[Buchgedanken] Anthologie: „Flucht in ein sicheres Leben“

Selten fiel mir ein Blogpost so schwer wie dieser. In den letzten Wochen habe ich die Anthologie „Flucht in ein sicheres Leben“, herausgegeben von Torsten Exter und Alfons Th. Seeboth, erschienen 2016 im Wölfchen Verlag, gelesen. Das Buch hat mich schon länger interessiert, ich hatte damals selbst einige Zeit überlegt, mich daran zu beteiligen, mich aber schlussendlich dann für eine andere Ausschreibung im Themenfeld der Flüchtlingsunterstützung entschieden. Das Buch habe ich von der beteiligten Autorin Sarah Ricchizzi bekommen, zudem habe ich im Rahmen der Leipziger Buchmesse damals eine Lesung der Geschichten von ihr und Fabian Dombrowski besucht.

Die Anthologie vereint 22 phantastische Geschichten, die sich alle mit der Thematik Flucht und den damit verbundenen Schicksalen im Rahmen einer High-Fantasy-Geschichte beschäftigen sollen. Von den Einnahmen aus den Buchverkäufen wird zudem ein Euro pro verkauftem Buch an ein Flüchtlingsprojekt gespendet – ein löblicher und unterstützenswerter Ansatz, die Projekte können jede Hilfe gebrauchen, die sie bekommen können.

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(c) Wölfchen Verlag, 2016

 

Sieht man mal davon ab, dass einige der Geschichten meines Erachtens nach nicht der High-Fantasy zuzuordnen sind, ich teils sogar das Obergenre Fantasy verneinen würde, ist dies doch den Autoren und Autorinnen fast durchgehend gut gelungen. Viele Geschichten zeigen gute Ansätze, schildern eindrücklich die Gefahren und Anfeindungen, mit denen Flüchtlinge im tagtäglichen Überlebenskampf konfrontiert werden, ich kann leider nicht auf alle im Einzelnen eingehen. Besonders gut gefallen hat mir in diesem Zusammenhang Anna Eichenbachs: „Der Garten der tanzenden Sterne“. Der Autorin gelingt es mit ihrer Sprache eindrucksvoll, Bilder und Gefühle zu transportieren und den Leser mitten in die Geschichte zu ziehen. Ebenfalls erwähnen möchte ich Sarina Woods Geschichte „Sonnenwende“, die anschaulich das menschenunwürdige Geschäft zeigt, mit dem Schlepper die Notleidenden auspressen und dennoch Hoffnung verbreitet, sowie Sarah Ricchizzis: „Die Geschichte des Luchris Sarberry“. In letzterer ist bemerkenswert, dass diese einen Flüchtlingsgegner in den Mittelpunkt der Geschichte stellt und zeigt, wie dessen pauschalisierendes, vorurteilsbehaftetes Weltbild vor dem Hintergrund der bittereren Realität nicht aufrechterhalten werden kann. Inhaltlich stark fand ich zudem „Raols Reise“, von Lila Lestrange.

Besonders schade – gerade vor dem Hintergrund der größtenteils überzeugenden Geschichten – finde ich, dass das Buch leider über diverse Schwächen verfügt. Über die kleineren Schwächen in der Geschichtenauswahl und -Anordnung könnte man noch hinwegsehen, jedoch ist das Buch erheblich fehlerbehaftet. Schwächen im Lektorat, Korrektorat und katastrophale Satzfehler trüben das Lesevergnügen immens und hätten normalerweise dafür gesorgt, dass ich das Buch nicht zu Ende gelesen hätte. So etwas ist mir, bei einem Verlagsprodukt, bisher noch nie untergekommen. Fehlende Vitae, Schreibfehler im Inhaltsverzeichnis und Leerseiten sind nur einige der Sachen, die man hier erwähnen könnte.

Was dabei noch schwerer wiegt, ist der Umgang des Verlages mit der komplett berechtigten Kritik und die irrelevanten und teils hanebüchenen Erklärungsversuche, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte.

Nicht verschweigen möchte ich vor dem Hintergrund jedoch, dass zumindest insoweit Einsicht gezeigt wird, dass nach Verlagsangaben die Anregungen in die zweite Auflage des Buches aufgenommen und die Fehler ausgemerzt werden. Das Gesamtbild kann dies jedoch nicht retten.

Mein (trauriges) Fazit? „Flucht in ein sicheres Leben“ ist ein toll angelegtes Projekt mit einer unterstützenswerten Zielrichtung. Das Buch vereint 22 größtenteils gute, teils sogar sehr gute Geschichten, Schwächen in der Umsetzung trüben jedoch den Gesamteindruck und das Lesevergnügen immens. Schade um die tollen Geschichten – das hätte so gut werden können!

[Buchgedanken] „Verschlusssache“ (Anthologie)

Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an Janika Hoffmann, von der ich die 2015 im Ohneohren Verlag erschienene, phantastische Anthologie bekommen habe, die viel zu lange auf meinem SuB lag. Sie wurde von Fabian Dombrowski und Ingrid Pointecker herausgegeben, die auch das Nachwort schrieben. Das Vorwort wurde von Dr. Sebastian Bartoschek beigesteuert.

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(c) www.ohneohren.com

Die Anthologie „Verschlusssache“ enthält 17 Geschichten von ebensovielen Autoren und Autorinnen, die sich in ihrem jeweiligen Beitrag mit einer Verschwörungstheorie auseinandersetzen und diese weiterspinnen, eigene Erklärungen liefern oder das Konstrukt ins Lächerliche ziehen.

Die einzelnen Beiträge und abgedeckten Themen könnten dabei unterschiedlicher nichts sein. Drachen in der Area 51, Katzen als Geheimagenten, außerirdische Mikroorganismen, die die Menschen beeinflussen und steuern, Aleister Crowley und die Men in Black – sind nur einige der Theorien, die aufgegriffen werden.

Dabei haben mich die einzelnen Geschichten fast durchweg überzeugt – kleinere Abstriche könnte ich, wenn überhaupt, nur beim persönlichen Geschmack machen, da ich eine stringente Handlung gegenüber zu vielen Sprüngen bevorzuge.

Sprachlich und stilistisch gibt es jedoch kaum etwas auszusetzen . Leider reicht weder der Platz, noch die Zeit um auf jede Geschichte einzeln einzugehen. Exemplarisch möchte ich daher den Beitrag herausheben, die mir am besten gefallen hat: Markus Cremers „Bigfoot-Kult will Stalin klonen“. Dem Autor gelingt es hier, die Geschichte gezielt aufzulockern, die Figuren nachvollziehbar und authentisch zu gestalten. Dabei bleibt er jedoch genau auf der kleinen, feinen Linie, der Geschichte noch eine Spur von Möglichkeit zu geben und sie nicht allzusehr ins Lächerliche zu ziehen. Sie lässt sich leicht und flüssig lesen und ist ein idealer Einstieg in das Buch.

Ebenfalls köstlich amüsiert habe ich mich über Luisa Meißners „Der Ruf nach Wahrheit“ (die vielleicht innovativste Erklärung einer Verschwörungstheorie) und Diana Menschigs „Die verpatzte Mondlandung“ (das tollste Ende).

Das Buch an und für sich ist sehr gut gesetzt, zudem sind kaum Fehler vorhanden. Das Cover gefällt mir ebenfalls, vor allem im Zusammenhang mit der Thematik und dem Titel, gut, ist bei mir jedoch um einen minimalen Hauch versetzt, was aber auch an mir liegen kann.

Alles in allem kann ich die Nominierung der Anthologie für den „Deutschen Phantastik Preis“ 2016 vollends nachvollziehen. Neben dem Buch als Ganzes ist zudem die Abschlussgeschichte „Selig sind die geistig Armen“ von Anna-Katharina Höpflinger für den DPP nominiert – die vielleicht sprachlich interessanteste und anspruchsvollste Geschichte.

Mein Fazit: „Verschlusssache“ ist eine überzeugende Anthologie, die vor allem durch die Vielzahl an tollen und gänzlich verschiedenen Geschichten punkten kann. Für Fans und Gegner von Verschwörungstheorien gleichermaßen zu empfehlen