Vor kurzem habe ich auch „Weil wir nichts wussten“ von Horst Moser gelesen. Das Buch ist 2026 in der Edition Raetia erschienen und als Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Zwei Menschen, zwei Geschichten: Der Journalist Lukas berichtet aus dem Ausland von den vielen Protestwellen, die Europa erschüttern. Als er erfährt, dass es seiner Mutter nicht gut geht, kehrt Lukas in das Provinzstädtchen zurück, in dem er aufgewachsen ist.
Gleichzeitig begibt sich eine entwurzelte junge Frau auf die Suche nach ihrer Vergangenheit. Bei den Protestierenden findet sie vorübergehend Unterschlupf, aber auch dort gehört sie nicht wirklich dazu. Bald stößt sie auf Wahrheiten, die lange verborgen waren …
„Weil wir nichts wussten“ ist mein erster Roman von Horst Moser. der sich bereits gar nicht so einfach einem Genre zuordnen lässt, mischt er doch familiäre Geheimnisse und Verwicklungen mit nah-dystopischen Protestbewegungen und erweitert die Geschichte so um eine politische Komponente, die für mich allerdings vernachlässigbar ist. Ich habe es daher bei der Konzentration auf die zentralen Handlungselemente und der damit verbundenen Einordnung als Familiensaga belassen, auch wenn die Kategorisierung als Gegenwartsliteratur natürlich auch nicht abwegig ist.
Die Handlung ist grundsätzlich abwechslungsreich und interessant, teils aber auch sehr vorhersehbar, dadurch aber nicht minder fesselnd. Sie wird wechselnd aus den personalen Erzählperspektiven der beiden Protagonist:innen erzählt, auch wenn hier eine Unwucht zugunsten des Handlungsstrangs von Lukas besteht – das hätte man durchaus in der Schwerpunktsetzung besser ausbalancieren können. Zudem ist – wie bereits oben angedeutet – der Handlungsstrang um die Protestbewegung mehr als vernachlässigbar und trägt wenig zum Fortgang der Handlung bei.
Das Setting ist gelungen. So entführt der Autor die Leser:innen in ein kleines Städtchen in Südtirol, in dem die Uhren langsamer laufen, Tradition stärker verankert ist und die hektische Welt vor der Stadtgrenze endet. Gleichsam führt die Reise aber auch nach Frankfurt und Wien, in ein Franziskanerkloster und – vor allem – in die Vergangenheit. Dabei taucht Horst Moser in lokale Machtstrukturen ein, beschreibt regionale Verflechtungen, die so überall auf der Welt anzutreffen sind, und zeigt so einmal mehr, dass Geld durchaus im kleinen zumindest die Welt regiert.
Die einzelnen Figuren sind vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen neben Lukas vor allem wichtige Nebenfiguren wie Kathrin und Elsa, während die anfangs noch namenlose zweite Protagonistin aufgrund der Kürze ihres Handlungsstrangs nicht wirklich greifbar wird. Horst Mosers Schreibstil lässt sich dabei trotz teils sehr komplexer Sätze noch leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.
Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben ordentlich gearbeitet, der Umschlag ist mit Klappen versehen, das unter dem Umschlag befindliche Hardcover sehr schlicht. Das Covermotiv wird nahtlos zum Buchrücken hin fortgesetzt, irritierenderweise von dort zur Coverrückseite hin aber stark abgegrenzt. Insgesamt ist der Umschlag eher eintönig und das Covermotiv kein klassischer Eyecatcher, zeigt aber immerhin Anklänge zur Handlung.
Mein Fazit? „Weil wir nichts wussten“ ist eine tolle Familiensaga, die durch das Setting und starke Charaktere punktet, aber auch leichte Probleme in der Schwerpunktsetzung hat und unnötig die Handlung durch eine weitere Ebene überfrachtet. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 14 Jahren.