[Buchgedanken] Julian Niedermeier: „Exzess & Vernunft“

In der letzten Zeit habe ich auch „Exzess & Vernunft“ von Julian Niedermeier gelesen. Das Buch ist 2024 im Selfpublishing über Books on Demand veröffentlicht worden und als dystopischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Autor für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars nach Rezensionsangebot durch den Autor.

Die Welt ist gespalten. Exzess und Vernunft. Party, Orgien und Pillen auf der einen Seite, Selbstgeißelung, Gesetze und Monotonie auf der anderen. Zumindest sieht es so der Mittzwanziger Bac, der im Exzess aufgewachsen ist. Für ihn gibt es nur noch einen Weg, die Menschen aus der Vernunft von der einzig wahren Freiheit des Exzesses zu überzeugen: Sich dem seit Jahrzehnten tobenden Krieg anschließen. Über Umwege gelangen ausgerechnet er und seine große, toxische Liebe, Rahel, als Gefangene in der Vernunft. Wohl oder übel müssen sie sich den dortigen Konventionen anpassen. Dabei bemerken beide auf ihre eigene Art und Weise, dass die Vernunft durchaus auch gute Seiten hat. Manche Dinge laufen sogar besser als im Exzess. Zum ersten Mal seit Jahren wieder ohne chemische Substanzen im Blut, sehen sie die Welt, in der sie aufgewachsen sind, mit ganz anderen Augen. Schon bald stellt sich für beide also die entscheidende Frage: Was will ich wirklich? Exzess oder Vernunft?

„Exzess oder Vernunft“ ist mein erstes Buch von Julian Niedermeier – und lässt sich meines Erachtens entgegen der Angaben im Nachwort doch sehr klar als dystopischer Roman eingruppieren, auch eine Kategorisierung als Science Fiction wäre wohl möglich. Dabei wird der Roman in verschiedenen Zeitformen erzählt – was zumindest anfangs irritiert, aber durchaus im Kontext Sinn macht, sodass man etwas braucht, um in einen wirklichen Lesefluss zu kommen.

Die Handlung ist hierbei spannend und abwechslungsreich und wartet mit der ein oder anderen unerwarteten Wendung auf. Dabei ist sie schonungslos brutal und explizit, insbesondere der Exzess bietet hier auch Szenen, die durchaus verstörend sind – genau wie die unbestechliche Rationalität der Vernunft auch für das ein oder andere Stirnrunzeln sorgen kann. So wie die Grenzen zuletzt verschwimmen, baut jedoch auch die Handlung im letzten Teil etwas ab und gipfelt in einem Ende, das leider nicht gänzlich überzeugen kann.

Das Setting ist gelungen. So entführt der Autor die Leser:innen in den Exzess und die Vernunft, in eine chaotische Stadt, die den Eskapismus feiert, und in eine Planstadt, die nach festen Regeln spielt. Dabei zeigt Julian Niedermeier souverän auf, dass sowohl Exzess als auch Vernunft in der Realität Berechtigung haben, beides jedoch in Maßen dosiert werden muss – und führ den Leser:innen auch die Sinnlosigkeit von Kriegen vor Augen, insbesondere, wenn diese schlicht von Generation zu Generation weitergereicht werden. Lediglich der irritierende Widerspruch der fast archaischen Kriegsführung in der doch hochtechnologisierten Welt irritiert – hier hätte ich mir einen konsequenteren Weltenbau gewünscht.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei überzeugen insbesondere Maya und Franz als wichtige Nebencharaktere, während gerade Bacchus zwischenzeitlich etwas blass verbleibt. Julian Niedermeiers Schreibstil lässt sich hierbei leicht und flüssig lesen – auch wenn die Dialoge durch die starke Verwendung der Umgangssprache im Exzess durchaus schwere Kost sind und etwas den Lesefluss verringern.

Die Buchgestaltung ist jedoch durchwachsen. Lektorat und Korrektorat sind insbesondere in der zweiten Hälfte durchaus einige gröbere Fehler durchgerutscht, der Buchsatz ist aufgrund der fehlenden automatischen Silbentrennung sehr unruhig und unbeständig. Immerhin kann der Umschlag durch eine einheitliche Gestaltung von Cover, Coverrückseite und Buchrücken punkten, das Yin-Yang-Schema, der Gegensatz von Exzess und Vernunft wird hier gut aufgegriffen und klar dargestellt. Gern hätte man die Handlung im Anhang oder vorangestellt aber noch mit einer Karte oder einem Glossar abrunden können, um ein noch besseres Leseerlebnis für die Leser:innen zu erschaffen.

Mein Fazit? „Exzess & Vernunft“ ist ein dystopischer Roman mit einer starken Prämisse und einem gelungenen Setting, der mit seiner schonungslosen Brutalität punktet, gerade am Ende aber und auch handwerklich jedoch kleinere Schwächen aufweist. Für Leser:innen des Genres dennoch zu empfehlen – allerdings erst ab einem Lesealter von 18 Jahren.

Von dystopischen Settings und fantastischen Twists | Doppelte Buchpost

Bevor es ab Morgen wieder mit einigen Buchbesprechungen weitergeht, habe ich heute noch einmal zwei Rezensionsexemplare für Euch, die mich jeweils nach Rezensionsangeboten seitens der Autoren erreichten – vielen Dank dafür! „Exzess & Vernunft“ von Julian Niedermeier (Selfpublishing, Books on Demand) ist hierbei ein dystopischer Science-Fiction-Roman, während sich „Der Fall der Fantasie“ von Markus Grundtner (edition keiper) als Justizroman mit fantastischem Twist präsentiert – insbesondere auf das Rollenspielelement bin ich hier schon ganz gespannt!

Lest Ihr gern Romane, die Realität und Fantasie miteinander vermischen?

[Buchgedanken] Martin Sollert: „Vergiftete Erlösung“

Vor kurzem habe ich auch „Vergiftete Erlösung“ von Martin Sollert gelesen. Der Roman ist 2024 im Selfpublishing veröffentlicht worden und als dystopische Science-Fiction einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Autor für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Birgt ein rätselhaftes Grab die letzte Hoffnung der Menschheit in sich? Der wegen Verbrechen gegen den Staat Amazonica verurteilte Geheimdienstmitarbeiter Dan verbüßt seine Strafe in einem Arbeitslager an der Nordseeküste. Wegen der unmenschlichen Haftbedingungen versucht er zu fliehen. Dabei erlebt er den Absturz der Zivilisation in die finale Katastrophe. Eng mit Dans Leben ist das Schicksal der jungen Frau Eyelea verwoben. Eyelea wächst im Out, einer gesetzlosen Region an der Grenze zu Amazonica, als irrtümlich blindes Mädchen auf. Sie wird von verstörenden Träumen heimgesucht. Nach ihrer Verschleppung aus dem Out gerät sie in einen Sog unglaublicher Geschehnisse, in deren Verlauf sie einzigartige Fähigkeiten an sich selbst entdeckt. Kann sie dadurch zur Retterin der Menschheit werden?

„Vergiftete Erlösung“ ist mein erster Roman von Martin Sollert und einer der seltenen Romane im Selfpublishing, die ich lese. Dabei lässt sich der Roman nicht ganz einfach einem Genre zuordnen. So ist er als dystopisch einzuordnen, zeigt Elemente eines (Polit-)Thrillers, gehört definitiv zur Science Fiction und lässt sich auch als Abenteuerroman kategorisieren. Ich habe das Buch schlussendlich als dystopische Science-Fiction eingeordnet, da ein doch starker Fokus auf dem Setting und der technologischen Komponente lag.

Die Handlung ist durchaus innovativ und abwechslungsreich, in der zweiten Hälfte aber auch mit einigen Längen versehen und nicht in allen Punkten logisch. Dabei überzeugt der Handlungsstrang von Dan stärker als der von Eyelea (sofern man hier von einem zweiten Handlungsstrang sprechen kann, ist es doch eigentlich nur eine Aufnahme, die Dan in seinem hört). Zudem werden hier in aller Brutalität Folter, fanatische Kriegsverbrechen und Hinrichtungen dargestellt, sodass selbst ich an den Punkt gekommen bin, dass man hier auf (idealerweise nachgestellte) Content Notes hätte hinweisen können oder sogar sollen.

Das Setting überzeugt im Großen und Ganzen. So entführt der Autor die Leser:innen unter anderem in ein futuristisches, ehemaliges Deutschland, das – wie anscheinend generell die industrialisierte Welt – nunmehr aus Einflussgebieten bzw. neugegründeten Staaten, unter anderem von großen Firmen beherrscht, besteht. Dabei hätte ich mir noch weitere Informationen zum Weltenbau gewünscht, gern auch eine Karte, um die Entwicklung von der jetzigen Welt bis hin zu dieser Situation nachvollziehen zu können.

Die einzelnen Figuren sind – im Wesentlichen – vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei ist der Kreis an handelnden Personen stark beschränkt, außer Eyelea und Dan treten nur sporadisch wichtige Nebenrollen auf wie Arthur oder Generalleutnant Schröder – oder auch die KI Thor, die – interessanterweise – am stärksten überzeugt. Martin Sollerts Schreibstil lässt sich hierbei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist ausbaufähig. Lektorat/Korrektorat sind (so durchgeführt) durchaus Fehler durchgerutscht, die sich aber noch im Rahmen halten, der Buchsatz zeigt erhebliche Schwächen. Das Covermotiv ist durchaus ansprechend und ein Eyecatcher, von der Auflösung und dem Zuschnitt aber nicht überzeugend – und auch die Typografie ist nicht ideal, lässt sich der Titel doch nicht richtig lesen.

Mein Fazit? „Vergiftete Erlösung“ ist dystopische Science Fiction, die durchaus innovativ und abwechslungsreich ist, aber auch kleinere Schwächen, insbesondere auch bei der Buchgestaltung, bietet. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – definitiv jedoch nicht unter einem Lesealter von 16, eher sogar ab 18 Jahren.

Science Fiction im Doppelpack | Lovelybooks-Buchpost

In der letzten Zeit erreichten mich auch diese beiden Romane als Rezensionsexemplare im Rahmen von Leserunden auf Lovelybooks.de – vielen Dank dafür. „Vergiftete Erlösung“ von Martin Sollert (erschienen im Selfpublishing) ist dabei ein dystopischer Science Fiction Roman mit apokalyptischem Setting, „Bea & Nyx – Der Baum zwischen den Zeiten“ von Kate Gordon und Rebecca Lim (Edition Michael Fischer GmbH) ein Jugendbuch, das ebenfalls in einer dystopischen Zukunft spielt. Ich bin schon ganz auf die verschiedenen Ansätze der Gestaltung der Zukunft gespannt.

Welchen dystopischen Roman habt Ihr zuletzt gelesen?

[Buchgedanken] Ume S. Winter: „Selbstkorrektur“

Vor kurzem habe ich auch „Selbstkorrektur“ (oder richtiger „<SELBST>/KORREKTUR“) von Ume S. Winter gelesen. Der Roman ist 2023 im Dunkelstern Verlag erschienen und dem Genre dystopischer Thriller zuzuordnen. Ich habe das Buch als Lesejuror für den Seraph gelesen, die Besprechung hier spiegelt allerdings nur meine individuelle Meinung wider und ist daher kein Vorgriff auf das (gesamte) Juryvoting. Vielen Dank an dieser Stelle auch für die Bereitstellung eines (digitalen) Leseexemplars.

Dank der KIs kennen die Menschen weder Hunger, Gewalt noch Ungleichheit. Lys Deĵoro ist Wächterin und zuständig für den Schutz der Gesundheits-KI Meneva. Bis die friedvolle Welt aus den Fugen gerät, als Lys’ Wächterkollegen ermordet werden. Ihre Ermittlungen führen sie schließlich zum Hauptverdächtigen im Mehrfachmord, dem Schriftsteller Yu Kishida. Eine undurchsichtige Jagd nach der Wahrheit beginnt, die nichts mit der vorherrschenden Realität gemeinsam hat. Wer entscheidet über den Wert der Wahrheit, wenn sie den Tod bringt und die Lüge das Leben?

„Selbstkorrektur“ (für die Rezension habe ich mich für diese einfache Schreibweise entschieden) ist naturgemäß das Debüt von Ume S. Winter, anders hätte es auch nicht für den Seraph 2024 in der Kategorie „Bestes Debüt“ nominiert werden können. Dabei kann man den Roman durchaus in mehr als ein Genre eingruppieren. So ist der Roman natürlich als Science-Fiction anzusehen, bietet gleichsam aber auch starke Elemente eines Thrillers. Auch kann man das Setting, die Welt, durchaus als dystopisch beschreiben. Daher habe ich mich für die Kategorisierung als dystopischen Thriller entschieden, die beide Elemente der Handlung gut abbildet.

Apropos Handlung. Die ist durchaus spannend, wenn auch teils etwas ambitioniert komplex im Vergleich zur Kürze des Romans – und kommt dennoch überraschenderweise nicht ganz ohne Längen aus – hier hätte man etwas besser ausbalancieren können. Dafür mischt Ume S. Winter ein explosives Gesamtpaket aus behandelten Themen wie Terrorismus, künstliche Intelligenz, totale Überwachung und Zukunftsvisionen, die die Grenze zwischen Utopie und Dystopie verschwimmen lassen – inklusive eines kleinen philosophischen Exkurses.

Das ganze wird unterstützt durch ein futuristisches Setting, das durchaus begeistern kann, auch wenn – ebenfalls – fast etwas zu viel Informationen in den Roman gepackt worden sind, um den ambitionierten Weltenbau nicht nur aktuell zu erklären, sondern auch mit einem historischen Abriss der Entwicklung in den letzten Jahrhunderten zu unterfüttern – gegebenenfalls hätte man hier noch im Nachgang der Handlung mit einem Glossar oder einer Zeitlinie unterstützen können. Toll werden auch die unterschiedlichen Schauplätze gezeichnet, sei es die Großstadt, das Rebellenversteck oder die futuristische Zuflucht auf der versteckten Insel.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen neben Lys vor allem wichtige Nebencharaktere wie Aster und Elea, während Yu für mich nicht wirklich greifbar wurde. Der Schreibstil von Ume S. Winter lässt sich dabei grundsätzlich durchaus leicht und flüssig lesen und das Kopfkino anspringen, lediglich in den sehr technischen Passagen stockt der Lesefluss etwas.

Aussagen zur Buchgestaltung sind aufgrund des digitalen Leseexemplars nur eingeschränkt möglich. Lektorat und Korrektorat sind zwar Kleinigkeiten durchgerutscht, diese schmälern das Lesevergnügen jedoch kaum. Beim Buchsatz hätte ich mir jedoch, gerade in den Quellcode-/Programmierpassagen bzw. bei der Kommunikation mit der KI, eine stärkere Trennung vom restlichen Text, eine vielleicht auch grafische Visualisierung gewünscht. Dieses Chaos setzt sich – dem Anschein nach – auch auf dem Cover fort, das auch etwas klarere Linien und Strukturen hätte vertragen können.

Mein Fazit? „Selbstkorrektur“ ist ein spannender, dystopisch anmutender Thriller, der unglaublich wichtige Themen anspricht, sein Potential aber nicht vollends ausschöpft. Für anspruchsvolle Leser des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

Rezensionsexemplare im Doppelpack | Lovelybooks-Buchpost

Bevor es ab morgen mit Rezensionen weitergeht, möchte ich Euch heute zwei Bücher zeigen, die mich vor kurzem als Rezensionsexemplare im Rahmen von Leserunden auf Lovelybooks.de erreicht haben – vielen Dank dafür! „Redemptio: Sie wissen alles“ von Volker Gerling (Kampenwand Verlag) ist dabei ein dystopischer Sci-Fi Thriller, während „Mein Lover, mein Ex und der Andere“ von Uli Aechtner (Emons Verlag GmbH) ein Liebesroman ist, der in der Wetterau spielt. Ich bin auf die beiden Bücher jedenfalls schon sehr gespannt!

Welche Dystopie habt Ihr zuletzt gelesen?

[Buchgedanken] Kameron Hurley: „Soldaten im Licht“

Kurz unterbreche ich die Messeberichterstattung für eine weitere Rezension, da ich vor einigen Tagen „Soldaten im Licht“ von Kameron Hurley beendet habe. Das Buch ist 2022 in der Panini Verlags GmbH erschienen, die Originalausgabe wurde 2019 unter dem Titel „The Light Brigade“ bei SAGA PRESS, einem Imprint von Simon & Schuster inc. veröffentlicht. Der Roman ist dem Genre Science-Fiction zuzurechnen, für die Übersetzung zeichnet Helga Parmiter verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Die Lichtbrigade – so nennen Veteranen des Marskriegs diejenigen Kameraden, die zurückkommen … und nicht mehr sie selbst sind. Diese Konzern-Kämpfer wurden in Licht umgewandelt, um schnell zu interplanetaren Schlachtfeldern versetzt werden zu können. Doch bei dieser Transformation geschieht etwas mit ihnen. Diejenigen, die die Prozedur überleben, halten sich exakt an die Missionsvorgaben – koste es was es wolle. Dietz, ein frischgebackener Infanterist, muss feststellen, dass seine Erinnerungen an die Einsätze nicht mit denen seines Zuges übereinstimmen. Sie erzählen eine ganz andere Geschichte des Krieges, die ganz und gar nicht dem entspricht, was die Konzernleitung ihren Soldaten weismachen will. Licht oder Schatten? In den Wirren des Krieges ist der Unterschied manchmal nur noch marginal.

„Soldaten im Licht“ ist der neue Roman der Gewinnerin zweier Hugo Awards, die sie für einen Essay und als bester Fan-Autor erhalten hat. Das Buch lässt sich dem Genre Science-Fiction oder auch dem Untergenre Military Sci-Fi zuordnen, gleichsam finden sich dystopische Ansätze. Aufgrund der sehr futuristischen Technik und dem Aspekt der Zeitreisen würde ich es jedoch bei der allgemeinen Kategorisierung als klassische Science-Fiction belassen, auch wenn der Krieg natürlich eine zentrale Rolle spielt.

Die Handlung ist, nun ja, durchaus spannend, aber vor allem eines, nämlich verworren. Als Leser verzweifelt man schier – wie der Protagonist – und versucht, sich zurechtzufinden. Dabei ist die Atmosphäre wirklich toll, die Erlebnisse eindringlich, die einzelnen Szenen durchweg stark. Und doch, es bleibt eine gewisse Frustration, auch über das viel zu offene Ende, das kaum Fragen beantwortet und sicherlich zumindest einige der Leser unbefriedigt zurücklässt.

Das Setting hingegen vermag zu überzeugen. Kameron Hurley entführt den Leser in eine sehr dystopische Welt, in der Konzerne die Regierungen abgelöst haben; in eine Zukunft, in der Menschen wieder in Klassen eingeteilt sind, die das Leben vorbestimmen und Wechsel fast unmöglich machen. Dabei wird gerade der Krieg in all seiner Grausamkeit und Idiotie gut dargestellt, was „Soldaten im Licht“ auch zum Antikriegsbuch macht. Der Schreibstil der Autorin ist hierbei eindringlich und schonungslos, aber dennoch gut und flüssig lesbar und lässt das Kopfkino anspringen.

Durch die enorme Masse an Figuren, durch die ständigen Wechsel und ja, auch Tode, ist es nahezu unmöglich, alle vielschichtig und detailliert auszuarbeiten. Hierbei überzeugen vor allem Andria, Jones und Munoz als wichtige Nebencharaktere, während Norberg als Antagonistin ebenfalls solide ist. Dietz als Ich-Erzähler bleibt hingegen, trotz der Perspektive, geheimnisvoll und verschlossen, verwehrt dem Leser etwas den Zugang zum Charakter, auch wenn man die Verzweiflung und Verwirrtheit der Figur gut spüren kann.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Buchdeckel ist auf dem Cover und Buchrücken hochwertig geprägt, mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen. Das Covermotiv, das sich auch auf dem Buchrücken und den Coverinnenseiten wiederfindet – etwas mehr Abwechslung hätte hier auch nicht geschadet -, ist dennoch gut anzusehen, sehr eindrucksvoll und ein wahrer Eyecatcher, auch wenn dessen Wirkung auf dem Cover durch die doch etwas penetrant-große und das Cover sogar überschreitende Schrift gemindert wird.

Mein Fazit? „Soldaten im Licht“ ist ein solider Science-Fiction Roman, der vor allem durch seine Message und sein Setting punkten kann, dessen Handlung aber auch sehr verworren daherkommt. Für Liebhaber des Genres dennoch zu empfehlen – allerdings nicht unter 16 Jahren.

[Buchgedanken] Aiki Mira: „Neongrau: Game Over im Neurosubstrat“

Vor kurzem habe ich „Neongrau: Game Over im Neurosubstrat“ von Aiki Mira gelesen. Das Buch ist 2023 im Polarise Verlag, einem Imprint der dpunkt.verlag GmbH veröffentlicht worden und dem Genre Science-Fiction zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Hamburg im Jahr 2112: Die Stadt wird immer wieder von Starkregen geflutet, im Binnendelta hat sich ein Slum aus schwimmenden Containern gebildet und über allem thront das gigantische Stadion. Zum „Turnier der Legenden“ reisen Fans aus der ganzen Welt an, um die berühmten Glam-Gamer spielen zu sehen. Auch Go [Stuntboi] Kazumi begeistert sich für das VR-Gaming, fährt jedoch noch lieber Stunts auf dem Retro-Skateboard. Ein Sturz scheint das Aus für Gos Karriere zu bedeuten, doch dann wird Go ein Job im Stadion angeboten – bei den Rahmani-Geschwistern, den berühmtesten Gamern Deutschlands! Von da an überschlagen sich die Ereignisse und Gos Welt wird komplett auf den Kopf gestellt: ein Bombenanschlag, illegale Flasharenen, Tech-Aktivisten, Cyberdrogen, künstliche Intelligenzen – und dann ist da auch noch dieses Mädchen …

„Neongrau: Game Over im Neurosubstrat“ lässt sich bereits schwer einem Genre zuordnen. Vom Verlag beworben als Near-Future-Science-Fiction, als Entwicklungsroman, als LGBTQIA+-Roman, habe ich es der Einfachheit halber bei der Einordnung als Science-Fiction belassen – denn für „Near-Future“ sind mir die 90 Jahre doch etwas viel. Gute Argumente hätten sich aber auch für die Einstufung als progressive Phantastik gefunden – oder sogar für die Kategorisierung als (Polit-) Thriller oder Dystopie.

Die Handlung ist spannend und abwechslungsreich, teils aber auch etwas verworren und sehr komplex, fügen sich doch genug Handlungsstränge und Schauplätze für – mindestens – zwei Bücher mal mehr, mal weniger gut zusammen. So bleiben gerade die politischen Themen etwas flach, die verschiedenen Aktivisten- und Terrorgruppen blass, während der Handlungsstrang um Go, ELLL und die Rahmanis gut aufgearbeitet wird. Gerade der Einstieg fällt jedoch unglaublich schwer – selbst für gameaffine Leser ist der Wechsel zwischen Realität und VR, zwischen Gesprächen, Chats und übermittelten Gedanken anfangs viel und nicht immer leicht fassbar.

Das Setting begeistert hingegen auf ganzer Linie. Aiki Mira entführt den Leser in ein Hamburg der Zukunft, in eine Welt, die von global agierenden Unternehmen geprägt und dominiert wird. Und auch wenn man anfangs etwas braucht, sich zurechtzufinden, ist die Welt doch nach und nach immer faszinierender, spannender und – ja – auch dystopischer. Lediglich die Ingame-Umgebung und die Szenen im Neurosubstrat lassen sich bildlich für die Leser nur schwer fassen.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen vor allem Ren Kazumi, beide Rahmanis und ELLL, während Ben und Tayo sehr blass bleiben. Bei Go bin ich zwiegespalten. So sind die Zweifel, ihre Suche nach der geschlechtlichen Identität gut dargestellt, darüber hinaus handelt sie aber nicht zwingend nachvollziehbar. Aiki Miras Schreibstil ist im Wesentlichen gut und flüssig lesbar, sehr authentisch und technikaffin.

Die Buchgestaltung ist gelungen, Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist solide, aber relativ schlicht – hier hätte man den Gamecharakter oder die technologischen Features noch etwas besser darstellen können. Das Covermotiv zieht sich über den kompletten Buchumschlag, ist farblich ein Traum und verbirgt das ein oder andere typografische Easter Egg. Allerdings hätte hier durchaus noch mit Klappen oder farbigen Coverinnenseiten das Design etwas aufgepeppt werden können.

Mein Fazit? „Neongrau: Game Over im Neurosubstrat“ ist ein sehr ambitionierter, aber auch gelungener Science-Ficion Roman, der mit einem brillanten Setting punktet, aber fast zu viel Handlung für ein Buch bietet. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Kim Young-tak: „Knochensuppe 1: Der Mörder aus der Zukunft“

Vor kurzem habe ich im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de „Knochensuppe 1: Der Mörder aus der Zukunft“ von Kim Young-tak gelesen. Das Buch ist 2023 bei Golkonda in der Europa Verlage GmbH erschienen, die Originalausgabe wurde 2018 unter dem Titel „Gomtang (Beef Bone Soup)“ und Autorennamen Youngtak Kim bei Arte (Book 21 Publishing Group) veröffentlicht. Der Roman ist dem Genre Science-Fiction zuzuordnen, für die Übersetzung zeichnen Hyuk-sook Kim und Manfred Selzer verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

2063 in der Küstenstadt Busan: Lee Uhwan, ohne Familie aufgewachsen, einsam und frustriert, wohnt im unteren Bezirk der Stadt, wo man jeden Tag ums Überleben kämpft. Seine Tage verbringt er in einer schwülheißen, stinkenden Küche, in der er sich als Gehilfe verdingt hat. Als ihn sein Chef eines Tages beauftragt, eine Zeitreise in das Jahr 2019 zu unternehmen, um ihm ein verloren gegangenes Rezept für eine Knochensuppe zu besorgen, zögert er keine Sekunde, obwohl diese Zeitreisen lebensgefährlich sind. Damit nimmt das Abenteuer seines Lebens seinen Lauf …

„Knochensuppe 1: Der Mörder aus der Zukunft“ ist der erste Band der Dilogie von Kim Young-tak, die dieser 2018 zuerst online als Gesamtwerk und im gleichen Jahr als zweibändige Printausgabe veröffentlichte. Durch die Anlage als Gesamtwerk ist der Roman schwer als Standalone lesbar, endet das Buch doch durchaus in einem Cliffhanger, auch werden kaum relevante Handlungsstränge aufgelöst. Zudem fällt die Genrezuordnung nicht ganz leicht. So erfüllt der Roman definitiv die Voraussetzungen für die Eingruppierung als Science-Fiction, hat zugleich aber auch Ansätze eines Thrillers, hat ein dystopisches Setting und ist – rein technisch gesehen – sogar eine Familiensaga oder ein Entwicklungsroman.

Die Handlung ist kurzweilig und abwechslungsreich, durchaus mit teils unerwarteten Wendungen versehen, wenn auch gelegentlich sehr verworren und etwas langsam, greifen die einzelnen Handlungsstränge doch erst nach und nach ineinander. Sie wird unaufgeregt, ohne große Spannungsspitzen, zurückhaltend von Kim Young-tak erzählt, dessen Schreibstil dennoch flüssig und gut lesbar ist.

Das Setting ist ungewohnt, aber interessant. So entführt der Autor den Leser nach Busan, in eine Stadt, die er sowohl in der Jetztzeit als auch in einer nahen, dystopischen Zukunft präsentiert, und sorgt damit für einen – positiven – Kulturschock, da er eine doch in der hiesigen Literatur sehr vernachlässigte Region in den Fokus stellt und die Aufmerksamkeit des Lesers darauf richtet, dass ihm teils phantastische Settings bekannter sind, als das, was am anderen Ende der Welt geschieht. Vielleicht ja ein Vorbote einer Welle koreanischer Literatur, die der weltweiten Erfolgsgeschichte anderer Medien (K-Pop, K-Drama) nachzueifern versucht.

Die einzelnen Figuren sind komplex, aufgrund der Vielzahl an Handlungssträngen aber teils noch etwas eindimensional, sodass diese hoffentlich im Folgeband konsequent weiterentwickelt werden. Insbesondere Yang Changgeun und Jongin verbleiben daher noch relativ blass, am ehesten können hier noch Kim Hwayeong und Yu Kanghee überzeugen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben mit Ausnahme eines riesigen Fehlers im Klappentext und den inkonsistenten Jahresangaben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist ordentlich und verdient sich bereits ein Lob dafür, jedes Kapitel auf einer ungeraden Seite zu beginnen. Der Buchumschlag ist mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, insgesamt aber eher schlicht – genau wie das Titelbild, das aber immerhin mit dem zweiten Band ein einheitliches Reihenbild erzeugt und für Wiedererkennungswert sorgt.

Mein Fazit? „Knochensuppe 1: Der Mörder aus der Zukunft“ ist ein gelungener Auftakt in die doch sehr ungewohnte Dilogie, der vor allem mit dem ungewohnten Setting und der doch besonderen Erzählart punktet, aber auch noch Schwächen in der Handlung und Figurenentwicklung besitzt. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen, ab einem vorgeschlagenen Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Nils Mohl: „Henny & Ponger“

Vor kurzem habe ich „Henny & Ponger“ von Nils Mohl gelesen. Das Buch ist 2022 im Mixtvision Verlag veröffentlicht worden und als Jugendbuch einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Wie von einem anderen Stern knallt Henny in Pongers Leben. Sie treffen sich in der S-Bahn, lesen das gleiche Buch und machen einen Deal: Sie gibt sich ein paar Tage als seine Freundin aus und er soll ihr helfen, wieder in ihr altes Leben zurückzukehren. Doch warum werden sie auf einmal von Leuten in Anzügen verfolgt, die eine Menge komische Fragen stellen? Nach und nach merkt Ponger, dass dies keine normale Lovestory ist. Werden sie es gemeinsam schaffen ?

„Henny & Ponger“ ist ein bunter Genremix, ist ein Jugendroman, ist Coming-of-Age mit Roadtrip-Elementen. Gleichzeitig sind aber auch Anklänge an Science-Fiction vorhanden – vor einem dystopischen Near-Future-Setting, das durchaus gesellschaftskritisch gegenwärtige Fragen aufgreift. Trotzdem bin ich aufgrund der jugendtypischen Themen, der Suche nach dem Platz in der Welt, bei der Eingruppierung als Jugendbuch verblieben.

Die Handlung ist dabei spannend, kurzweilig und abwechslungsreich. Nils Mohl gelingt es, den Leser an die Seiten zu fesseln, mit seinem pointierten, humorvollen und leicht zu lesendem Schreibstil das Kopfkino sofort anlaufen zu lassen. Allein die ungewöhnliche Bucheinteilung – mehr als 200 Kapitel ohne Seitenzahlen – sorgt anfangs durchaus für Irritationen und braucht etwas Eingewöhnungszeit. Zudem ist das Ende unerwartet und unbefriedigend offen – gerade im Jugendbuchbereich hätte ich mir hier etwas mehr Klarheit gewünscht.

Das Setting überzeugt auf ganzer Linie. Der Autor entführt den Leser dabei in eine Welt, in eine nahe, dystopisch Zukunft einer abgeschotteten Gesellschaft, die im krassen Gegensatz zu der Weite des Universums steht, die auf dem Cover schon angedeutet wird und im Roman eine große Rolle spielt. Gleichzeitig wird auch der Gegensatz zwischen der hektischen und anonymen Großstadt Hamburg zum Inselfeeling auf Amrum deutlich und gut herausgearbeitet.

Die einzelnen Charaktere sind vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Insgesamt kommt das Buch ja ohnehin mit nur wenigen Charakteren aus, hier brillieren Henny und Pörl, aber auch Stella und Ponger sind dreidimensional gestaltet und sorgen insgesamt für einen durchweg überzeugenden Cast.

Die Buchgestaltung ist gelungen, Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist innovativ, aber auch gewöhnungsbedürftig aufgrund des Fehlens von Seitenzahlen. Das Cover ist farblich ansprechend, sieht toll aus und zieht sich, zumindest als Farbverlauf, über den kompletten Buchumschlag.

Mein Fazit? „Henny & Ponger“ ist ein im großen und ganzen überzeugender Jugendroman mit tollem Setting und teils brillanten Protagonisten, leider aber auch einem zu offenen Ende. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag empfohlenen Lesealter von 14 Jahren.