[Buchgedanken] Irene Solà: „Singe ich, tanzen die Berge“

Vor einiger Zeit habe ich „Singe ich, tanzen die Berge“ von Irene Solà gelesen. Das Buch ist 2022 im Trabanten Verlag erschienen, die Originalausgabe wurde 2019 unter dem Titel „Canto jo i la muntanya balla“ bei Editorial Anagrama, Barcelona, veröffentlicht. Der Roman ist der Gegenwartsliteratur zuzurechnen, für die Übersetzung aus dem Katalanischen zeichnet Petra Zickmann verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die vermittelnde Agentur Buchcontact.

Gewitterwolken schürfen über den Rücken der Pyrenäen und ein Blitz erschlägt den dichtenden Bauern Domènec, dessen junge Frau Sió mit ihrem Schwiegervater und ihren Kindern allein zurückbleibt. Doch das Leben geht weiter. Teilnahmslos beobachten die Berge das Werden und Vergehen derer, die dort leben.

„Singe ich, tanzen die Berge“ adäquat zu beschreiben ist in etwa so erfolgsversprechend, wie ein Gewitter mit bloßen Händen aufzuhalten. Das mit dem Europäischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnete Werk ist so ungewöhnlich wie sprachlich bestechend, Irene Solàs Stimme in der Übersetzung von Petra Zickmann sehr melodisch und malerisch.

Dabei erzählt der Roman die Geschichte einer Region aus der Sicht verschiedener Protagonisten unterschiedlicher Generationen, aber auch aus der Perspektive von Tieren, Geistern, Wolken – oder auch der Erde selbst. Er vermischt Erzählung und Mythen, Tradition und Moderne.

Die Handlung folgt dabei zumindest lose den Schicksalen der Mitglieder einer Familie, richtige Spannung oder emotionale Bindungen zu den Figuren kommen jedoch nie wirklich auf, ist der Roman doch mehr Porträt einer Region als wirklich auf ein Ende zulaufende Geschichte. Dies sorgt auch dafür, dass das Buch – trotz der durchaus vorhandenen flüssigen Lesbarkeit – sich nie zu einem wahren Pageturner entwickelt, den Leser nie in einen Sog zieht, sodass er das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Das Setting ist – erwartbar, da der Roman komplett darauf angelegt ist – brillant und trägt im Endeffekt das Buch. Der Leser wird tief in eine Welt voller Mythen, in eine abgelegene Bergregion im Herzen Europas geführt, die zumindest in der Populärliteratur kaum Erwähnung findet.

Die Buchgestaltung ist im Wesentlichen gelungen, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Hardcover ist zudem leicht auf dem Titel geprägt. Dem Titelmotiv fehlt jedoch etwas der Bezug zur Handlung, auch ist das Buch insgesamt eher schlicht und unauffällig gestaltet.

Mein Fazit: „Singe ich, tanzen die Berge“ ist ein ungewöhnliches, in Romanform gegossenes Porträt einer Region, das durch sein Setting besticht, aber auch Handlungselemente vermissen lässt. Für Liebhaber von sprachlichen Bildern und anspruchsvoller Literatur dennoch bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Mariana Enriquez: „Unser Teil der Nacht“

Vor kurzem habe ich „Unser Teil der Nacht“ von Mariana Enriquez gelesen. Das Buch ist 2022 im Tropen Verlag, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, erschienen, die Originalausgabe wurde 2019 unter dem Titel „Nuestra parte de noche“ im Verlag Editorial Anagrama, Barcelona, veröffentlicht. Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de. Für die Übersetzung zeichnen Silke Kleemann und Inka Marter verantwortlich.

Ein Vater und sein Sohn fahren quer durch Argentinien, als wären sie auf der Flucht. Wohin wollen sie? Vor wem fliehen sie? Es sind die Jahre der Militärjunta: Menschen verschwinden spurlos, überall lauert Gefahr. Sein Vater versucht den jungen Gaspar vor dem Schicksal zu schützen, das ihm zugedacht ist, seit seine Mutter unter ungeklärten Umständen gestorben ist. Bei einem Unfall, der vielleicht keiner war.  Wie sein Vater Juan soll Gaspar einem Geheimbund, genannt der Orden, als Medium dienen. Mit grausamen Ritualen versuchen sie, dem Geheimnis des ewigen Lebens auf die Spur zu kommen. Doch der Preis ist hoch und der körperliche und geistige Verfall schnell und unerbittlich, wie Juan weiß. Eine scheinbar aussichtslose Flucht beginnt, denn der Einfluss des Ordens kennt keine Grenzen.

Bei „Unser Teil der Nacht“ fällt bereits die Genrezuordnung schwer. So balanciert das Buch auf der Grenze zwischen okkultem Thriller und Historical Mystery, im Spannungsfeld von Gegenwartsliteratur und mythologischer Abhandlung. Trotz der düsteren Themen liest sich der Roman dennoch relativ gut und schnell – auch dank des hochathmosphärischen Schreibstils der Autorin.

Dabei brilliert der Roman eindeutig durch sein Setting. Mariana Enriquez nimmt den Leser mit auf eine Reise in das von Militärdiktatur, aufstrebenden Protesten und Großgrundbesitzern geprägte Argentinien der Jahre von 1960 bis 1997. Dabei lernt der Leser tief im Land verwurzelte Natur- und Totenkulte, okkulte Praktiken und Rituale kennen, die einen erschauern lassen.

Die Handlung ist düster und geheimnisvoll und wird in zeitlichen Sinnabschnitten – die aber nicht chronologisch angeordnet sind – erzählt. Dabei wechseln die Erzählperspektiven bunt durch, einige der Abschnitte haben auch Längen. Hierbei überzeugen vor allem der erste Abschnitt aus Sicht von Juan und der spätere von Rosario, während die Abschnitte von Gaspar – und damit leider auch das Ende – eher blass und teils unlogisch bleiben. Dies schlägt auch auf die Gestaltung der Protagonisten durch. Neben Juan und Rosario glänzen auch noch Tali und Florence.

Die Buchgestaltung ist solide, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Titelmotiv ist intensiv und bestechend. Leider zieht es sich nicht über den gesamten Umschlag, der Bruch zum Buchrücken ist heftig, Buchrücken, Coverrückseite und das Buch unter dem Umschlag sind insgesamst sehr schlicht.

Mein Fazit? „Unser Teil der Nacht“ ist ein unglaublich athmosphärischer, düsterer mythologischer Roman mit einem tollen Setting, spannenden Charakteren aber auch einigen Schwächen und Längen in der Handlung. Dennoch bedenkenlos zu empfehlen – allerdings nicht unter einem Lesealter von 18.