[Buchgedanken] Dorrit Bartel: „Der Äthiopier“

In den letzten Tagen habe ich auch „Der Äthiopier“ von Dorrit Bartel gelesen. Das Buch ist erstmals 2024 im Selfpublishing über epubli veröffentlicht worden, die mir vorliegende Ausgabe entstammt der Neuveröffentlichung in der RavenPort Verlag GmbH aus dem Jahr 2025. Das Buch ist dabei als biografischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle dabei auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Früh wird Adane seiner Familie in der äthiopischen Savanne entrissen und erfährt, dass er selbst nicht über sein Leben bestimmen kann. Er passt sich wechselnden Umständen an: An einer Missionsschule wird er zum Christen, als Solidaritätsstudent in der DDR zum Kommunisten. Als Politiker kehrt er nach Äthiopien zurück, doch mit dem Zusammenbruch des Sozialismus landet er im Gefängnis. Bedroht von der Todesstrafe schwört er sich, zukünftig eigene Entscheidungen zu treffen, wenn er überlebt. Wider Erwarten kommt er frei und entsagt den Ideologien. Zurück in Deutschland arbeitet er fortan mehr mit den Händen als mit dem Kopf. Seine wahre Bestimmung findet er zuletzt wieder in der Heimat. Er sorgt für die Bildung von Kindern und gibt ihnen damit und das Werkzeug zur Selbsthilfe: Den freien Willen.

„Der Äthiopier“ ist mein erstes Buch von Dorrit Bartel, das – lose – das Leben des leider bereits verstorbenen Äthiopiers Fayissa/Adane beschreibt. Dorrit Bartel füllt dabei in künstlerischer Freiheit Erinnerungslücken, eine genauere Einordnung was Wahrheit und Fiktion entspricht, erfolgt nicht, auch, da selbst Adanes Erzählungen unzuverlässig sein könnten. Empfohlen wird das Buch in den unterschiedlichen Ausgaben für Leser:innen ab 16 oder 18 Jahren, aus meiner Sicht kann man das Buch durchaus auch minimal früher lesen.

Die Handlung ist spannend und abwechslungsreich – so wie Adanes Leben, das ihn in viele Länder, Systeme, Berufe und Gefahren gebracht hat. Und auch wenn das Buch dabei einige erzählerische Längen hat und insgesamt eher antiklimaktisch ist, macht es dennoch viel Spaß und ist informativ, lernt man doch durchaus das ein oder andere, insbesondere über die Kultur des Vielvölkerstaates Äthiopien. Leider lässt das Buch dabei manchmal eine Einordnung, ein Unrechtsbewusstsein auch bei Fehlern Adanes vermissen und zeichnet daher ein eher einseitiges Porträt.

Das Setting ist natürlich gelungen. So entführt uns Adanes Leben – von einem richtigen Setting kann man hier ja gar nicht sprechen – von Äthiopien über die DDR ins vereinte Deutschland, nach Moskau, in die Mongolei und immer wieder zurück nach Äthiopien, in die Savanne, die Hauptstadt und entfernte Regionen des Landes. Dabei wird insbesondere das Leben nomadischer Stämme in der Savanne genau beschrieben, gern hätte ich mir insgesamt noch mehr Informationen über die äthiopische Kultur gewünscht.

Insgesamt spricht das Buch durch die Geschichte von Adane wichtige Themen an wie Entwicklungshilfe, Unterdrückung und die Unzulänglichkeit des Sozialismus und des Kommunismus, von deren Ideen sich Adane leider Zeit seines Lebens nicht hinreichend lösen konnte. Auch erschließt sich im Nachhinein nicht, warum in den frühen 1990er Jahren der Aufenthalt in Deutschland durch eine rechtswidrige Scheinehe gesichert werden musste und nicht versucht wurde, den Aufenthalt zu legalisieren. Insgesamt hätte hier noch viel Potential für ein einordnendes Nachwort bestanden.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind zwar Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss aber nicht unglaublich schmälern. Der Buchsatz ist ausbaufähig, mein Exemplar hat – wie angekündigt – als Mängelexemplar auch keine Seitenzahlen. Das Covermotiv ist gelungen, aber kein Eyecatcher. Insgesamt ist das Buch sehr schlicht und eintönig gestaltet, die Coverrückseite mit viel zu viel Text überfrachtet, das Verlagslogo mit dunkelblauer Schrift auf schwarzem Hintergrund kaum zu entziffern.

Mein Fazit? „Der Äthiopier“ zeichnet auf informative Weise das sehr ereignisreiche Leben von Adane nach und spricht dabei wichtige Themen an, weist dabei aber auch kleinere Schwächen auf. Für Leser:innen ab etwa 15 Jahren mit Interesse an dem Genre bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Charlotte von Feyerabend: „Seid nett aufeinander“

Vor kurzem habe ich auch „Seid nett aufeinander“ von Charlotte von Feyerabend gelesen. Das Buch ist 2024 im Droemer Verlag in der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG erschienen und als Romanbiografie einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

 Schon als Kind träumt Beate vom Fliegen – und lernt von ihrem Vater, dass sie alles erreichen kann, wenn sie es nur wirklich will. Mit achtzehn macht sie ihren Pilotenschein und trifft ihre große Liebe. Doch die Idylle währt nur kurz, denn ihr Mann, ebenfalls Pilot, wird im 2. Weltkrieg abgeschossen. Im Deutschland der Nachkriegszeit steht Beate Uhse mit ihrem kleinen Sohn ohne alles da und muss als Handelsreisende durch das ganze Land tingeln, um zu überleben. Dabei wird sie auf die Sorgen der Frauen aufmerksam, die in dieser elenden Zeit nicht schwanger werden wollen. Als Tochter einer der ersten Ärztinnen Deutschlands beschließt Beate, ihnen zu helfen. Für ein paar Pfennige verkauft sie eine Aufklärungsschrift, die sie bald mit Artikeln für die „Ehehygiene“ ergänzt. Denn Beate Uhse hat einen Traum: Jede Frau soll das Recht auf einen Orgasmus haben!

„Seid nett aufeinander“ ist eine Romanbiografie über das abenteuerliche Leben von Beate Uhse – oder zumindest über den ersten Teil davon bis ins Jahr 1972, was ich durchaus schade finde – gerade die letzten Jahre hätten hier durchaus noch einmal für etwas Abwechslung gesorgt. Garniert wird die Geschichte mit (etwas zu umfangreichen) Zusatzinformationen; also mit Fußnoten, Literaturtipps, einem Dialektglossar, Rezepten, einer Danksagung, einer Einordnung der Autorin und der Bewerbung weiterer Romane von ihr – im Vergleich zur Länge der Geschichte schlicht etwas überdimensioniert.

Die Handlung ist generell spannend und abwechslungsreich, beleuchtet bekannte und unbekannte Episoden aus Beates Leben, wobei ich mir teils an einigen Stellen eine andere Schwerpunktsetzung gewünscht hätte. Dabei spart der Roman auch schwierige Episoden nicht aus und erzählt erfrischenderweise sehr stringent und chronologisch, sodass man zu jeder Zeit dem roten Faden folgen kann. Die einzelnen Kapitel werden hierbei mit Zitaten berühmter Persönlichkeiten eingeleitet, um das Flair des folgenden Abschnitts zu charakterisieren – noch spannender hätte ich mir zum Beispiel Bilder oder Textdokumente von oder über Beate als historische Zeitzeugen vorstellen können.

Das Setting ist – naturgemäß – gelungen, entspricht es doch bei biografischen Romanen genau der realen Welt. Dabei entführt die Autorin ihre Leser:innen nicht nur nach Flensburg, sondern auch nach Rangsdorf, in Beates ostpreußische Heimat, oder auch nach Juist an die Schule am Meer. Dadurch werden nebenbei noch spannende Themen wie z.B. die Reformpädagogik angerissen – was durch die Verlagerung von Zusatzinformationen auf die Fußnoten dennoch gut lesbar verbleibt und somit nicht allzu sehr ins Sachbuchhafte abrutscht.

Viel zu den Figuren zu sagen, verbietet sich eigentlich bei biografischen Romanen. Daher nur so viel, dass ich Hanna durchaus ins Herz geschlossen habe und gern noch mehr über sie erfahren hätte – auch Elfriede hat ein tolles Standing im Buch. Und auch Beate überzeugt – natürlich -, auch wenn durch die letzten, hier ausgesparten Jahre noch ein runderes Bild hätte geschaffen werden können. Charlotte von Feyerabends Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen, hält dabei gut die Waage zwischen Lesbarkeit und historischer und sprachlicher Authentizität.

Die Buchgestaltung ist im Wesentlichen gelungen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben solide gearbeitet, der Buchdeckel ist mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, wobei die Klappen farblich krass zur sonstigen Gestaltung des Buches kontrastieren. Das Covermotiv ist sehr stilisiert und lässt jedoch eher auf eine Liebeskomödie als auf einen autobiografischen Roman schließen – insgesamt ist der gesamte Umschlag eher schlicht gehalten und kein Eyecatcher.

Mein Fazit? „Seid nett aufeinander“ ist eine Romanbiografie, die gleichsam spannend und informativ ist und dabei gut unterhält – lediglich die Schwerpunktsetzung und der Verzicht auf die letzten Jahre trüben hier das Gesamtbild leicht. Für Leser:innen des Genres daher bedenkenlos zu empfehlen.