[Buchgedanken] Gunnar Kunz: „Lagunenrauner“

In der letzten Zeit habe ich „Lagunenrauner“ von Gunnar Kunz gelesen. Das Buch wurde in der jetzigen Form 2021 im Verlag Monika Fuchs veröffentlicht, die Erstveröffentlichung erschien 2013 unter dem gleichen Titel im Thienemann Verlag (nunmehr Thienemann-Esslinger Verlag GmbH). Der Roman ist als historische Urban Fantasy für Jugendliche einzuordnen, bzw. als fantastisches Jugendbuch. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag Monika Fuchs für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares.

Venedig 1500. Schwarzer Nebel kriecht auf die Stadt zu, schlängelt sich durch die Lagune, füllt die Kanäle mit etwas Finsterem. Und bringt Krankheit und Tod. Marco, Sohn eines Glasbläsers, und seine Freundin Chiara, die Maskenmacherin, scheinen als Einzige in der Lage zu sein, Venedig zu retten. Doch dabei müssen sie nicht nur gegen uralte Magie kämpfen, gegen Intrigen und Verrat, sondern sich auch dem Flüstern der Lagune ausliefern – und den Fischmenschen, die der Legende nach tief unter der Stadt hausen.

„Lagunenrauner“ ist historische Urban Fantasy für Jugendliche – eher noch für die „Young Adult“-Zielgruppe. Dabei verknüpft der Autor die fantastischen Motive gut mit jugendtypischen Themen wie der ersten, zarten Liebe, einem Wissensdrang und -durst sowie der Rebellion gegen die Eltern (in diesem Fall die erziehungsberechtigten Onkel und Tante) ohne den Schwerpunkt zu stark ins fantastische oder Jugendbuchgenre abgleiten zu lassen.

Auch wenn Urban Fantasy in vielen Definitionen mit Contemporary Fantasy gleichgesetzt wird und damit als Gegenstück der historischen Fantasy gilt, verbleibe ich hier bei der Eingruppierung des Verlages, um klarzustellen, dass es sich um eine historische Geschichte handelt, die in der realen Welt spielt, die lediglich um fantastische Elemente ergänzt wird. Als – somit – historische Urban Fantasy fehlt es dem Roman allerdings – wie der Autor im Nachwort auch zugibt – an historischer Korrektheit, da sowohl das Stadtbild als auch das politische System, die Lebensdaten historischer Persönlichkeiten und auch die Sinkgeschwindigkeit Venedigs angepasst wurden. Egal wie man das Genre nun bezeichnet, sprengt diese massive Abweichung jedoch aus meiner Sicht die Genregrenzen, da die Gesetze der realen Welt geändert, die Geschichte umgeschrieben wird. Hier hätte ich mir mehr Korrektheit gewünscht – die man ohne Zweifel auch den Lesern hätte zutrauen können. Dass der Autor die Möglichkeit dazu gehabt hätte, zeigt auch die unzweifelhaft gute Recherche.

Abgesehen davon ist die Handlung spannend und abwechslungsreich. Der Autor beschreibt das Setting der Stadt Venedig um 1500 bildhaft und anschaulich und verleiht dem Wasser durch Marco eine Stimme, die die Natur des Wassers als – weder gute, noch schlechte – Urgewalt gut einfängt. Dabei lässt sich der Schreibstil des Autors gut und flüssig lesen.

Die einzelnen Charaktere sind größtenteils vielschichtig und dreidimensional angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Insbesondere Chiara und Alessandro begeistern mich hier, während Leonardo zwar lustig, aber überzeichnet wirkt.

Die Buchgestaltung überzeugt hingegen auf ganzer Linie. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Cover ist gelungen, zieht sich als Bild über den kompletten Buchumschlag und wirkt insgesamt zielgruppengerechter und erwachsener als das Coverbild der Vorauflage. Die mitgelieferte Karte ist zudem wunderschön anzusehen, wenn auch leicht spoilernd, wenn man sie zu früh studiert.

Mein Fazit? „Lagunenrauner“ ist ein im Wesentlichen überzeugender historischer Fantasyroman, der vor allem durch eine abwechslungsreiche Handlung und ein gelungenes Setting punktet, es aber leider an historischer Genauigkeit vermissen lässt. Für Liebhaber fantastischer Romane dennoch bedenkenlos zu empfehlen – allerdings nicht unter dem bei Amazon gelisteten Lesealter von 14 Jahren.

[Buchgedanken] Anni E. Lindner: „Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan“

In der letzten Zeit habe ich „Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan“ von Anni E. Lindner gelesen. Das Buch ist 2021 im Francke-Verlag, Francke-Buch GmbH, veröffentlicht worden und dem Genre „Jugendbuch“ zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag und die vermittelnde Agentur Literaturtest für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Als ob ein Tagebuch ihren Scherbenhaufen von Leben besser machen könnte! Die 16-jährige Tally hat unerwartet ihren Vater verloren und das Letzte, was sie jetzt braucht, sind die Ratschläge ihrer selbst überforderten Mutter. Oder der merkwürdigen Therapeutin, die ihr empfiehlt, ihre Gefühle aufzuschreiben! Erst als Tally zufällig Frau Möller kennenlernt, eine alte Dame mit einem Papagei sowie einer Vorliebe für Marzipan, und ihr das Foto von deren jung verschollenen Onkel in die Hände fällt, findet sie doch noch etwas, was sie zum Schreiben inspiriert. Außerdem sind da ja auch noch ihre beste Freundin Sanna und nicht zu vergessen Mr Wow, der eigentlich Timo heißt und Tally einfach nicht mehr aus dem Kopf geht. Dummerweise ist er Christ und mit diesem religiösen Quatsch kann sie so gar nichts anfangen …

Auch mit einigen Tagen Abstand bin ich mir immer noch nicht ganz sicher, was ich von „Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan“ halten soll. So ist das Buch sowohl Jugendbuch, als auch Schicksalsroman und Entwicklungsroman in einem, und zur christlichen Literatur zu zählen, wobei der Glaube hier eine sehr starke, präsente Rolle spielt und – vielleicht etwas zu stark – glorifiziert wurde. Dabei meine ich gar nicht die Religion an sich, die jedem persönlich unbenommen ist, sondern lediglich den Weg der Protagonistin von einer gebrochenen, trauernden Jugendlichen hin zum Glauben, der mir etwas zu glatt geht, etwas mehr innere Auseinandersetzung benötigt hätte.

Abgesehen von dem überstürzten – ich nenne es mal, um nicht zu spoilern – „Ausflug“ am Ende des Buches, den ich etwas unrealistisch finde, gefällt mir die Handlung ansonsten sehr gut und hält einige, unerwartete Wendungen bereit. Dabei überzeugt der von Tally verfasste Roman im Roman vollends und ergänzt die eigentliche Handlung gut, ist er doch Sehnsuchtsort und Ventil für die trauernde Tally.

Die einzelnen Figuren sind in aller Regel vielschichtig angelegt. Während bei der Protagonistin Tally (wie oben bereits erwähnt) und auch bei Tino, ist er doch zu perfekt gezeichnet, noch etwas Luft nach oben verbleibt, überzeugen die Nebencharaktere auf ganzer Linie, vor allem Olivia, Tallys Mutter, Gregor und Beata.

Anni E. Lindners Schreibstil lässt sich gut und flüssig lesen, ist einfühlsam und authentisch. Allerdings werde ich mich wohl nie an die doch sehr ungewöhnliche Erzählperspektive eines Ich-Erzählers im Präsens gewöhnen – mir liegt Präteritum einfach mehr, auch wenn es gerade im Romance-Bereich durchaus auch anders üblich ist.

Die Buchgestaltung ist solide, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet. Das Cover, der Buchumschlag insgesamt, ist jedoch etwas eintönig und unauffällig geraten. Zwar ist über die Marzipanförmchen ein Bezug zur Geschichte – und zum Titel – gegeben, hier hätte aber durchaus etwas mehr Liebe – und Budget – in die Gestaltung fließen können.

Mein Fazit: „Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan“ ist ein Jugendroman, der sich sehr stark auf den christlichen Glauben fokussiert und der vor allem durch eine interessante Handlung und eine Geschichte in der Geschichte punkten kann. Trotz leichter Schwächen daher für Leser christlicher Literatur zu empfehlen – ab dem vom Verlag empfohlenen Alter von 14.

[Buchgedanken] Chris Colfer: „Tale of Magic: Die Legende der Magie 1 – Eine geheime Akademie“

In der letzten Zeit habe ich im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de „Tale of Magic: Die Legende der Magie 1 – Eine geheime Akademie“ von Chris Colfer gelesen. Das Buch ist 2021 bei FISCHER Sauerländer, Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag GmbH erschienen, die Originalausgabe wurde 2020 unter dem Titel „A Tale of Magic“ bei Little, Brown and Company, New York, veröffentlicht. Dabei ist das Werk als High-Fantasy Roman für junge Leser bzw. als phantastisches Jugendbuch einzugruppieren. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Leserunde.

Brystal Evergreen liebt Bücher. Aber im Südlichen Königreich, wo sie lebt, ist Lesen für sie verboten. Als sie trotzdem an ein geheimnisvolles Buch gerät, ändert sich ihr Leben für immer: Brystal erfährt, dass sie magische Fähigkeiten besitzt! Sie wird an einer geheimen Akademie aufgenommen, wo sie zusammen mit anderen Schülern in guter Magie ausgebildet wird. Doch die magische Gemeinschaft kennt nicht nur gute, sondern auch böse Magie. Brystal, die zu Erstaunlichem bestimmt ist, findet sich mit ihren Freunden plötzlich inmitten eines Kampfs gegen finsterste Hexenkraft wieder. Und nicht nur die Zukunft der Akademie ist in Gefahr – sondern das Schicksal der ganzen Welt.

„Die geheime Akademie“ ist ein gelungener Auftakt in eine High-Fantasy-Reihe für junge Leser. Chris Colfer, den ich bereits seit seiner Zeit als Schauspieler für die Rolle in „Glee“ bewundere, erschafft mit den vier Königreichen und dem Dazwischenwald eine kleine, fantastische Welt, die der Leser ohne großen Infodump zusammen mit Brystal kennenlernt. Dabei erfährt der Leser – geschickt gelöst – auch über das Lernen von Brystal zusammen mit ihrem Bruder einiges über Geschichte und Entwicklung der Reiche.

Die Handlung ist altersgerecht und abwechslungsreich, teils aber mit kleineren Logiklücken behaftet. Gerade das Ende läuft mir zudem zu reibungslos, zu konfliktarm ab – die einzelnen Protagonisten sind schlicht zu mächtig geraten. Mir ist dabei durchaus bewusst, dass sich das Buch primär an junge Leser richtet, aber auch für das Zielpublikum ab 11 Jahren hätten hier einige zusätzliche Komplikationen im Handlungsverlauf ein stimmigeres, glaubhafteres Bild abgegeben.

Unter den Protagonisten sticht vor allem Lucy heraus, die frisch und glaubhaft, rebellisch und authentisch daherkommt, während Brystal als Hauptprotagonistin fast zu perfekt angelegt ist und wenig Reibungspunkte bietet. Auch von Rosetta würde ich gern in Zukunft mehr erfahren, zudem von Brystals Familie, die zum Ende hin leider keine Rolle mehr spielte. Insgesamt bietet das Buch somit noch viele mögliche Handlungsstränge für die Folgebände, auf die ich schon sehr gespannt bin.

Dahingegen glänzt das Buch mit einem tollen Setting. Die einzelnen Handlungsorte sind bildhaft beschrieben und sorgen direkt für ein anspringendes Kopfkino. Gleiches gilt für den leicht und flüssig lesbaren Schreibstil von Chris Colfer, der ebenfalls altersgerecht, aber keinesfalls kindlich daherkommt.

Auch die Buchgestaltung überzeugt im Wesentlichen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben größtenteils sauber gearbeitet, das Cover ist wunderschön und ein wahrer Eyecatcher. Auch die farbigen Coverinnenseiten und die kleinen Illustrationen von Brandon Dorman sind zauberhaft und runden den tollen optischen Gesamteindruck ab.

Mein Fazit: „Die Legende der Magie 1 – Die geheime Akademie“ ist ein gelungener Auftakt in eine fantastische Reihe, der vor allem durch ein tolles Setting und eine wunderschöne Buchgestaltung glänzt und nur kleine Schwächen in der Handlung bietet. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag vorgeschlagenen Lesealter von 11 Jahren.

[Buchgedanken] Renate Silberer: „Hotel Weitblick“

In den letzten Tagen habe ich „Hotel Weitblick“ von Renate Silberer gelesen. Der Roman ist 2021 in der Verlag Kremayr & Scheriau GmbH & Co. KG erschienen und als Kammerspiel dem Genre „Gegenwartsliteratur“ zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag und die vermittelnde Agentur Buchcontact für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Vier Führungskräfte einer Werbeagentur, ein Wochenende in einem abgelegenen Hotel: Wer den Geschäftsführer-Posten bekommen soll, entscheidet der von Selbstzweifeln geplagte Consulter Marius Tankwart. Seine Auswahlseminare sind berühmt, doch der erbitterte Kampf der Manager untereinander macht eine gemeinsame Lösung unmöglich, und als er im Verhalten der Teilnehmer schließlich die Erziehungsmethoden einer Nazi-Pädagogin wiedererkennt, muss er eine Entscheidung treffen, von der sein eigenes Überleben abhängt.

„Hotel Weitblick“ ist der Debütroman der prämierten Lyrikerin und Prosaistin Renate Silberer und wurde über mehrere Projekt- und Arbeitsstipendien gefördert. Dabei spürt man die fachliche Grundlage der Autorin auf jeder Seite, ist doch kein Wort zuviel, kein unnötiges Beiwerk im Text vorhanden. Sätze werden unbeendet gelassen auf wörtliche Rede wird ganz verzichtet – Renate Silberer schreibt ungemein verdichtet, was das Lesen erschwert, dem Leser aber einen intensiven, zielgerichteten Einblick in die Psyche der einzelnen Protagonisten erlaubt.

Dabei liegt der Fokus auch klar auf der immer stärkeren Eskalationsspirale im Verhalten der Protagonisten. Als Kammerspiel mit begrenzten Personen und einem einzigen Handlungsort angelegt, steigert sich der Wahn der Charaktere ins Absurde, wird das selbstzerstörerische Verhalten jedes einzelnen Seminarteilnehmers – die nach außen durchaus normale und erfolgreiche Leben führen – sichtbar und erschreckend real. Die von der Autorin hiermit beabsichtigte Kritik an der kapitalistischen Leistungsgesellschaft verpufft jedoch etwas vor dem Hintergrund, dass weder Lösungsansätze noch Auswege präsentiert werden, berücksichtigt man doch, dass der Hauptprotagonist trotz Ausbruch aus dem Käfig der Leistungszwänge nicht minder verwirrt, unsicher und eskapistisch daherkommt, ja in seiner eigens auferlegten Mission nicht einmal merkt, welchen Schaden er anrichtet.

Darüber hinaus fordert – und verdient – „Hotel Weitblick“ die ungeteilte Aufmerksamkeit des Lesers, fällt es doch bei den schnellen Perspektivwechseln, dem Fließtext und der ungemein verdichteten Sprache schwer, der – zugegebenermaßen nicht sehr ausführlichen – Handlung jeweils aus der richtigen Perspektive zu folgen, die jeweiligen Gedanken dem jeweils richtigen wirren Geist zuzuordnen. Kein Buch für nebenbei – aber eines, das zum Nachdenken anregt.

Die Buchgestaltung hingegen übereugt auf ganzer Linie. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Cover ist stilistisch schön und sehr hochwertig geprägt. Darüber hinaus macht der ganze Buchumschlag einen sehr gelungenen Eindruck und das Buch an und für sich macht auch ohne Umschlag eine tolle Figur.

Mein Fazit? „Hotel Weitblick“ ist ein gelungener Debütroman, der mit der sprachlichen Präzision einer Lyrikerin das Seelenleben der Protagonisten auf eindrucksvolle Weise seziert, den Leser aber auch etwas ratlos und nachdenklich zurücklässt. Für Leser, die anspruchsvolle Texte nicht scheuen, bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16.

[Buchgedanken] Veronika Lackerbauer: „Arabische Nächte“

In der letzten Zeit habe ich „Arabische Nächte von Veronika Lackerbauer gelesen, mein viertes Buch der Autorin nach „Licht & Schatten 1„, „Licht & Schatten 2“ und „Bacchus‘ Vermächtnis„. Der Roman erschien 2021 im Selfpublishing über Books on Demand und ist eine bunte Mischung aus Entwicklungs-, Schickals- und Liebesroman. Vielen Dank an dieser Stelle an die Autorin für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Weil ihr Mann wieder einmal in seiner Arbeit feststeckt, fährt Inga mit ihrer Freundin in den Urlaub. Am Strand von Dubai verliebt sie sich Hals über Kopf in den charmanten Architekten Paul, der in den Emiraten lebt. Alle Brücken abbrechen und mit Paul neu anfangen oder zurück in ihr altes Leben? Doch der Zwiespalt zwischen den beiden Männern ist bald Ingas kleinstes Problem, denn das Schicksal kann manchmal ein mieses Arschloch sein.

Wie oben schon angedeutet, fiel mir bei „Arabische Nächte“ die Genrezuordnung unglaublich schwer. Veronika Lackerbauer vermischt hier gekonnt Elemente von Liebes- und Schicksalsromanen, wodurch im Endeffekt ein Werk entsteht, das den Fokus auf die Entwicklung der Protagonistin Inga legt, ihre Wandlung, Erfahrungen und Sehnsüchte. Und auch wenn die Schwerpunktsetzung im zweiten Teil des Romanes vielleicht etwas zu stark auf den schicksalshaften Aspekten liegt, gelingt es der Autorin doch, den Charakter eines Liebesromanes dauerhaft beizubehalten – eines sehr ungewöhnlichen Liebesromans allerdings, weiß man als Leser hier nicht einmal, mit welchem der Männer man Inga nun Glück wünscht.

Dafür sorgt sicherlich auch der Prolog, der leider dem Buch etwas an Spannung nimmt, Teile der Handlung bereits spoilert, gleichsam aber einen schönen Rahmen zum Epilog bildet – und für ein offenes Ende sorgt. Ein Ende, das den Leser gleichsam befriedigt und unbefriedigt zurücklässt; ein Ende, das es ihm ermöglicht, Ingas Geschichte zum Wunschausgang weiterzuspinnen.

Das Setting ist malerisch. Die traumhaften Kulissen in den Emiraten, gigantische Hotelkomplexe, Strände und Einkaufszentren – mit Inga reist man in eine Welt, die den meisten Lesern im deutschsprachigen Raum fremd vorkommt. Hier hätte durchaus noch mehr, noch stärker, noch expresssiver beschrieben werden können, um den Leser noch brutaler in die Welt zu ziehen, ihm Bilder, Gerüche und Geschmäcker einzupflanzen.

Abgesehen davon ist Veronika Lackerbauers Schreibstil – wie üblich – leicht und locker zu lesen. Die Autorin schfaft glaubhafte, dreidimensionale Protagonisten mit Stärken und Schwächen, eigenen Zielen und Motiven, wobei mir hier insbesondere Britta und Tom sehr ans Herz gewachsen sind.

Lektorat, Korrektorat und Buchsatz sind solide, die durchgerutschten Kleinigkeiten bremsen den Lesefluss bzw. schmälern das Lesevergnügen kaum. Das Covermotiv zieht sich gelungen über den ganzen Buchumschlag und ist wunderschön anzuschauen, gleichsam hätte aber der Bezug zur Handlung noch stärker hervorgehoben werden können, da dort ein brombeerfarbenes Kleid eine starke Rolle spielt. Zudem scheinen die Füße der Frau im Sand etwas komisch zu versinken.

Mein Fazit: „Arabische Nächte“ ist ein Roman über Schicksal und die ganz große Liebe, der vor allem durch ein malerisches Setting und authentische Charaktere punkten kann. Für Liebhaber von Liebesromanen abseits des Romance-Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16.

Ps: Ich finde es mehr als schade – möchte es aber ausdrücklich nicht kritisieren -, dass im Klappentext die Chance auf ein kleines Easter Egg vertan wurde. Denn das Schicksal kann manchmal nicht nur ein mieses Arschloch, sondern vor allem ein mieser Verräter sein. Mit dieser minmalen Anpassung hätte man eine Hommage an John Green einbauen können, dessen Jugendliebesromane mehr als eine Generation an Lesern begeisterten und die Bestseller- und Preisträgerlisten stürmten. Ich hätte es zumindest gefeiert!

[Buchgedanken] Sabine Weiß: „Krone der Welt“

In der letzten Zeit habe ich den Roman „Krone der Welt“ von Sabine Weiß gelesen. Das Buch ist 2020 in der Bastei Lübbe AG erschienen und als historischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Vincent will als Architekt prächtige Stadthäuser bauen. Ruben sehnt sich nach Abenteuern auf hoher See. Betje ist eine begnadete Köchin. Zusammen sind die Geschwister in Amsterdam gestrandet, einem Ort der märchenhaften Möglichkeiten. Doch es ist auch die Zeit der großen Auseinandersetzungen. Katholiken und Calvinisten streiten um den rechten Glauben, Engländer und Spanier um den Einfluss auf das Land am Meer, Kaufleute um die wirtschaftliche Macht. Können sich die Geschwister in dieser schwierigen Situation behaupten?

„Krone der Welt“ beschreibt von 1588 bis 1617 die Geschicke der Familie Aardzoon über zwei Generationen vor dem Hintergrund der Geschichte der Niederlande im Kampf um die Unabhängigkeit – eine viel zu selten beleuchtete historische Epoche.

Dabei ist die Handlung größtenteils interessant und abwechslungsreich, wenn auch durch den Prolog einige Ereignisse und Entwicklungen bereits vorweggenommen werden, was die Spannung etwas mindert. Gleichsam gelingt es der Autorin jedoch, die vielen Handlungsstränge (auch wenn ein oder zwei weniger auch ausgereicht und für eine stringentere Handlung gesorgt hätten) zum Ende hin zusammenzuführen und sinnvoll aufzulösen.

Das Setting ist dabei sehr gut gelungen, die Autorin beschreibt das historische Amsterdam aus der Sicht eines kundigen Architekten bildhaft und anschaulich. Insgesamt vermittelt das Buch dabei den Eindruck einer sehr gewissenhaften Recherche, wofür auch die Literaturhinweise am Ende des Romans sprechen.

Die Figuren sind größtenteils gut angelegt, wenn auch Lazarus aus meiner Sicht hier als Antagonist etwas abfällt. Besonders gut gefallen haben mir in der Komplexität Aletta van Fleet, Nathan und Wim Aardzoon.

Die Buchgestaltung ist im Wesentlichen gelungen, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet. Das Cover ist wunderschön und hochwertig geprägt, die ausklappbaren Coverinnenseiten liebevoll – allerdings gleich – gestaltet. Hier hätte man durchaus die Karte der Niederlande und die Karte von Amsterdam trennen können – und so auch eine detailliertere und beschriftete Karte der Stadt abdrucken können.

Mein Fazit: „Krone der Welt“ ist ein im Wesentlichen überzeugender historischer Roman, der vor allem durch sein tolles Setting, die historische Authentizität und die interessante Handlung punkten kann, allerdings durch die vielen Handlungsstränge fast zu ambitioniert ist. Für Liebhaber des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag empfohlenen Lesealter von 16 Jahren.

Digitaler Bücherfrühling auf HeldenstückeLIVE – ein Lesefestival der besonderen Art

Bereits in der nächsten Woche, vom 01.03. bis zum 07.03., findet der „Digitale Bücherfrühling“ statt, auf den ich mich sehr freue. Nach den Absagen aller Messen im Frühjahr bietet HeldenstückeLIVE (heldenstueckelive.de), eine digitale Veranstaltungsplattform der Verlagsgruppe Oetinger, jedem die Möglichkeit, live und interaktiv Veranstaltungen mit den Autoren zu besuchen. Vielen Dank an die Agentur Literaturtest für die Informationen zu diesem tollen Event!

Während des Bücherfrühlings finden dabei mehr als 25 Veranstaltungen für die ganze Familie statt. Absolutes Highlight ist dabei sicherlich die abendliche Reihe „Love and Magic are everywhere“, bei der jeden Abend eine absolute Bestsellerautorin aus ihren Büchern liest und mit den Gästen plaudert. Zudem werden die Bücher der Autorinnen und Goodies verlost, und die Einnahmen aus den Ticketverkäufen (die sich preislich an realen Lesungen orientieren und sehr fair sind) durchweg an Herzensprojekte der Autorinnen gespendet. Doch nun – ohne große Vorrede – die sieben tollen Autorinnen, die die Abende von Montag bis Sonntag mit ganz viel Liebe und Magie füllen: Stefanie Hasse, Jennifer Benkau, Mila Summers, Nica Stevens, Nina MacKay, Rose Snow und Marah Woolf.

Stefanie, Nina, Rose Snow und Marah habe ich ja jeweils schon mehrfach live erlebt – und es war immer ein ganz besonderes Erlebnis. Daher bin ich auch nächste Woche bei der ein oder anderen Veranstaltung dabei und bereits jetzt davon überzeugt, dass es sich lohnen wird – und dass wir viel zum Lachen haben werden (im Gegensatz zu unseren Wunschlisten und SuBs, die aufgrund der Masse an tollen Büchern ins Unendliche wachsen werden) :).

Wer von Euch ist auch mit dabei? Auf welche der Autorinnen freut Ihr Euch am meisten?

[Loveletter Convention] Es ist vorbei … für immer

Vor kurzem traf die absolute Hiobsbotschaft alle Fans von Liebesromanen mitten ins Herz. Die Loveletter Convention – ein absoluter Pflichttermin in jedem Messejahr – schließt endgültig ihre Pforten.

Als Besucher von vier Conventions von 2016 bis 2019 durfte ich mich glücklich schätzen, unglaublich tolle Autoren und Autorinnen kennenzulernen, mit denen ich teils bis heute noch in Kontakt bin. Superstars der Szene – sowohl jetzt, als auch an ihren Anfängen – wie Mona Kasten, Bianca Iosivoni Emily Bold, Marah Woolf und Manuela Inusa oder auch internationale Bestsellerautorinnen wie Nalini Singh oder Lara Adrian begeisterten die Besucher jedes Jahr aufs Neue und genossen die familiäre Atmosphäre sichtlich. Mein Herz blutet, wenn ich daran denke, dieses wundervolle Wochenende in Berlin für immer aus meinen Jahresplanungen streichen zu müssen. Vielleicht … vielleicht findet die Convention nach einer Pause ja irgendwann noch einmal den Weg zurück. Bis dahin lasse ich mal einige Impressionen der vergangenen LLCs hier – und drücke uns allen die Daumen, dass nicht noch mehr Messen in der Corona-Pandemie ihre Türen für immer schließen.

[Buchgedanken] Margit Ruile: „Der Zwillingscode“

In der letzten Zeit habe ich „Der Zwillingscode“ von Margit Ruile gelesen. Das Buch ist 2021 in der Loewe Verlag GmbH erschienen und als dystopisches Jugendbuch einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag und die vermittelnde Agentur Literaturtest für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Vincent ist siebzehn und eine Doppel-C-Seele. Sein Sozialpunktestand ist so niedrig, dass an ein Studium nicht zu denken ist. Stattdessen repariert er heimlich die mechanischen Haustiere der Firma Copypet. Eines Tages bringt eine alte Frau eine Katze zur Reparatur. Und die führt Vincent geradewegs in die Simulation – eine virtuelle Welt, in der alle unsere Gegenstände ihr digitales Leben führen. Verborgen in dieser Zwillingswelt aber liegt ein Code. Vincent muss ihn finden, denn davon hängt die Zukunft der Menschheit ab.

„Der Zwillingscode“ ist eine technikbasierte Dystopie und spielt im München einer nicht allzu fernen Zukunft. Thematisch dreht sich der Roman um die gesellschaftlich relevanten Fragen von Überwachung, künstlicher Intelligenz und der Kategorisierung der Menschen nach Sozialpunkten.

Dabei vermag der Roman vor allem dank eines tollen Settings zu überzeugen. Margit Ruile beschreibt das futuristische München anschaulich, führt den Leser an bekannte Plätze, lässt diese aber in neuem Licht erstrahlen. Gleiches gilt für den durchaus gelungenen Weltenbau, der mit einem ausgeklügelten Sozialpunktesystem daherkommt, das das komplette Leben beherrscht.

Die Handlung ist spannend und abwechslungsreich, teils aber vorhersehbar und nicht immer ganz logisch. So gerät der Kampf gegen die KI – die sich ebenfalls nicht zwingend logisch verhält – fast zu einfach, zu reibungslos. Hier wird aus meiner Sicht einiges an Potential verschenkt, aber man muss auch berücksichtigen, dass der Roman als Jugendbuch an ein durchaus junges Publikum ab 14 gerichtet ist.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen gut angelegt, besonders gefallen haben mir hier Quirin, Delia und Zarah, während Vincent für mich etwas abfällt.

Margit Ruiles Schreibstil lässt sich gut und flüssig lesen, ist – sicherlich auch ihrer Ausbildung bedingt – sehr bildhaft, aber teils etwas zu technisch. Hier hätte durchaus etwas mehr Emotion dem Flair des Buches gut getan.

Die Buchgestaltung überzeugt ebenfalls im Großen und Ganzen. Der Buchsatz ist gelungen, dem Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss nicht sonderlich schmälern. Das Cover ist wunderschön, hochwertig geprägt, farblich aufregend und ein wahrer Eyecatcher, mit tollen Klappen. Farbige Coverinnenseiten hätten den tollen Gesamteindruck hier aber noch abrunden und das Buch noch wertiger machen können.

Mein Fazit? „Der Zwillingscode“ ist eine im Wesentlichen gelungene Dystopie mit einem tollen Setting und einer spannenden Prämisse. Leichte Schwächen in der Handlung vermögen dem Lesevergnügen keinen Abbruch zu tun. Bedenkenlos zu empfehlen für Liebhaber des Genres – ab dem vom Verlag empfohlenen Lesealter von 14.