[LBM2021] Tag 0 und Tag 1: Ein Kickoff der anderen Art

Gestern startete die diesjährige Leipziger Buchmesse. Okay, das stimmt so nicht – sondern lediglich das Lesefestival „Leipzig Liest Extra“ und viele Veranstaltungen von Verlagen, die ein Messeersatzprogramm im Digitalen veranstalten. Und auch wenn dies die Messe einfach nicht ersetzen kann, habe ich trotzdem an einigen Veranstaltungen teilgenommen und werde dies auch in den nächsten Tagen noch tun. Alles, in der Hoffnung, dass diese LBM die letzte große Messe ist, die ausfällt, und wir uns spätestens im Herbst in Frankfurt alle wiedertreffen können.

Für mich begann der Veranstaltungsreigen im Übrigen bereits einen Tag vorher, mit den Kickoff-Veranstaltungen der „Buchmesse@home“ der Bastei Lübbe AG zum Thema „Mut“. So wurden zuerst die Autorinnen Anne Prettin („Die vier Gezeiten„) und Ulla Mothes („Geteilte Träume„) von Margarete von Schwarzkopf über ihre neuen Familiensagen interviewt, die beide auch dunkle und spannende Kapitel der deutschen Geschichte abdecken. Im Anschluss wurde mit dem ersten Band der „Underworld Chronicles“ eine neue Urban-Fantasy-Reihe von Kelly Oram vorgestellt, die diese mit ihrem Mann Josh zusammen unter dem Pseudonym Jackie May veröffentlicht. Spannend, fantastisch – und ein absolutes Must-Read. Band 1 ist danach direkt in meinen Warenkorb gehüpft.

Verglichen zu dem Vorabend war der erste „offizielle“ Messetag dagegen für mich relativ ruhig – und etwas kulturlastiger. So startete ich in den Tag mit einem Gespräch auf dem Blauen Sofa. Bénédicte Savoy referierte zum Thema Kulturerbe, Kunstraub und Beutekunst und stellte ihr neuestes Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst“ vor. Im Anschluss sah ich mir Interviews auf dem LYX-Kanal mit Sarah Sprinz und Anabelle Stehl zum Thema „Uni-Setting in New-Adult-Romanen“ an. Faszinierend, wenn man bedenkt, dass Anabelles Romane entgegen dem üblichen Trend in Deutschland spielen. [Spoiler alert: Auch an Tag zwei der Buchmesse begleiteten mich Anabelles Bücher :)]

Für den Abschluss des Tages sorgte eine hochpolitische Diskussion auf dem Blauen Sofa. Gesine Schwan, Michael Seemann und Bernd Stegemann diskutierten zur Frage „Wie verändern Plattformen die Demokratie?“. Moderiert von Vivian Perkovic, entstand schnell ein sehr lebhaftes Gespräch über Globalisierung und den Fokus auf kleine Communitys, über Vor- und Nachteile großer Plattformen und deren Macht im vorpolitischen Raum. Teils sehr theorielastig war es doch anrührend zu sehen, wie stark und vehement Gesine Schwan versuchte, den Wert von Kommunikation wieder in den Fokus allen Handelns zu rücken.

Damit endete auch schon mein Messetag, der mich sehr entspannt zurück- und mich sogar das Gedränge, die Müdigkeit und Schmerzen einer Livemesse vermissen ließ. Wie sah das bei Euch aus? Habt Ihr überhaupt Veranstaltungen der Messe besucht?

[Buchgedanken] Anne Prettin: „Die vier Gezeiten“

Vor kurzem habe ich „Die vier Gezeiten“ von Anne Prettin gelesen. Das Buch ist 2021 bei Lübbe, Bastei Lübbe AG, erschienen und dem Genre Familiensaga zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Die Kießlings gehören zu Juist wie die Gezeiten. Als Patriarch Eduard das Bundesverdienstkreuz erhält, kommen sie alle zusammen: Eduards Frau Adda, die drei Töchter, sowie Großmutter Johanne. Doch in die Generalprobe platzt Helen aus Neuseeland, die behauptet, mit der Sippe verwandt zu sein. Und tatsächlich: Sie ist Adda wie aus dem Gesicht geschnitten. Gemeinsam gehen sie dem Rätsel ihrer Herkunft nach. Denn Adda ahnt: Der Schlüssel zur Wahrheit liegt im familieneigenen Hotel de Tiden, dort, wo vor 75 Jahren alles begann.

„Die vier Gezeiten“ ist eine packende, mitreißende Geschichte, ein Buch über die Kraft der Liebe, über Geheimnisse, Verrat und Schuld. Und es ist ein Buch über Freundschaft, über Zusammenhalt und Verzeihung – ein Epos über das Innerste einer Familie. Dabei kommt der symbolträchtigen „Vier“ eine zentrale Rolle in der Geschichte zu. Vier Generationen, vier Töchter – vier Gezeiten.

Das Buch spielt im Wesentlichen auf drei Zeitebenen: der „Gegenwart“ im Jahr 2008, der Jugend Johannes um 1934 und der Jugend Addas um 1956/57. Allerdings wird über Tagebucheinträge, die ich um Spoiler zu vermeiden nicht weiter klassifizieren möchte, „überraschenderweise“ eine vierte Zeitebene eingebaut. Durch den ständigen Wechsel zwischen den Ebenen ist die Handlung sehr sprunghaft und unstet, greift aber im Wesentlichen gut ineinander, auch wenn man sich bisweilen etwas orientieren und die Namen sortieren muss.

Insgesamt packt die Handlung den Leser durchaus und sorgt dafür, dass er mit den Figuren mitfiebert, mitlacht und -trauert. Allerdings habe ich das Gefühl, dass sich Autorin und Geschichte in der Mitte des Buches etwas verlieren, bevor das Ende rasant, unerwartet plötzlich – und vor allem viel zu kurz und verdichtet daherkommt. Hier hätten einige Seiten mehr, etwas Entschleunigung durchaus gut getan – und zur Not hätten sie früher eingespart werden können.

Abgesehen davon gibt es allerdings wenig zu bemängeln. So ist die Kulisse, das Setting des idyllischen Juist über Generationen hinweg, bezaubernd, und die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen dreidimensional und vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Und auch wenn einige Entwicklungen vorhersehbar sind, einige Geheimnisse sich bereits vorausahnen lassen, so überrascht die Autorin doch den Leser zusammen mit den Figuren immer mal wieder auch mit unerwarteten Wendungen. Dabei lässt sich Anne Prettins Schreibstil wunderbar und flüssig lesen, er ist gefühlvoll und humorvoll und sorgt dafür, dass beim Leser das Kopfkino sofort anspringt.

Die Buchgestaltung überzeugt ebenfalls überwiegend. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Cover ist farblich toll und leicht geprägt, das Titelbild allerdings etwas belanglos, hier hätte etwas mehr Bezug zum Inhalt aus meiner Sicht nicht geschadet.

Mein Fazit? „Die vier Gezeiten“ ist eine gelungene Familiensaga, ein Roman über kleine und große Geheimnisse, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, der vor allem durch ein tolles Setting und eine spannende Handlung glänzt, in der Mitte aber kleinere Längen hat. Für Leser des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag empfohlenen Lesealter von 14 Jahren.

Doppelte Buchpost zum Wegträumen

In der letzten Zeit erreichten mich wieder zwei neue Rezensionsexemplare. Zum einen „Arabische Nächte“ von Veronika Lackerbauer, zum anderen „Die vier Gezeiten“ von Anne Prettin. Vielen Dank an Veronika (auch für die Goodies!) und an den Verlag Bastei Lübbe (und die Bloggerjury) für die Bereitstellung der Rezensionsexemplare. Ich freue mich schon darauf, mich bald nach Dubai und an die See träumen zu könnnen. Sehen die Bücher nicht toll aus?