In der letzten Zeit habe ich auch „Exzess & Vernunft“ von Julian Niedermeier gelesen. Das Buch ist 2024 im Selfpublishing über Books on Demand veröffentlicht worden und als dystopischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Autor für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars nach Rezensionsangebot durch den Autor.

Die Welt ist gespalten. Exzess und Vernunft. Party, Orgien und Pillen auf der einen Seite, Selbstgeißelung, Gesetze und Monotonie auf der anderen. Zumindest sieht es so der Mittzwanziger Bac, der im Exzess aufgewachsen ist. Für ihn gibt es nur noch einen Weg, die Menschen aus der Vernunft von der einzig wahren Freiheit des Exzesses zu überzeugen: Sich dem seit Jahrzehnten tobenden Krieg anschließen. Über Umwege gelangen ausgerechnet er und seine große, toxische Liebe, Rahel, als Gefangene in der Vernunft. Wohl oder übel müssen sie sich den dortigen Konventionen anpassen. Dabei bemerken beide auf ihre eigene Art und Weise, dass die Vernunft durchaus auch gute Seiten hat. Manche Dinge laufen sogar besser als im Exzess. Zum ersten Mal seit Jahren wieder ohne chemische Substanzen im Blut, sehen sie die Welt, in der sie aufgewachsen sind, mit ganz anderen Augen. Schon bald stellt sich für beide also die entscheidende Frage: Was will ich wirklich? Exzess oder Vernunft?
„Exzess oder Vernunft“ ist mein erstes Buch von Julian Niedermeier – und lässt sich meines Erachtens entgegen der Angaben im Nachwort doch sehr klar als dystopischer Roman eingruppieren, auch eine Kategorisierung als Science Fiction wäre wohl möglich. Dabei wird der Roman in verschiedenen Zeitformen erzählt – was zumindest anfangs irritiert, aber durchaus im Kontext Sinn macht, sodass man etwas braucht, um in einen wirklichen Lesefluss zu kommen.
Die Handlung ist hierbei spannend und abwechslungsreich und wartet mit der ein oder anderen unerwarteten Wendung auf. Dabei ist sie schonungslos brutal und explizit, insbesondere der Exzess bietet hier auch Szenen, die durchaus verstörend sind – genau wie die unbestechliche Rationalität der Vernunft auch für das ein oder andere Stirnrunzeln sorgen kann. So wie die Grenzen zuletzt verschwimmen, baut jedoch auch die Handlung im letzten Teil etwas ab und gipfelt in einem Ende, das leider nicht gänzlich überzeugen kann.
Das Setting ist gelungen. So entführt der Autor die Leser:innen in den Exzess und die Vernunft, in eine chaotische Stadt, die den Eskapismus feiert, und in eine Planstadt, die nach festen Regeln spielt. Dabei zeigt Julian Niedermeier souverän auf, dass sowohl Exzess als auch Vernunft in der Realität Berechtigung haben, beides jedoch in Maßen dosiert werden muss – und führ den Leser:innen auch die Sinnlosigkeit von Kriegen vor Augen, insbesondere, wenn diese schlicht von Generation zu Generation weitergereicht werden. Lediglich der irritierende Widerspruch der fast archaischen Kriegsführung in der doch hochtechnologisierten Welt irritiert – hier hätte ich mir einen konsequenteren Weltenbau gewünscht.
Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei überzeugen insbesondere Maya und Franz als wichtige Nebencharaktere, während gerade Bacchus zwischenzeitlich etwas blass verbleibt. Julian Niedermeiers Schreibstil lässt sich hierbei leicht und flüssig lesen – auch wenn die Dialoge durch die starke Verwendung der Umgangssprache im Exzess durchaus schwere Kost sind und etwas den Lesefluss verringern.
Die Buchgestaltung ist jedoch durchwachsen. Lektorat und Korrektorat sind insbesondere in der zweiten Hälfte durchaus einige gröbere Fehler durchgerutscht, der Buchsatz ist aufgrund der fehlenden automatischen Silbentrennung sehr unruhig und unbeständig. Immerhin kann der Umschlag durch eine einheitliche Gestaltung von Cover, Coverrückseite und Buchrücken punkten, das Yin-Yang-Schema, der Gegensatz von Exzess und Vernunft wird hier gut aufgegriffen und klar dargestellt. Gern hätte man die Handlung im Anhang oder vorangestellt aber noch mit einer Karte oder einem Glossar abrunden können, um ein noch besseres Leseerlebnis für die Leser:innen zu erschaffen.
Mein Fazit? „Exzess & Vernunft“ ist ein dystopischer Roman mit einer starken Prämisse und einem gelungenen Setting, der mit seiner schonungslosen Brutalität punktet, gerade am Ende aber und auch handwerklich jedoch kleinere Schwächen aufweist. Für Leser:innen des Genres dennoch zu empfehlen – allerdings erst ab einem Lesealter von 18 Jahren.



