[Buchgedanken] Mathias Berg: „Die Kriminalistinnen. Der Tod des Blumenmädchens“ (Kriminalistinnen 1)

Vor kurzem habe ich „Die Kriminalistinnen. Der Tod des Blumenmädchens“ von Mathias Berg gelesen. Das Buch ist 2023 in der Emons Verlag GmbH erschienen und als historischer Kriminalroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Düsseldorf, 1969: Erstmals werden Frauen zu Kriminalbeamtinnen ausgebildet – ein Novum, das Widerstände in der Behörde und der Bevölkerung hervorruft. Die zweiundzwanzigjährige Lucia Specht lässt sich davon nicht abhalten. Sie ist fasziniert vom Beruf der Kriminalistin und fest entschlossen, der Enge ihrer Heimatstadt zu entkommen. Als ein junges Hippiemädchen brutal ermordet wird, nimmt sich Lucia unter Mithilfe ihrer Kolleginnen des Falls an – und beweist, dass sie das Zeug zur Ermittlerin hat.

„Der Tod des Blumenmädchens“ ist ein Roman über die ersten Kriminalistinnen der Geschichte. Zwar sind noch keine Folgebände angekündigt (zumindest, soweit ich es gefunden habe), da der Autor das Buch aber als Band 1 einer „Retro-Krimireihe“ bewirbt, bin ich zuversichtlich, was Fortsetzungen angeht – denn genau darauf ist das Buch auch ausgelegt. Aus meiner Sicht handelt es sich aber nicht um einen Retro-Krimi, sondern vielmehr um einen (bereits) historischen Kriminalroman – auch wenn die Eingruppierung als zeitgeschichtlichen Kriminalroman des Verlags ebenfalls passt. Darüber hinaus ist „Der Tod des Blumenmädchens“ auch ein feministischer Roman, behandelt er doch auch fernab der Aufnahme der Frauen in der Polizei weitere, zeitgeschichtlich-feministische Themen wie die Strafbarkeit von Abtreibungen und die notwendige Erlaubnis des Ehemannes, dass die Frau arbeiten darf.

Die Handlung ist hierbei kurzweilig, abwechslungsreich und durchaus spannend und mit unerwarteten Wendungen versehen. Zwar hätte der Fall durchaus noch etwas komplexer sein können, durch den gleichzeitigen Fokus auf die Ausbildung der Kriminalistinnen hätte dies das Buch aber vielleicht auch etwas überfrachtet – hier kann ja nach nunmehr angelegten Figuren gegebenenfalls im nächsten Band der Reihe noch etwas nachgelegt, können die offenen Handlungsstränge noch intensiver miteinander verknüpft werden. Positiv überrascht hat mich zudem das Ende, das dafür sorgt, dass das Buch als Standalone gelesen werden kann, aber auch genug Potential für die Folgebände lässt und nicht den einfachsten Ausweg aus der Handlung sucht.

Das Setting ist naturgemäß gelungen. So entführt der Leser den Autor ins Düsseldorf Ende der 60er Jahre, in eine Zeit zwischen Flower Power, feministischem Lesezirkel und verkrusteten Strukturen. Dabei wird der krasse Unterschied zwischen Pott und florierender Großstadt in der Figur von Lucia mehr als deutlich – was nicht zuletzt am Dialekt liegt, den ihre restliche Familie spricht. Highlight des Settings sind übrigens die tollen Szenelokale und Clubs – wer nach der Lektüre nicht selbst ins Creamcheese möchte, dem ist wohl auch nicht mehr zu helfen.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Aufgrund der Fülle an Kriminalistinnen und anderen Figuren sind zwar noch nicht alle bis ins Detail ausgearbeitet, neben Lucia können dennoch wichtige Nebencharaktere wie Otto, Toni und Mieze überzeugen. Mathias Bergs Schreibstil ist dabei leicht und flüssig zu lesen und lässt das Kopfkino sofort anspringen. Ältere Begriffe und dialektische Gespräche lassen sich im Regelfall aus dem Konsens erschließen und stören so ebenfalls nicht den Lesefluss, sondern sorgen vielmehr für Authentizität.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Buchdeckel ist auf dem Buchrücken leicht geprägt, Cover und Coverrückseite sind zudem farblich toll gestaltet, wenn auch ungewöhnlich für einen Krimi. Das Covermotiv kann allerdings nicht in Gänze überzeugen, genau wie auch die etwas konservative Typographie auf dem Cover und die Komposition des Umschlags generell. Es bleibt zudem abzuwarten, ob es zumindest gelingt, mit den Folgebänden einen einheitlichen Gesamteindruck der Reihe mit Wiedererkennungswert zu erzeugen.

Mein Fazit? „Die Kriminalistinnen. Der Tod des Blumenmädchens“ ist ein toller Auftakt in die historische Krimireihe, der vor allem mit einer abwechslungsreichen Handlung, einem tollen Ende und interessanten Figuren überzeugen kann. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Gina Schad: „Nach einem Traum“

Vor kurzem habe ich zudem „Nach einem Traum“ von Gina Schad gelesen. Das Buch ist 2023 im Goya Verlag in der JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH erschienen und als Gegenwartsliteratur einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Marie und Simon sind verliebt, aber Simon ist verheiratet. Im Internet finden sie einen Raum, in dem sie sich trotz allem näherkommen – und nicht voneinander lassen können. Als Marie bemerkt, dass sie sich im Kreis drehen, versucht sie, Abstand zu gewinnen. Doch es ist wie verhext: Jedes Mal, wenn sie gerade etwas Distanz zu Simon bekommt, läuft sie ihm zufällig über den Weg. Oder sind ihre Begegnungen gar nicht so zufällig?

„Nach einem Traum“ ist der Debütroman der Medienwissenschaftlerin Gina Schad, die auch bereits ein Sachbuch zum Thema „Digitale Verrohung?“ geschrieben hat. Passenderweise dreht sich daher auch der Roman um das Thema der Liebe in Zeiten von Social Media und allumfassender digitaler Kontrollmöglichkeiten. Dabei ist der Roman – trotz der zentralen Fixierung auf die Liebe – nicht als Liebesroman, sondern eher als Roman der Gegenwartsliteratur einzuordnen.

Die Handlung ist kurzweilig, allerdings auch nicht allzu ereignisreich, geht es doch vielmehr um Maries immer stärker werdende Obsession und ihren Realitätsverlust. Dabei schafft es die Autorin, Beklemmung beim Leser zu erzeugen, und ihn Maries Ohnmacht und Verzweiflung spüren zu lassen. Allerdings vermag das Ende hier nicht vollends zu überzeugen, bleibt es doch vage und ohne eine richtige Auflösung und lässt so den Leser teils unbefriedigt zurück. Gina Schads Schreibstil ist hingegen leicht und flüssig lesbar und lässt das Kopfkino durchaus anspringen.

Das Setting ist gelungen, aber auch austauschbar, liegt der Schwerpunkt doch eindeutig auf den Beziehungen und Nichtbeziehungen der Protagonisten untereinander. Dennoch sind Berlin und – für ein kurzes Intermezzo – Hamburg natürlich tolle Schauplätze, in denen das Leben nur so pulsiert. Zugleich nimmt die Autorin den Leser mit in die Welt einer klassischen Orchestermusikerin – auch kein so ganz alltäglicher Beruf in modernen Romanen und daher ebenfalls sehr interessant.

Aufgrund der Länge des Romans und der doch starken Konzentrierung auf Marie ist die Anzahl der handelnden Personen stark beschränkt – dennoch kann gerade Josie als Nebenfigur durchaus überzeugen, während Simons Handlungen bisweilen irrational und nicht nachvollziehbar bleiben. Und Marie … Marie ist so der Realität entschwunden, hat sich selbst in den teils toxischen Beziehungen so verloren, dass jede Identifikation mit ihr schlussendlich scheitert – aber dies aus gutem Grund.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben im Wesentlichen ordentlich gearbeitet, allerdings hätten die Chatverläufe durchaus innovativer gesetzt werden können. Auch hätte ich mich gefreut, wenn in Danksagung oder einem Nachwort gegebenenfalls Anlaufstellen oder Hilfestellungen für Betroffene von ähnlichen Problemen aufgelistet worden wären. Der Buchumschlag ist zudem – genau wie das darunterliegende Buch – relativ schlicht und eintönig. Zwar ist das Covermotiv verspielt und künstlerisch, mir fehlt jedoch etwas der Bezug zur Handlung.

Mein Fazit? „Nach einem Traum“ ist ein im Großen und Ganzen gelungener Debütroman, der vor allem durch seine spürbare Beklemmung und Authentizität punktet und wichtige Themen anspricht, zum Ende hin jedoch etwas abbaut. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Stephan Ludwig: „Der nette Herr Heinlein und die Leichen im Keller“

Vor kurzem habe ich „Der nette Herr Heinlein und die Leichen im Keller“ von Stephan Ludwig gelesen. Das Buch ist 2023 bei FISCHER Scherz in der S. Fischer Verlag GmbH erschienen und als Cosy Crime einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Norbert Heinlein, Delikatessenhändler in dritter Generation, legt größten Wert auf Qualität und Tradition. Seine Kundschaft geht ihm über alles, er bedient sie mit ausgesuchter Höflichkeit. So auch seinen neuen Stammkunden Adam Morlok, einen charismatischen Geschäftsmann. Bis Morlok eines Tages durch ein Versehen Heinleins tot zusammenbricht. In seiner Panik lagert Heinlein Morloks Leiche kurzerhand im alten Kühlhaus im Keller zwischen. Doch statt einen Weg aus der Sache zu finden, gerät Heinlein immer tiefer hinein. Und es wird nicht bei einer Leiche im Keller bleiben – Morlok bekommt bald Gesellschaft im Kühlhaus …

„Der nette Herr Heinlein und die Leichen im Keller“ ist mein erster Roman von Stephan Ludwig, dem Autor der Krimi-Bestsellerreihe um die Kommissare Zorn und Schröder, die auch hier einen Gastauftritt haben. Im Gegensatz zu der bekannten Reihe, ist der Roman um Norbert Heinlein jedoch kein klassischer Thriller oder Krimi, sondern vielmehr als Cosy Crime einzuordnen – oder auch als kulinarischer Kriminalroman, die Grenzen hier sind ohnehin fließend.

Die Handlung ist abwechslungsreich und kurzweilig, und vor allem sehr humorvoll, teils fast britisch-schwarzhumorig anmutend – was definitiv zum cosy Gefühl des Romans beiträgt. Dabei kann die Handlung gerade zu Anfang überzeugen, während sie in der zweiten Hälfte leider etwas abbaut, teils ins gänzlich Abstruse abgleitet. Auch das Ende lässt mich als Leser leicht unbefriedigt zurück, ist es doch nicht nur skurril, sondern auch zu offen, ohne einen regulären Krimiabschluss zu liefern. Nichtsdestotrotz spricht der Roman neben der Handlung auch wichtige Themen an wie die Verödung von Innenstädten, die Discounter-Mentalität, Sterbehilfe und häusliche Pflege oder auch Spendenbetrug – um nur einige zu nennen.

Das Setting ist gelungen. So entführt der Autor den Leser in eine – ich glaube nie näher benannte, gegebenenfalls auch fiktive – ostdeutsche Stadt, bei der es sich jedenfalls nicht – wie in der Fernsehserie zu Zorn/Schröder – um Halle an der Saale handelt, wie der Autor dem MDR in einem Interview verriet. Toll sind hierbei die kulinarischen Ausflüge zusammen mit Heinlein in die verschiedenen Aromenwelten der Gourmetküche, in Geschmäcke und Gerüche, die sich zu kulinarischen Meisterwerken zusammensetzen und mit Bildern gleichgesetzt werden.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei glänzen insbesondere Keferlein und auch Marvin, während Heinlein zwar anfangs brilliert, zum Ende hin aber stark nachlässt. Stephan Ludwigs Schreibstil ist dabei leicht und flüssig zu lesen, sehr humorvoll und lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung überzeugt auf ganzer Linie. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist schön anzusehen, lediglich die Briefe an Lupita hätte man noch etwas trennschärfer abgrenzen können. Der Umschlag ist auf Cover, Buchrücken und Coverrückseite hochwertig geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, wobei auf der vorderen Innenseite eine Karte zur Unterstützung der Handlung abgedruckt ist. Das Cover ist sehr simpel aber farblich toll, insbesondere der Farbverlauf im Buchtitel ist gelungen. Gegebenenfalls hätte man für den – so beworbenen – kulinarischen Krimi aber auch noch einige Rezepte unterstützend anhängen können.

Mein Fazit? „Der nette Herr Heinlein und die Leichen im Keller“ ist ein humorvoller Cosy Crime Roman, der unglaublich stark beginnt, aber leider in der zweiten Hälfte auch etwas nachlässt. Dennoch bedenkenlos für Liebhaber des Genres zu empfehlen – nicht erst ab dem vom Verlag angegebenen Alter von 18, sondern meines Erachtens durchaus auch schon ab 16 Jahren.

[Buchgedanken] Sebastian Beck: „Vinz Solo“

Vor kurzem habe ich „Vinz Solo“ von Sebastian Beck gelesen. Das Buch ist 2023 in der Langen Müller Verlag GmbH erschienen und als Entwicklungsroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Die niederbayerische Provinz in den Achtzigern: In Artlhofen tobt der Kulturkampf zwischen Kirche, CSU und der Anti-Atombewegung. Mittendrin der 18-jährige Oberministrant Vinzenz Bachmaier, der endlich auch einmal cool sein möchte. Aber statt zur Demo nach Wackersdorf muss er zur Wallfahrt nach Altötting mitfahren. So wird das nichts mit seiner Ricarda und der Karriere als Rockgitarrist. Als er schließlich mit seiner Band aus der katholischen Enge ausbricht und das Glück greifbar nah scheint, nimmt sein Leben eine tragische Wendung. Vinzenz ist plötzlich ganz auf sich und seinen kauzigen Freund Kowalczyk gestellt – und auf seinen trotzigen Lebenswillen.

„Vinz Solo“ ist der neueste Roman des bayrischen Journalisten Sebastian Beck – und mehr oder weniger ein Porträt, eine Skizze über das Leben im ländlichen Bayern der 80er Jahre. Darüber hinaus ist das Buch – wie oben benannt – ein Entwicklungsroman, ist Coming-of-Age und Gegenwartsliteratur. Und es ist durchaus auch Gesellschaftskritik – im Großen wie im Kleinen. Dabei lassen sich zumindest einige der angesprochenen Themen auch gut in die heutige Zeit transportieren und sorgen so für eine gewisse Aktualität.

Die Handlung ist hierbei durchaus abwechslungsreich, teils aber auch vorhersehbar und überzeugt vor allem im ersten Abschnitt, der vor Humor und Leichtigkeit strotzt, während der zweite und dritte Teil des Buches doch etwas abbaut. Zwar wird das Buch zum Ende hin wieder etwas stärker, dies wird aber durch das in Gänze offene Ende konterkariert, das den Leser doch etwas unbefriedigt zurücklässt – insgesamt fehlt hier etwas der rote Faden, der sich sinnstiftend durch die komplette Handlung zieht.

Das Setting ist naturgemäß ein Traum. Der Autor entführt den Leser in die bayrische Provinz der 80er Jahre, in eine Welt zwischen Tradition und ersten, zarten modernen Anwandlungen – zwischen Punk und Kirchenchor, zwischen Anti-Atomkraft und Konservatismus. Eine Reise, die für die meisten Leser, die die 80er Jahre nur am Rande oder gar nicht miterlebt haben, in vielen Punkten abenteuerlich, teils sogar gar nicht vorstellbar ist.

Die einzelnen Figuren sind vielschichtig angelegt, einige zentrale Nebenfiguren wie Dilara und Simmerl können hier auch überzeugen. Vinz hingegen hängt irgendwie in der Luft, handelt teils nicht nachvollziehbar, zeigt keine Lernkurve und macht es dem Leser somit trotz der Ich-Perspektive schwer, eine Bindung zu ihm zu entwickeln. Sebastian Becks Schreibstil ist leicht und flüssig lesbar und überzeugt gerade im ersten Teil mit bestechendem Humor, der leider im Verlauf der Handlung immer weiter abnimmt.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist fehlerfrei und lässt (immerhin) wenigstens die drei Buchabschnitte auf ungeraden Seiten beginnen, was bei der Masse an Kapiteln sonst nicht geschieht. Der Buchumschlag ist mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, das Titelbild zieht sich gut über den gesamten Umschlag und sorgt für einen tollen Gesamteindruck, der auch durch die unglaublich gelungene Haptik des Buches verstärkt wird. Allerdings vermag das Titelbild in seiner Komposition nicht zu überzeugen. Zwar ist es farblich toll, die Zusammenstellung des gezeichneten Motivs mit dem hineingesetzten Menschen irritiert jedoch.

Mein Fazit? „Vinz Solo“ ist ein interessantes Porträt über das ländliche Bayern der 80er Jahre, das mit seinem Setting brilliert und stark und humorvoll beginnt, aber leider mit Verlauf der Handlung etwas nachlässt, den roten Faden vermissen lässt und viel zu offen endet. Für Leser mit Interesse am Thema dennoch zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Thorsten Pilz: „Weite Sicht“

Vor kurzem habe ich „Weite Sicht“ von Thorsten Pilz gelesen. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen und als Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Vier Frauen, vier Leben. Charlotte, die nach dem Tod ihres Mannes in Frage stellt, woran sie so lange glaubte. Gesine, die Hilfe braucht und nicht weiß, wie sie darum bitten soll. Sabine, die einsam ist und sich nicht damit abfindet. Und die Dänin Bente, der Freigeist, die Unruhestifterin, die fürchtet, nicht mehr genug Zeit zu haben für das, was sie noch vorhat. Nach vielen Jahren taucht Bente plötzlich wieder in Hamburg auf und wirbelt Charlottes Leben durcheinander. Mit ihrem Humor, ihrer Begeisterung für die Schriftstellerin Karen Blixen und ihrer Abenteuerlust. Vier Frauen, vier Leben. Und doch ist das, was ihnen die Sicht auf Neues verstellt, nur mit vereinten Kräften zur Seite zu schieben.

„Weite Sicht“ ist der Debütroman von Thorsten Pilz – und ich habe mich bereits mit der Genrezuordnung schwer getan. So liegt keine klassische Familiensaga vor, aber definitiv ein Roman über Familie – echte und selbst gewählte. Gleichsam sind aber auch Aspekte eines Entwicklungs- und Schicksalsroman vorhanden – und auch durchaus Argumente für die Klassifizierung als Gegenwartsliteratur. Aufgrund der jedoch wirklich starken Zentrierung um das Thema „Familie“ habe ich es schlussendlich bei der Eingruppierung als Familiensaga gelassen.

Die Handlung ist eher sekundär, passiert doch – etwas zugespitzt gesagt – fast gar nichts, wird die Geschichte doch vielmehr durch die Beziehungen untereinander und durch jeweils intrinsische Motive der Charaktere vorangetrieben als durch externe Handlungselemente. Dies ist in der Schlichtheit und Klarheit auch vollkommen okay – ich hätte mir lediglich gewünscht, dass die rar eingestreuten Handlungselemente etwas intensiver behandelt worden wären. Toll jedoch, dass die Handlung zeigt, dass auch im Alter von über 70 neue Liebe, neue Lebensabschnitte und drastische Veränderungen möglich sind.

Das Setting ist gelungen. So entführt der Autor den Leser nach Hamburg in die High Society zwischen Reederfamilie und Kulturstiftung, und in einen Vorort von Kopenhagen am Oresund – malerischer Sandstrand inklusive. Dabei zeigt Thorsten Pilz vor allem die stillen Seiten der Orte, die Alster am frühen Morgen, das Geburtshaus von Karen Blixen – oder auch den Berliner Teufelsberg. Eine bewusste Ruhe und Entschleunigung, die sicher auch dem Alter der Protagonistinnen geschuldet ist.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugt vor allem die dänische Wahlverwandtschaft mit Bente, Mogens und Troels, während Sabine nicht zwingend nachvollziehbar handelt. Der Schreibstil von Thorsten Pilz ist dabei leicht und flüssig lesbar, lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist ordentlich, auch wenn die Überschrift der Kapitel mit fortlaufender Handlungsdauer unnötig erscheint. Der Buchumschlag ist mit Klappen ausgestaltet, das Titelbild zieht sich gut über den kompletten Umschlag und sorgt für einen tollen Gesamteindruck, auch wenn der Bezug zur Handlung etwas fehlt.

Mein Fazit? „Weite Sicht“ ist ein im Großen und Ganzen, vor allem sprachlich, überzeugendes Debüt mit tollem Setting und interessanten Charakteren und nur kleineren Schwächen in der Handlung. Bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag empfohlenen Lesealter von 16 Jahren – vielleicht auch ein, zwei Jahre früher.

[Buchgedanken] Marie Merburg: „Leuchtturmsommer“ (Liebwitz 2)

Vor kurzem habe ich „Leuchtturmsommer“ von Marie Merburg gelesen. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen und als Liebesroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Nach einer Lebenskrise zieht Eva mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter an die Ostsee, um sich dort ihren Traum zu erfüllen und neu zu starten. Doch ihr Optimismus wird auf eine harte Probe gestellt, denn ihre Teenagertochter scheint Probleme magisch anzuziehen, und die Übernahme des örtlichen Cafés läuft alles andere als rund. Besonders der brummige Standesbeamte Jakob sieht die Neuzugänge im Ort kritisch. Dabei benötigt Eva für das Café dringend die Hochzeitsempfänge, um Geld in ihre Kasse zu spülen. Erst als Eva Jakob näher kennenlernt, erkennt sie, wie es gelingen könnte, seine harte Schale zu knacken. Aber dann geschieht etwas, das nicht nur Evas Herz ein weiteres Mal zu brechen droht …

„Leuchtturmsommer“ ist nach „Strandkorbzauber“ der zweite in Liebwitz spielende Roman der Autorin – und ihr, wenn ich mich nicht verzählt habe, siebter Ostsee-Roman. Dabei lässt sich das Buch gut als Standalone lesen. Zwar treten die Charaktere des ersten Bandes auch in diesem Buch auf, da aber die Protagonistin Eva zu Beginn des Romans neu nach Liebwitz zieht, lernt man diese zusammen mit Eva gemeinsam kennen – und, zumindest teils, lieben. Es schadet aber natürlich nicht, den ersten Band der Reihe gelesen zu haben.

Die Handlung ist kurzweilig und abwechslungsreich, genrebedingt durchaus aber teils auch vorhersehbar. Zwar mischt Marie Merburg auch das ein oder andere schwere Thema in den Roman mit ein, dies aber nur in einem Umfang, der nie die Liebesgeschichte dominiert, sodass das Feel-Good-Leseerlebnis die ganze Zeit erhalten bleibt – quasi eine perfekte Urlaubslektüre. Nichtsdestotrotz hätte man im Nachwort oder Anhang vielleicht noch die ein oder andere Website oder sonstige Hilfsangebote oder Ratschläge zum Umgang mit Cybermobbing erwähnen können.

Das Setting ist – wie sollte es anders sein? – gelungen. Die Autorin nimmt den Leser mit in ein fiktives Dorf auf der Halbinsel Darß-Fischland-Zingst: Leuchtturm, Strand und malerische Waldabschnitte inklusive. Ein Sehnsuchtsort mit viel Charme – und absoluter In-Hotspot für kleine Leuchtturmhochzeiten. Aufgrund von Marie Merburgs Schreibstil, der leicht und flüssig zu lesen ist und das Kopfkino sofort anspringen lässt, auch für den Leser gut vorstellbar – sogar wenn man selbst noch nicht in der Gegend gewesen ist.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Auch wenn vor allem die Nebencharaktere brillieren – Nele und Hannah sind absolute Superstars -, können auch Jakob und Eva, vor allem aber die Chemie zwischen ihnen beiden, überzeugen. Sofern es einen weiteren Band geben wird, bin ich daher jetzt schon gespannt, welchem Liebwitzer die Autorin das nächste, genrebedingt zwingende, Happy-End spendiert – ich könnte mir hier ja Ella gut vorstellen, deren Fernbeziehung ja auch irgendwie mal geklärt werden muss.

Die Buchgestaltung ist ebenfalls gelungen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Buchdeckel ist auf dem Cover und Buchrücken hochwertig geprägt, das Buch mit farbigen Coverinnenseiten versehen – sehr edel. Leider ist die Gestaltung des Covers und der Coverrückseite zwar ansehnlich, aber doch sehr belanglos ohne große Bezüge zur Handlung und generell eher austauschbar.

Mein Fazit? „Leuchtturmsommer“ ist ein toller Liebesroman, der zwar durchaus vorhersehbar ist, aber dennoch mit tollen Charakteren aufwarten kann – eine ideale Urlaubslektüre mit Feel-Good-Garantie. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – vielleicht auch schon ein oder zwei Jahre vor dem vom Verlag empfohlenen Lesealter ab 16 Jahren.

[Buchgedanken] Sarah Goodwin: „Stranded – Die Insel“

Vor kurzem habe ich „Stranded – Die Insel“ von Sarah Goodwin gelesen. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2021 unter dem Titel „Stranded“ bei AVON, HarperCollins Publishers Ltd. veröffentlicht. Das Buch ist als Thriller einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Dr. Holger Hanowell verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Für Maddy wird ein Traum wahr: Sie nimmt an einem neuartigen Fernsehexperiment teil, in dem acht Fremde auf einer einsamen schottischen Insel überleben müssen, ein Jahr lang, mit nur minimaler Ausrüstung und ohne Kontakt zur Außenwelt. 18 Monate später ist Maddys Traum zum Albtraum geworden. Die Behörden greifen die junge Frau in einem Fischerdorf auf dem Festland auf. Verzweifelt berichtet sie, wie das Boot, das die Teilnehmer nach einem Jahr abholen sollte, nicht kam. Und davon, wie in den folgenden Wochen einer nach dem anderen starb, nicht durch Hunger oder Krankheit, sondern durch menschliche Hand. Doch was verschweigt Maddy? Und wie schaffte sie es, die Insel lebend zu verlassen?

„Stranded – Die Insel“ ist der Debütroman von Sarah Goodwin – und was für einer! Als Thriller eingeordnet, könnte man ihn auch den Untergruppen „Psychothriller“ oder „Survivalthriller“ zuordnen. Gleichsam ist das Buch auch durch den von der Außenwelt abgeschnittenen, kleinen Handlungsraum und den damit verbundenen kleinen Kreis an Protagonisten ein Kammerspiel par excellence, das sich in ungeahnte Eskalationsspiralen steigert. Dabei ist der Schreibstil der Autorin zu jeder Zeit schnell und flüssig lesbar und lässt das – brutale – Kopfkino sofort anspringen.

Die Handlung ist kurzweilig, abwechslungsreich, eskapistisch und mit vielen unerwarteten Wendungen versehen. Wenn auch nicht immer logisch, entwickelt sie doch einen unglaublichen Sog, der nur dadurch abgemildert wird, dass die verschiedenen Zeitebenen, in denen das Buch spielt, einige Ergebnisse bereits vorwegnehmen. Dabei greift Sarah Goodwin auf die archaischen Triebfedern der Menschen zurück, um die Handlung voranzubringen: Hunger, Kälte – und den nackten Kampf ums Überleben.

Das Setting ist für den Roman perfekt gewählt. Eine abgeschiedene Insel vor Schottlands Küste, nicht weit, aber weit genug weg von der Zivilisation. Ein gar nicht undenkbares Reality-TV-Format. Und eine diverse Gruppe, die auf Sprengstoff angelegt ist – Sarah Goodwin schafft ein Setting, das plausibel (genug) erscheint, um dem Leser mit Erschrecken auf vieles hinzuweisen, was in der heutigen Gesellschaft schief läuft – und ihm den ein oder anderen Schauer über den Rücken laufen zu lassen.

Die einzelnen Figuren sind zumindest in der Breite vielschichtig angelegt – auch wenn man dank der Erzählperspektive (die hier auch für die Beklemmung sorgt) nur Maddy wirklich im Detail kennen lernt. Dennoch überzeugt auch der „Nebencast“ – allen voran Zoe, während lediglich Frank etwas blass bleibt – hier hätte man aus seiner Figur mehr rausholen können. Gern hätte ich auch mehr über Sashas und Adrians Erlebnisse erfahren, aber dafür hätte ja eine gänzlich neue Perspektive, fernab der Insel, eröffnet werden müssen.

Zur Buchgestaltung kann wenig gesagt werden, da mir ein Leseexemplar vorliegt, das mit der finalen Ausgestaltung nur bedingt übereinstimmt. Festgehalten werden kann jedoch zumindest, dass Lektorat, Korrektorat und Buchsatz sauber gearbeitet haben und das Covermotiv sehr atmosphärisch, allerdings auch etwas beliebig daherkommt. Mit der angekündigten Prägung und dem Farbschnitt sollte das Buch zudem einen hochwertigen Eindruck erzeugen – dies kann aber, wie gesagt, nicht abschließend beurteilt werden.

Mein Fazit? „Stranded – Die Insel“ ist ein wahrer Pageturner, ein toller, atmosphärisch und psychologisch starker Debütroman und Thriller. Für Liebhaber des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Hannah Conrad: „Ein Graf auf Abwegen“ (Das Lilienpalais 2)

Vor kurzem habe ich auch „Ein Graf auf Abwegen“, den zweiten Band der Reihe „Das Lilienpalais“ von Hannah Conrad gelesen – einem Pseudonym, hinter der sich das Autorinnenquartett Frieda Bergmann, Persephone Haasis, Monika Pfundmeier und Laila El Omari verbirgt. Das Buch ist 2023 im Wilhelm Heyne Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen und als historische Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Maximilian von Seybach ist Arzt aus Leidenschaft. Sein größter Wunsch ist es, besonders den Ärmsten der Gesellschaft zu helfen. Das passt ganz und gar nicht zu den ehrgeizigen Plänen seiner Familie. Als er erfährt, dass seine Großmutter bereits eine Ehe mit der wohlhabenden Sophie de Neuville arrangiert hat, ist er außer sich vor Wut. Heimlich hat Maximilian schon lange ein Auge auf die schöne und kluge Louisa geworfen. Das Problem: Louisa ist Dienstmädchen im Hause von Seybach. Er will nicht riskieren, dass sie ihre Stellung verliert, aber gegen seine Gefühle ist er machtlos. Unaufhaltsam kommen sie sich immer näher. Doch für ihre Liebe gibt es keinen Platz in der Gesellschaft. Und Maximilians Heirat mit Sophie steht kurz bevor …

„Ein Graf auf Abwegen“ ist der zweite Band der historischen Familiensaga um die Familie von Seybach. Da sich jeder Band um ein anderes Paar dreht, ist der Band als Standalone lesbar, ich würde es aber nicht empfehlen. So fehlten mir als Einsteiger mit Band 2 doch etwas die Vorgeschichte und die Erlebnisse aus Band 1, die einige der Personen in diesem Buch ja nachhaltig geprägt haben. Apropos andere Pärchen: Da sich jedes Buch um ein anderes Liebespaar dreht, hätte man hier auch das Genre Historical Romance oder historischer Liebesroman annehmen können – aufgrund der familiären Bande untereinander habe ich es aber bei einer Familiensaga belassen, auch wenn diese sich üblicherweise über mehrere Generationen erstreckt und nicht wie hier – zumindest in den ersten drei Bänden – lediglich eine Generation abdeckt.

Die Handlung ist abwechslungsreich, kurzweilig und stellt sich mit dem Wechsel zwischen „Oben“ und „Unten“ als Mischung aus Downton Abbey und Aschenputtel dar. Dabei gelingt es der Autorin (oder müsste ich „den Autorinnen“) sagen, die Probleme und Geschichten gut miteinander zu verflechten, die Handlungsstränge gut zusammenzuführen – lediglich der Plot-Twist am Ende mutet hier dann doch etwas konstruiert und unglaubhaft an – ein nur minimaler Wermutstropfen in dem sonst absoluten Pageturner.

Das Setting ist – wie sollte es anders sein – brillant. München um 1830, eine Geschichte zwischen Prachtvillen, dem Königshof und den Armenvierteln. Hannah Conrad entführt den Leser in eine Zeit des Umbruchs, die trotzdem an alten gesellschaftlichen Konventionen, die wir alle so lieben, festhält. Hierbei werden die krassen Unterschiede zwischen den Ständen unter einem Dach deutlich – und die nicht sehr gleichberechtigte Gesetzeslage, wenn man nur mal an Annas Lage denkt.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei brilliert Sophie als absoluter Megastar des Buches, während mich auch Isabella, Johanna (deren Geschichte aus Band 1 mir leider fehlt), Leopold und Alexander überzeugten. Max hingegen bleibt etwas blass – hier hätte noch mehr kommen können – und Nanette schlichtweg nicht einschätzbar, ihre Geheimnisse möchte ich unbedingt aufgedeckt wissen. Der Schreibstil, in dem das Buch verfasst wurde, ist darüber hinaus leicht und flüssig lesbar und lässt das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist ebenfalls größtenteils gelungen. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz überzeugt und wartet mit kleinen Verzierungen zu Kapitelbeginn auf. Der Buchdeckel ist auf dem Cover hochwertig geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen. Lediglich das Titelbild und die harten Brüche zwischen Cover, Buchrücken und Coverrückseite (die allerdings toll gestaltet ist), vermögen hier nicht zu überzeugen. So hätte ich mir beim Cover etwas mehr Liebe zum Detail gewünscht – wenn schon die Kleidung (durchaus gut) dem Ball der guten Seelen nachempfunden worden ist, hätte hier etwas mehr Sorgfalt in das Kleid gelegt werden können, das zwar farblich passt, aber dann doch leicht anders beschrieben wird. Abgesehen davon wird die Geschichte von einer Dramatis Personae und einem historischen Abriss umrahmt und abgerundet.

Mein Fazit? „Ein Graf auf Abwegen“ ist ein toller Roman aus der Reihe „Das Lilienpalais“, der vor allem mit seinem Setting und einer wundervollen Handlung punkten kann. Für Liebhaber des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Kameron Hurley: „Soldaten im Licht“

Kurz unterbreche ich die Messeberichterstattung für eine weitere Rezension, da ich vor einigen Tagen „Soldaten im Licht“ von Kameron Hurley beendet habe. Das Buch ist 2022 in der Panini Verlags GmbH erschienen, die Originalausgabe wurde 2019 unter dem Titel „The Light Brigade“ bei SAGA PRESS, einem Imprint von Simon & Schuster inc. veröffentlicht. Der Roman ist dem Genre Science-Fiction zuzurechnen, für die Übersetzung zeichnet Helga Parmiter verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Die Lichtbrigade – so nennen Veteranen des Marskriegs diejenigen Kameraden, die zurückkommen … und nicht mehr sie selbst sind. Diese Konzern-Kämpfer wurden in Licht umgewandelt, um schnell zu interplanetaren Schlachtfeldern versetzt werden zu können. Doch bei dieser Transformation geschieht etwas mit ihnen. Diejenigen, die die Prozedur überleben, halten sich exakt an die Missionsvorgaben – koste es was es wolle. Dietz, ein frischgebackener Infanterist, muss feststellen, dass seine Erinnerungen an die Einsätze nicht mit denen seines Zuges übereinstimmen. Sie erzählen eine ganz andere Geschichte des Krieges, die ganz und gar nicht dem entspricht, was die Konzernleitung ihren Soldaten weismachen will. Licht oder Schatten? In den Wirren des Krieges ist der Unterschied manchmal nur noch marginal.

„Soldaten im Licht“ ist der neue Roman der Gewinnerin zweier Hugo Awards, die sie für einen Essay und als bester Fan-Autor erhalten hat. Das Buch lässt sich dem Genre Science-Fiction oder auch dem Untergenre Military Sci-Fi zuordnen, gleichsam finden sich dystopische Ansätze. Aufgrund der sehr futuristischen Technik und dem Aspekt der Zeitreisen würde ich es jedoch bei der allgemeinen Kategorisierung als klassische Science-Fiction belassen, auch wenn der Krieg natürlich eine zentrale Rolle spielt.

Die Handlung ist, nun ja, durchaus spannend, aber vor allem eines, nämlich verworren. Als Leser verzweifelt man schier – wie der Protagonist – und versucht, sich zurechtzufinden. Dabei ist die Atmosphäre wirklich toll, die Erlebnisse eindringlich, die einzelnen Szenen durchweg stark. Und doch, es bleibt eine gewisse Frustration, auch über das viel zu offene Ende, das kaum Fragen beantwortet und sicherlich zumindest einige der Leser unbefriedigt zurücklässt.

Das Setting hingegen vermag zu überzeugen. Kameron Hurley entführt den Leser in eine sehr dystopische Welt, in der Konzerne die Regierungen abgelöst haben; in eine Zukunft, in der Menschen wieder in Klassen eingeteilt sind, die das Leben vorbestimmen und Wechsel fast unmöglich machen. Dabei wird gerade der Krieg in all seiner Grausamkeit und Idiotie gut dargestellt, was „Soldaten im Licht“ auch zum Antikriegsbuch macht. Der Schreibstil der Autorin ist hierbei eindringlich und schonungslos, aber dennoch gut und flüssig lesbar und lässt das Kopfkino anspringen.

Durch die enorme Masse an Figuren, durch die ständigen Wechsel und ja, auch Tode, ist es nahezu unmöglich, alle vielschichtig und detailliert auszuarbeiten. Hierbei überzeugen vor allem Andria, Jones und Munoz als wichtige Nebencharaktere, während Norberg als Antagonistin ebenfalls solide ist. Dietz als Ich-Erzähler bleibt hingegen, trotz der Perspektive, geheimnisvoll und verschlossen, verwehrt dem Leser etwas den Zugang zum Charakter, auch wenn man die Verzweiflung und Verwirrtheit der Figur gut spüren kann.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Buchdeckel ist auf dem Cover und Buchrücken hochwertig geprägt, mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen. Das Covermotiv, das sich auch auf dem Buchrücken und den Coverinnenseiten wiederfindet – etwas mehr Abwechslung hätte hier auch nicht geschadet -, ist dennoch gut anzusehen, sehr eindrucksvoll und ein wahrer Eyecatcher, auch wenn dessen Wirkung auf dem Cover durch die doch etwas penetrant-große und das Cover sogar überschreitende Schrift gemindert wird.

Mein Fazit? „Soldaten im Licht“ ist ein solider Science-Fiction Roman, der vor allem durch seine Message und sein Setting punkten kann, dessen Handlung aber auch sehr verworren daherkommt. Für Liebhaber des Genres dennoch zu empfehlen – allerdings nicht unter 16 Jahren.

[Buchgedanken] Anne Prettin: „Der Ruf des Eisvogels“

Vor kurzem habe ich „Der Ruf des Eisvogels“ von Anne Prettin gelesen. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen und als Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

21 Gramm, so viel wiegt eine Seele, weiß Olga. Ungefähr so viel wie der Eisvogel, in dem die Seele ihrer Mutter fortlebt, ewig und drei Tage. Das zumindest behauptet ihr Großvater, obwohl er Arzt ist und doch eigentlich an Wissenschaft glaubt. Er ist es auch, der Olga die Wunder der Natur erklärt und in ihr die Liebe zur Medizin weckt. Denn der kühle, distanzierte Vater hat kein Verständnis dafür, dass Olga die Welt mit eigenen Augen sieht. Dann bricht der zweite Weltkrieg in die Idylle der Uckermark ein. Die Achtzehnjährige muss fliehen, und nichts ist mehr, wie es war. Erst fünfzig Jahre später kehrt sie mit Tochter und Enkelin zurück.

„Der Ruf des Eisvogels“ ist nach „Die vier Gezeiten“ mein zweites Buch von Anne Prettin. Dabei lässt sich das Buch sowohl als Familiensaga einordnen – allerdings ungewohntermaßen als Standalone – oder natürlich auch als historischer Roman oder als Entwicklungsroman, um nur einige der relativ vielen Möglichkeiten zu nennen. In jedem Fall ist „Der Ruf des Eisvogels“ jedoch ein Buch über Mut und Freundschaft, über Liebe, schwere Entscheidungen und Verlust – ein Buch über das Leben also.

Die Handlung ist kurzweilig und abwechslungsreich und mit unerwarteten Wendungen versehen. Durch die verschiedenen Zeitebenen, Zeitsprünge und das in der vergangenen Zeitebene teils sogar unchronologische Erzählen ist es jedoch nicht immer ganz einfach, hier den Überblick über alles zu behalten – und es dauert einige Zeit, bis man so richtig im Lesefluss ist. Zudem ist die Handlung gespickt mit schweren Themen, die aber alle durchweg gut aufgearbeitet worden sind, aber im Zweifel für die ungewohnt späte Leseempfehlung des Verlags sorgen, die ich uneingeschränkt teile.

Das Setting ist gelungen und ein Panorama der näheren deutschen Geschichte. So entführt Anne Prettin den Leser nicht nur ins Deutschland nach der Machtergreifung der NSDAP und während des Zweiten Weltkrieges, sondern auch ins Nachkriegsdeutschland, ins geteilte Deutschland und in die frisch wiedervereinigte Bundesrepublik – und schildert anschaulich die Probleme und Unterschiede der einzelnen Epochen für verschiedene Generationen und Bevölkerungsgruppen.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive, auch wenn aufgrund der Vielzahl der handelnden Personen über mehrere Zeitstränge hinweg nicht alle gleichermaßen dreidimensional gestaltet wurden. Hier überzeugen insbesondere Sara, Karl und Annemie als wichtige Nebencharaktere. Anne Prettins Schreibstil ist zudem gefühlvoll, ist leicht und flüssig lesbar und lässt das Kopfkino sofort anspringen.

Zur Buchgestaltung kann vorliegend wenig gesagt werden, da das vorliegende Vorab-Leseexemplar nicht der finalen Ausgestaltung des Buches entspricht. So sind bisweilen noch – allerdings ohnehin in tolerierbarem Umfang – Fehler vorhanden, die ein (ggf. weiteres) Endkorrektorat aber ausmünzen würde. Zudem ist das Covermotiv mit der finalen Ausgabe identisch und farblich ein Traum.

Mein Fazit? „Der Ruf des Eisvogels“ von Anne Prettin ist ein gefühlvoller Roman mit abwechslungsreicher Handlung und tollem Setting, allerdings braucht man etwas, sich zurechtzufinden. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab dem (wie oben schon angeteasert) vom Verlag angegebenen Lesealter von 16 Jahren.