[Buchgedanken] Mascha Vassena: „Mord in Montagnola“ (Tessin 1)

Vor kurzem habe ich „Mord in Montagnola“ von Mascha Vassena gelesen. Das Buch ist 2022 im Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG erschienen und als Regionalkrimi einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Kaum kehrt Moira, Übersetzerin und frisch getrennt, nach Jahren in das Tessiner Dörfchen Montagnola zurück, wird ein Toter in einer Nevèra, einem der dort typischen historischen Eiskeller, gefunden. An den polizeilichen Ermittlungen beteiligt ist auch Moiras Jugendliebe Luca Cavadini, inzwischen leitender Rechtsmediziner des Kantons, der sie bald als Dolmetscherin um Hilfe bittet. Die Befragungen in der Dorfgemeinschaft gestalten sich schwierig, doch bald wird klar, dass es im beschaulichen Tessin nicht gar so friedlich zugeht, wie es zunächst den Anschein hat.

„Mord in Montagnola“ ist ein in Tessin handelnder Regionalkrimi mit viel Lokalkolorit, der an der Grenze zu Cosy-Crime balanciert, erfüllt er doch einige der gängigen Genremerkmale wie eine fachfremde Ermittlerin. Insgesamt ist er aber, zumindest für meinen Geschmack, nicht cosy genug, sondern teils rasant, teils doch gewaltsam, sodass ich bei der Einstufung als (klassischer) Regionalkrimi verblieben bin.

Die Handlung ist dabei kurzweilig, abwechslungsreich und mit einigen, unerwarteten Wendungen versehen, die zum Ende hin allerdings teils auch etwas abstrus werden. Dabei bleibt die Liebesgeschichte erfrischend im Hintergrund und lässt den Fokus auf der Lösung des Falles, der gänzlich abgeschlossen wird, sodass das Buch auch als Standalone lesbar ist. Andererseits bleiben jedoch auch genügend weitere Ansatzpunkte, um die Figuren weiterzuentwickeln und eine mögliche Reihe – was ich sehr befürworten würde – zu begründen.

Das Setting ist naturgemäß traumhaft, entführt es den Leser doch in die italienischsprachige Schweiz, nach Lugarno und nach Montagnola, ein kleines Dörfchen in der malerischen Alpenregion. Zwischen Osteria und Nevèra, zwischen Strandpromenade und bergigen Serpentinen lernt der Leser die Region kennen und lieben, insbesondere auch durch Moiras Vater, einen der absoluten Sympathieträger des Romans.

Die einzelnen Figuren sind dabei im Wesentlichen dreidimensional angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Neben dem oben bereits erwähnten Ambrogio überzeugen hier vor allem Chiara und – in einer kleinen Nebenrolle – Luna (von der ich gern in einem nächsten Band mehr lesen würde), während Luca etwas blass bleibt.

Die Buchgestaltung ist im Wesentlichen gelungen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet. Der Buchumschlag ist mit Klappen und farbigen, aber nicht näher gestalteten Coverinnenseiten versehen, das Covermotiv schön anzusehen, allerdings fehlt mir etwas der Bezug zur Handlung.

Mein Fazit? „Mord in Montagnola“ ist ein gelungener, erfrischender Regionalkrimi mit tollem Setting und einer kurzweiligen, spannenden Handlung, die lediglich zum Ende hin etwas abfällt. Für Liebhaber des Genres bedenkenlos zu empfehlen, ab dem vom Verlag vorgeschlagenen Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Louis Bayard: „Der denkwürdige Fall des Mr Poe“

In der letzten Zeit habe ich „Der denkwürdige Fall des Mr Poe“ von Louis Bayard gelesen. Das Buch ist 2022 bei insel taschenbuch, Insel Verlag Anton Kippenberg GmbH & Co. KG, erschienen, die Originalausgabe wurde 2006 unter dem Titel „The Pale Blue Eye“ bei William Morrow Paperbacks, einem Imprint von HarperCollins Publishers, LLC. veröffentlicht. Das Buch ist als historischer Kriminalroman einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Peter Knecht verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars auf der diesjährigen Buchmesse Popup in Leipzig.

1830: An der angesehenen West Point Academy wird ein junger Kadett tot aufgefunden – er wurde erhängt und sein Herz herausgeschnitten. Keinesfalls darf die Öffentlichkeit von dem grauenhaften Verbrechen erfahren, so beauftragt man Augustus Landor, einen ehemaligen New Yorker Polizeidetektiv, mit den Ermittlungen. Schon bald folgen weitere brutale Morde, und der Fall wird immer rätselhafter. Doch Landor erhält unerwartet Hilfe – von einem jungen Kadetten mit dunkler Vergangenheit, Hang zum Trinken und poetischen Ader: Edgar Allan Poe …

„Der denkwürdige Fall des Mr Poe“ ist ein historischer Kriminalroman, der den Leser in das Amerika des 19. Jahrhunderts versetzt, und der – mit Ausnahme des sechsmonatigen Zeitraums des letzten Kapitels und Prologs – insgesamt nur eine erzählte Zeit von zwei Monaten besitzt, deren Handlung sich kammerspielgleich auch räumlich begrenzt mit einem sehr engen Personenkreis abspielt.

Die Handlung insgesamt ist spannend und abwechslungsreich, wird in Berichtsform aus der Sicht von Gus Landor erzählt. Eingestreut sind zudem schriftlich abgefasste Berichte von Poe. Dem Autor gelingt es ferner, mit unerwarteten Wendungen den Leser gelegentlich aufs Glatteis zu führen, auch wenn Teile natürlich gleichsam vorhersehbar sind.

Das Setting hingegen vermag auf ganzer Linie zu überzeugen, entführt es den Leser doch an die geheimnisvolle und prestigeträchtige West Point Militärakademie, an die militärische Kaderschmiede einer noch jungen Nation. So ist „Der denkwürdige Fall des Mr Poe“ auch ein Buch der Gegensätze zwischen Dorfkneipe und Galadinner beim Gouverneur, zwischen Plebe und Kadetten der High Society, zwischen militärischer Disziplin und Okkultismus.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen dreidimensional angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei überzeugen insbesondere Nebencharaktere wie Thayer, Hitchcock und Artemus, während Poe etwas blass verbleibt. Louis Bayards Schreibstil lässt sich darüber hinaus flüssig und leicht lesen, das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist größtenteils gelungen, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Umschlag ist auf Cover und Coverrückseite hochwertig geprägt und wartet mit Klappen auf. Das Covermotiv lässt hingegen etwas den Bezug zur Handlung vermissen und ist zwar schön aber unscheinbar, und wird auch am Übergang zum Buchrücken unterbrochen. Auch hätten die farbigen Coverinnenseiten noch gestaltet und, z.B., mit einer Karte des Handlungsortes versehen werden können.

Mein Fazit? „Der denkwürdige Fall des Mr Poe“ ist ein historischer Kriminalroman, der vor allem durch sein brillantes Setting und einige unerwartete Wendungen überzeugt. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Tom Voss: „Eiszeit für Beck“ (Nick Beck 2)

Vor einiger Zeit habe ich „Eiszeit für Beck“ von Tom Voss gelesen, den zweiten Band der Reihe um Nick Beck und Cleo Torner nach dem Auftaktroman „Hundstage für Beck“. Das Buch ist 2021 als FISCHER Taschenbuch in der S. Fischer Verlag GmbH erschienen und als Kriminalroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag (und die Glücksfee) für die Bereitstellung eines Leseexemplars im Rahmen einer Buchverlosung auf Lovelybooks.de.

Es ist Winter in Hamburg, und entsetzliche Morde erschüttern die Stadt. Der Elbripper ist zurück, nachdem er fast zwei Jahre lang verschwunden war. Elf Opfer gehen schon auf sein Konto. Und Nick Beck hat auf der Jagd nach ihm seine Kollegin im Einsatz verloren. Daraufhin nahm er Abstand vom LKA-Dienst und ließ sich versetzen. Aber jetzt wird er reaktiviert, denn niemand kennt den Serienmörder so gut wie er. Doch irgendetwas ist anders: Die Rituale des Killers scheinen sich verändert zu haben. Hat der Elbripper seinen Modus geändert? Oder haben es Nick Beck und Cleo Torner mit einem Nachahmer zu tun? Nur eines ist klar: Der Täter ist gefährlicher als je zuvor …

„Eiszeit für Beck“ ist der zweite Band um Nick Beck und Cleo Torner, wobei letztere in diesem Roman eher eine untergeordnete Rolle spielt – gleichsam aber die Sympathieträgerin bleibt. Die Handlung setzt kurz nach dem Ende des Vorgängerbandes an und schreibt diese nahtlos weiter, weicht aber überraschenderweise von den im Epilog des ersten Bandes angedeuteten Geschehnissen stark ab und löst gleich zu Beginn das große Mysterium auf, das die Buchreihe über mehrere Bände hätte tragen können – sehr antiklimaktisch.

Abgesehen davon ist die Handlung durchaus spannend und abwechslungsreich, teils überraschend und insgesamt stärker als die des ersten Bandes. So trifft man altbekannte Charaktere wieder, lernt aber vereinzelt auch neue Protagonisten wie Bekka kennen. Durch die Verlagerung der Handlung in die Metropole Hamburg geht dabei dem Roman etwas das Flair eines Regionalkrimis ab, das dem ersten Teil noch anhaftete. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Reihe hier entwickelt.

Das Setting ist in Konsequenz durchaus mondäner, auch wenn der Autor versucht, die Großstadt auf andere Weise zu zeigen, indem er die Handlung in die Vororte und vor allem zu Lost Places bringt. Dabei beschreibt Tom Voss, dessen Schreibstil sich gut und flüssig lesen lässt, anschaulich, hätte aber durchaus noch detaillierter sein können, um das Grauen beim Leser noch zu erhöhen.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen dreidimensional angelegt, haben Stärken und Schwächen. Neben Cleo überzeugen vor allem Nebencharaktere wie Lola, während Nick Beck sich zwar im Vergleich zum ersten Teil deutlich steigert, zum Schluss aber gesammelte Sympathiepunkte wieder verspielt, sodass er noch mindestens einen dritten Teil braucht, um insgesamt zu überzeugen.

Die Buchgestaltung ist im großen und ganzen ordentlich, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet. Der Buchumschlag ist relativ einfach gearbeitet, das Cover farblich auffällig und vom Motiv her eher austauschbar, sorgt aber von der Gestaltung für einen einheitlichen Gesamteindruck der Reihe.

Mein Fazit? „Eiszeit für Beck“ setzt die Reihe um Nick Beck gelungen fort. Dabei steigert sich das Buch im Vergleich zum Vorgänger mit einer spannenden, und teils unerwarteten Handlung, löst aber zugleich einen der Kernpunkte der Reihe direkt zu Anfang antiklimaktisch auf. Für Liebhaber von Kriminalromanen bedenkenlos zu empfehlen, allerdings nicht als Standalone und nicht unter einem Lesealter von 16.

Kalt, kälter, Kluftinger | Vorweihnachtliche doppelte Buchpost

Heute, am zweiten Weihnachtstag, möchte ich Euch die beiden Bücher zeigen, die mich kurz vor Weihnachten über Verlosungen auf Facebook und Lovelybooks.de erreichten – vielen Dank an die Glücksfee und den Ullstein Verlag sowie die S. Fischer Verlage. „Eiszeit für Beck“ von Tom Voss ist nach „Hundstage für Beck“ der zweite Teil der Krimi-Reihe um Ermittler Nick Beck und „Morgen, Klufti, wird’s was geben“ das Weihnachtsbuch um den berühmten Kommissar Kluftinger von Volker Klüpfel und Michael Kobr. Ich bin schon ganz auf die gänzlich verschiedenen Ermittler gespannt.

Habt Ihr Lieblingsfiguren aus Regionalkrimis? Welche Reihe könnt Ihr besonders empfehlen?

[Buchgedanken] Ralph Knobelsdorf: „Des Kummers Nacht: Von der Heydens erster Fall“ (Heyden 1)

Bevor ich Euch in der nächsten Woche meine Messeausbeute zeige, möchte ich noch einige Rezensionen präsentieren. Den Anfang macht dabei „Des Kummers Nacht: Von der Heydens erster Fall“ von Ralph Knobelsdorf, das ich während der FBM gelesen habe und das 2021 im Lübbe Verlag, Bastei Lübbe AG erschienen ist. Das Buch ist als historischer Kriminalroman einzuordnen – vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Berlin, 1855: Wilhelm von der Heyden steht kurz vor dem Abschluss seines Studiums, als er Zeuge einer Explosion wird. Die Fenster der gegenüberliegenden Wohnung sind zerstört, eine Frau hängt leblos im Zaun. Um ihr zu helfen, eilt er an den Unglücksort – und gerät selbst in Verdacht. Der Wachtmeister hat sein Urteil schon gefällt, der Chef der Kriminalpolizei ist jedoch von Wilhelms Beobachtungsgabe begeistert und stellt ihn ein. Talentierte neue Mitarbeiter werden in der noch jungen preußischen Ermittlungsbehörde dringend benötigt. Doch Fingerspitzengefühl ist gefragt, denn bald schon führen die Ermittlungen Wilhelm und seine Kollegen in die höchsten Kreise …

„Des Kummers Nacht“ ist ein bemerkenswerter Auftakt in eine hoffentlich mehrbändige Reihe um die Berliner Kriminalpolizei Mitte des 19. Jahrhunderts, der gekonnt Fakt und Fiktion vermischt und den Leser auf eine spannende Reise mitnimmt, die dafür sorgt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Dabei brilliert der Roman zum einen durch sein tolles Setting, das den Leser ins historische Berlin entführt und besonderen Wert auf Authentizität legt, wobei Abweichungen zur Historie im Nachwort des Autors angesprochen und erklärt werden, zum anderen durch eine überwiegend sehr gut Lesbarkeit, die – mit ein, zwei Ausnahmen – auf allzu fachliche und unendliche Ausführungen verzichtet.

Die Handlung ist spannend und abwechslungsreich und wartet immer mal wieder auch mit unerwarteten Wendungen auf. Leider werden nicht alle relevanten Handlungsstränge aufgelöst – und das Ende kommt mir auch etwas plötzlich und unspektakulär daher, hier hätte durchaus der ein oder andere Twist, die ein oder andere Spannungsspitze noch für einen runderen Abschluss sorgen können.

Die einzelnen Charaktere sind im wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei überzeugen neben Wilhelm insbesondere Anna und Vorweg, während Johann etwas blass bleibt. Insgesamt bleibt noch einiges auch hinsichtlich der Charaktere im Dunklen, sodass ich mir Vorgeschichten wünschen würde, gern auch des Opfers.

Die Buchgestaltung übrzeugt im großen und ganzen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben größtenteils sauber gearbeitet, wenn auch kleinere Fehler durchgerutscht sind – und ein größerer, wenn auf den wunderschön-farbigen Coverinnenseiten die Geburtsjahre der Geschwister mit 1835 (Wilhelm), 1833 (Max), 1838 (Anna) und 1812? (Ernst) angegeben werden, was unter Berücksichtigung der Geburt der Mutter 1799 unwahrscheinlich erscheint – oder zumindest weiterer Erklärung bedarf (frühere Frau?). Das Cover ist unscheinbar, aber detailverliebt und hochwrtig geprägt, der Buchschnitt farbig.

Mein Fazit? „Des Kummers Nacht: Von der Heydens erster Fall“ ist ein gutes Debüt für eine hoffentlich fortgesetzte historische Krimireihe, das vor allem mit einem tollen Setting und interessanten Charakteren punktet, aber noch kleinere Schwächen in der Handlung aufweist, die Folgebände aber korrigieren können. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag empfohlenen Lesealter von 16 Jahren, für historisch-interessierte vielleicht auch knapp früher.

Unbekanntes an bekannten Orten | Doppelte Buchpost

Vor kurzem erreichten mich zwei tolle Romane des Lübbe Verlags, Bastei Lübbe AG als Rezensionsexemplare über die Bloggerjury – vielen Dank dafür an dieser Stelle. Die Gemeinsamkeit von „Atelier Rosen – Die Frauen aus der Marktgasse“ von Marie Lamballe und „Berlin Monster – Nachts sind alle Mörder grau“ von Kim Rabe ist dabei das in Deutschland angesiedelte Setting – etwas, das viel zu selten vorkommt. So spielt Marie Lamballes historischer Roman in Kassel, währen Kim Rabes Urban Fantasy Krimi den Leser nach Berlin verschlägt – ich kann es kaum erwarten. Welches sind Eure liesten Bücher, die in Deutschland spielen? Kennt Ihr vielleicht einen der Romane?

[Buchgedanken] Ingo Bott: „Pirlo – Gegen alle Regeln“ (Pirlo 1)

In der letzten Zeit habe ich „Pirlo – Gegen alle Regeln“, den ersten Fall für Strafverteidiger Pirlo, von Ingo Bott gelesen. Das Buch ist 2021 bei FISCHER Scherz, S. Fischer Verlag GmbH erschienen, und dem Genre Justizkrimi zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über eine Leserunde bei Lovelybooks.de

Pirlo ist charismatisch, chaotisch – und unter Druck. Erst ist der Job weg. Dann handelt sich der Khatib-Clan Ärger ein: ausgerechnet seine eigenen Brüder. Jetzt soll Pirlo ihre Schulden begleichen. Den Preis dafür bezahlen, dass er sich von der Familie losgesagt hat. Dazu muss er den einen Fall, der ihm noch bleibt, gewinnen. Die Anklage wirft seiner Mandantin vor, ihren Mann umgebracht zu haben. Die Medien berichten pausenlos. Für alle, außer Pirlo und die junge Anwältin Sophie Mahler, scheint die Verurteilung sicher. Pirlo steht mit dem Rücken zur Wand: Er braucht einen Freispruch. Unbedingt. Dafür muss er Wege gehen, die er nie gehen wollte.

„Pirlo – Gegen alle Regeln“ ist ein gelungener Auftakt in eine neue Reihe an Justizkrimis um das Verteidiger-Duo Pirlo/Mahler. Dabei balanciert der Autor gut zwischen den Ermittlungen und den Szenen im Gericht, wobei letztere zudem nicht zu trocken sondern lebhaft, gleichzeitig aber auch halbwegs authentisch sind – etwas anderes hätte ich beim beruflichen Hintergrund des Autors allerdings auch nicht erwartet.

Die Handlung ist spannend und abwechslungsreich, teils aber etwas konstruiert und übertrieben. Dabei laufen die beiden Handlungsstränge zwischen dem Fall und den Clankonflikten größtenteils parallel ohne große Berührungspunkte, sodass man gut auf die Clan-Storyline hätte verzichten können, die austauschbar einfach Pirlo Möglichkeiten zur Geesetzesübertretung gibt. Zudem hätte man sich auch den moderaten Cliffhanger am Ende sparen können, da er zum einen unnötig ist, zum anderen aber auch etwas verpufft, wenn man bereits die Leseprobe für Band zwei an die Geschichte anhängt.

Das Setting überzeugt hingegen auf ganzer Linie: neben dem Gerichtssaal führt der Fall den Leser in die Düsseldorfer High-Society, in Hipster-Kneipen – oder auch in Staatsanwaltschaften fremder Länder. Und auch wenn sich die Ermittlungsansätze oftmals gleichen, fiebert der Leser dennoch mit Sophie und Pirlo mit, giert sensationslüstig wie die POST nach neuen Informationen, die den Verfahrensausgang beeinflussen können.

Dabei lebt der Roman auch und vor allem von Sophie als Sympathieträgerin, der zwar der Kontakt zur Wirklichkeit fehlt, die aber angenehmes Korrektiv zu PIrlo ist, der doch immer mal wieder etwas zu deutlich über die Stränge schlägt. Aber auch Nebenfiguren wie Marlene, Adams oder auch Arland vermögen zu überzeugen.

Die Buchgestaltung ist im Wesentlichen gelungen. Lektorat und Korrektorat sind zwar Kleinigkeiten durchgerutscht, diese hemmen den Lesefluss aber nicht erheblich, der Buchsatz ist fehlerfrei. Der Buchumschlag ist farblich eindrucksvoll und auf dem Titel, Buchrücken und Coverrückseite hochwertig geprägt. Zudem ist er mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen – lediglich das Titelbild fällt hier etwas ab, hätte durchaus mehr Liebe zum Detail vertragen.

Mein Fazit: „Pirlo – Gegen alle Regeln“ ist ein gelungener Justizkrimi, der vor allem durch Spannung, eine tolle Kanzleipartnerin und ein gelungenes Setting punktet und nur kleine Schwächen in der Handlung bietet, die bei einem Auftaktband verschmerzt werden können. Für Leser des Genres daher bedenkenlos zu empfehlen.

Hochspannung in allen Zeiten | Doppelte Buchpost

In den letzten Tagen erreichten mich erneut einige wundervolle Bücher, von denen ich Euch heute die ersten beiden zeigen möchte. „Des Kummers Nacht“ von Ralph Knobelsdorf ist ein historischer Kriminalroman, der im Preußen des 19. Jahrhunderts spielt und mich als Rezensionsexemplar über die Bloggerjury erreichte. „Russische Botschaften“ von Yassin Musharbash ist hingegen ein hochaktueller Politthriller im Spannungsfeld zwischen Politik, Spionage und Investigativjournalismus – und erreichte mich als Rezensionsexemplar im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks. Vielen Dank an die Verlage Bastei Lübbe und Kiepenheuer & Witsch. Da stehen mir einige, spannende Lesestunden ins Haus!

Familien im Fokus | Doppelte Buchpost

In den nächsten Tagen werde ich Euch wieder einige Neuzugänge und Buchbesprechungen präsentieren. Den Anfang machen heute zwei Romane, die mich im Rahmen von Leserunden auf Lovelybooks.de als Rezensionsexemplare erreichten – vielen Dank dafür! Dies ist zum einen Hanni Münzers „Solange es Liebe gibt“, eine Familiensaga aus dem Tinte & Feder Verlag, und zum anderen „Hundstage für Beck“ von Tom Voss, das ich bereits *hier* besprochen habe. Wenn man die Cover betrachtet, könnten sie sowohl von den Farben als auch von der Stimmung her kaum unterschiedlicher sein – aber Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an :). Kennt Ihr eines der Bücher oder die Autoren bereits?

[Buchgedanken] Tom Voss: „Hundstage für Beck“ (Nick Beck 1)

In der letzten Zeit habe ich „Hundstage für Beck“ von Tom Voss gelesen, den ersten Band einer Reihe um den Ermittler Nick Beck. Der Roman ist 2021 bei FISCHER Taschenbuch, S. Fischer Verlag GmbH, veröffentlicht worden und als Kriminalroman einzugruppieren. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks. Bei Tom Voss handelt es sich um ein neues Pseudonym des Autors Sven Koch, der auch bereits als Pierre Lagrange Krimis für die S. Fischer Verlage veröffentlicht hat.

Nordbek – der kleine Ort im Hamburger Norden hat außer Natur und Einsamkeit nicht viel zu bieten. Genau der richtige Ort für den gefallenen LKA-Ermittler Nick Beck, der sich nach einem traumatischen Einsatz in die Provinz versetzen lässt. Hier ertränkt er allabendlich seinen Frust in Alkohol. Als er eines Nachts auf einer einsamen Landstraße eine junge Frau überfährt, die nur mit einem BH bekleidet war, lässt er die Leiche in Panik verschwinden. Doch bald wird ihm klar, dass die Schäden an seinem Auto nicht darauf hindeuten, dass er die Frau wirklich überfahren hat. Sie muss schon tot auf der Straße gelegen haben. Nur was ist passiert? Kurzerhand platziert Beck die Leiche so, dass sie gefunden wird. Zusammen mit Cleo Torner vom LKA Hamburg, die ihn bei den Ermittlungen unterstützen soll, versucht Nick Beck dem Verbrechen auf die Spur zu kommen. Dabei stößt er auf menschliche Abgründe, die tiefer sind, als er sich hätte vorstellen können.

„Hundstage für Beck“ ist ein klassischer Auftakt in eine Krimireihe. Ein Ermittler versetzt an einen neuen Einsatzort, eine Tote, ländliche Idylle und viel Lokalkolorit. Was „Hundstage für Beck“ jedoch von vergleichbaren Büchern unterscheidet, ist, dass Nick Beck bereits am Anfang sämtliche Sympathien verliert. Durch seine Sucht fällt er von einer Katastrophe in die nächste, und ist vielmehr damit beschäftigt, sich selbst vor (gerechtfertigten) Konsequenzen zu retten, als eigentlich wirklich zu ermitteln, verletzt er doch unzählige Gesetze und quasi alle Regeln vernünftiger Polizeiarbeit.

Nichtsdestotrotz ist die Handlung natürlich dennoch spannend, abwechslungsreich und hält auch immer mal wieder einige unerwartete Wendungen für den Leser bereit, wenn auch Teile zumindest vorhersehbar sind. Dabei wird die Spannung vor allem dadurch ergänzt, dass man als Leser nicht nur dem Täter, sondern auch dem Protagonisten am Ende eine gerechte Strafe wünscht.

Das Setting brilliert auf ganzer Linie, dörfliche Idylle, High-Society und mafiöse Strukturen wechseln sich mit nüchternen Ermittlungsräumen und hierarchischen Polizeistrukturen ab. Abgründe des Landlebens, organisierte Kriminalität und Machtvakuen – der Autor erschafft hier eine Kulisse, die die Spannung bereits regelrecht garantiert.

Dabei wird die Geschichte aus diversen Perspektiven erzählt, um immer mehr Puzzlestücke aufzudecken. Die einzelnen Perspektiven wechseln meist kapitelweise, teils aber auch innerhalb eines Kapitels, was nicht immer zur Übersicht beiträgt. Dennoch gelingt es dem Leser gut, den einzelnen Handlungssträngen zu folgen, sich in die Figuren hineinzuspüren – auch wenn man das, insbesondere bei Nick, gar nicht so wirklich will. Etwas kurz kommt mir hierbei die Jugendclique um Fee, Morten, Marie und Rasmus, die noch so viel mehr Drama, so viel mehr Gewicht hätte haben können, sind doch gerade die Verwicklungen der Personen untereinander unglaublich spannend.

Die einzelnen Figuren sind dabei durchaus gut angelegt, insbesondere überzeugen Cleo, Marie und Morten. Nick bleibt hingegen – auch dank seiner Sucht – etwas eindimensional. Während es Tom Voss gelingt, die einzelnen Handlungsstücke rund um den Fall gut aufzulösen, bleibt dies jedoch leider gerade hinsichtlich der einzelnen Charaktere aus. So wird weder Cleos und Chris‘ Beziehung geklärt, noch Nicks Zukunft, was den Leser etwas enttäuscht zurücklässt.

Die Buchgestaltung überzeugt im Wesentlichen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Cover ist eindrucksvoll, zieht sich über den gesamten Buchumschlag und gibt die Stimmung des Buches gut wieder. Mir fehlt hier jedoch etwas der Bezug zur Geschichte, wenn man bedenkt, dass der Unfall auf der Straße im Dunklen geschehen ist – und es ist eindeutig klargestellt, dass es nur einen kleinen Blutfleck auf der Straße gab, während auf dem Cover doch eine größere Lache zu sehen ist.

Mein Fazit? „Hundstage für Beck“ ist ein gelungener Kriminalroman, der vor allem durch eine spannende Handlung und ein brillantes Setting überzeugt, bei der Figur des Ermittlers aber noch Luft nach oben lässt und nicht alle Handlungsstränge zufriedenstellend auflöst. Für Leser des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen.