig durch sein Setting. Mariana Enriquez nimmt den Leser mit auf eine Reise in das von Militärdiktatur, aufstrebenden Protesten und Großgrundbesitzern geprägte Argentinien der Jahre von 1960 bis 1997. Dabei lernt der Leser tief im Land verwurzelte Natur- und Totenkulte, okkulte Praktiken und Rituale kennen, die einen erschauern lassen.

Die Handlung ist düster und geheimnisvoll und wird in zeitlichen Sinnabschnitten – die aber nicht chronologisch angeordnet sind – erzählt. Dabei wechseln die Erzählperspektiven bunt durch, einige der Abschnitte haben auch Längen. Hierbei überzeugen vor allem der erste Abschnitt aus Sicht von Juan und der spätere von Rosario, während die Abschnitte von Gaspar – und damit leider auch das Ende – eher blass und teils unlogisch bleiben. Dies schlägt auch auf die Gestaltung der Protagonisten durch. Neben Juan und Rosario glänzen auch noch Tali und Florence.

Die Buchgestaltung ist solide, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Titelmotiv ist intensiv und bestechend. Leider zieht es sich nicht über den gesamten Umschlag, der Bruch zum Buchrücken ist heftig, Buchrücken, Coverrückseite und das Buch unter dem Umschlag sind insgesamst sehr schlicht.

Mein Fazit? „Unser Teil der Nacht“ ist ein unglaublich athmosphärischer, düsterer mythologischer Roman mit einem tollen Setting, spannenden Charakteren aber auch einigen Schwächen und Längen in der Handlung. Dennoch bedenkenlos zu empfehlen – allerdings nicht unter einem Lesealter von 18.

[Buchgedanken] Susanna Tamaro: „Geschichte einer großen Liebe“

Bevor ich mit meinen Berichten aus Leipzig weitermache, möchte ich Euch heute erst einmal „Geschichte einer großen Liebe“ von Susanna Tamaro vorstellen, das ich als Rezensionsexemplar im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks gelesen habe – vielen Dank dafür an HarperCollins, Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, wo das Buch 2022 erschienen ist. Die Originalausgabe wurde 2020 unter dem Titel „Una grande storia d’amore“ bei Solferino veröffentlicht, für die Übersetzung zeichnet Barbara Kleiner verantwortlich. Das Buch ist der Gegenwartsliteratur zuzuordnen.

1978: Auf einer Überfahrt von Venedig nach Piräus begegnen sich Edith und Andrea; sie, die gerade Abitur gemacht hat, er, Kapitän des Schiffes. Andrea ist von Ediths rebellischer Art fasziniert. Er löst seine Verlobung. Doch Edith gibt ihm keinerlei Sicherheit, und als Andrea ihr einen Heiratsantrag macht, weist sie ihn schroff zurück. Ihre Wege trennen sich. Doch das unsichtbare Band des Lebens führt sie wieder zusammen. Jahre später begegnen sie sich erneut, zunächst verbunden durch eine innige Freundschaft, die bald in eine tiefe Liebe mündet. Eine Liebe, die unerwartetes Glück schenkt und ebenso einen traumatischen Schicksalsschlag verkraften muss.  

„Geschichte einer großen Liebe“ ist mein erstes Buch von Susanna Tamaro. Es ist ein Roman, der zwischen Liebes- und Schicksalsroman pendelt, aufgrund des literarischen Anspruchs aber durchaus der Gegenwartsliteratur zugerechnet werden kann. Dabei besticht der Roman vor allem durch seine poetische Sprache.

Die Handlung ist sehr gefühlvoll und emotional, durch die Vorwegnahme des Endes jedoch auch sehr antiklimaktisch und vorhersehbar, kommt ohne größere Überraschungen aus. Zudem fällt auch der Einstieg in die Handlung schwer, ist am Anfang doch für einige Seiten unklar, wer die Geschichte erzählt.

Das Setting vermag hingegen auf ganzer Linie zu überzeugen. So entführt Susanna Tamaro den Leser in ein Italien zwischen 1950 und der Moderne, in ein Land zwischen Konservatismus und Hippie-Bewegung – und auf die hohe See zwischen Fährhäfen und Kreuzfahrten nach Bali.

Da die Geschichte ja aus Andreas Sicht in Rückblenden erzählt wird, ist es schwer, die Charaktere zu beurteilen, sind die Erinnerungen an diese doch durch die Sicht von Andrea verfälscht. Er hingegen ist emotional, handelt aber nicht immer nachvollziehbar – und ist daher perfekt in seiner Fehlerhaftigkeit. Susanna Tamaros Schreibstil lässt sich darüber hinaus einfach und flüssig lesen, lediglich die vielen Zeitsprünge sorgen gelegentlich für Verwirrung.

Die Buchgestaltung ist solide, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet. Das Cover ist schön, aber eher belanglos und austauschbar, der Buchumschlag insgesamt eher schlicht, genau wie das Buch unter dem Umschlag.

Mein Fazit? „Geschichte einer großen Liebe“ ist ein unglaublich poetischer und gefühlvoller aber auch antiklimaktischer Roman der Gegenwartsliteratur, der den Leser in das Italien der Moderne entführt. Für Liebhaber der Gegenwartsliteratur bedenkenlos zu empfehlen.

Lieblingsbuchalarm! | Die schönste Buchbox der Welt

Heute erreichte mich eine Buchbox, der ich seit Monaten entgegengefiebert habe: die Selection-Box von Beacon Book Box. Limitierte, exklusive und signierte Hardcoverausgaben einer meiner absoluten Lieblingsbuchreihen aller Zeiten von Kiera Cass. Da ist es glatt egal, dass die Bücher auf Englisch sind und Versand und Zoll aus den USA Unsummen kosten – die tollen Bilder in den Buchumschlägen und die wunderschönen Hardcoverausgaben sind jeden Cent wert <3. Wie kann etwas nur so schön aussehen? =)

Kennt Ihr die Buchreihe? Mögt Ihr Buchboxen?

Von Liebe und Legenden | Doppelte Buchpost

In den letzten Tagen erreichten mich wieder zwei tolle Bücher, die ich Euch heute zeigen möchte. Die im Ravensburger Verlag erschienene, wunderschöne, limitierte und signierte, Edition mit Charakterkarten von „Legends Academy – Fluchbrecher“ von Nina MacKay habe ich mir selbst gegönnt, „Geschichte einer großen Liebe“ von Susanna Tamaro erreichte mich als Rezensionsexemplar im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de – vielen Dank an dieser Stelle daher an HarperCollins, Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH.

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