[Buchgedanken] Max Seeck: „Waiseninsel“ (Jessica Niemi 4)

In den letzten Tagen und Wochen haben sich sehr viele Rezensionen aufgestaut, die ich Euch in der nächsten Zeit präsentieren möchte. Den Anfang macht heute „Waiseninsel“ von Max Seeck. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2022 unter dem Titel „Loukku“ bei Tammi publishers veröffentlicht. Der Roman ist dem Genre Thriller zuzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Gabriele Schrey-Vasara verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Kommissarin Jessica Niemi gerät in eine Auseinandersetzung, wird handgreiflich und prompt von einem Passanten gefilmt. Das Video geht viral und sie wird beurlaubt. Um Abstand zu gewinnen, fährt Jessica auf die zwischen Finnland und Schweden gelegenen Åland-Inseln. Dort trifft sie auf eine Gruppe älterer Menschen, die als Kinder während des Krieges fliehen mussten und hier auf der Insel in einem Waisenhaus lebten. Nun treffen sie sich wieder. Als einer der Alten tot aufgefunden wird, beginnt Jessica zu ermitteln. Denn bereits zuvor kamen zwei Menschen auf dieselbe mysteriöse Weise ums Leben. Alle drei Opfer scheinen mit der Legende um „Das Mädchen im blauen Mantel“ im Zusammenhang zu stehen …

„Waiseninsel“ ist mein erstes Buch von Max Seeck, aber schon sein vierter Band um Kommissarin Jessica Niemi. Dabei kann das Buch zwar gut als Standalone gelesen werden, aufgrund der bewegten Vergangenheit von Jessica Niemi, ihrer Psyche und den Anspielungen auf alte Fälle empfiehlt es sich jedoch, vorher auch die anderen Teile zu lesen, da mir so sicherlich der ein oder andere interessante Moment gefehlt hat. Der Roman wird zudem als Thriller eingeordnet und beworben, was aus meiner Sicht jedoch durchaus diskutabel ist – ich finde hier fast mehr Argumente, das Buch als Kriminalroman anzusehen. Schlussendlich habe ich jedoch die Eingruppierung des Verlags übernommen.

Die Handlung ist spannend, abwechslungsreich und durchaus mit unerwarteten Wendungen versehen, durch die verschiedenen Zeitebenen aber auch nicht wirklich stringent erzählt. Auch passiert zuweilen recht wenig – der im Buch von einem Charakter angestellte Vergleich mit einem Kammerspiel drängt sich hier ebenfalls auf. Zudem fließen Realität, Einbildung und Traum teils zusammen und schaffen eine gespenstische, aber nicht immer leicht zu durchdringende Atmosphäre.

Das Setting überzeugt auf ganzer Linie. So entführt der Autor den Leser auf die Åland-Inseln, in eine abgelegene Gegend, in der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Verbunden mit dem beklemmenden historischen Rückblick auf die Kriegs- bzw. frühe Nachkriegszeit, die im krassen Gegensatz zur anfangs gezeigten schnelllebigen Gesellschaft steht, in der Videoaufnahmen sofort viral gehen können, wird der Leser von einem Extrem ins andere geworfen. Dabei thematisiert Max Seeck gelungen auch schwierige Themen wie psychische Erkrankungen und Selbstmordgedanken.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei brilliert insbesondere Jessica, aber auch wichtige Nebencharaktere wie Astrid und Armas können überzeugen. Max Seecks Schreibstil ist zudem leicht und flüssig zu lesen, sehr dynamisch und lässt das Kopfkino sofort anspringen, sodass sich das Buch insbesondere in der zweiten Hälfte zum Pageturner entwickelt.

Auch die Buchgestaltung kann glänzen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, farbige Coverinnenseiten, eine leichte Prägung auf dem Cover und ein Farbschnitt veredeln das Gesamtprodukt. Das Covermotiv passt sich gut in die Reihe ein und sorgt für hohen Wiedererkennungswert, ist jedoch etwas beliebig und wird leider zum Buchrücken hin – reihentypisch – unterbrochen.

Mein Fazit? „Waiseninsel“ ist ein starker Thriller/Kriminalroman, der vor allem dank seines Settings und einer brillanten Protagonistin glänzen kann. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Tuomas Oskari: „Im Sturm der Macht“ (Leo Koski 2)

Vor kurzem habe ich auch „Im Sturm der Macht“ von Tuomas Oskari gelesen. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG veröffentlicht worden, die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel „Miekka“ und dem Klarnamen „Tuomas Niskakangas“ bei Otava. Das Buch ist als Politthriller einzuordnen, für die Übersetzung aus dem Finnischen zeichnet Anke Michler-Janhunen verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Helsinki 2028: Bei einem Staatsempfang wird die finnische Ministerpräsidentin von einem Scharfschützen aus dem Hinterhalt erschossen. Die politische Lage im Land hatte sich schon zuvor zugespitzt, als die Regierung Flüchtlinge auf einer stillgelegten Kreuzfahrtfähre interniert hatte. In dieser dramatischen Lage kehrt Leo Koski, der Ex-Ministerpräsident, nach Helsinki zurück, zunächst nur als Spielball mächtiger Männer. Doch bald erkennt er, dass ein Staatsstreich geplant ist. Und den muss er mit allen Mitteln verhindern!

„Im Sturm der Macht“ ist der zweite Thriller um den Protagonisten Leo Koski. Dabei kann der Roman gut als Standalone gelesen werden, auch wenn es sich natürlich empfiehlt, den Vorgänger „Tage voller Zorn“ zu kennen, da die Entwicklungen aufeinander aufbauen und viele bekannte Charaktere vorkommen. Hierbei ist das Buch erneut als Politthriller einzuordnen, auch wenn natürlich auch die generelle, auf dem Cover vorgenommene, Eingruppierung als „Thriller“ möglich gewesen wäre – oder eine solche als Justizthriller, spielt doch zumindest ein Gerichtsverfahren eine zentrale Rolle im Roman.

Die Handlung ist – wie im Vorgänger – unglaublich spannend, abwechslungs- und temporeich. Zwar dauert es etwas, bis sich die verschiedenen Handlungsstränge verknüpfen und es werden immer neue aufgenommen, es gelingt Tuomas Oskari dennoch, nie Langeweile entstehen zu lassen, keine Längen zu produzieren. Dabei vermengt der Autor gekonnt wieder wichtige gesellschaftspolitische Themen wie Migrationspolitik mit einem Politthriller, dessen Ende niemanden kalt lassen wird.

Das Setting ist ebenfalls bestechend, wenn auch nicht ganz so brillant wie im ersten Band, der direkt in die geheimen Schaltzentralen der finnischen Politik führte. Aber auch in diesem Buch nimmt der Autor den Leser wieder mit nach Helsinki – unter anderem auf ein Kreuzfahrtschiff, das zum Transitzentrum für Flüchtlinge umfunktioniert wurde – ein fast prophetischer Ausblick auf die aktuellen Entwicklungen. Interessant ist dieses Mal auch die internationale Komponente – und der gut gewählte Ansatz, beide extremistischen, politischen Strömungen als radikal, manipulativ und verbrecherisch herauszuarbeiten.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen sowohl Leo als auch Sara als Protagonisten des Romans (selten!), sowie wichtige Nebencharaktere wie Amelia. Tuomas Oskaris Schreibstil ist dabei leicht und flüssig zu lesen und lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist erneut brillant, der Umschlag ist auf dem Cover hochwertig geprägt und mit toll gestalteten, farbigen Coverinnenseiten versehen. Das Titelbild setzt sich nahtlos auf Buchrücken und Coverrückseite fort und sorgt so für ein schönes Gesamtbild, das auch durch die tolle Farbgebung verstärkt wird, die im Buchschnitt wiederaufgegriffen wird. Auch passt sich das Buch gut in das Gesamtbild der Reihe ein und sorgt für einen hohen Wiedererkennungswert.

Mein Fazit? „Im Sturm der Macht“ ist eine brillante Fortsetzung, die vor allem mit Spannung und tollen Charakteren glänzt. Eine der besten Thrillerreihen der letzten Jahre – für Leser des Genres ab 16 Jahren bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Tuomas Oskari: „Tage voller Zorn“

Vor kurzem habe ich „Tage voller Zorn“ von Tuomas Oskari gelesen. Das Buch ist 2022 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG veröffentlicht worden, die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel „Roihu“ und dem (originalen) Autorennamen Tuomas Niskakangas bei Otava. Das Buch ist als Politthriller einzuordnen, für die Übersetzung aus dem Finnischen zeichnet Anke Michler-Janhunen verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Helsinki 2027. Leo Koski, der junge Ministerpräsident Finnlands, ist charismatisch. Was niemand weiß: Er ist nur die Marionette einer Gilde reicher Männer. Sie sind es, die bestimmen. Die Spaltung der Gesellschaft und die zunehmende Armut in weiten Teilen der Bevölkerung sind ihnen egal. Doch als sich eine junge Frau am Vorabend einer großen Massenkundgebung aus Protest selbst anzündet, gerät das Machtgefüge ins Wanken. Die Frau hatte zuvor Briefe verschickt, um das Land aufzurütteln. In dieser aufgeheizten politischen Lage wendet sich der Ministerpräsident das erste Mal von seinen Geldgebern ab. Aber auf wen kann er noch zählen? Auf seinen Ziehvater und reichsten Mann Finnlands Pontus Ebeling? Auf die Führungsfigur der Linken, Emma Erola? Koski hat nur 24 Stunden, um sein Land vor einer Katastrophe und unzähligen Toten zu bewahren. Der Countdown beginnt …

„Tage voller Zorn“ ist ein Politthriller, dessen Handlung sich im Wesentlichen auf das kleine Finnland beschränkt, der aber globale Auswirkungen suggeriert. Dabei mischt Tuomas Oskari durchaus gesellschaftskritische Themen mit ein, räumt der Kapitalismuskritik viel Raum ein und macht sozialistische Grundmodelle zur Triebfeder der Veränderung – ein mutiger, radikaler Schritt – nicht nur im Buch.

Dabei ist die Handlung rasant, spannend und kurzweilig. Tuomas Oskari überrascht den Leser immer wieder mit unerwarteten Wendungen, treibt die Spannung auf die Spitze, verschiebt Loyalitäten und lässt immer neue Koalitionen entstehen – bis hin zu einem Ende mit Schrecken – oder einem Schrecken ohne Ende? Hierbei erschafft der Autor – erschreckend – ein durchaus denkbares Zukunftsszenario, nimmt den Leser mit auf eine nervenaufreibende, emotionale Achterbahnfahrt – ungeachtet dessen, wo man sich selbst im politischen Spektrum verortet.

Das Setting überzeugt auf ganzer Linie. So führt der Autor den Leser durch das Machtzentrum der finnischen Hauptstadt – geschichtliche und architektonische Exkurse in gebotener Kürze inklusive. Dabei ist Tuomas Oskaris Schreibstil leicht und flüssig zu lesen und lässt das epische Kopfkino direkt anlaufen.

Die einzelnen Figuren sind vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive – die teils für den Leser auch lange im Unklaren bleiben. Hierbei begeistern vor allem Leo und Emma und sorgen damit dafür, dass „Tage voller Zorn“ eines der wenigen Bücher ist, in dem mehrere Hauptprotagonisten gleichermaßen überzeugen. Daneben vermögen aber auch wichtige Nebenfiguren wie Vilma und Virve zu begeistern.

Die Buchgestaltung ist gleichermaßen gelungen. Lektorat und Korrektorat haben solide gearbeitet und nur Kleinigkeiten durchrutschen lassen, der Buchsatz ist passend schlicht. Das Cover ist hochwertig geprägt, der komplette Buchumschlag relativ wenig bebildert, aber aufgrund des Farbkonzepts ein absoluter Eyecatcher – noch mehr in Verbindung mit dem farbigen Buchschnitt, der die Coverfarben aufgreift und zu einem Gesamtkunstwerk verwebt. In den farbigen Coverinnenseiten finden sich zudem eine Karte von Helsinki und eine Biografie des Autors – sehr edel.

Mein Fazit? „Tage voller Zorn “ ist ein Politthriller, der auf ganzer Linie begeistert – ein spätes, aber absolutes Highlight des Bücherjahres 2022. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Olli Jalonen: „Die Himmelskugel

In der letzten Zeit habe ich den historischen Roman „Die Himmelskugel“ von Olli Jalonen in der Übersetzung von Stefan Moster gelesen. Das Buch ist 2021 im mareverlag veröffentlicht worden, die finnische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel „Taivaanpallo“ bei Otava Publishing Company Ltd. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag und die vermittelnde Agentur Literaturtest für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Mitten im Atlantik, auf der Insel St. Helena, träumt der achtjährige Angus einen großen Traum: Er will in die Fußstapfen des Sternenforschers Edmond Halley treten und dessen Gehilfe im fernen London werden. Angus übt für seine Laufbahn als Wissenschaftler, indem er tagsüber Vögel zählt und nachts die Position der Sterne markiert, wie Halley es ihm bei seinem Besuch auf der Insel beigebracht hat. Als es unter dem tyrannischen Gouverneur zu Unruhen kommt, rückt die Erfüllung von Angus‘ Traum unverhofft näher: Mit einem geheimen Brief wird er als blinder Passagier an Bord eines Schiffes geschickt, um in England die Hilfe des geschätzten Herrn Halley zu erbitten…

„Die Himmelskugel“ ist – trotz des Rückblicks auf vergangene Zeiten – ein visionärer Roman; ein Buch über die Aufklärung und frühe Wissenschaft, über Treue, Loyalität und Hoffnung, und wurde mit dem „Finlandia-Preis“ ausgezeichnet. Dabei wird das Geschehen ausschließlich aus Sicht des Protagonisten Angus erzählt, im Fließtext gibt er erzählend Gedanken, Gefühle und Gespräche wieder.

Diese ungewöhnliche Form, der Mangel an Struktur, das gänzliche Fehlen richtiger Dialoge machen hierbei einerseits den Reiz des Buches aus, erfährt man doch alles gefiltert aus der Sicht eines anfangs noch sehr jungen Kindes, sorgen andererseits aber auch dafür, dass insbesondere der Einstieg ins Buch durchaus schwer fällt, ist es doch ganz anders, als man es als Leser gewohnt ist. Wenn man sich aber darauf einlässt, erfährt man eine faszinierende Welt, wächst und lernt mit Angus mit, erkundet und bereist faszinierende Orte.

Und auch wenn mich das Ende etwas ratlos zurücklässt und die Geschichte etwas langsam in Gang kommt, ist die Handlung doch größtenteils spannend und voller neuer Entwicklungen und Erkenntnisse, versucht man doch, mit Angus die Zusammenhänge überhaupt erst zu verstehen, wobei vieles im Dunklen bleibt, weil es das Bewusstsein des Kindes sprengt, ihm gänzlich unbekannt und fremd ist.

Das Buch brilliert nicht zuletzt durch sein wunderbares Setting, die Gegenüberstellung von London und St. Helena, von Wissenschaft und Religion und verschiedensten Gesellschaftsschichten und porträtiert so das Leben am Ende des 17. Jahrhunderts in einer Welt, die für nahezu alle Menschen sehr überschaubar ist, sieht man von Visionären wie Edmond Halley ab.

Die Buchgestaltung überzeugt im Wesentlichen. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist ebenfalls stimmig und passt sich der Erzählweise von Olli Jalonen an. Das Cover spiegelt den Inhalt wieder, zieht sich leider jedoch nicht über den gesamten Buchumschlag und wird am Buchrücken unterbrochen, bevor sich das Bild auf der Coverrückseite fortsetzt. Das Buch unter dem Umschlag ist schlicht, bietet aber immerhin farbige Coverinnenseiten, die das Titelbild aufgreifen.

Mein Fazit: „Die Himmelskugel“ ist ein literarisch wertvoller historischer Roman, der mit einem brillanten Setting und einer ausgeklügelten Erzählweise punktet – wenn man sich darauf einlässt. Für Liebhaber anspruchsvoller Literatur bedenkenlos zu empfehlen – kein Buch für zwischendurch!