[Buchgedanken] Lucia Jay von Seldeneck: „Komm tanzen!“

Vor kurzem habe ich auch „Komm tanzen!“ von Lucia Jay von Seldeneck gelesen. Der Roman ist 2024 im GOYA Verlag in der JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH erschienen und als Gegenwartsliteratur einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Die langen Tische auf der Wiese, die Luft voller Flieder und der Wannsee in der Abendsonne. Alles ist perfekt. Cora und Robbie haben eingeladen, und alle sind gekommen: die Schwester Lotte und der alte WG-Freund Tom, die beste Freundin Marta und natürlich Bulle. Und Claire, die neu in Berlin ist. Doch als die Freunde hinausfahren, hinaus auf den nachtschwarzen Wannsee, kommt alles anders. Was da über sie hereinbricht, reißt ihnen allen den für so felsenfest gehaltenen Boden unter den Füßen weg. Es ist ein Atemstocken mitten in der Nacht. Nur um am Ende feststellen zu müssen: Ihre Katastrophe war nur der Nebenschauplatz.

„Komm tanzen!“ ist ein Roman, der sich nicht ganz leicht einem Genre zuordnen lässt. Es ist durch den abgeschotteten Schauplatz und den begrenzten Personenkreis eine Art Kammerspiel, ist ein Panorama eines Abends unter Freunden, der in einer Katastrophe endet. Auf Verkaufsportalen als Gesellschaftsroman, als Coming-of-Age eingeordnet, würde ich das Buch jedoch eher der Gegenwartsliteratur zuordnen, da es für mich den Bogen spannt zwischen den Personen hin zu wichtigen gesellschaftspolitischen Fragestellungen.

Die Handlung ist durchaus abwechslungsreich und spannend und wird aus der Ich-Perspektive von Charlotte erzählt, wodurch das Ende relativ abrupt – und dann letztendlich auch sehr offen gestaltet wird, was der Erzählung aber keinen Abbruch tut. Jedoch fehlt der Geschichte etwas die Stringenz, verliert sich die Protagonistin doch oft in Erinnerungen und Rückblenden und unterbricht somit die Erzählung des Abends. Auch wird das Ende teils durch den Prolog (hier als 0. Kapitel bezeichnet) vorweggenommen, was die Spannung etwas trübt – und insgesamt ist der Roman etwas vorhersehbar.

Das Setting ist gelungen. So entführt uns die Autorin an das Ufer des Berliner Wannsees in den Garten einer Villa, zu einer eskapistischen Party unter Freunden – und zuletzt auch auf den See hinauf. Der Roman, dessen Handlung im Wesentlichen nur eine Nacht andauert, spricht dabei auch Themen wie Klimawandel, Hochsensibilität, Freundschaft und Familienbande an, feiert das Leben und regt doch zum Nachdenken an.

Die einzelnen Figuren sind – aufgrund der Kürze des Romans – teils nur schematisch ausgestaltet, haben dennoch durchaus Stärken und Schwächen. Dabei überzeugt mich Claire am meisten, während auch Cora und Bulle glänzen können. Charlotte bleibt teils jedoch etwas blass, auch der Wandel am Ende ging mir etwas zu abrupt, etwas zu schnell. Lucia Jay von Seldenecks Schreibstil lässt sich hierbei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben unauffällig gearbeitet, der Buchumschlag ist simpel, aber immerhin werden Cover und Coverrückseite zum Buchrücken nicht unterbrochen, sondern nur leicht farblich abgeschwächt. Insgesamt ist aber auch das Covermotiv eher eintönig und kein Eyecatcher, stilisiert wird jedoch durchaus der Bezug zur Handlung durch den Verweis auf das Wasser deutlich sichtbar.

Mein Fazit? „Komm tanzen!“ ist ein durchaus atmosphärischer Roman der Gegenwartsliteratur, der mit seinem Setting und dem Eskapismus glänzt, aber auch leichte Schwächen in der Handlung hat. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

Von Berlin nach Schwaben | Lovelybooks-Buchpost

In“ den letzten Tagen erreichten mich auch diese beiden Bücher als Rezensionsexemplare im Rahmen von Leserunden auf Lovelybooks.de – vielen Dank dafür. Während „Komm tanzen!“ von Lucia Jay von Seldeneck (GOYA Verlag, JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH) den Leser dabei auf eine Party am und auf dem Berliner Wannsee entführt, nimmt Sarah Kempfle in „Mord im Rotstiftmilieu“ (Blanvalet Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH) den Leser mit ins Schwabenland zum zweiten Kriminalfall für das Ermittlerduo Bähr/Klein. Da ich in der Nähe des Wannsees aufgewachsen bin und seit vielen Jahren nicht allzu weit weg von dem schwäbischen Handlungsort in Sarah Kempfles Buch lebe, sind mir beide Umgebungen etwas vertraut. Ich bin daher mal gespannt, welche in mir die stärksten Heimatgefühle hervorruft.

In welcher Region sollte endlich mal wieder ein Roman spielen?