In der letzten Zeit habe ich auch „Poyais. Ein Land, das es nie gab“ von Uli Aechtner gelesen. Das Buch ist 2026 in der Emons Verlag GmbH erschienen und als historischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

1820: Zwei Schiffe voller hoffnungsfroher Siedler stechen in See. Ihr Ziel: Poyais – ein neu gegründeter Staat in Südamerika, der europäischen Auswanderern Reichtum und Freiheit verspricht. Doch das angebliche Paradies ist eine Lüge. Poyais existiert nicht. Es ist die skrupellose Erfindung des Hochstaplers Gregor MacGregor, der mit glänzenden Versprechen Tausende in die Irre führt. Auch Kaufmannstochter Julie will mit ihrem Geliebten fliehen – und strandet in einer Katastrophe. In der unerbittlichen Hitze der Karibik kämpft sie gegen Hunger, Krankheit und Verzweiflung. Und steht bald vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens: Kann sie sich – und andere – retten?
„Poyais. Ein Land, das es nie gab“ ist nach „Mein Lover, mein Ex und der Andere“ mein zweiter Roman von Uli Aechtner und zeigt eindrücklich, in welcher Genre-Bandbreite die Autorin unterwegs ist. Denn dieses Buch lässt sich meines Erachtens klar als historischer Roman einordnen, auch andere Zuschreibungen wie die eines Schicksalsromans, ja sogar eines Abenteuerromans oder – wie von der Autorin im Nachwort erwähnt – als historische True-Crime sind hier möglich.
Die Handlung ist dabei spannend und abwechslungsreich, teils aber mit kleineren Längen versehen. Die verschiedenen Handlungsstränge nähern sich hierbei zeitlich immer stärker an und laufen kurz vor dem Ende zusammen – so vermochte der Handlungsstrang aus den Befreiungskriegen zumindest noch minimal Einfluss auf die eigentliche Geschichte zu nehmen. Generell hätte ich mir hier eine stärkere Fokussierung auch auf MacGregor gewünscht, seine Perspektive kommt nur kurz im Prolog vor, als nunmehr genialer aber verabscheuungswürdiger Verbrecher, als früherer Held der Befreiungskriege hat er sicherlich eine Entwicklung durchgemacht, die viele Bücher füllen könnte.
Das Setting führt die Leser:innen im 19. Jahrhundert so ziemlich überall hin. So nimmt die Autorin die Leser:innen mit auf eine Reise über Deutschland, England, Frankreich und diverse Länder Mittelamerikas hin zum nicht existenten Staat Poyais. Dabei sind insbesondere die Passagen zur Schifffahrt gelungen und zeugen von einer guten Recherche. Gleiches gilt für die Schilderungen zu den Befreiungskriegen, die eindrücklich und mahnend die Schrecken des Krieges verdeutlichen, sich aber irgendwie nicht so recht organisch in die Handlung einfügen – hier hätten auch andere Schwerpunkte gesetzt werden können.
Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Theo, Josefa und Jeffrey, während gerade Carl etwas blass verbleibt und oftmals nicht nachvollziehbar handelt. Uli Aechtners Schreibstil lässt sich leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen, balanciert die Waage aber sicherlich eher auf Seiten der Lesbarkeit als sprachlich-historischer Genauigkeit.
Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben ordentlich gearbeitet, der Umschlag ist auf dem Cover hochwertig geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen. Die Geschichte wird mit einem Literaturverzeichnis und einem einordnenden Nachwort abgerundet, vorangestellt ist eine Karte, die allerdings sehr schlecht lesbar ist im Druck. Das Covermotiv wird zum Buchrücken hin krass abgegrenzt, Buchrücken und Coverrückseite sind eher eintönig, schlicht, aber grell – generell ist die Farbgestaltung ungewöhnlich. Das Covermotiv an sich ist ansehnlich, aber kein Eyecatcher.
Mein Fazit? „Poyais. Ein Land, das es nie gab“ ist ein spannender und abwechslungsreicher historischer Roman, der ein hochinteressantes Thema behandelt, teils aber andere Schwerpunkte hätte setzen können und kleinere Längen aufweist. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.