[Buchgedanken] Emily Bold: „Stolen: Verwoben in Liebe“ (Stolen 1)

In der letzten Zeit habe ich „Stolen: Verwoben in Liebe“, den ersten Band einer neuen Fantasyreihe von Emily Bold gelesen. Der Roman ist 2020 bei Planet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH erschienen und dem Genre Urban Fantasy / Young-Adult Romantasy zuzuordnen. Es ist bereits mein elftes Buch der mehrfach in meinen Jahreshighlights vertretenen Autorin.

Wenn der erste Junge, den du küsst, deine Seele stehlen will, dann läuft etwas gewaltig schief. So wie bei Abby Woods. Sie hat schon viele Fehler begangen. Diese haben sie nach Darkenhall geführt, eine Londoner Schule, die sich rühmt, auch aus den unbezähmbarsten Schülern bessere Menschen zu machen. Als sie dort dem charismatischen Tristan und seinem geheimnisvollen Bruder Bastian begegnet, begeht sie einen noch viel größeren Fehler. Sie stiehlt Bastians Ring, nicht ahnend, welche Kraft sie damit entfesselt. Denn die Tremblays sind keine gewöhnlichen Schüler, und der Ring kein einfaches Schmuckstück. Abby gerät in große Gefahr und sie muss erkennen: Einen Tremblay küsst man nicht.

Auch wenn man etwas braucht, bis man mit Stolen warm wird, hat sich das Durchhalten definitiv gelohnt. Denn nach einem etwas zähen – und durch die Anlage aller Handlungsstränge sehr sprunghaften – Start, entwickelt sich eine tolle, gefühlvolle und vor allem spannende Handlung. Eingebettet in ein wunderschönes Londoner Setting, wird das Kopfkino sofort angeworfen, und man träumt sich nach Darkenhall (oder an meinen Lieblingsplatz: den Jahrmarkt!).

Dabei besticht der Roman vor allem durch seine tollen Charaktere, auch wenn man diese oftmals schütteln möchte, da man durch das Informationsplus als Leser mehr weiß und sie fröhlich und stur im Dunkeln herumtappen. Trotzdem entwickeln sie sich im Lauf der Handlung weiter, insbesondere Bastians Zerrissenheit und Abbys Gefühle werden von Emily Bold toll eingefangen – man leidet, lacht und weint mit beiden.

Der Schreibstil der Autorin lässt sich – wie nicht anders zu erwarten – leicht und flüssig lesen, transportiert Gefühle und Bilder. Was mich doch sehr irritierte, war jedoch der sehr krasse Cliffhanger am Ende, den ich in einer solchen Brutalität von Emily gar nicht kenne – zumindest gefühlt. Vielleicht hätte man einfach 1-2 Kapitel vorher aufhören können.

Die Buchgestaltung hingegen ist makellos. Lektorat, Korrektorat und Satz haben sauber gearbeitet und der Buchumschlag ist wunderschön. Ein auch unter dem Buchumschlag toll aussehendes Buch, sowie ein fabelhafter bunter Buchschnitt in limitierter Auflage runden den tollen Gesamteindruck des Hardcovers ab.

Mein Fazit: „Stolen: Verwoben in Liebe“ ist ein toller Auftakt in eine phantastische Buchreihe, der vor allem durch ein wunderschöne Setting und tolle Charakere glänzt, aber auch einen heftigen Cliffhanger bietet – erneut ein potentielles Jahreshighlight. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen, allerdings würde ich die vom Verlag empfohlene Altersgrenze (ab 12) minimal höher setzen und das Buch Lesern erst ab 13/14 ans Herz legen.

[Buchgedanken] Ben Aaronovitch: „Der Böse Ort“

In den letzten Tagen habe ich den vierten Teil der Romanreihe um den Zauberlehrling Peter Grant gelesen: „Der Böse Ort“. Der Urban-Fantasy-Roman von Ben Aaronovitch erschien 2014 bei dtv und wurde ursprünglich unter dem Titel „Broken Homes“ 2013 bei Gollancz, London, veröffentlicht.

Noch immer hält die Jagd nach dem Gesichtslosen die magische Abteilung der Londoner 61be2b4bpx1lPolizei auf Trab. Ein verstorbener Stadtplaner und ein Einbruch in eine alte Villa eines bekannten deutschen Architekten führen Peter Grant zum Skygarden Tower, einer berühmt-berüchtigten Sozialwohnanlage im Süden von London. Doch welche Vision hat der Architekt Erik Stromberg mit dem Bau verfolgt? Weshalb interessiert sich der Gesichtslose so sehr für den Turm? Und was haben eine Baumnymphe und eine russische Nachthexe mit der Sache zu tun? Fragen über Fragen, auf die Peter Grant schnell Antworten finden muss, denn ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

„Der Böse Ort“ ist – wie auch bereits aus der Kurzbeschreibung ersichtlich – eine direkte Weiterführung der ersten drei Bände, da sie den zentralen Konflikt zwischen dem Folly (die magische Abteilung der Polizei) und dem gesichtslosen Magier behandelt. Ein Spannungsbogen ist vorhanden, und das Buch ist abwechslungsreich und humorvoll wie die Vorgänger. Jedoch fehlt mir im vierten Teil die eigenständige Handlung. Bisher gelang es Ben Aaronovitch immer exzellent, den zentralen Konflikt der gesamten Buchreihe im Hintergrund der einzelnen Fälle (man denke an das „Stille Volk“ aus Band 3) weiterzuentwickeln, während in diesem Teil der Konflikt dominiert und klar im Vordergrund steht. Das wäre an und für sich kein Probblem – wenn dann der durchaus epische Endkampf auch eine Entscheidung gebracht und sich nicht in einen Cliffhanger zu den nächsten Bänden gerettet hätte.

Zudem hat der Autor die Chance vertan, den Cliffhanger aus Band 3 („sprechender Fuchs“) und Abigail als Charakter noch stärker ins Buch zu integrieren. Abgesehen davon ist der Schreibstil von Ben Aaronovitch weiterhin ein wahrer Genuss. Wortwitz und Einfallsreichtum, pointierte Klischees und geniale Szenen wie die Frühlingscour sorgen dafür, dass trotz leichter Schwächen in der Handlung „Der Böse Ort“ erneut zu einem tollen Lesevergnügen wird und mich nach mehr lechzen lässt. Beeindruckend ist auch die Verknüpfung der Themen „Magie“ und „Architektur“, die nicht nur auf eine tolle Recherche schließen lässt, sondern auch die magische Welt des Romanes weiter ausbaut und mit Leben füllt.

Das aufwendig geprägte Cover, der Buchsatz, Lektorat und Korrektorat können auf der ganzen Linie überzeugen. Zudem bieten die Cover der Reihe einen starken Wiedererkennungswert.

Mein Fazit? „Der Böse Ort“ ist ein grundsolider Urban-Fantasy-Roman, der die Reihe um Peter Grant nahtlos fortführt. Leichte Schwächen in der Handlung trüben jedoch aufgrund des brillianten und humorvollen Schreibstils des Autors das Lesevergnügen kaum. Für Fans der Reihe, von humoristischer oder Urban-Fantasy bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Ben Aaronovitch: „Ein Wispern unter Baker Street“

Heute möchte ich meine erste Buchbesprechung für 2017 mit Euch teilen (und die letzte, bevor mein tolles neues Büchertagebuch ankommt – aber dazu nächste Woche mehr :)).

Über den Jahreswechsel habe ich „Ein Wispern unter Baker Street“ gelesen, den dritten Teil von Ben Aaronovitchs Urban-Fantasy-Buchreihe über den Londoner Polizisten und Zauberlehrling Peter Grant. Das Buch ist als Taschenbuch 2013 bei dtv erschienen, die Originalausgabe wurde 2012 unter dem Titel „Whispers Under Ground“ bei Gollancz, London, veröffentlicht.

„Ein Wispern unter Baker Street“ entführt den Leser in die Londoner U-Bahn. Als die 61en0z4hzcl-_sx312_bo1204203200_Leiche eines amerikanischen Kunststudenten gefunden wird, wird der Polizei schnell klar, dass Magie im Spiel ist. Deswegen werden Peter Grant und Leslie May zu dem Fall hinzugezogen, der sich schnell als komplizierter herausstellt, als sie es sich vorgestellt hatten. Denn der Getötete ist der Sohn eines amerikanischen Senators – was das FBI auf den Plan ruft. Vergessene Tunnel, Flussgottheiten und ein alter Feind. Im Untergrund von London gerät Constable Peter Grant in mehr als eine brenzlige Situation. Und alles, unter den wachsamen Augen der FBI-Agentin Reynolds…

Mit dem dritten Band knüpft Ben Aaronovitch nahtlos an die Handlung der ersten Bände an. Hierbei ist aber zu beachten, dass – auch wenn „Ein Wispern unter Baker Street“ als eigenständiges Buch gelesen werden kann – ich zwingend empfehle, die Reihe von Beginn an zu lesen, da dem Leser sonst schlichweg viele Hintergrundinformationen fehlen. Abgesehen davon ist der Roman erneut ein Paradebeispiel des Genres. Ben Aaronovitch integriert die Magie und magischen Wesen mühelos in die Londoner Gesellschaft und schafft einen Urban-Fantasy-Roman, der wie die Vorgänger vor allem durch seinen bestechenden Humor punkten kann – seit Terry Pratchett das humorvollste, was die Fantasy zu bieten hat.

Auch die Protagonisten und Nebencharaktere überzeugen vollends und sind detailreich ausgearbeitet (allerdings kam mir Nightingale in diesem Band etwas kurz). Zudem führt Ben Aaronovitch in diesem Band neue Wesen und Figuren ein, die das kleine, aber feine magische Universum erweitern – man lernt wie in jedem Band mit Peter mit.

Das Cover ist gelungen und auf der Vor- und Rückseite aufwendig geprägt. Buchsatz, Lektorat und Korrektorat sind ebenfalls ohne erkennbare Schwächen. Teil 4 kann also kommen (und liegt auch schon auf meinem SuB :)).

Die Handlung spielt in der Woche vor Weihnachten und ist kurzweilig. Mit vielen Plottwists und unerwarteten Wendungen lässt der Autor den Leser immer wieder im Unklaren darüber, was eigentlich genau vor sich ging. Dabei gelingt es Ben Aaronovitch, diesen Fall nicht nur eigenständig zu erzählen, sondern auch nahtlos in die (über alle Bände angelegte) Jagd nach dem Erzschurken der Reihe zu integrieren. Die Spannung wird dabei konstant aufgebaut, und nur durch die ebenfalls wichtigen witzigen Momente unterbrochen. „Ein Wispern unter Baker Street“ ist dabei genauso sehr Polizei- wie Fantasyroman und beschreibt auf humoristische – aber sicherlich auch zumindest teilweise zutreffende – Weise die Skurillitäten britischer Polizeiarbeit.

Mein Fazit: „Ein Wispern unter Baker Street“ ist ein Paradebeispiel für das Genre „Urban Fantasy“. Der Roman überzeugt mit Witz und tollen Charakteren, und ich kann ihn bedenkenlos jedem Liebhaber der Fantasy ans Herz legen. Allerdings würde ich empfehlen, vorher die Vorgänger „Die Flüsse von London“ und „Schwarzer Mond über Soho“ zu lesen.