[Buchgedanken] John Garth: „Die Erfindung von Mittelerde. Was Tolkien zu Mordor, Bruchtal und Hobbingen inspirierte“

In der letzten Zeit habe ich das Sachbuch „Die Erfindung von Mittelerde. Was Tolkien zu Mordor, Bruchtal und Hobbingen inspirierte“ von John Garth gelesen. Das Buch ist 2021 bei wbg THEISS erschienen, die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel „The Worlds of J.R.R. Tolkien. The Places That Inspired Midle-Earth“ bei Frances Lincoln, Quarto Publishing. Vielen Dank an dieser Stelle an wbg und die vermittelnde Agentur Literaturtest für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Was sind die realen Vorbilder für die Schauplätze von Tolkiens Romanen? Inspiration fand der Schriftsteller in den Landschaften, Bergen und Wäldern Großbritanniens, aber auch in seiner südafrikanischen Heimat und auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Gestützt auf sein profundes Wissen über Leben und Werk Tolkiens identifiziert der mehrfach preisgekrönte Autor John Garth die Orte, die dem Schöpfer von Mittelerde als Anregung für das Auenland, Bruchtal oder die Höhlen von Helms Klamm dienten.

„Die Erfindung von Mittelerde“ ist ein Sachbuch, das sich mit möglichen Inspirationsansätzen für Tolkiens Welten, nicht nur aus dem „Herr der Ringe“ oder dem „Hobbit“, sondern auch mit seinen früheren Werken befasst. Dabei stellt der Autor allerdings auch klar, dass es durchaus verschiedene Ansätze zu einzelnen Inspirationsquellen gibt, kann doch nicht in jedem Fall Tolkiens Grundlage gesichert festgestellt werden. Dadurch wird „Die Erfindung von Mittelerde“ eine Sammlung von Indizien und Querverweisen, eine Mischung aus gesicherten und (plausibel) angenommenen Fakten.

Dargestellt wird die Sammlung in 11 thematischen Kapiteln, die aufgrund der Zeitsprünge munter vor und zurück verweisen, im groben aber schon so angeordnet worden sind, dass Tolkiens Schaffenswerk vom frühen Legendarium bis zum Kampf um Mordor nachvollzogen werden kann. Dabei wird jedem Leser bewusst, wie komplex und vielschichtig, aber auch wie im Wandel begriffen Tolkiens Werk war, das auch von aufgegebenen Ideen, Umbenennungen und späteren Korrekturen und Anpassungen geprägt war.

Die Faszination des Autors für das Werk Tolkiens und dessen Leben wird dabei mit jeder Seite deutlich – man kann sich ihr nur schwerlich entziehen. Doch auch wenn man unglaublich viel lernt und immer auf neue Ansätze und Erklärungen stößt und Fakten entdeckt, fällt es zuweilen doch schwer, dem Autor zu folgen. Zumindest geht es mir so, der zwar mit Tolkiens wichtigsten Werken vertraut ist, darüber hinaus aber wenig von ihm gelesen hat. Persönlich hätte ich mir auch mehr Informationen zum literarischen Weltenbau gewünscht – dies hätte auch das Verständnis erhöhen können. So erklärt der Autor zwar die jeweiligen (gedanklichen) Ursprünge der Elfen, von Sauron und Saruman, den Orks oder Hobbits, Informationen zu der glaubhaften Erstellung eines Gleichgewischts zwischen diesen, zu Magiekonzepten oder zur Schaffung plausibler Zeitlinien sind aber rar gesät.

Nichtsdestotrotz bleibt „Die Erschaffung von Mittelerde“ ein faszinierendes Kompendium, ist es doch gleichzeitig Ideensammlung und Nachschlagewerk, liefert Informationen über die Zeit Tolkiens und besticht durch unglaublich viele und tolle Abbildungen, seien es Illustrationen, teils von Tolkien selbst, oder auch zeitgenössische Fotografien oder Karten. Dabei ist das Verhältnis von Text und Bild ausgewogen, die Sprache an und für sich verständlich.

Die Buchgestaltung überzeugt im Wesentlichen. Lektorat und Korrektorat sind kleinere Fehler durchgerutscht, die sich aber noch im Rahmen halten, der Buchsatz ist sauber und wirklich gelungen. Das Cover ist wunderschön, der Buchrücken eher unscheinbar und die Druckqualität bestechend.

Mein Fazit? „Die Erfindung von Mittelerde“ ist ein informatives und ungemein spannendes Nachschlagewerk für Tolkien- und Mittelerde-Fans, das vor allem durch die schiere Informationsmenge und bestechende Abbildungen glänzt. Aufgrund der vielen Details und des hohen Anspruchs nichts für Tolkien-Anfänger – aber Liebhaber werden es zu schätzen wissen!

[Buchgedanken] Terry Brooks: „Das Schwert der Elfen“ (Die Shannara Chroniken)

In den letzten Wochen habe ich mir endlich die Zeit genommen, eine Buchreihe zu beginnen, auf die ich mich schon lange freue. Seitdem ich die erste Folge der beeindruckenden Fernsehserie „Die Shannara Chroniken“ gesehen habe, wollte ich unbedingt auch das zugrundeliegende Material lesen. Terry Brooks hat in den vergangenen Jahrzehnten mehrere dutzend Bücher aus dem Shannara-Universum geschrieben – begonnen habe ich mit dem neuaufgelegten „Das Schwert der Elfen“, das die ersten drei alten Bücher „Das Schwert von Shannara“, „Der Sohn von Shannara“ und „Der Erbe von Shannara“ vereint und eine Vorgeschichte zu der Fernsehserie ist.

„Das Schwert der Elfen“ erschien im März 2016 als Taschenbuch bei Blanvalet. Die deutschen Erstausgaben der darin enthaltenen Titel wurden 1978 bei Goldmann und bei Blanvalet veröffentlicht, die Originalausgabe erschien 1977 bei Ballantine Books. „Das Schwert der Elfen“ spielt zwar mehr oder minder in einer dystopischen Zukunft unserer Welt, ich würde es dennoch als klassischen High-Fantasy-Roman einordnen.

Der Roman beschreibt die Geschichte des jungen Dorfbewohn51v1g4uwf0l-_sx332_bo1204203200_ers Shea Ohmsford, dessen ruhiges und beschauliches Leben auf einen Schlag endet, als der Druide Allanon in sein Leben tritt. Zusammen mit einer kleinen Gruppe Gefährten aller Völker macht sich Shea auf den Weg, das legendäre Schwert von Shannara zu finden und die bekannte Welt vor dem Untergang zu bewahren. Einzig die Macht des Schwertes kann den bösen Hexenmeister Brona vernichten, dessen Armeen alle Völker der Welt bedrohen – und nur einer kann diese legendäre Waffe führen : Shea Ohmsford.

Bereits aus dieser Kurzbeschreibung ergeben sich erstaunliche Parallelen zur Geschichte „Herr der Ringe“, die sich im Laufe der Zeit auch fortsetzen. Eine kleine Gruppe Gefährten, zusammengewürfelt aus allen Völkern (Menschen, Zwerge, Elfen) wird von einem Magier durch die Lande geführt, um die Bedrohung von finsteren Armeen aufzuhalten, die von einer dunklen Macht gesteuert wird, mehr tot als lebendig. Diese Parallelen ziehen sich, mal stärker, mal schwächer, durchs gesamte Buch, stören aber keinesfalls – spätestens mit dem nächsten Roman, dessen Handlung ich von der Serie ja bereits kenne, löst sich Terry Brooks auch von der Geschichte und verleiht der Welt von Shannara eine neue, komplexe Struktur. Ohnehin kann Terry Brooks‘ „Das Schwert der Elfen“ problemlos mit Tolkiens Meisterwerk mithalten.

Das Buch ist aus der Sicht eines auktorialen Erzählers geschrieben, was mich (erstaunlicherweise) nicht gestört hat. So gelang es dem Autor im Laufe des Romans, allen Protagonisten Tiefe und Vielschichtigkeit zu verleihen, sodass sich der Leser mit jedem einzelnen von ihnen identifizieren konnte. Einziger Kritikpunkt dieses Vorgehens ist für mich, dass mit dem schnellen und abruptem Ende zwar alle Handlungsstränge grob aufgelöst werden, sich jedoch hier nicht die Zeit genommen wird, das Schicksal aller Charaktere, die man beim Lesen liebgewonnen hat, ausführlich zu beleuchten.

Der Stil des Autors lässt sich flüssig lesen, wobei ich nicht weiß, wieviel nach der Übersetzung ins deutsche und der vollständigen Neuüberarbeitung noch wirklich direkt den Worten von Terry Brooks entspringt. Die eingestreuten, ausführlichen und bildgewaltigen Landschaftsbeschreibungen entschleunigen das Geschehen zwar ab und an, sorgen jedoch dafür, dass der Leser ein immer besseres Bild von der Welt bekommt, wie sie sich zum Zeitpunkt des Geschehens präsentiert. Gelungen ist auch, dass die Geschichte der Welt nicht vorangestellt wird, sondern nach und nach im Laufe des Romans scheibchenweise eingeflochten wird und man mit den Protagonisten zusammen die dunkle Vergangenheit kennenlernt.

Das Cover ist wunderschön gestaltet und aufwendig geprägt, der Satz ist gut gelungen. Lektorat und Korrektorat haben ebenfalls nah an der Grenze zur Perfektion gearbeitet.

Was bleibt mir noch zu sagen, außer dass ich mich bereits jetzt auf den Folgeband „Elfensteine“ freue, der die Geschichte der Elfenprinzessin Amberle Elessedil erzählt – was Staffel 1 der Fernsehserie entspricht, die für mich – wie die Bücher – ebenfalls Maßstäbe gesetzt hat und zu dem Besten gehört, was das Genre in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Ich wäre nicht verwundert, wenn sich mit der Zeit „Die Shannara Chroniken“ zu einem ebensogroßen Massenphänomen entwickeln würden, wie es „Der Herr der Ringe“ heutzutage ist. Das Potential dazu haben die Geschichten von Terry Brooks allemal.

Mein Fazit? „Das Schwert der Elfen“ ist ein rundum gelungener und überzeugender High-Fantasy-Roman, der Parallelen zu „Der Herr der Ringe“ aufweist, den Vergleich mit dem Klassiker von Tolkien aber keineswegs scheuen muss, und den Grundstein für viele weitere Geschichten legt.

Vielleicht noch zum Ende eine kleine Vorschau, was voraussichtlich die nächsten Titel sind, die ich vorstellen möchte:

  • Mikaela Sandberg: Schweig Still
  • Terry Brooks: Elfensteine (Die Shannara Chroniken)
  • Kiera Cass: Die Kronprinzessin (Selection 4)
  • Kiera Cass: Die Krone (Selection 5)
  • J. K. Rowling: Harry Potter und das verwunschene Kind
  • Emily Bold: Lichtblaue Sommernächte
  • u.v.m.

 

Empfehlungen, was man unbedingt gelesen haben muss?
Dann ab damit in die Kommentare :).

Liebe Grüße,
Erik.