[Buchgedanken] I.L. Callis: „Doch das Messer sieht man nicht“

Vor kurzem habe ich auch „Doch das Messer sieht man nicht“ von I.L. Callis gelesen. Das Buch ist 2024 in der Emons Verlag GmbH erschienen und als historischer Kriminalroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Berlin, 1927: Anaïs Maar ist jung und schwarz, boxt und schreibt für ein Boulevardblatt. Als sie über eine Reihe von Prostituiertenmorden berichten soll, wittert sie ihre langersehnte Chance auf Anerkennung. Währenddessen tanzen die Berliner auf dem Vulkan – Luxus, Spekulation und nächtliche Exzesse stehen Arbeitslosigkeit, Inflation und menschlichem Elend gegenüber. Anaïs kämpft nicht nur gegen den „Ripper von Berlin“, sondern auch mit den gefährlichen Vorzeichen eines dramatischen Epochenwandels.

„Doch das Messer sieht man nicht“ ist eine bunte Mischung aus historischem Roman, Kriminalroman (wie auf dem Cover angegeben) und Thriller. Um die Selbsteinschätzung des Verlages beizubehalten, aber auch um den zentral wichtigen, handlungstreibenden historischen Hintergrund herauszuheben, habe ich mich schlussendlich für die Eingruppierung als historischen Kriminalroman entschieden, auch wenn sicherlich mindestens genau so viel für die Kategorisierung als historischer Thriller spricht.

Denn die Handlung startet zwar lose mit einem ungelösten Kriminalfall, weitet sich aber schnell aus zu einem Porträt der damaligen Zeit, deren Gefahren weit über das ursprüngliche Verbrechen – so grausam es auch war – hinausgehen. Dabei gelingt es der Autorin, ein authentisches und lebhaftes Porträt der damaligen Gesellschaft zu schaffen, das jedoch, selbst für mich als Brandenburger, durchaus anstrengend ist. So kann ich die in Berliner Mundart abgedruckten Dialoge durchaus noch verstehen und würdigen, dass die Charaktere jedoch auch im Dialekt denken, geht mir dann doch etwas zu weit. Auch ist die Auflösung der Handlung leider relativ früh absehbar, der Weg dorthin jedoch dennoch spannend und abwechslungsreich.

Das Setting begeistert hingegen auf ganzer Linie. So entführt I.L. Callis den Leser ins pulsierende Berlin der 20er Jahre, eine Zeit zwischen Aufbruch, internationalem Glamour und ersten nationalistischen Bestrebungen. Dabei gelingt es der Autorin gut die krassen Gegensätze zwischen arm und reich, zwischen Männern und Frauen, verschiedenen politischen Strömungen abzubilden, ohne zu sehr einen mahnenden Zeigefinger für die heutige Zeit durchscheinen zu lassen. Lediglich Josefines Handlungsstrang ist hier vielleicht etwas überproportional vertreten.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere Valerie Maar und Matze als wichtige Nebenfiguren, aber auch Anais kann glänzen, während Maxim eher blass verbleibt. Der Schreibstil von I.L. Callis lässt sich dabei im Wesentlichen flüssig lesen, eine gezieltere Einbindung des Dialekts hätte hier jedoch für eine noch bessere Lesbarkeit gesorgt.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Buchumschlag ist mit Klappen und farbigen, aber eintönigen, Coverinnenseiten versehen. die den Farbton des Buchrückens aufgreifen. Das Covermotiv mag zwar kunsthistorisch durchaus zur im Buch beschriebenen Epoche passen, für den heutigen Lesergeschmack empfinde ich es allerdings als zu stilisiert und nicht wirklich als Eyecatcher. Auch wird es leider drastisch zum Buchrücken hin unterbrochen, lediglich die Coverrückseite kann hier in ihrer Schlichtheit aufgrund der tollen Typographie etwas glänzen.

Mein Fazit? „Doch das Messer sieht man nicht“ ist ein im Wesentlichen überzeugender historischer Kriminalroman, der mit einem tollen Setting und einer abwechslungsreichen Handlung glänzt, dessen Ende jedoch leider auch etwas vorhersehbar ist und der etwas zu stark auf den Berliner Dialekt setzt. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Lucie Flebbe: „Bad Business. Deal mit dem Tod“

Vor kurzem habe ich auch „Bad Business. Deal mit dem Tod“ von Lucie Flebbe gelesen. Das Buch ist 2024 im GRAFIT Verlag in der Emons Verlag GmbH erschienen und als Thriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Mieke Jentsch macht ihren Job als stellvertretende Klinikverantwortliche schon deutlich zu lange. Als ihr Vorgesetzter unerwartet Suizid begeht, rückt sie in die Chefposition auf und wird beauftragt, Kliniken an einen Medizinkonzern zu verkaufen. Ist der Milliardendeal die Chance, ihre Fähigkeiten endlich unter Beweis zu stellen? Doch je tiefer Mieke in die Materie vordringt, desto größer werden ihre Zweifel daran, dass ihr Vorgänger freiwillig aus dem Leben gegangen ist. Als sie das Opfer mehrerer Anschläge wird, beginnt sie zu ahnen, dass sie längst zur Schachfigur in einem tödlichen Spiel geworden ist …

„Bad Business. Deal mit dem Tod“ ist der neueste Roman der Krimiautorin Lucie Flebbe, die 2009 für ihr Debüt mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet wurde. Dabei ist der Roman als Einzelband konzipiert, lässt sich jedoch nicht ganz einfach einem Genre zuordnen. Auf dem Cover – passend zur Vita der Autorin – als Kriminalroman betitelt und beworben, erfüllt das Buch für mich eher die Genreanforderungen eines Thrillers, daher habe ich diese Eingruppierung übernommen, die Genregrenzen sind ohnehin fließend. Hierbei könnte man sogar noch stärker differenzieren und den Roman als Wirtschafts- oder Politthriller sehen, mit viel gutem Willen vielleicht sogar als Wissenschaftsthriller, aber da ich hier keine eindeutige Zuordnung treffen konnte, habe ich es bei der allgemeinen Bezeichnung als Thriller belassen.

Die Handlung ist hochspannend und abwechslungsreich und wartet auch mit der ein oder anderen überraschenden Wendung auf. Aufgrund der vielen Perspektivwechsel und sehr kurzen Sinnabschnitte ist der Start zwar durchaus herausfordernd und zäh, mit dem Verlauf der Handlung entwickelt sich diese jedoch immer stärker zum Pageturner, während das aus meiner Sicht für einen Einzelband deutlich zu offene Ende hier wieder etwas abfällt. Auch mischt die Autorin das zentrale und wichtige Thema der Privatisierung im Medizinbereich mit einer Lovestory und – unter anderem – den Komplikationen beim Familiennachzug von ehemaligen afghanischen Ortskräften, wobei sich letzteres nicht gerade homogen in die Story einfügt und etwas gewollt rüberkommt.

Das Setting hingegen überzeugt auf ganzer Linie. So entführt Lucie Flebbe den Leser ins Ruhrgebiet – auch wenn die Region hier eher zweitrangig ist. Vielmehr nimmt sie den Leser mit in das hochaktuelle Thema der Privatisierung von Medizinleistungen, in das Spannungsfeld (teils) konkurrierender Interessen zwischen Rentenversicherungen, Wirtschaftsunternehmen, Krankenhäusern und deren Beschäftigter. Als Abwechslung geht es dann auf einen Pferdehof, wobei das dortige Führungskräftetraining mit Pferden zwar der Fantasie der Autorin entspringt, aber gar nicht so weit weg von der Realität ist, gibt es doch bereits Bildungsurlaube mit Pferden zum Thema „authentisches Miteinander im Beruf“.

Die Figuren sind – im Wesentlichen – vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Lana und Sami, während Mo und Bille teils etwas unlogisch handeln und daher etwas blass verbleiben. Lucie Flebbes Schreibstil ist zudem leicht und flüssig zu lesen und lässt das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben im Wesentlichen ordentlich gearbeitet, das Covermotiv ist sehr schlicht und wird zum Buchrücken abrupt unterbrochen. Insgesamt ist der Umschlag eher einfach gestaltet und kein Eyecatcher, auch wenn die Farbkombination durchaus gelungen ist. Gewünscht hätte ich mir zudem, dass bei den im Roman verstärkt auftretenden psychischen Erkrankungen und Problemen bis hin zu Selbstverletzungen im Nachwort für Betroffene Hilfsangebote angeführt worden wären.

Mein Fazit? „Bad Business. Deal mit dem Tod“ ist ein im Wesentlichen überzeugender Thriller, der ein wichtiges Thema auf spannende Weise anspricht, leider aber auch ein zu offenes Ende bietet, sonst jedoch nur kleinere Schwächen hat. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Arnaldur Indriðason: „Das dunkle Versteck“ (Kommissar Konráð 5)

Vor kurzem habe ich auch „Das dunkle Versteck“ von Arnaldur Indriðason gelesen. Das Buch ist 2024 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2022 unter dem Titel „Kyrrþey“ bei Forlagið veröffentlicht. Das Buch ist dabei als Kriminalroman einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Freyja Melsted verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Nach dem Tod ihres Mannes findet Halla eine Pistole in einer Garage mitten in Reykjavík. Sie bringt sie zur Polizei. Als der pensionierte Kommissar Konráð davon erfährt, erinnert er sich, dass sein Vater eine ebensolche Waffe besaß. Ein Mitarbeiter der Spurensicherung findet zudem heraus, dass aus dieser Waffe der tödliche Schuss in einem anderen ungeklärten Fall stammt. Damals wurde ein Mann namens Garðar aus heiterem Himmel erschossen. Konráð nimmt nun privat Ermittlungen auf, weil er wissen will, was sein Vater mit den Verbrechen zu tun hat. Eine Spur führt zu Gústaf, einem Arzt, der wegen Kindesmissbrauchs im Gefängnis sitzt. Auch Konráðs Vater war damals mit diesem Arzt in Kontakt …

„Das dunkle Versteck“ ist der fünfte Band der Reihe um den mittlerweile pensionierten Kommissar Konráð und ein klassischer isländischer Kriminalroman, auch wenn genrebedingt die Grenzen zum Thriller hier natürlich sehr fließend sind. Dabei lässt sich das Buch zwar als Standalone lesen, jedoch würde ich es empfehlen, die anderen Bände vorab zu lesen, da dann – vermutlich – ein besserer Überblick über die Handlung und Figurenentwicklung möglich gewesen wäre.

Denn so war die Handlung zwar durchaus spannend, aufgrund der multiplen Zeitebenen und diversen Handlungsstränge allerdings auch sehr komplex, an der Grenze zu verworren – nie hatte man hier das Gefühl, dass es wirklich stringend voran geht, ein klarer roter Faden fehlte mir. Nichtsdestotrotz schmiedete Indriðason hier ein Potpourri aus organisierter Kriminalität, Korruption, Kindesmissbrauch und persönlichen Rachefeldzügen, das – wenn man schlussendlich mal dahintergestiegen ist – durchaus zu begeistern weiß.

Das Setting vermag hingegen von Beginn an zu überzeugen. So entführt der Autor die Leser:innen nach Reykjavik und erschafft aufgrund der Zeitsprünge ein Porträt einer Stadt im Wandel, in der Wellblechhüttenslums der Kapitalisierung weichen müssen, in der jedoch auch weiterhin Obdachlose in kalten Winternächten auf Parkbänken erfrieren. Etwas klischeehaft hangelt sich Konráð dabei gefühlt von Schneesturm zu Schneesturm, dies tut der besonderen Atmosphäre des Romans jedoch keinen Abbruch.

In den Figuren konzentriert sich der Autor zentral auf Konráð, alle weiteren Figuren werden in der Regel nur kleinere Nebenrollen angedacht, deren Entwicklung daher durchaus etwas vernachlässigt. Konráð hingegen ist vielschichtig und dreidimensional, hat Stärken und Schwächen, Ziele und Motive. Dies trifft darüber hinaus noch am ehesten auf Marta zu. Arnaldur Indriðasons Schreibstil lässt sich zudem flüssig und leicht lesen und das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist fehlerfrei aber auch sehr konservativ. Das Covermotiv kann die düstere Atmosphäre des Romans gut auffangen, das unter dem Umschlag befindliche Buch ist zwar schlicht, wartet jedoch überraschend mit toll gestalteten, farbigen Coverinnenseiten auf, auf denen die Karte Islands und ein Stadtplan Reykjaviks präsentiert werden.

Mein Fazit? „Das dunkle Versteck“ ist ein Kriminalroman, der vor allem mit seinem Setting und einer starken Atmosphäre punkten kann, dessen Handlung jedoch zuweilen zu verworren daherkommt. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

Hochspannung im Doppelpack | Krimi-Buchpost

In den letzten Tagen erreichten mich diese beiden Bücher als Rezensionsexemplare im Rahmen von Leserunden auf Lovelybooks.de – vielen Dank dafür. „Bad Business. Deal mit dem Tod“ von Lucie Flebbe ist im Grafit Verlag in der Emons Verlag GmbH veröffentlicht worden, „Doch das Messer sieht man nicht“ von I.L. Callis direkt bei Emons. Bei beiden Büchern handelt es sich um Kriminalromane, die jedoch gänzlich andere Subgenres/Themen bedienen, haben wir hier doch einen (Wirtschafts-)Krimi im medizinischen Sektor und einen historischen Kriminalroman, der im Berlin der Goldenen Zwanziger spielt. So oder so ist sicherlich Hochspannung garantiert – ich freue mich schon darauf, in die verschiedenen Fälle einzutauchen.

Lest Ihr gern Kriminalromane?

[Buchgedanken] Max Seeck: „Waiseninsel“ (Jessica Niemi 4)

In den letzten Tagen und Wochen haben sich sehr viele Rezensionen aufgestaut, die ich Euch in der nächsten Zeit präsentieren möchte. Den Anfang macht heute „Waiseninsel“ von Max Seeck. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2022 unter dem Titel „Loukku“ bei Tammi publishers veröffentlicht. Der Roman ist dem Genre Thriller zuzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Gabriele Schrey-Vasara verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Kommissarin Jessica Niemi gerät in eine Auseinandersetzung, wird handgreiflich und prompt von einem Passanten gefilmt. Das Video geht viral und sie wird beurlaubt. Um Abstand zu gewinnen, fährt Jessica auf die zwischen Finnland und Schweden gelegenen Åland-Inseln. Dort trifft sie auf eine Gruppe älterer Menschen, die als Kinder während des Krieges fliehen mussten und hier auf der Insel in einem Waisenhaus lebten. Nun treffen sie sich wieder. Als einer der Alten tot aufgefunden wird, beginnt Jessica zu ermitteln. Denn bereits zuvor kamen zwei Menschen auf dieselbe mysteriöse Weise ums Leben. Alle drei Opfer scheinen mit der Legende um „Das Mädchen im blauen Mantel“ im Zusammenhang zu stehen …

„Waiseninsel“ ist mein erstes Buch von Max Seeck, aber schon sein vierter Band um Kommissarin Jessica Niemi. Dabei kann das Buch zwar gut als Standalone gelesen werden, aufgrund der bewegten Vergangenheit von Jessica Niemi, ihrer Psyche und den Anspielungen auf alte Fälle empfiehlt es sich jedoch, vorher auch die anderen Teile zu lesen, da mir so sicherlich der ein oder andere interessante Moment gefehlt hat. Der Roman wird zudem als Thriller eingeordnet und beworben, was aus meiner Sicht jedoch durchaus diskutabel ist – ich finde hier fast mehr Argumente, das Buch als Kriminalroman anzusehen. Schlussendlich habe ich jedoch die Eingruppierung des Verlags übernommen.

Die Handlung ist spannend, abwechslungsreich und durchaus mit unerwarteten Wendungen versehen, durch die verschiedenen Zeitebenen aber auch nicht wirklich stringent erzählt. Auch passiert zuweilen recht wenig – der im Buch von einem Charakter angestellte Vergleich mit einem Kammerspiel drängt sich hier ebenfalls auf. Zudem fließen Realität, Einbildung und Traum teils zusammen und schaffen eine gespenstische, aber nicht immer leicht zu durchdringende Atmosphäre.

Das Setting überzeugt auf ganzer Linie. So entführt der Autor den Leser auf die Åland-Inseln, in eine abgelegene Gegend, in der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Verbunden mit dem beklemmenden historischen Rückblick auf die Kriegs- bzw. frühe Nachkriegszeit, die im krassen Gegensatz zur anfangs gezeigten schnelllebigen Gesellschaft steht, in der Videoaufnahmen sofort viral gehen können, wird der Leser von einem Extrem ins andere geworfen. Dabei thematisiert Max Seeck gelungen auch schwierige Themen wie psychische Erkrankungen und Selbstmordgedanken.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei brilliert insbesondere Jessica, aber auch wichtige Nebencharaktere wie Astrid und Armas können überzeugen. Max Seecks Schreibstil ist zudem leicht und flüssig zu lesen, sehr dynamisch und lässt das Kopfkino sofort anspringen, sodass sich das Buch insbesondere in der zweiten Hälfte zum Pageturner entwickelt.

Auch die Buchgestaltung kann glänzen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, farbige Coverinnenseiten, eine leichte Prägung auf dem Cover und ein Farbschnitt veredeln das Gesamtprodukt. Das Covermotiv passt sich gut in die Reihe ein und sorgt für hohen Wiedererkennungswert, ist jedoch etwas beliebig und wird leider zum Buchrücken hin – reihentypisch – unterbrochen.

Mein Fazit? „Waiseninsel“ ist ein starker Thriller/Kriminalroman, der vor allem dank seines Settings und einer brillanten Protagonistin glänzen kann. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Ingo Bartsch: „Ein Mord – drei Tote“

Vor kurzem habe ich „Ein Mord – drei Tote“ von Ingo Bartsch gelesen. Das Buch ist 2023 bei GRAFIT in der Emons Verlag GmbH erschienen und als (regionaler) Kriminalroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Adam Götzki vom BKA in Berlin ist psychisch am Ende. Um beruflich wieder auf die Beine zu kommen, soll er für eine Weile beim LKA im beschaulichen Mainz arbeiten, wo ihn gleich der erste Fall erwartet: Eine Influencerin liegt erschlagen in ihrer Wohnung. Die Staatsanwaltschaft klagt den erstbesten Verdächtigen an, doch Götzki sucht weiter nach Antworten. Schnell wird ihm klar, dass die schillernde Influencerin ein Doppelleben geführt hat. Als er der Spur folgen will, wird er von seinem Vorgesetzten zurückgepfiffen. Aber die unheilvollen Ereignisse, die sich in Gang gesetzt haben, sind nicht mehr aufzuhalten.

„Ein Mord – drei Tote“ ist der erste Roman um Adam Götzki – vielleicht der Beginn einer Reihe? Dabei lässt sich das Buch – obwohl als psychologischer Kriminalroman betitelt – gar nicht so einfach einem Genre zuordnen. Aufgrund des sehr starken regionalen Bezugs – Wein, Hand- und Spundekäs spielen eine zentrale Rolle – würde ich das Buch durchaus als Regionalkrimi einordnen. Allerdings ist die Bandbreite der behandelten Themen nahezu endlos, sodass man hier durchaus auch Elemente eines (Polit-)Thrillers findet – um nur noch eine der Möglichkeiten zu benennen.

Die Handlung ist vielschichtig, abwechslungsreich und durchaus spannend, hat aber an einigen Stellen auch kleinere Längen. Gerade das Ende vermag mich jedoch nicht ganz zu überzeugen, wird der Fall doch zwar spannend, aber sehr rasch und unerwartet aufgelöst – unnötiger Cliffhanger inklusive. Auch die immer stärker und abstruser eskalierenden Handlungsspiralen sind nicht in jedem Fall nachvollziehbar – manchmal wäre etwas weniger dann doch mehr gewesen.

Das regionale Setting kann hingegen gänzlich überzeugen. So entführt der Autor den Leser nach Mainz in eine Stadt voll lokalem Flair, das einiges zum Gelingen des Romans beiträgt. Weitreichender als der geografische Ausflug nach Mainz sind jedoch die thematischen Streifzüge durch die Bereiche politischer Extremismus und Terrorismus, organisierte Kriminalität, Korruption und Vetternwirtschaft, psychische Erkrankungen, Migration und Clanstrukturen – eine Bandbreite, die fast zu groß für einen doch eher kurzen Roman ist.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere Nebenfiguren wie Maja, Sam und Ali, während gerade Adam jedoch etwas eindimensional verbleibt und dafür sorgt, dass man als Leser sich viel mehr um ihn sorgt, als mit ihm mitzufiebern – die Lösung des Falles habe ich ihm zumindest nicht gegönnt. Der Schreibstil von Ingo Bartsch hingegen ist durchaus leicht und flüssig zu lesen und lässt das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben ordentlich gearbeitet, insgesamt ist das Buch aber eher schlicht und unauffällig – Highlights in der Ausstattung sucht man hier vergebens. Auch das Cover ist zwar durchaus gelungen und bietet Assoziationsmöglichkeiten, im Zusammenspiel mit Coverrückseite und Buchrücken ist das Gesamtprodukt dennoch sehr eintönig und eher kein Eyecatcher.

Mein Fazit? „Ein Mord – drei Tote“ ist ein Kriminalroman mit tollem Setting und spannender Handlung, die jedoch teils etwas eskaliert und einen Ermittler hat, mit dem man schwerlich warm wird. Für Leser des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

Hochspannung im Doppelpack | Bloggerjury-Buchpost

In dieser Woche erreichten mich zwei neue, hochspannende Romane als Rezensionsexemplare über die Bloggerjury von Bastei Lübbe – vielen Dank dafür! „Der Stich“ von Thilo Winter ist dabei ein hochaktueller Wissenschaftsthriller, „Das dunkle Versteck“ von Arnaldur Indridason der fünfte Band der Island-Krimi-Reihe um Kommissar Konráð – mein zweites Buch des Autors nach „Gletschergrab“. Da sind spannende Lesestunden vorprogrammiert!

Mögt Ihr spannungsgeladene Romane?

[Buchgedanken] Monika Mansour: „Der Himmel über den Alpen“

Vor kurzem habe ich „Der Himmel über den Alpen“ von Monika Mansour gelesen. Das Buch ist 2023 in der Emons Verlag GmbH erschienen und als Liebesroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

In einem Sanatorium in den Berner Alpen lassen sich vermögende Patienten mit psychischen Problemen diskret behandeln. Die quirlige Sunshine leidet unter der Misshandlung ihrer italienischen Mafiafamilie. Rainman, erfolgreicher koreanischer Popstar, ist mit einem tragischen Geheimnis belastet. Beide lassen sich am selben Tag einliefern – und entdecken hier, in ihrer Heimat, wo sie als Kinder glücklich waren, nicht nur eine neue Liebe, sondern finden auch die Kraft, ihre Zukunft neu zu schreiben.

„Der Himmel über den Alpen“ ist der erste Roman fernab des Krimigenres von Monika Mansour – und so ganz kann sie ihre Krimileidenschaft dann doch nicht verbergen. Zwar habe ich das Buch als (klassischen) Liebesroman eingeordnet, es zeigt jedoch durchaus auch Ansätze eines Thrillers oder Krimis – und hätte mit Fug und Recht auch als Schicksalsroman eingeordnet werden können, wenn die Perspektive etwas stärker auf eine der Figuren fokussiert gewesen und/oder Rainmans Geheimnis früher aufgedeckt worden wäre.

Die Handlung ist abwechslungsreich und spannend, wenn in Teilen allerdings auch vorhersehbar. Insbesondere loben möchte ich, dass der Prolog relativ früh im Buch wiederaufgegriffen wird und die Handlung insgesamt sehr stringent erzählt wird, da nur wenige Handlungsstränge vorhanden sind. Auch ist die Kombination von Mafia und K-Pop elektrisierend und neu, allerdings sind gerade diese Erzählstränge außerhalb der Lovestory auch etwas überzeichnet und hollywoodlike.

Das Setting ist naturgemäß traumhaft, entführt die Autorin den Leser doch ins Berner Oberland – und auf Ausflüge nach Kalabrien und Busan. Dabei gelingt es Monika Mansour, die besonderen Gegebenheiten der Orte herauszustellen und so für den Leser zum Leben zu erwecken – insbesondere das schweizerische Alpenpanorama. Apropos Schweiz: Auch hier hat sich das ein oder andere dialektische und im Hochdeutschen unbekannte Wort in den allgemeinen Text geschmuggelt – glücklicherweise ließ es sich jeweils aus dem Kontext erschließen.

Die einzelnen Figuren sind vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere wichtige Nebenrollen wie Sophie, Dr. Tribelhorn und Tony, während Rainman etwa blass verbleibt und nicht immer nachvollziehbar handelt. Monika Mansours Schreibstil lässt sich hingegen leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist gelungen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben ordentlich gearbeitet, der Buchumschlag ist auf dem Cover, der Coverrückseite und dem Buchrücken leicht geprägt. Das Titelmotiv ist schön anzusehen aber auch etwas beliebig und wird leider zum Buchrücken hin abrupt unterbrochen. Buchrücken und Coverrückseite bilden zudem einen irritierenden farblichen Gegensatz – ein Tausch der Farben bei einem der beiden hätte hier für fließende und einheitliche Übergänge gesorgt.

Mein Fazit? „Der Himmel über den Alpen“ ist ein weitgehend überzeugender Liebesroman, der vor allem mit seinem Setting brilliert und nur kleinere Schwächen in der Handlung aufweist. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 15 Jahren.

Aus Mainz in die Steiermark | Doppelte Emons-Buchpost

Bevor es in den nächsten Tagen mit einigen Rezensionen und Messeneuzugängen weitergeht, möchte ich Euch heute noch zwei Bücher zeigen, die mich vor kurzem als Rezensionsexemplare im Rahmen von Leserunden auf Lovelybooks.de erreichten – vielen Dank dafür! „Gottes Plagen“ von Robert Preis (Emons Verlag GmbH) ist ein historischer Roman, der in die mittelalterliche Steiermark entführt, „Ein Mord – drei Tote“ von Ingo Bartsch (GRAFIT in der Emons Verlag GmbH) ein Kriminalroman, der im beschaulichen Mainz spielt. Ich bin schon ganz auf die (literarischen) Reisen an die Handlungsorte gespannt!

In welchem Land würdet Ihr Euren Roman spielen lassen?

[Buchgedanken] Günther Mayr: „Herr Kuranaga“

Vor kurzem habe ich auch „Herr Kuranaga“ von Günther Mayr gelesen. Das Buch ist 2022 im Carl Ueberreuter Verlag, Wien, veröffentlicht worden und als Kriminalroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Mysteriöse Erkrankungen nach Corona-Impfungen lassen einen Philosophie-Professor zum Detektiv werden: In Tateo Kuranaga vereinen sich die traditionsreichen Tugenden eines Samurai mit österreichischer Lebensart. Ein Vogel im Orchestergraben, eine japanische Kommissarin auf einem Wanderfalken und menschliche Originale aus beiden Kulturkreisen kreuzen seinen Weg. Ein außergewöhnlicher Kriminalfall, der mit Kreativität und viel Witz gelöst wird.

„Herr Kuranaga“ oder „Ein Samurai zwischen Sushi und Schweinebraten“ – so der Untertitel – ist ein Roman, der sich entgegen der oben so leicht getroffenen Einordnung wirklich schwer kategorisieren lässt. Zwar ist das Buch als Kriminalroman beworben (so auch auf dem Cover, daher habe ich das übernommen), man könnte aber genau so gut einen Thriller daraus machen, ist der hier behandelte „Kriminalfall“ doch hochpolitisch und kein klassisches Verbrechen. Gleichsam wäre es auch möglich, den Roman zur Gegenwartsliteratur zu zählen, liegt ein starker Fokus doch auf den kulturellen Unterschieden und den daraus resultierenden, witzigen Szenen.

Die Handlung ist durchaus spannend, wenn auch durch die allumfassenden Perspektiven nur teilweise überraschend. Zudem kommt sie nur relativ langsam in Schuss und ist insgesamt sehr ereignisarm. Wie oben bereits angedeutet, lebt die Handlung daher vor allem von den humorvollen Szenen, von den Abstrusitäten, den Eigenheiten der Figuren und den starken Überzeichnungen.

Das Setting hingegen kann natürlich punkten. So entführt der Autor den Leser nicht nur nach Wien sondern auch nach London und Japan, zeigt die Gegensätze der globalisierten Welt und einer einsamen japanischen Insel und spielt mit den unterschiedlichen Kulturen und kulturellen Verhaltensweisen – sehr amüsant. Der Lieblingsort hier ist klar: die „Eiserne Hand“, eine Wiener Wirtschaft am Naschmarkt, so skurril und eigen wie die Geschichte.

Die einzelnen Figuren sind aufgrund der Vielzahl an handelnden Personen und der gebotenen Kürze des Buches teils nur schematisch angelegt, können aber zum Teil dennoch punkten und haben durchaus Stärken und Schwächen. Hierbei überzeugen Sakura Kurosawa und Helmut Freisinger als wichtige Nebencharaktere am stärksten, während Tateo Kuranaga doch etwas blass verbleibt. Günther Mayrs Schreibstil ist dabei pointiert und gut lesbar und lässt das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist konservativ und etwas uninspiriert, aber fehlerfrei. Der Buchdeckel ist zwar auf dem Cover hochwertig geprägt und mit farbigen Coverinnenseiten versehen, insgesamt aber jedoch relativ eintönig und einfach gestaltet, sodass das Cover nicht wirklich überzeugen kann.

Mein Fazit? „Herr Kuranaga“ ist ein Kriminalroman, der vor allem durch seinen Humor und ein tolles Setting punkten kann, allerdings etwas ereignisarm und durchaus vorhersehbar daherkommt. Für Leser des Genres dennoch zu empfehlen – ab einem Lesealter von 14 Jahren.