[Buchgedanken] Manuela Schörghofer: „Die Klosterbraut“

Bevor ich in Kürze ganz tolle Neuigkeiten für Euch habe, möchte ich Euch heute noch den Debütroman von Manuela Schörghofer vorstellen. „Die Klosterbraut“ ist 2019 bei MIRA Taschenbuch in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg, erschienen und dem Genre historischer Roman zuzurechnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an die Autorin für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares.

51YoIpok-OL._SX334_BO1204203200_Es ist Frankas Bestimmung, nach der Hochzeit ihrer wunderschönen Schwester den väterlichen Rittersitz zu verlassen, um in ein Kloster einzutreten. Doch vorher möchte sie noch ein letztes Mal auf dem Rücken ihres Pferdes die Freiheit des Waldes, den Wind in ihren Haaren spüren und schleicht sich heimlich aus der Burg. Im Wald stolpert sie einem jungen Ritter in die Arme. Überwältigt von seiner Anziehungskraft und den Gefühlen, die er in ihr auslöst, beginnt Franka, ihre Zukunft in Frage zu stellen. Bis zu dem Moment, als sie erkennt, dass es sich bei dem Fremden um Wulf vom Röllberg, den Verlobten ihrer Schwester, handelt.

„Die Klosterbraut“ ist ein gelungener Debütroman, der vieles richtig macht. Eingebettet in ein tolles Setting, wirft der Roman die essentiellen Fragen der Zeit auf, handelt von Leben und Tod, Glaube, Liebe und Schicksal. Sprachlich sauber zieht die Autorin den Leser sofort mitten ins Geschehen – und in den Bann von Franka, einer Protagonistin, mit der man sich sofort identifizieren kann.

Mit unerwarteten Wendungen gelingt es der Autorin, den Leser immer wieder vom – zugegebenermaßen erwartbaren – Ende abzubringen, ihn zu überraschen und mit neuen Problemen zu konfrontieren. Die größte Stärke des Romanes liegt jedoch in der Figurenentwicklung. Protagonisten und Nebencharaktere sind sorgsam ausgearbeitet und entwickeln sich im Laufe der Geschichte auch organisch weiter – lediglich Melindas Wandlung habe ich ihr nicht gänzlich abgenommen.

Manuela Schörghofers Schreibstil lässt sich – trotz der gelungenen Sprache – leicht und flüssig lesen, ist nicht belehrend und hält die Balance zwischen historischer Authentizität und modernen Leseansprüchen. Auch wenn ich mir einige Beschreibungen mehr gewünscht hätte – das Buch hätte sicherlich 50 Seiten mehr vertragen können – erschafft die Autorin in der Gesamtheit ein sehr rundes, gerade auch für Genreanfänger gut geeignetes Werk.

Lektorat und Korrektorat haben solide gearbeitet, die wenigen, vorhandenen Fehler stören kaum den Lesefluss. Der Buchsatz ist gelungen, aber unauffällig. Ein Pluspunkt ist das vorhandene Glossar und die Dramatis Personae, die man aber noch etwas gekonnter hätte in Szene setzen können. Wie üblich hätte ich mich auch über eine Karte und ggf. einen Stammbaum gefreut, letzterer kann hier aber eher vernachlässigt werden, da die familiären Verstrickungen nicht allzu kompliziert sind. Begeistert bin ich jedoch vom Cover, das nicht nur hochwertig geprägt ist, sondern auch von der Motivwahl sehr edel anmutet. Noch eine Schachfigur als Gimmick und es würde nahe an die Perfektion rutschen.

Mein Fazit? „Die Klosterbraut“ ist ein gelungenes und überzeugendes historisches Debüt, das vor allem durch tolle Charaktere und ein authentisches Setting punkten kann. Für Fans des Genres bedenkenlos zu empfehlen – und auch für Leser, die gern mal in das Genre hineinschnuppern wollen.

 

 

 

[Buchgedanken] Ella Zeiss: „Wie Gräser im Wind: Tage des Sturms“ (Band 1)

Als letztes Buch des Jahres möchte ich heute „Wie Gräser im Wind: Tage des Sturms“ vorstellen. Das Buch ist von Elvira Zeißler unter dem Pseudonym Ella Zeiss im Selfpublishing veröffentlicht worden und als historischer Roman / Familiensaga einzuordnen. Mit dem Roman gewann die Autorin 2018 den Kindle Storyteller Award – vielen Dank an dieser Stelle auch an Kindle Direct Publishing / Amazon Media für die Bereitstellung eines Leseexemplars auf der Frankfurter Buchmesse.

51BVUnGWpDL._SX322_BO1204203200_In „Tage des Sturms“ begleitet man zwei deutschstämmige Familien auf ihrem Schicksalsweg durch die Gebiete der Sowjetunion. In den 30er Jahren wütet das Regime mit Enteignungen und Verhaftungen in den wohlhabenden Dörfern auf der Krim. Nachdem sich Wilhelm Scholz weigert, seinen letzten Grundbesitz an den Staat zu überschreiben, wird er mit seiner Frau und den Kindern mitten in der Nacht von Bewaffneten aus dem Haus gezerrt. Zu Baumfällarbeiten eingeteilt, kämpft die Familie inmitten von Krankheit, Kälte und Hunger ums Überleben. Samuel Pfeiffer entgeht einem ähnlichen Schicksal nur durch seine rechtzeitige Flucht. Doch als deutscher Lehrer wird er immer wieder verfolgt und denunziert. Und so beginnt für ihn und seine Familie eine Odyssee von der Krim bis nach Baku.

„Wie Gräser im Wind: Tage des Sturms“ ist ein würdiger Gewinner des Storyteller Awards und ganz anders als die Siegertitel der letzten Jahre. Der Roman beleuchtet ein bislang eher vernachlässigtes Kapitel der europäischen Geschichte und bringt dieses auf anschauliche und eindringliche Weise an den Leser. Der Roman wirkt umso authentischer und beklemmender, als dass er auf wahren Begebenheiten, auf der Familiengeschichte der Großeltern der Autorin basieren soll.

Durch die Dopplung der Geschichte, durch die Beschreibung der Erlebnisse zweier Familien (die im Folgeband dann wohl verbunden werden), ist der Roman etwas sprunghaft, handelt von vielen Personen. Auch wenn dieser Wechsel nicht immer ganz einfach fällt, wenn eine stärkere Trennung vielleicht sinnvoller gewesen wäre, gelingt es der Autorin doch, den Leser an beide Familien zu binden, ihn mit allen Protagonisten leiden und mitfühlen zu lassen. Dabei nimmt sich die Autorin zurück und lässt die Handlungen wirken, lässt die Angst, Sorge und Verzweiflung der Protagonisten durch die Zeilen auf den Leser übergreifen. Niemals belehrend nimmt Ella Zeiss den Leser an die Hand und führt ihn durch die Geschichte, hinein in die aufziehenden Gewitterwolken, die über ganz Europa hängen und ihre Schatten bereits auf die Handlung werfen.

Dabei wird die Spannung dauerhaft gehalten, lässt den Leser kaum durchatmen und die ganze Zeit Schlimmes fürchten. Auch wenn das Buch bereits sehr bildhaft gehalten ist, hätte ich mir teils noch detailliertere Beschreibungen, teils noch stärkere Bilder gewünscht, um die krassen Gegensätze noch intensiver für den Leser spürbar zu machen, um das beklemmende Setting noch realer in den Köpfen zum Leben zu erwecken.

Die Buchgestaltung ist sehr überzeugend, Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet. Der ordentliche Buchsatz ist von der Storyteller-X-Award-Gewinnerin Corinna Rindlisbacher, das ausdrucksstarke Cover von der erfolgreichen Selfpublisherin Laura Newman – geballte Kompetenz!

Mein Fazit? „Wie Gräser im Wind: Tage des Sturms“ ist ein überzeugender historischer Roman, der vor allem durch seine eindringliche und ausdrucksstarke Schilderung der historischen Ereignisse überzeugt. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen!

[Buchgedanken] Lin Rina: „Animant Crumbs Staubchronik“

Pünktlich zur in wenigen Stunden startenden Buchmesse, möchte ich Euch noch ein Buch vorstellen und freue mich schon darauf, morgen die Autorin persönlich in Frankfurt zu sehen.

In den letzten Tagen habe ich „Animant Crumbs Staubchronik“ von Lin Rina gelesen. Das Werk ist 2017 im Drachenmond Verlag erschienen und als (die erste Überraschung!) historischer Liebesroman einzuordnen.

51Af3k0XONL._SX348_BO1204203200_Animant Crumbs Mutter wünscht sich nichts sehnlicher, als den perfekten Ehemann für ihre Tochter zu finden. Doch diese ist die endlosen Bälle, Korsette und Kleider leid. Viel lieber lebt sie in einer Welt aus Büchern, und bemüht sich, der Realität mit Scharfsinn und Sarkasmus aus dem Weg zu gehen. Bis ihr eintöniges Landleben auf einen Schlag endet, und Ani ein unwiderstehliches Angebot bekommt. Ein Monat London, eine Arbeitsstelle in einer riesigen Bibliothek. Alles könnte perfekt sein, wäre da nicht der garstige Bibliothekar, der ihr das Leben zur Hölle macht – und sie in ein ungekanntes Gefühlschaos stürzt.

„Animant Crumbs Staubchronik“ spielt im England des Jahres 1890, gegen Ende des viktorianischen Zeitalters – und überraschte mich vollends. Durch die häufige Kategorisierung als Fantasy-Roman hätte ich unter Berücksichtigung der Erzählzeit ein Steampunk-Werk erwartet und keinen historischen Liebesroman.

Das Setting ist einfach traumhaft schön und malerisch. Das viktorianische London, die Universität, die Bibliothek, die einzelnen Soireen, Gesellschaften, Bälle – und auch das beschauliche Landleben. Die Autorin schafft hier Bilder, die dem Leser erlauben, sich in eine Welt wegzuträumen, die an der Schwelle zum Fortschritt stand. In eine Zeit vor den Weltkriegen, aber mit anderen Problemen, die auch kurz in der Geschichte angerissen werden.

Auch die Protagonisten überzeugen mich im Ergebnis – gerade Thomas Reed. Sie alle haben Stärken und Schwächen und entwickeln sich im Laufe der Geschichte, auch in den Nebenrollen (zum Beispiel im Falle von Anis Mutter). Auch wenn einige Handlungen für mich nicht nachvollziehbar und unlogisch bleiben, gelingt es Lin Rina jedoch, die Gefühle und Motive der Protagonisten klar darzustellen. Hierbei begeistert mich vor allem die unglaubliche Darstellung der Verliebtheit, des Gefühlschaos von Ani in der zweiten Hälfte des Buches. Durch die geschickt gewählte Erzählperspektive erlebt man die Gefühle aus erster Hand, leidet, lacht und freut sich mit der Protagonistin, und kann sich gut mit ihr identifizieren.

Zwar ist die Handlung teils vorhersehbar, was sowohl am Genre, als auch an den teils spoilernden Kapitelüberschriften liegt (man hätte sie einfach weglassen können), bleibt jedoch spannend. Durch einige unerwartete Wendungen, die die Autorin über die Nebenhandlungsstränge einbaut, gelingt es ihr, den Spannungsbogen zu halten.

Das Ende ließ mich jedoch etwas unbefriedigt zurück. Der Ausgang der Geschichte, den ich grundsätzlich sehr mag, kam zu schnell, war ein zu heftiges Auf und Ab, und wurde auch erneut durch die Kapitelüberschriften bereits vorweggenommen. Nach einem Wendepunkt direkt die Auflösung zu bringen, ist in Hinblick auf die Dramaturgie der Geschichte aus meiner Sicht schlichtweg zu direkt, hier hätten es durchaus noch ein, zwei Kapitel mehr sein können – vor allem, wenn man den Zeitsprung in der Erzählzeit bedenkt.

Lin Rinas Schreib- und Erzählstil ist unaufgeregt und einfühlsam, und lässt sich wirklich gut und flüssig lesen. Er transportiert die Gefühle und Handlungen und fesselt den  Leser an die Seiten. Zudem ist auch anzumerken, dass sich um eine authentische Sprache bemüht wurde, hier jedoch trotzdem einige modernere Wörter und Redensarten eingeflossen sind – es hält sich aber noch im tolerablen Rahmen.

Dem Lektorat und Korrektorat sind einige Fehler durchgerutscht, die aber nicht so gravierend sind, dass sie den Lesefluss stören. Das Cover hingegen ist atemberaubend schön, ein absoluter Eyecatcher, und vielleicht meine Lieblingsarbeit der Designerin Marie Graßhoff. Auch der Buchsatz ist, erwartungsgemäß, gelungen und punktet mit kleinen Verzierungen.

Obwohl es viele kleine Kritikpunkte gibt, vieles, was man noch optimieren könnte, stört mich das nicht wirklich (die zweite Überraschung!) . Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber ich habe mich trotzdem etwas in das Buch verliebt. Ob es die Leichtigkeit der Sprache war oder das unbeschwerte, glanzvolle Leben? Ob es die glorifizierte Welt der Bücher war oder die Gefühlsflut? Ich kann es nicht sagen, weiß lediglich, dass ich das Buch in vollen Zügen genossen habe.

Mein Fazit? „Animant Crumbs Staubchronik“ ist ein toller Liebesroman, der vor allem mit dem malerischen Setting und den Gefühlen der Protagonisten punkten kann. Zwar hat er auch kleinere Schwächen, fesselt den Leser aber dennoch an die Seiten. Für Liebhaber des Genres bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Daniel Kehlmann: „Tyll“

In der letzten Zeit habe ich „Tyll“ von Daniel Kehlmann gelesen, nach „F“ mein zweites Werk des preisgekrönten Autors. Das Buch ist als historischer Roman einzuordnen und 2017 bei Rowohlt als Hardcover erschienen. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei Weltbild für die Verlosung signierter Exemplare bedanken.

51eI4zwysRL._SX304_BO1204203200_Als sein Vater verbrannt wird, beschließt Tyll ein Leben in der Fremde zu suchen und brennt mit Nele durch. Im Laufe seines Lebens trifft er nicht nur den legendären Winterkönig, sondern auch andere zeitgeschichtliche Personen, nimmt am 30-Jährigen Krieg teil und wird selbst zur Sagengestalt.

„Tyll“ ist nicht-linear, sondern episodenhaft. Die einzelnen Geschichten sind aus unterschiedlichen Sichtweisen erzählt, springen zeitlich vor und zurück. Es ist ein Werk, das nicht von der Spannung, sondern vielmehr von der Zeit lebt, in der es spielt. Kehlmann beschreibt die düstere Episode des 30-jährigen Krieges in all ihrer Grausamkeit, ohne zu romantisieren. Es ist ein Porträt der Zeit, eingefangen im Porträt einer Person, die nicht in die Zeit passt. Till Eulenspiegel (im Buch Tyll Ulenspiegel) vernarrt, verzaubert, blendet und begeistert. Und lässt alle ratlos zurück.

Und doch. So sprachlich brilliant, bestechend in der Wortwahl, vermag mich „Tyll“ – ähnlich wie „F“ damals – nicht restlos zu überzeugen. Der Roman ist sperrig, ungehobelt – und das passt zwar zur Geschichte, sorgt jedoch auch für ein holpriges Lesevergnügen. Kehlmann spielt mit der Sprache, sowohl mit dem Konflikt als auch mit dem Einklang von Religion und Wissenschaft – eingefangen in der ambivalenten Figur des Athanasius Kircher.

Durch den nicht-linearen Erzählstil, durch die Zeitsprünge und die Perspektivwechsel fällt es dem Leser schwer, dicht an den Figuren zu bleiben und sich mit ihnen zu identifizieren. Nichtsdestotrotz entwickeln sich die Figuren dennoch weiter, zeigen Stärken und Schwächen – nicht nur in den Haupt- sondern auch in den Nebenprotagonisten. Dies ist neben dem schonungslosen, grandios beschriebenen Setting, vielleicht die größte Stärke des Buches.

Die Gestaltung des Buches ist ebenfalls gelungen – Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben qualitativ hochwertig gearbeitet. Lediglich mit dem Cover konnte ich mich noch nicht anfreunden, aber es sorgt unbestreitbar für Aufsehen und grenzt sich scharf von den genretypischen Covern ab.

Mein Fazit? „Tyll“ ist ein unbequemer, sprachlich-brillianter Historienroman, der nicht linear, sondern episodenhaft erzählt wird. Tolle Figuren und ein grandioses Setting lassen dabei die teils holprig zu lesende Handlung vergessen. Für Sprachliebhaber und Fans historischer Erzählungen daher bedenkenlos zu empfehlen. Allerdings: Keine leichte Lektüre – und definitiv nichts für Kinder unter 14 Jahren.

[Buchgedanken] Toby Clements: „Krieg der Rosen – Winterpilger“

In der letzten Zeit habe ich den Auftaktroman „Winterpilger“ der historischen Rosenkriege-Saga von Toby Clements gelesen. Das Buch ist in Deutschland 2016 bei Bastei Lübbe erschienen und wurde 2014 unter dem Originaltitel „Kingmaker: Winter Pilgrims“ bei Random House veröffentlicht.

Thomas Everingham ist Mönch im Orden von St. Gilbert. In einer eiskalten Winternacht 516mm7rht0l-_sx334_bo1204203200_rettet er außerhalb der Klostermauern die Nonne Katherine, die von Sir Giles Rivens Männern angegriffen wird. Dabei verletzt Thomas den Sohn des Adligen schwer. Als die Soldaten im Kloster einfallen, müssen Thomas und Katherine fliehen und geraten über Umwege mitten in die Thronstreitigkeiten zwischen Lancaster und York. Und immer, immer wieder kreuzen sich ihre Wege mit denen von Sir Giles Riven…

„Winterpilger“ ist ein solider historischer Roman über meine absolute Lieblingsepoche: das britische Mittelalter, insbesondere die Rosenkriege. Und da ich fast alles verschlinge, was darüber geschrieben wird (Rebecca Gablé, Philippa Gregory etc.), musste ich das Buch einfach kaufen, als ich sah, dass es zudem für Fans von Rebecca Gablé empfohlen wurde. Womit wir auch gleich beim Knackpunkt wären: der Roman von Toby Clements kann schlichtweg mit Rebecca Gablés Meisterwerken nicht mithalten und lässt mich leicht enttäuscht zurück.

Um nicht falsch verstanden zu werden. „Winterpilger“ ist kein schlechtes Buch, aber es hat doch einige kleinere Schwachstellen und schöpft sein Potential nicht vollends aus. Dass ich als Rosenkriege-Fanatiker die Nachfolgebände lesen werde – geschenkt. Aber ich hätte mir mehr erwartet.

Die Ausgangslage ist ähnlich wie bei „Das Lächeln der Fortuna“. Dem Protagonisten ist von einem Adligen Unrecht widerfahren, und er begibt sich in die Unwirren des Krieges, um sein Recht einzufordern. Doch Toby Clements gelingt es nicht, eine starke Bindung zu den Charakteren herzustellen. Was aus meiner Sicht daran liegt, dass das Buch insgesamt zu stark ins Beschreiben abdriftet („Show, don’t tell …“). Dazu kommt, dass die an und für sich interessante und spannende Handlung einige Längen aufweist, die den Spannungsbogen unterbrechen, und kleinere Logikbrüche vorhanden sind. Was mir dahingegen gut gefällt ist die (aber auch selbstverständliche) ausführliche Recherche und die Darstellung der einzelnen Schauplätze, die man zusammen mit den weltfernen Protagonisten Thomas und Katherine erkundet.

Leicht frustriert war ich auch von dem Ende, das nicht nur einige, wirklich zentrale Fragen, die über den ganzen Roman aufgebaut worden sind, unbeantwortet ließ, sondern auch sehr, sehr offen gestaltet ist. Leicht unglücklich fand ich auch, dass der Roman im Präsens erzählt wurde, was aber auch daran liegen kann, dass ich generell mit dieser Erzählzeit nicht warm werde, vor allem bei historischen Romanen.

Begeistert bin ich von der hochwertigen Aufmachung des Romanes. Ein wunderschönes, aufwendig geprägtes und für historische Romane passendes Cover, mit aufklappbaren, illustrierten Coverinnenseiten. Vorangestellt sind eine Karte, Stammbäume und die Dramatis Personae. Leider sind in der Buchkorrektur – ungewöhnlich! – doch einige kleinere Fehler durchgerutscht, die aber den Lesefluss nicht stören.

Mein Fazit? „Krieg der Rosen – Winterpilger“ ist ein solider historischer Roman mit leichten Schwächen. Er überzeugt durch die Recherche, lässt jedoch die Bindung zu den Charakteren vermissen. Für Genrefans dennoch zu empfehlen, an die bahnbrechenden Werke von Rebecca Gablé (und übrigens auch an die von Philippa Gregory) kommt er jedoch nicht heran.