[Buchgedanken] Elif Shafak: „Am Himmel die Flüsse“

In der letzten Zeit habe ich auch „Am Himmel die Flüsse“ von Elif Shafak gelesen. Der Roman ist 2024 in der Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG erschienen, die Originalausgabe wurde 2024 unter dem Titel „There are Rivers in the Sky“ bei Viking, Penguin UK veröffentlicht. Das Buch ist der Gegenwartsliteratur zuzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Michaela Grabinger verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Narin ist neun, als in dem yezidischen Dorf am Tigris Planierraupen auftauchen. Ihre Heimat soll einem Dammbauprojekt der türkischen Regierung weichen. Die Großmutter, fest entschlossen, die Enkelin an einem ungestörten Ort taufen zu lassen, bereitet alles für die Reise ins heilige Lalisch-Tal vor. Kurz vor Aufbruch stößt Narin auf das Grab eines gewissen Arthur – direkt neben dem ihrer Ururgroßmutter Leila. Wer war dieser „König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere“, der Junge aus dem viktorianischen London, von den Ufern der verschmutzten Themse? Und was hat er mit Narins eigener Vertreibung zu tun?

„Am Himmel die Flüsse“ ist mein erster Roman von der weltweit gefeierten Autorin Elif Shafak – und zeigt mir beeindruckend, warum sie mit Preisen überhäuft wird. Etwas irritierend auf Verkaufsplattformen teils als Coming-of-Age eingruppiert, würde ich den Roman vielmehr der Gegenwartsliteratur zuordnen, spricht er doch – trotz der auch historischen Aspekte – wichtige gesellschaftliche Themen und Problemkreise an und zeigt Parallelen zur Vergangenheit auf – alles vor dem Hintergrund der Klimakrise und der Geschichte des Wassers.

Die Handlung ist durchaus spannend und abwechslungsreich, wenn auch teils mit kleineren Längen versehen. Dabei wird die Geschichte im Wesentlichen in drei verschiedenen Handlungssträngen erzählt – den vierten, prologartigen, kann man hierbei vernachlässigen. Auch spielt die Handlung im Wesentlichen in zwei Zeitebenen, im viktorianischen England und – mehr oder weniger – in der Gegenwart 2014 bzw. 2018 und bildet nicht nur vergangene Ereignisse sondern auch wesentliche Entwicklungen der Jetztzeit ab. Elif Shafak mischt dabei gesellschaftlich wichtige Themen wie Organhandel, moderne Sklaverei, religiöse und ethnische Verfolgung und psychische Erkrankungen mit der Geschichte des Wassers und der Klimakrise zu einem gelungenen, monumentalen Gesamtkonstrukt.

Und auch das Setting kann dabei glänzen. So entführt die Autorin ihre Leser:innen in das heutige und das viktorianische London und in das gegenwärtige und vergangene Mesopotamien, genauer gesagt ins irakische Ninive und in die türkischen Gebiete am Tigris – inklusive eines kurzen Ausflugs ins Königreich von Assurbanipal. Dabei zeugen die Beschreibungen der Orte von einer ausführlichen Recherche, auch wenn Arthurs Reise fast noch präsenter, fast noch detaillierter hätte dargestellt werden können, um seine Eindrücke als Leser:in noch intensiver fühlen zu können.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei brillieren insbesondere Zaleekhah, Besma und Nen, während Arthur teils etwas blass verbleibt. Elif Shafaks Schreibstil ist hierbei unglaublich poetisch (ein Lob auch an die Übersetzung von Michaela Grabinger), lässt sich leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Auch die Buchgestaltung überzeugt größtenteils. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, die das Lesevergnügen kaum schmälern, der Buchsatz ist gelungen und wartet teils mit kleineren Abbildungen/Illustrationen auf. Eine Übersicht über die Reise eines Wassertropfens und umfangreiche Anmerkungen der Autorin runden die Geschichte ab – gern hätte ich mir hier auch noch eine Karte von Mesopotamien gewünscht. Das Covermotiv zieht sich gut über den kompletten Buchumschlag, der darüber hinaus auch noch mit farbigen, aber eintönigen Coverinnenseiten versehen ist. Allerdings ist das Covermotiv insgesamt zwar farblich stark, aber etwas zu simpel, um ein richtiger Eyecatcher zu sein.

Mein Fazit? „Am Himmel die Flüsse“ ist ein poetisch und atmosphärisch starker Roman der Gegenwartsliteratur, der wichtige Themen anspricht, dabei nur minimale Längen hat und somit Elif Shafaks Platz im Literaturolymp zementiert. Für Leser:innen ab 16 Jahren bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Tina Ariam: „Die Moritat der Organspenderin“

Vor kurzem habe ich „Die Moritat der Organspenderin“ von Tina Ariam gelesen. Das Buch ist 2023 im Wreaders Verlag erschienen und dem Genre Steampunk zuzuordnen. Es ist das erste Buch, das ich im Rahmen der Tätigkeit als Lesejuror für den Phantastikpreis SERAPH 2024 gelesen habe. Die folgende Besprechung spiegelt hierbei lediglich einen individuellen Leseeindruck wieder, sodass keine Rückschlüsse auf die Gesamtentscheidung der Jury getroffen werden können.

Rye, England, ca. 1884. Durch die unkenntlich gemachten Gesichter weiß Henri nie, wer auf ihrem Operationstisch landet. Für die örtlichen Schmuggler entnimmt sie den Leichen ihre Organe. Für die wirklich wichtigen Kunden stiehlt sie das Wissen der Toten. Doch dann liegt plötzlich der britische Thronfolger auf ihrem Tisch.

„Die Moritat der Organspenderin“ ist der Debütroman von Tina Ariam, sonst könnte er auch schlecht als „Bestes Debüt“ für den SERAPH nominiert sein, gleichzeitig aber wohl auch Auftakt für eine Buchreihe, ist eine Fortsetzung doch angeteasert, die allerdings von der Prämisse doch sehr an „Kingsman“ erinnert. Das Buch lässt sich dabei relativ eindeutig dem Genre Steampunk zuordnen, spielt es doch in der viktorianischen Zeit, die in dieser Realität von Luftschiffen und technischen Gerätschaften dominiert wird. Etwas irritierend, dass das Buch zwar genau datiert ist, die englische Königin aber ausgetauscht wurde – gleiches gilt wohl auch für den restlichen europäischen Hochadel, der mit echten Titeln aber fiktiven Personen durchsetzt wurde.

Die Handlung ist durchaus abwechslungsreich und spannend, wenn auch mit kleineren Logiklücken versehen. Gern hätte ich mir auch noch mehr Moritaten gewünscht, die in den Text eingebaut worden wären, um noch mehr Atmosphäre zu schaffen. Gerade im zweiten Teil nimmt die Handlung jedoch deutlich an Fahrt auf und entwickelt sich durchaus zum Pageturner – auch dank der Reise auf dem Luftschiff, die hier für einen spannenden Wechsel des Handlungsortes sorgt.

Das Setting kann dadurch auf ganzer Linie glänzen. So entführt die Autorin den Leser nicht nur ins „viktorianische“ (aufgrund einer anderen Königin ja nicht der passende Name) England nach Rye, sondern auch mit einem Luftschiff über die Wolken – und nach Wien ins Schloss Schönbrunn. Dabei ist das Steampunk-Setting sehr klassisch, aber nichtsdestotrotz begeisternd – insbesondere die Ausstattung der Ikarus IX lässt den Leser träumen und sich ebenfalls an Bord wünschen.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig ausgearbeitet, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive – auch wenn die inneren Stimmen, ein so interessantes und innovatives Konzept, noch stärker in den Fokus hätten gestellt werden können. Insgesamt überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Ludwig und Eustace, aber auch Henri kann glänzen, während Scott noch etwas blass verbleibt, im nächsten Band aber konsequent weiterentwickelt werden kann. Tina Ariams Schreibstil lässt sich zudem leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anspringen.

Aussagen zur Buchgestaltung lassen sich nur bedingt treffen, da ich ein digitales Exemplar gelesen habe und daher nichts zur Ausstattung des Prints sagen kann. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz lassen sich jedoch durchaus beurteilen. Und während der Buchsatz hier durchaus ansehnlich ist – kleinere Satzfehler können auch an meinem Leseprogramm liegen – haben Lektorat und Korrektorat doch einige Schwächen, die sich auch kontinuierlich durchs Buch ziehen und bei mir für Irritationen sorgen – was das Lesevergnügen dann doch leicht schmälert.

Mein Fazit? „Die Moritat der Organspenderin“ ist ein durchaus gelungenes Debüt, das vor allem mit einem brillanten Setting und einigen innovativen Ideen punktet, aber auch kleinere Schwächen, insbesondere auch im Lektorat/Korrektorat hat. Für Leser des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag vorgeschlagenen Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Elizabeth Macneal: „Zirkus der Wunder“

Vor kurzem habe ich „Zirkus der Wunder“ von Elizabeth Macneal gelesen. Das Buch ist 2022 im Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2021 unter dem Titel „Circus of Wonders“ bei Picador veröffentlicht. Das Buch ist als historischer Roman einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Eva Bonné verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Südengland, 1866. Die junge Nell, von Muttermalen gezeichnet, wird von den anderen Dorfbewohnern gemieden – bis „Jasper Jupiters Zirkus der Wunder“ im Ort kampiert. Nells skrupelloser Vater wittert ein Geschäft und verkauft sie als „Leopardenmädchen“ an Jasper. Doch was als traumatische Erfahrung beginnt, scheint sich als Glücksfall zu erweisen: Erstmals findet Nell eine echte Heimat. Sie schließt Freundschaften, verliebt sich in den sensiblen Toby – und wird, als „achtes Weltwunder“ gefeiert, zum Star des Zirkus. Doch mit dem Ruhm stellen sich neue Probleme ein.

„Zirkus der Wunder“ ist ein historischer Roman, der den Leser ins neunzehnte Jahrhundert entführt, gleichzeitig aber große Aktualität besitzt, ist er doch ein Plädoyer für Toleranz, Diversität und gesellschaftliche Akzeptanz, zeigt er doch die Folgen von Diskriminierung – im Großen und im Kleinen – und bespricht Themen wie Kriegspropaganda und Traumata. Es ist daher der natürliche Nachfolger von „The Greatest Showman“, auf dessen Protagonist hier oftmals Bezug genommen wird, allerdings mit rein fiktiven Charakteren – und weniger glorifizierend pompös.

Denn die Handlung ist zwar spannend und kurzweilig, aber auch düster. Schonungslos beschreibt Elizabeth Macneal die teils unmenschlichen Zustände anhand einzelner Schicksale, die zwar fiktiv, aber sicherlich authentisch sind. Dabei ist der Roman ungemein atmosphärisch dicht, nimmt den Leser mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt, und zeigt seine Authentizität auch darin, dass er ein realistisches und kein verklärtes, kitschgeschwängertes Happy-End bietet.

Das Setting ist erwartbar brillant – bei einer Reise ins viktorianische England kann man hier aber wenig falsch machen – es hat sich als Setting für alle Arten von Romanen bewährt. Schön ist es jedoch, dass die Autorin den Leser hier mal in ein England abseits von London mitnimmt, zumindest teils in ärmliche, ländliche Dörfer führt, die einen krassen Gegensatz zur illustren Hauptstadt bilden. Aber auch die spätere Darstellung von London überzeugt, lediglich die Szene im Buckingham Palace irritiert leicht, dies kann aber auch an dem starken Einfluss liegen, den eine andere Palastbewohnerin auf die letzten Generationen ausgeübt hat.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig ausgearbeitet, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen neben Nell vor allem Stella und Pearl, während Toby etwas blass bleibt. Der Schreibstil von Elizabeth Macneal ist dabei flüssig und gut lesbar, atmosphärisch dicht und sehr bildhaft.

Die Buchgestaltung ist solide, Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist unauffällig. Die farbliche Gestaltung des Schutzumschlags wird leider durch den Buchrücken unterbrochen, insgesamt ist die Gestaltung zudem relativ schlicht, auch wenn sich im Covermotiv immerhin einige Aspekte der Handlung widerspiegeln. Das Buch unterhalb des Umschlags ist gleichfalls schlicht, aber mit farbigen Coverinnenseiten versehen.

Mein Fazit? „Zirkus der Wunder“ ist ein wirklich bestechender historischer Roman mit nur minimalen Schwächen, der vor allem durch sein atmosphärisches Setting und die hohe Aktualität brilliert. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Cleo Bennet: „Improper, Miss Trivett!“

Vor einiger Zeit habe ich „Improper, Miss Trivett!“ von Cleo Bennet gelesen. Das Buch ist 2022 im Selfpublishing über tredition veröffentlicht worden und als historischer Erotikroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

England 1810: Auf seinem Landgut lockt Mr. Teversham die büchervernarrte Gouvernante Miss Bird mit seiner erotischen Büchersammlung in eine bizarre Hörigkeit. 1865 stößt die junge Emily Trivett in der Bibliothek von Uppington Hall auf den Roman, der Miss Birds pikantes Abenteuer beschreibt. Während Emily fasziniert dem Zusammenhang zwischen der Fiktion, dem Herrenhaus und ihrer schrulligen Großtante Mabel nachspürt, entgeht ihr völlig, dass der Bibliothekar von Uppington sich beileibe nicht nur für das Abstauben ehrwürdiger Folianten interessiert.

„Improper, Miss Trivett!“ ist ein Roman, der sich nur schwerlich einordnen lässt und am ehesten aufgrund des Settings als historischer Erotikroman beschrieben werden kann. Gleichsam ist der Roman teils aber auch satirisch, fast an der Grenze zur Karikatur- und ist eine Erzählung, die sich über mehrere Ebenen erstreckt, werden im Buch doch weitere von den Protagonisten gelesene Bücher (bzw. Auszüge) abgedruckt, in denen die dortigen Potagonisten weitere – dort abgedruckte – Bücher lesen.

Demzufolge spielt die Handlung auf mehreren Ebenen – und in diversen Zeiten. Auf die kurz vor Schluss zusätzlich eingestreute, weitere Handlungsperspektive von Mabel hätte man hier durchaus aber verzichten können. Insgesamt hat das Buch – gerade zu Anfang – doch einige Längen, ist unterhaltsam, aber teils grotesk drüber und lässt – zumindest im ersten Teil – als Erotikroman gerade die Erotik etwas vermissen, was sich aber später legt.

Das Setting vermag hingegen auf ganzer Linie zu überzeugen. So entführt Cleo Bennet den Leser ins viktorianische England – vor allem in die ländliche Provinz, zwischen Kirchgang, Bibliothek und Müßiggang – übertrieben eskapistisch und daher vielleicht nicht in jedweder Einzelheit authentisch, aber umso humorvoller.

Die einzelnen Charaktere sind eher eindimensional gestaltet um ihre Rollen zu spielen – insbesondere in den Nebenrollen wie den Kneebones, den Wilberforces oder Mr. Atwood. Lediglich Mr. Blake kann hier glänzen und überrascht, frustriert den nach Action suchenden Leser aber gleichermaßen durch seine stoische Ruhe. Cleo Bennets Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen.

Die Buchgestaltung ist durchwachsen. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz macht hingegen einen leicht verwirrenden und unausgegorenen Eindruck – hier hätte etwas mehr Klarheit, etwas mehr Linie und ein weniger an Schriftarten und Formatierungen sicherlich gut getan. Das Covermotiv ist wunderschön und ein absoluter Eyecatcher – wenn auch etwas der Bezug zur Handlung fehlt. Der restliche Buchumschlag ist schlicht und eher eintönig.

Mein Fazit? „Improper, Miss Trivett!“ ist ein unterhaltsamer und im letzten Teil doch erotischer Erotikroman, aber auch mit Längen und teils schematischen Charakteren. Für Leser des Genres dennoch zu empfehlen – ab einem Lesealter von 18 Jahren.

Von Göttern und Wundern | Doppelte Buchpost aus der Bloggerjury

Vor kurzem erreichten mich auch diese beiden Bücher als Rezensionsexemplare über die Bloggerjury der Bastei Lübbe AG – vielen Dank dafür! Während es den Leser in „Zirkus der Wunder“ von Elizabeth MacNeal (Eichborn Verlag) ins viktorianische England verschlägt, nimmt „Neon Gods – Hades & Persephone“ von Katee Robert (LYX Verlag) den Leser mit auf eine Reise in die griechische Mythologie. Eine hochspannende Kombination!

Welches Buch ist zuletzt bei Euch eingezogen?

Abwechslung im Doppelpack | Lovelybooks-Buchpost

Und auch heute geht es mit zwei Büchern weiter, die mich vor kurzem als Rezensionsexemplare im Rahmen von Leserunden auf Lovelybooks.de erreicht haben. Dabei bedienen sowohl „Improper, Miss Trivett!“ von Cleo Bennet (Selfpublishing, Tredition) als viktorianischer Erotikroman als auch „Lovelock of Majestic War 1“ von Tatsuya Shihira (Manga Cult) als Manga ungewöhnliche Genres auf meiner Leseliste. Da ist Abwechslung garantiert!

Lest Ihr gern mal einen Manga oder einen Graphic Novel?

[Buchgedanken] Jana Paradigi: „Kitty Carter – Dämonenkuss“ (Kitty Carter 1)

Vor kurzem habe ich „Kitty Carter – Dämonenkuss“ von Jana Paradigi gelesen. Das Buch ist 2022 im Novel Arc Verlag erschienen und als historische Urban Fantasy einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die vermittelnde Agentur Literaturtest.

England 1862, das Jahr der Weltausstellung in London. Die 49-jährige Kitty Carter hat in ihrem Leben auf Liebe und Familie verzichtet, um als Frau einem Beruf nachgehen zu können. Sie arbeitet als unscheinbare Bürokraft bei der City of London Police. Ihr Talent für treffgenaue Vorahnungen ist das Einzige, was ihr den öden Alltag versüßt – bis sie das erste Mal stirbt und überraschend von Gott persönlich einen Auftrag erhält. Durch die Chance auf ein zweites Leben beginnt Kitty nachzuholen, was sie im ersten Anlauf verpasst hat. Ihre neu gewonnene Abenteuerlust und ungeahnte Begierden lenken sie bald von der eigentlichen Aufgabe ab: der Jagd nach einem mörderischen Dämon. Während Kitty der immer länger werdenden Spur aus Leichen folgt, geraten die Grundfesten ihres Seins weiter ins Schwanken und sie muss sich fragen: Wie göttlich ist ihre Mission wirklich?

„Kitty Carter – Dämonenkuss“ wird als bunter Genremix beschrieben, als Mischung aus Urban Fantasy und einem viktorianischen Krimi für Fans von Sherlock Holmes, als magisches Steampunk-Abenteuer. Ich sehe hier jedoch weder Steampunk noch einen wirklichen Krimi, sondern vielmehr klassische historische (Urban-) Fantasy, die jetzt wenig mit Sherlock Holmes zu tun hat, aber nichtsdestotrotz trotzdem unterhaltsam ist.

Denn die Handlung ist durchaus abwechslungsreich und spannend, teils aber auch etwas zähflüssig. Dabei hätte ich mir gewünscht, dass vor Beginn des paranormalen Teils Kittys Karriere bei der Polizei noch etwas stärker beleuchtet worden wäre, denn die Prämisse einer älteren, hellsichtigen und alleinstehenden Frau in der historischen Polizei ist doch sehr ungewöhnlich und interessant, während die Szenen im Jenseits hingegen etwas verwirrend sind, der Weltenbau bzw. das Magiekonzept / der spirituelle Oberbau hier noch weiter erklärungsbedürtig ist – was ggf. ja in möglichen Folgebänden erledigt werden könnte.

Das Setting – im Diesseits – überzeugt im Wesentlichen – wie könnte das viktorianische England auch nicht? Jana Paradigi entführt den Leser ins London des Jahres 1862, in die High Society zwischen Séancen, Kaffeehäusern und der Weltausstellung, die die Stadt zum Pulsieren brachte. Dabei betrachtet man die Welt durch die Augen der 49-jährigen Protagonistin, eine immer noch ungewohnte Perspektive für die viktorianische Zeit.

Kitty Carter kann dabei als Charakter durchaus glänzen. Sie ist im Tod reflektiert, zurückgesandt durchaus untypisch impulsiv, dafür aber auch selbstbestimmt und frei – sehr erfrischend. DIe anderen Personen sind hingegen eher eindimensional angelegt, am ehesten können hier noch Rose und Tessi überzeugen, während Eliza und Ruff, aber insbesondere auch Amari, eher blass verbleiben.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind durchaus kleinere Sachen durchgerutscht, die den Lesefluss allerdings nicht wesentlich hemmen, der Buchsatz ist sehr schön und verdient sich allein schon dafür ein Extralob, jedes Kapitel auf einer ungeraden Seite zu beginnen. Das Covermotiv ist wunderschön anzusehen und zieht sich über den kompletten Buchumschlag, sodass ein tolles Gesamtbild entsteht – lediglich der Bezug zur Handlung könnte noch ausgeprägter sein.

Mein Fazit? „Kitty Carter – Dämonenkuss“ ist ein gelungener Auftakt in eine potentielle Buchreihe, der vor allem durch sein Setting und einige ungewohnte Entscheidungen brilliert, aber auch einige Längen hat und, gerade im Paranormalen, noch Erklärungsbedarf besitzt. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – bereits ab einem Lesealter von 16 Jahren – und nicht wie vom Verlag empfohlen erst ab 18.