[Buchgedanken] Tommie Goerz: „Im Tal“

Vor kurzem habe ich auch „Im Tal“ von Tommie Goerz gelesen. Das Buch ist 2023 im ars vivendi Verlag veröffentlicht worden und als Gegenwartsliteratur einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Im Sommer 1897 erblickt Anton Rosser auf einem abgelegenen Hof in der Fränkischen Schweiz das Licht der Welt – ein dunkles Licht mit schwarzen Schatten, die ihn sein Leben lang begleiten. Er lebt dort abgeschieden und allein, bis ihn im Winter 1968 ein Wanderer auffindet, vornübergesunken an seinem Küchentisch, erfroren. Der Arzt bescheinigt einen natürlichen Tod, doch bleiben Fragen.

„Im Tal“ ist der neueste Roman des mit dem Friedrich-Glauser-Preis und dem Crime Cologne Award prämierten Autors Tommie Goerz, der für das Buch sein Genre verlassen hat, auch wenn es in „Im Tal“ durchaus zu Verbrechen und Gewalt kommt. Zudem ist der Roman durchaus historisch, zeichnet die Ereignisse der Weltkriege, insgesamt grob die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts nach. Dennoch ist das Buch auch nicht als historischer Roman, sondern als Gegenwartsliteratur einzuordnen, eine Eingruppierung, die so auch auf Verkaufsplattformen übernommen worden ist.

Die Handlung ist abwechslungsreich und durchaus spannend, wenn auch teils vorhersehbar. Tommie Goerz vermischt hier viele verschiedene handlungstreibende Elemente wie Liebe und Hass, Krieg, Einsamkeit und autoritäre Erziehung zu einem tragisch-düsteren Gesamtpaket, das einem gelegentlich Schauer über den Rücken laufen lässt. Dabei ist die Handlung oftmals verknappt, aufs Wesentliche reduziert, sodass auf den wenigen Seiten fast 70 Jahre am Leser vorbeiziehen, mal schneller, mal langsamer, aber unaufhaltsam, so wie das Leben spielt. Lediglich das Ende fällt hier etwas ab, verbleibt einerseits im Unklaren und eskaliert andererseits.

Das Setting ist gelungen. So entführt der Autor den Leser nicht nur in die fränkische Schweiz auf ein abgelegenes Gehöft, sondern auch in die Schützengräben des ersten Weltkriegs, auf die Flöße der Holztreidler und zur Verteidigung von Monte Cassino – um nur einige der relevanten Stationen aus Tonis Leben zu nennen, die der Leser hautnah miterleben kann – auch wenn es in der Regel keine schönen Erlebnisse sind.

Etwas zu den einzelnen Figuren zu sagen, ist fast nicht möglich – schließlich nimmt der Roman mit Ausnahme von Toni keine andere Figur wirklich ernst, lässt alle im Schatten verbleiben, selbst Marga und Maria spielen zwar in Tonis Leben wesentliche Rollen, handeln aber kaum aktiv oder kommen kaum zu Wort. Und selbst zu Toni verbleibt eine Distanz, ist er doch so von der Gesellschaft und jeglichen menschlichen Konventionen abgeschnitten, dass man sich nur schwerlich mit ihm identifizieren kann. Der Schreibstil von Tommie Goerz ist dabei eindringlich und prägnant und lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz sind sauber und unauffällig, der Buchdeckel ist auf Cover und Buchrücken hochwertig geprägt und mit farbigen Coverinnenseiten versehen, insgesamt aber sehr eintönig und zurückhaltend, genau wie das Titelmotiv, das zwar inhaltlich durchaus lose Bezug zur Handlung nimmt, aber eher nicht überzeugen kann.

Mein Fazit? „Im Tal“ ist ein im Wesentlichen gelungener Roman der Gegenwartsliteratur, der vor allem durch sein Setting und die eindringliche Atmosphäre punkten kann, zum Ende hin aber auch leicht abbaut. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Anja Lehmann: „Kingdom of Silk“ (Lost Kingdom Saga 1)

Vor kurzem habe ich „Kingdom of Silk“ von Anja Lehmann gelesen, den ersten Band der Lost Kingdom Saga. Das Buch ist 2023 im Selfpublishing veröffentlicht worden und als High Fantasy einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an die Autorin für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Als Crystal den ersten Teil eines geheimnisvollen Amuletts findet, ahnt sie nicht, dass sie dadurch eine uralte Magie freisetzt. Überraschend wird sie an den Königshof gerufen, um ihrem Reich und dem weißen König zu dienen. Von außen betrachtet, erscheint ihr Leben perfekt, doch merkt sie schnell, dass die glänzende Fassade ihres neuen Zuhauses ein düsteres Geheimnis birgt. Bald schon findet sich Crystal inmitten eines perfiden Spiels um die Macht der uralten Magie wieder, wobei auch der Hauptmann der Königsgarde besonderes Interesse an ihr zeigt. Wird er Crystal bei ihrer Suche nach Antworten unterstützen, oder verfolgt er nur seine eigenen Ziele?

„Kingdom of Silk“ ist der erste Band der Trilogie „Lost Kingdom Saga“ – und so felsenfest der High Fantasy zuzuordnen, dass kaum andere Genres in Betracht kommen und teils auf Verkaufsportalen vorgeschlagene Eingruppierungen wie Dark Fantasy oder History gänzlich abwegig erscheinen. Dabei ist der Roman leider nicht als Standalone lesbar, da de facto keine Handlungsstränge aufgelöst, sie teils noch nicht einmal am Ende des Bandes zusammengeführt werden, was mich als Leser frustriert zurücklässt.

Die Handlung kommt aufgrund der vielen verschiedenen, personalen Erzählperspektiven nur sehr schwer in Schwung und wird wenig stringent erzählt, nimmt in der zweiten Hälfte aber durchaus an Fahrt auf und wird kurzweilig und abwechslungsreich. Dabei bietet der Roman viel Potential für die Folgebände, auch wenn man das Ende – wie bereits angesprochen – besser hätte ausbalancieren können, genau wie die Handlungsstränge insgesamt, die doch sehr stark auseinanderklaffen.

Das Setting ist im Wesentlichen gelungen. So entführt die Autorin den Leser nach Favoria, in eine mittelalterlich anmutende High Fantasy Welt, die aus sieben verschiedenen Reichen besteht, die alle verschieden aufgebaut und mit Besonderheiten versehen sind. Gerade im Hinblick auf die Entstehung der Reiche, das Magiekonzept und den Hintergrund besteht beim Weltenbau jedoch noch kleinerer Nachholbedarf, der hoffentlich mit den nächsten Büchern gedeckt wird.

Die einzelnen Figuren sind aufgrund der schieren Masse teils noch etwas eindimensional und/oder vage, können in den weiteren Bänden aber ebenfalls konsequent weiterentwickelt werden. Bislang überzeugen vor allem Kim und Trisha, während Crystal noch etwas blauäugig und Olley relativ farblos ist. Anja Lehmanns Schreibstil ist hingegen gut und flüssig zu lesen und lässt das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist durchwachsen. Während das Cover und der Buchumschlag als Ganzes, auch wenn er irritierenderweise Brüche zwischen Cover, Buchrücken und Coverrückseite enthält, überzeugen und aus der Feder von Alexander Kopainski stammen, sind Lektorat und Korrektorat doch durchaus fehlerbehaftet, sodass ich mehrfach ins Stocken geraten bin. Der Buchsatz hingegen kann wieder glänzen und wird durch eine, allerdings etwas kleinformatige, Karte der Welt unterstützt.

Mein Fazit? „Kingdom of Silk“ ist ein solider Start in die High Fantasy Trilogie um die Welt Favoria, der vor allem in der zweiten Buchhälfte mit einer abwechslungsreichen Handlung und einer spannenden Welt punkten kann, allerdings auch etwas fehlerbehaftet ist und keine Handlungsstränge auflöst, sodass er nicht als Standalone gelesen werden kann. Für Leser des Genres, die sich an mehrere Bände binden wollen, dennoch zu empfehlen, in der Hoffnung, dass der Weltenbau und die Charakterentwicklung konsequent vorangetrieben wird – und ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Gustaf Skördeman: „Wagner“ (Sara Nowak 3)

Vor kurzem habe ich „Wagner“ von Gustaf Skördeman gelesen. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2022 unter dem gleichen Titel im Bokförlaget Polaris veröffentlicht. Der Roman ist als Spionagethriller einzuordnen, für die Übersetzung aus dem Schwedischen zeichnet Thorsten Alms verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Trotz höchster Sicherheitsvorkehrungen gelingt es Doppelagentin Agneta Broman, einen russischen Oligarchen in London zu ermorden. Zur gleichen Zeit wird in Stockholm der frühere Außenminister von einem bekannten Firmenchef enthauptet. Dieser unfassbar brutale Mord wird gefilmt – und das Video der Polizei zugespielt. Kommissarin Sara Nowak übernimmt die Ermittlungen und ahnt zu dem Zeitpunkt noch nichts von dessen internationaler Dimension. Als weitere hochrangige Personen sich gegenseitig umbringen, taucht eine erste Spur auf. Sie führt zu einer Ölförderfirma und einem russischen Oligarchen. Bald erkennt Sara, dass sie sich mit ihren Ermittlungen jemanden zum tödlichen Feind macht …

„Wagner“ ist nach „Geiger“ und „Faust“ der abschließende Teil der Bestsellertrilogie von Gustaf Skördeman um die Polizistin Sara Nowak und internationale Spionagenetzwerke aus dem kalten Krieg. Dabei setzt die Handlung zeitnah nach dem Ende des zweiten Bandes ein. Aufgrund der vielen Querverbindungen zu den früheren Büchern ist es jedoch sehr ratsam, diese bereits gelesen zu haben, da einige Handlungsstränge sich durch alle Bücher ziehen.

Die Handlung ist – erneut – hochspannend und kurzweilig. Gustaf Skördeman mischt dabei ein buntes Konglomerat aus internationalem Spionagethriller, Politthriller und Terrorismus, aus familiären Konflikten, Rache, jugendlichem Aktivismus und Fanatismus zu einem fesselnden Pageturner, der lediglich am Ende etwas schwächelt und leider etwas zu offen endet, sodass man als Leser nach mehr verlangt – etwas unbefriedigend für das komplette Ende einer mehrbändigen Handlung.

Das Setting ist gelungen, aber bereits bekannt aus den letzten Büchern, auch wenn der Autor den Leser auch aus Stockholm heraus nach Berlin, Leipzig, Eisenach und in den arabischen Raum führt – immerhin etwas Abwechslung. Mittlerweile irritiert aber – nach drei Bänden – die weiterhin konsequente Bezeichnung aller Straßennamen bei Autofahrten – dieses Mal sogar in Berlin. Für nicht-schwedische Leser sind die Namen aus Stockholm dabei weiterhin schwierig, auch wenn man sich im Laufe der Zeit etwas daran gewöhnt hat.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei wurden die bekannten Figuren teils konsequent weiterentwickelt, insbesondere Ebba zeigt sich hier stark verbessert und als Leserliebling in diesem Teil. Neben ihr können aber auch Sara und Koslow brillieren. Gustaf Skördemans Schreibstil ist dabei leicht und flüssig zu lesen, temporeich und lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung kann ebenfalls glänzen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Buchdeckel ist auf Cover, Coverrückseite und Buchrücken hochwertig geprägt und mit farbigen Coverinnenseiten versehen. Das Titelmotiv zieht sich gut über den kompletten Umschlag und bildet ein tolles Gesamtbild. Dabei wird das Design durch eine tolle typographische Gestaltung des Titels und den Farbschnitt abgerundet, insgesamt entsteht so auch ein guter, einheitlicher Gesamteindruck der Reihe mit Wiedererkennungswert.

Mein Fazit? „Wagner“ ist ein im Wesentlichen gelungener Abschluss der Trilogie, der zwar zum Ende hin etwas schwächelt, dennoch weiterhin hochspannend ist und mit tollen Charakteren glänzt. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag vorgeschlagenen Lesealter von 16 Jahren – und nicht als Standalone.

[Buchgedanken] Volker Gerling: „Redemptio: Sie wissen alles“

Vor kurzem habe ich auch „Redemptio: Sie wissen alles“ von Volker Gerling gelesen. Das Buch ist 2023 im Kampenwand Verlag erschienen und als Thriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Eine neuartige Software mit Namen Redemptio soll die Verbrechensbekämpfung revolutionieren. Anstatt zu warten, bis eine Straftat begangen wurde, errechnet der brillante Algorithmus, wo und sogar wann das nächste Verbrechen mit hoher Wahrscheinlichkeit stattfinden wird. Die junge Polizeibeamtin Anabel Plate entdeckt jedoch, was tatsächlich hinter diesem Programm steckt: Die totale Kontrolle über alle und alles. Sie nimmt den Kampf gegen Mensch und Maschine auf. Aber es wird ein Rennen gegen die Zeit, denn Redemptio gerät außer Kontrolle.

„Redemptio: Sie wissen alles“ ist – augenscheinlich – ein Thriller, schließlich wird es so auch auf dem Cover beworben. Dabei könnte man das Buch – auch wenn es zeitlich nicht eingeordnet wird und vom Setting her nah an der Jetztzeit spielt – durchaus auch der Science Fiction zuordnen. Gleichsam vereint „Redemptio“ mehrere Unterarten des Thrillers, ist Politik- und Wissenschaftsthriller, sodass ich es der Einfachheit halber bei der groben Einordnung als Thriller belassen habe.

Die Prämisse der Handlung erinnert stark an „Minority Report“, dennoch ist die Geschichte kurzweilig und abwechslungsreich. Dabei greift der Roman aktuelle gesellschaftspolitische Themen wie den Umgang mit künstlicher Intelligenz, die Vulnerabilität von Demokratien und Überwachungskompetenzen der Sicherheitsbehörden/-dienste sowie deren Kontrolle auf und verwebt diese zu einem nicht immer logischen, aber durchweg spannenden Thriller.

Das Setting überzeugt dabei durchaus, ist allerdings mehr oder weniger auch austauschbar. So entführt der Autor den Leser in ein Deutschland nahe der Jetztzeit, geprägt durch bekannte politische und polizeiliche Systeme und Befugnisse – hier hätte auch nahezu jede andere, ähnliche Demokratie als Handlungsort fungieren können. Dabei hätte ich mir gern noch stärkere Einblicke in den Entstehungsprozess von „Redemptio“ gewünscht, eine etwas stärkere Fokussierung auf die technischen Aspekte des Thrillers.

Die einzelnen Figuren sind – im Wesentlichen – vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive, wenn auch aufgrund der Vielzahl an Personen (von denen einige das Ende des Romans nicht erleben) nicht alle im Detail ausgearbeitet werden konnten. Überzeugt haben hier vor allem Sybille und Anabel, während insbesondere Essling als einer der Antagonisten eher blass blieb. Volker Gerlings Schreibstil lässt sich hierbei locker und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist erheblich fehlerbehaftet. Während Cover und Umschlaggestaltung noch solide sind und auch der Buchsatz ordentlich aussieht, sind Lektorat und Korrektorat schlicht mangelhaft. Ich weiß nicht, ob in den Taschenbüchern im Druck eine frühe Version reingerutscht ist, aber eine solche Fülle an Fehlern finde ich nicht einmal in Vorableseexemplaren vor dem letzten Korrekturdurchgang – dies ist schlicht inakzeptabel und irritiert massivst, wenn man berücksichtigt, dass mir sicherlich nicht einmal alle Fehler aufgefallen sind.

Mein Fazit? „Redemptio: Sie wissen alles“ ist eigentlich ein im Wesentlichen gelungener Thriller mit kurzweiliger aber nicht unbekannter Handlung, der durch das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und den Gefahren durch KI glänzen kann. Für Leser des Genres ab 16 Jahren bedenkenlos zu empfehlen – allerdings nur, wenn in späteren Auflagen die massive Fehleranzahl hinreichend gut korrigiert worden ist.

[Buchgedanken] Hannah Conrad: „Wirbel um die Komtess“ (Das Lilienpalais 3)

Vor kurzem habe ich „Wirbel um die Komtess“ von Hannah Conrad, einem Pseudonym hinter dem sich die Autorinnen Frieda Bergmann, Persephone Haasis, Monika Pfundmeier und Laila El Omari verbergen, gelesen. Das Buch ist 2023 im Wilhelm Heyne Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen und als historische Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Augenscheinlich ist Isabella von Seybach bereit für die kommende Ballsaison. Bereit für atemberaubende Kleider, rauschende Feste und die Suche nach einem Ehemann. Insgeheim schmiedet sie aber ganz andere Pläne: Sie will ihre Leidenschaft für das Theater ausleben! Als Rudolf Heiland, Hofschauspieler und der wohl begehrenswerteste Mann Münchens, Isabella seine verruchte und aufregende Welt zeigt, kann sie nicht widerstehen. Ihr engster Vertrauter Leopold von Löwenstein plant inzwischen seine eigene Zukunft – ohne Isabella. Das weckt Gefühle in ihr, die sie lange vor sich selbst versteckt hat. Isabella muss sich entscheiden. Für was – und vor allem für wen – schlägt ihr Herz wirklich?

„Wirbel um die Komtess“ ist nach „Eine fast perfekte Debütantin“ und „Ein Graf auf Abwegen“ der dritte Band der lose zusammenhängenden Lilienpalais-Reihe des Autorenquartetts. Wie schon beim Vorgänger könnte man das Buch natürlich auch wieder als historischen Roman oder als Historical Romance einordnen – aufgrund der familiären Zusammenhänge zwischen den Bänden habe ich es jedoch bei der Eingruppierung als (historische) Familiensaga belassen, auch wenn diese üblicherweise mehrere Generationen abdeckt, hier jedoch einzelne Protagonisten innerhalb der gleichen Generation verwendet.

Die Handlung ist abwechslungsreich und spannend und wartet teils mit unerwarteten Wendungen auf. Hannah Conrad serviert in diesem Band ein Potpourri aus klassischen Familiendramen, historischem Feminismus und queeren Ansätzen – und fast sogar einem Liebesquartett (Love Triangles sind wohl veraltet). Dabei kann der Roman als Standalone gelesen werden, zur besseren Würdigung aller Querverweise würde ich aber auch die Lektüre der ersten Bände empfehlen, da das Buch dann einfach noch besser wirkt – ich selbst bin ja leider erst mit dem zweiten Band eingestiegen.

Das Setting brilliert natürlich auf ganzer Linie – und lebt von den Gegensätzen. Während im letzten Band das klassische Downton-Abbey-Setting mit den gegensätzliche Welten der Herrschaft und Dienerschaft präsentiert wurde, wird hier die High Society mit Debütantenbällen der schillernden, eskapistischen Theaterwelt gegenübergestellt – und es ist somit erneut eine wahnsinnig aufregende, opulente Reise ins München des 19. Jahrhundert; eine Reise, die ich gern erneut antreten würde.

Die einzelnen Protagonisten sind vielschichtig angelegt, haben eigene Ziele und Motive – sind teils aber zu perfekt geraten, mit zu wenig Schwächen, so dass man als Leser nicht nur bei Isabella, die mich in Band zwei bereits begeisterte, sondern auch vor allem bei Julie von Hegenberg als wichtige Nebenfigur ins Schwärmen gerät. Der Schreibstil lässt sich leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anspringen, die weniger strenge historische Authentizität stört hierbei nicht wirklich.

Die Buchgestaltung überzeugt erneut völlig. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist gelungen und wartet mit kleinen Verzierungen zu Kapitelbeginn auf. Der Buchdeckel ist auf dem Cover hochwertig geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen. Das Covermotiv ist ansehnlich, wenn auch etwas nichtssagend und austauschbar – insgesamt sorgt die Gestaltung jedoch für einen gewissen Wiedererkennungswert und passt sich gutin das Gesamtbild der Reihe ein.

Mein Fazit? „Wirbel um die Komtess“ ist eine gelungene Fortsetzung der Reihe „Das Lilienpalais“, die vor allem mit einem tollen, teils eskapistischen Setting, einer abwechslungsreichen Handlung und einer tollen Protagonistin punkten kann. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Malin Persson Giolito: „Mit zitternden Händen“

Vor kurzem habe ich „Mit zitternden Händen“ von Malin Persson Giolito gelesen. Der Roman ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2022 unter dem Originaltitel „I dina händer“ bei Wahlström & Widstrand veröffentlicht. Das Buch ist hierbei als Kriminalroman einzuordnen, für die Übersetzung aus dem Schwedischen zeichnet Thorsten Alms verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Billy und Dogge sind seit Kindesbeinen eng befreundet. Dass sie aus sehr unterschiedlichen Eltern­häusern kommen, hat sie nie gestört. Während Dogge meist von seinen wohlhabenden Eltern allein gelassen wurde, ist Billy, aus einer Einwandererfamilie stammend, umgeben von einer Bastion der Liebe aufgewachsen. Als kriminelle Banden Billys Wohnviertel mehr und mehr beherrschen, werden sowohl Dogge als auch Billy rekrutiert. Allzu gerne schließen sich die beiden an – angelockt durch schnelles Geld und leichten Zugang zu Drogen. Doch dann will Billy mit Hilfe seiner Mutter aussteigen …

„Mit zitternden Händen“ ist der neue Roman der Autorin, die mit „Im Traum kannst du nicht lügen“ einen Welterfolg landete, der auch von Netflix unter dem Titel „Quicksand“ verfilmt wurde. Und so ist es keine Überraschung, dass auch „Mit zitternden Händen“ für den Streaminggiganten als Serie adaptiert wird. Dabei ist der Roman zwar als Kriminalroman bezeichnet, er zeigt aber auch Aspekte eines (Jugend-) Thrillers – die Übergänge sind hier ohnehin fließend – und ist im allerweitesten Sinne auch Gegenwartsliteratur, ist der Roman doch durchaus auch ein teils gesellschaftskritisches Porträt verschiedener Milieus der schwedischen Gesellschaft und der organisierten Kriminalität.

Die Handlung ist hierbei hochspannend und kurzweilig – und immer mal wieder mit unerwarteten Wendungen versehen. Dabei wird sie in zwei verschiedenen Zeitebenen erzählt. So wechseln sich Abschnitte der aktuellen Handlung mit Blicken in die Vergangenheit von Billy und Dogge ab. So wichtig und gleichberechtigt beide Zeitabschnitte sind, hätte ich mir hier jedoch gewünscht, dass die einzelnen Passagen länger, die Wechsel daher etwas reduzierter sind, da es durch die nun doch sehr häufigen Wechsel der Handlung etwas an Stringenz fehlt.

Das Setting brilliert auf ganzer Linie. So zeigt Malin Persson Giolito die Gegensätze der schwedischen Gesellschaft am Beispiel zweier benachbarter Vororte, beschreibt anschaulich den Klammergriff der organisierten Kriminalität in strukturschwachen Regionen und Gesellschaftsschichten – mit einer bestürzenden und beklemmenden Perspektive für die Jugend. Und auch bei der Polizeiarbeit werden hier interessante Aspekte näher beleuchtet, sei es das Thema Opferschutz oder auch Strafmündigkeit und Jugendkriminalität.

Die Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen vor allem wichtige Nebencharaktere wie Nadja, Leila und Tusane, während Dogge in manchen Situationen etwas blass verbleibt – und auch Farid nicht immer nachvollziehbar handelt. Malin Persson Giolitos Schreibstil ist dabei leicht und flüssig zu lesen, atmosphärisch unglaublich stark und lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung kann ebenfalls größtenteils glänzen. Lektorat und Korrektorat haben größtenteils sauber gearbeitet und nur Kleinigkeiten übersehen, der Buchsatz ist solide. Der Buchumschlag ist genretypisch gestaltet, das Cover ansehnlich, die Coverrückseite jedoch ein wahrer Eyecatcher – sehr innovativ gestaltet. Das unter dem Umschlag befindliche Buch ist hingegen eher schlicht.

Mein Fazit? „Mit zitternden Händen“ ist ein atmosphärisch unglaublich starker Kriminalroman, der vor allem mit seinem tollen Setting und einer hochspannenden Handlung punktet, durch die ständigen Wechsel der Erzählzeit aber etwas an Stringenz verliert. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Johanna von Wild: „Das Erbe derer von Thurn und Taxis“

Vor kurzem habe ich „Das Erbe derer von Thurn und Taxis“ von Johanna von Wild gelesen. Das Buch ist 2023 in der Gmeiner-Verlag GmbH erschienen und als historischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Mitten im Dreißigjährigen Krieg begegnen sich Silas von Maringer, Sohn des Oberstallmeisters des Mainzer Kurfürsten, und Gräfin Alexandrine von Taxis. Beide fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Als ihr Ehemann stirbt, wird Alexandrine zur Generalpostmeisterin ernannt. Doch um das Erbe ihrer Kinder zu bewahren, darf sie nicht erneut heiraten. Als Silas in ihren Dienst tritt, wird es immer schwerer standhaft zu bleiben. Erst als er von einem Ritt nicht mehr zurückkehrt, ändert sich alles und Alexandrine muss um ihre Liebe fürchten.

„Das Erbe derer von Thurn und Taxis“ ist der neueste historische Roman, den die Autorin Biggi Rist unter ihrem für das Genre genutzten Pseudonym Johanna von Wild veröffentlicht hat. Dabei deckt der Roman im Wesentlichen den Zeitraum des 30-jährigen Krieges ab, spielt er doch von 1623 bis 1648, eine der dunkelsten Epochen der europäischen Geschichte. Im Zentrum des Romans steht Alexandrine von Taxis, die in diesen dunklen Wirren das Erbe der Familie zu verteidigen sucht.

Die Handlung ist hierbei abwechslungsreich und spannend, wenn auch an einigen Stellen mit Längen versehen, insbesondere im Mittelteil, wenn sich das Buch etwas von den Protagonisten entfernt und vielmehr das Kriegsgeschehen in den Fokus rückt, das den meisten Lesern doch grob bekannt sein sollte. Dies resultiert leider auch in einem größeren Zeitsprung – hier hätte man gegebenenfalls andere Schwerpunkte setzen, das etwas besser ausbalancieren können. Meistens gelingt es der Autorin jedoch, nah an den Protagonisten die grausame und herausfordernde Zeit für den Leser vor dem inneren Auge erlebbar zu machen, insbesondere im letzten Drittel des Romans.

Das Setting überzeugt (wie kaum anders zu erwarten war) auf ganzer Linie. So entführt die Autorin den Leser ins Europa des 17. Jahrhunderts, in einen Kampf der Konfessionen und gekrönten Häupter, in eine Zeit der Pest, des Hungers und der großen Umwälzungen. Dabei beleuchtet Johanna von Wild im Detail das damalige Postwesen und die Probleme, die der Krieg für die Postreiter mit sich brachte – ein doch eher unübliches Thema, obwohl das Adelsgeschlecht derer von (Thurn und) Taxis ja bis heute weithin bekannt ist.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen neben Alexandrine vor allem wichtige Nebenfiguren wie Hella, Lamo und Amalia, während Silas doch nicht immer nachvollziehbar handelt. Johanna von Wilds Schreibstil lässt sich größtenteils leicht und flüssig lesen, ist authentisch und zeugt von einer ausreichenden Recherche.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, zudem wird die Geschichte durch eine vorangestellte Dramatis Personae und nachgestellte Anmerkungen, einen Zeitstrahl und eine Karte unterstützt, wobei letztere gerade im Druck etwas wirr erscheint – anstelle der Truppenbewegungen wäre vielleicht eine Karte der Handlungsorte oder Poststationen sinnvoller gewesen. Der Buchdeckel ist auf Cover, Coverrückseite und Buchrücken hochwertig geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, das Cover durchaus genretypisch, auch wenn ich zugunsten eines größeren Wappens gern auf den stilisierten Postreiter verzichtet hätte.

Mein Fazit? „Das Erbe derer von Thurn und Taxis“ ist ein durchaus überzeugender historischer Roman, der vor allem durch sein ungewöhnliches Thema und tolles Setting punktet, aber auch kleinere Längen aufweist. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Mathias Berg: „Die Kriminalistinnen. Der Tod des Blumenmädchens“ (Kriminalistinnen 1)

Vor kurzem habe ich „Die Kriminalistinnen. Der Tod des Blumenmädchens“ von Mathias Berg gelesen. Das Buch ist 2023 in der Emons Verlag GmbH erschienen und als historischer Kriminalroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Düsseldorf, 1969: Erstmals werden Frauen zu Kriminalbeamtinnen ausgebildet – ein Novum, das Widerstände in der Behörde und der Bevölkerung hervorruft. Die zweiundzwanzigjährige Lucia Specht lässt sich davon nicht abhalten. Sie ist fasziniert vom Beruf der Kriminalistin und fest entschlossen, der Enge ihrer Heimatstadt zu entkommen. Als ein junges Hippiemädchen brutal ermordet wird, nimmt sich Lucia unter Mithilfe ihrer Kolleginnen des Falls an – und beweist, dass sie das Zeug zur Ermittlerin hat.

„Der Tod des Blumenmädchens“ ist ein Roman über die ersten Kriminalistinnen der Geschichte. Zwar sind noch keine Folgebände angekündigt (zumindest, soweit ich es gefunden habe), da der Autor das Buch aber als Band 1 einer „Retro-Krimireihe“ bewirbt, bin ich zuversichtlich, was Fortsetzungen angeht – denn genau darauf ist das Buch auch ausgelegt. Aus meiner Sicht handelt es sich aber nicht um einen Retro-Krimi, sondern vielmehr um einen (bereits) historischen Kriminalroman – auch wenn die Eingruppierung als zeitgeschichtlichen Kriminalroman des Verlags ebenfalls passt. Darüber hinaus ist „Der Tod des Blumenmädchens“ auch ein feministischer Roman, behandelt er doch auch fernab der Aufnahme der Frauen in der Polizei weitere, zeitgeschichtlich-feministische Themen wie die Strafbarkeit von Abtreibungen und die notwendige Erlaubnis des Ehemannes, dass die Frau arbeiten darf.

Die Handlung ist hierbei kurzweilig, abwechslungsreich und durchaus spannend und mit unerwarteten Wendungen versehen. Zwar hätte der Fall durchaus noch etwas komplexer sein können, durch den gleichzeitigen Fokus auf die Ausbildung der Kriminalistinnen hätte dies das Buch aber vielleicht auch etwas überfrachtet – hier kann ja nach nunmehr angelegten Figuren gegebenenfalls im nächsten Band der Reihe noch etwas nachgelegt, können die offenen Handlungsstränge noch intensiver miteinander verknüpft werden. Positiv überrascht hat mich zudem das Ende, das dafür sorgt, dass das Buch als Standalone gelesen werden kann, aber auch genug Potential für die Folgebände lässt und nicht den einfachsten Ausweg aus der Handlung sucht.

Das Setting ist naturgemäß gelungen. So entführt der Leser den Autor ins Düsseldorf Ende der 60er Jahre, in eine Zeit zwischen Flower Power, feministischem Lesezirkel und verkrusteten Strukturen. Dabei wird der krasse Unterschied zwischen Pott und florierender Großstadt in der Figur von Lucia mehr als deutlich – was nicht zuletzt am Dialekt liegt, den ihre restliche Familie spricht. Highlight des Settings sind übrigens die tollen Szenelokale und Clubs – wer nach der Lektüre nicht selbst ins Creamcheese möchte, dem ist wohl auch nicht mehr zu helfen.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Aufgrund der Fülle an Kriminalistinnen und anderen Figuren sind zwar noch nicht alle bis ins Detail ausgearbeitet, neben Lucia können dennoch wichtige Nebencharaktere wie Otto, Toni und Mieze überzeugen. Mathias Bergs Schreibstil ist dabei leicht und flüssig zu lesen und lässt das Kopfkino sofort anspringen. Ältere Begriffe und dialektische Gespräche lassen sich im Regelfall aus dem Konsens erschließen und stören so ebenfalls nicht den Lesefluss, sondern sorgen vielmehr für Authentizität.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Buchdeckel ist auf dem Buchrücken leicht geprägt, Cover und Coverrückseite sind zudem farblich toll gestaltet, wenn auch ungewöhnlich für einen Krimi. Das Covermotiv kann allerdings nicht in Gänze überzeugen, genau wie auch die etwas konservative Typographie auf dem Cover und die Komposition des Umschlags generell. Es bleibt zudem abzuwarten, ob es zumindest gelingt, mit den Folgebänden einen einheitlichen Gesamteindruck der Reihe mit Wiedererkennungswert zu erzeugen.

Mein Fazit? „Die Kriminalistinnen. Der Tod des Blumenmädchens“ ist ein toller Auftakt in die historische Krimireihe, der vor allem mit einer abwechslungsreichen Handlung, einem tollen Ende und interessanten Figuren überzeugen kann. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Gina Schad: „Nach einem Traum“

Vor kurzem habe ich zudem „Nach einem Traum“ von Gina Schad gelesen. Das Buch ist 2023 im Goya Verlag in der JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH erschienen und als Gegenwartsliteratur einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Marie und Simon sind verliebt, aber Simon ist verheiratet. Im Internet finden sie einen Raum, in dem sie sich trotz allem näherkommen – und nicht voneinander lassen können. Als Marie bemerkt, dass sie sich im Kreis drehen, versucht sie, Abstand zu gewinnen. Doch es ist wie verhext: Jedes Mal, wenn sie gerade etwas Distanz zu Simon bekommt, läuft sie ihm zufällig über den Weg. Oder sind ihre Begegnungen gar nicht so zufällig?

„Nach einem Traum“ ist der Debütroman der Medienwissenschaftlerin Gina Schad, die auch bereits ein Sachbuch zum Thema „Digitale Verrohung?“ geschrieben hat. Passenderweise dreht sich daher auch der Roman um das Thema der Liebe in Zeiten von Social Media und allumfassender digitaler Kontrollmöglichkeiten. Dabei ist der Roman – trotz der zentralen Fixierung auf die Liebe – nicht als Liebesroman, sondern eher als Roman der Gegenwartsliteratur einzuordnen.

Die Handlung ist kurzweilig, allerdings auch nicht allzu ereignisreich, geht es doch vielmehr um Maries immer stärker werdende Obsession und ihren Realitätsverlust. Dabei schafft es die Autorin, Beklemmung beim Leser zu erzeugen, und ihn Maries Ohnmacht und Verzweiflung spüren zu lassen. Allerdings vermag das Ende hier nicht vollends zu überzeugen, bleibt es doch vage und ohne eine richtige Auflösung und lässt so den Leser teils unbefriedigt zurück. Gina Schads Schreibstil ist hingegen leicht und flüssig lesbar und lässt das Kopfkino durchaus anspringen.

Das Setting ist gelungen, aber auch austauschbar, liegt der Schwerpunkt doch eindeutig auf den Beziehungen und Nichtbeziehungen der Protagonisten untereinander. Dennoch sind Berlin und – für ein kurzes Intermezzo – Hamburg natürlich tolle Schauplätze, in denen das Leben nur so pulsiert. Zugleich nimmt die Autorin den Leser mit in die Welt einer klassischen Orchestermusikerin – auch kein so ganz alltäglicher Beruf in modernen Romanen und daher ebenfalls sehr interessant.

Aufgrund der Länge des Romans und der doch starken Konzentrierung auf Marie ist die Anzahl der handelnden Personen stark beschränkt – dennoch kann gerade Josie als Nebenfigur durchaus überzeugen, während Simons Handlungen bisweilen irrational und nicht nachvollziehbar bleiben. Und Marie … Marie ist so der Realität entschwunden, hat sich selbst in den teils toxischen Beziehungen so verloren, dass jede Identifikation mit ihr schlussendlich scheitert – aber dies aus gutem Grund.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben im Wesentlichen ordentlich gearbeitet, allerdings hätten die Chatverläufe durchaus innovativer gesetzt werden können. Auch hätte ich mich gefreut, wenn in Danksagung oder einem Nachwort gegebenenfalls Anlaufstellen oder Hilfestellungen für Betroffene von ähnlichen Problemen aufgelistet worden wären. Der Buchumschlag ist zudem – genau wie das darunterliegende Buch – relativ schlicht und eintönig. Zwar ist das Covermotiv verspielt und künstlerisch, mir fehlt jedoch etwas der Bezug zur Handlung.

Mein Fazit? „Nach einem Traum“ ist ein im Großen und Ganzen gelungener Debütroman, der vor allem durch seine spürbare Beklemmung und Authentizität punktet und wichtige Themen anspricht, zum Ende hin jedoch etwas abbaut. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Stephan Ludwig: „Der nette Herr Heinlein und die Leichen im Keller“

Vor kurzem habe ich „Der nette Herr Heinlein und die Leichen im Keller“ von Stephan Ludwig gelesen. Das Buch ist 2023 bei FISCHER Scherz in der S. Fischer Verlag GmbH erschienen und als Cosy Crime einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Norbert Heinlein, Delikatessenhändler in dritter Generation, legt größten Wert auf Qualität und Tradition. Seine Kundschaft geht ihm über alles, er bedient sie mit ausgesuchter Höflichkeit. So auch seinen neuen Stammkunden Adam Morlok, einen charismatischen Geschäftsmann. Bis Morlok eines Tages durch ein Versehen Heinleins tot zusammenbricht. In seiner Panik lagert Heinlein Morloks Leiche kurzerhand im alten Kühlhaus im Keller zwischen. Doch statt einen Weg aus der Sache zu finden, gerät Heinlein immer tiefer hinein. Und es wird nicht bei einer Leiche im Keller bleiben – Morlok bekommt bald Gesellschaft im Kühlhaus …

„Der nette Herr Heinlein und die Leichen im Keller“ ist mein erster Roman von Stephan Ludwig, dem Autor der Krimi-Bestsellerreihe um die Kommissare Zorn und Schröder, die auch hier einen Gastauftritt haben. Im Gegensatz zu der bekannten Reihe, ist der Roman um Norbert Heinlein jedoch kein klassischer Thriller oder Krimi, sondern vielmehr als Cosy Crime einzuordnen – oder auch als kulinarischer Kriminalroman, die Grenzen hier sind ohnehin fließend.

Die Handlung ist abwechslungsreich und kurzweilig, und vor allem sehr humorvoll, teils fast britisch-schwarzhumorig anmutend – was definitiv zum cosy Gefühl des Romans beiträgt. Dabei kann die Handlung gerade zu Anfang überzeugen, während sie in der zweiten Hälfte leider etwas abbaut, teils ins gänzlich Abstruse abgleitet. Auch das Ende lässt mich als Leser leicht unbefriedigt zurück, ist es doch nicht nur skurril, sondern auch zu offen, ohne einen regulären Krimiabschluss zu liefern. Nichtsdestotrotz spricht der Roman neben der Handlung auch wichtige Themen an wie die Verödung von Innenstädten, die Discounter-Mentalität, Sterbehilfe und häusliche Pflege oder auch Spendenbetrug – um nur einige zu nennen.

Das Setting ist gelungen. So entführt der Autor den Leser in eine – ich glaube nie näher benannte, gegebenenfalls auch fiktive – ostdeutsche Stadt, bei der es sich jedenfalls nicht – wie in der Fernsehserie zu Zorn/Schröder – um Halle an der Saale handelt, wie der Autor dem MDR in einem Interview verriet. Toll sind hierbei die kulinarischen Ausflüge zusammen mit Heinlein in die verschiedenen Aromenwelten der Gourmetküche, in Geschmäcke und Gerüche, die sich zu kulinarischen Meisterwerken zusammensetzen und mit Bildern gleichgesetzt werden.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei glänzen insbesondere Keferlein und auch Marvin, während Heinlein zwar anfangs brilliert, zum Ende hin aber stark nachlässt. Stephan Ludwigs Schreibstil ist dabei leicht und flüssig zu lesen, sehr humorvoll und lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung überzeugt auf ganzer Linie. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist schön anzusehen, lediglich die Briefe an Lupita hätte man noch etwas trennschärfer abgrenzen können. Der Umschlag ist auf Cover, Buchrücken und Coverrückseite hochwertig geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, wobei auf der vorderen Innenseite eine Karte zur Unterstützung der Handlung abgedruckt ist. Das Cover ist sehr simpel aber farblich toll, insbesondere der Farbverlauf im Buchtitel ist gelungen. Gegebenenfalls hätte man für den – so beworbenen – kulinarischen Krimi aber auch noch einige Rezepte unterstützend anhängen können.

Mein Fazit? „Der nette Herr Heinlein und die Leichen im Keller“ ist ein humorvoller Cosy Crime Roman, der unglaublich stark beginnt, aber leider in der zweiten Hälfte auch etwas nachlässt. Dennoch bedenkenlos für Liebhaber des Genres zu empfehlen – nicht erst ab dem vom Verlag angegebenen Alter von 18, sondern meines Erachtens durchaus auch schon ab 16 Jahren.