[Buchgedanken] Miqui Otero: „Simón“

Vor kurzem habe ich „Simón“ von Miqui Otero gelesen. Das Buch ist 2022 im Klett-Cotta Verlag, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH erschienen, die Originalausgabe wurde 2020 unter gleichem Titel im Verlag Blackie Books veröffentlicht. Der Roman ist dabei als Gegenwartsliteratur einzugruppieren, für die Übersetzung zeichnet Matthias Strobel verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Als Kind träumt sich Simón aus der Bar seiner Eltern in die Welt von Dumas Abenteuerromanen fort. Den Glanz und die Euphorie seiner Heimatstadt entdeckt er dagegen nur, wenn ihn sein älterer Cousin Rico zu einem Streifzug durch die Straßen Barcelonas mitnimmt. Doch Rico verschwindet eines Tages spurlos, und Simón muss auf sich allein gestellt erproben, ob sich die Magie der Literatur  als gutes Rüstzeug für die Herausforderungen des Erwachsenwerdens erweist.

„Simón“ ist ein überaus ambitioniertes Buch und wird als „Der große Roman einer Generation und der Stadt Barcelona“ beworben. Als Leser, der bereits das historische Epos „Die Tränen der Welt“ von Ildefonso Falcones über Barcelona gelesen hat, muss ich sagen, dass sich der Zauber der Stadt in diesem Roman nie so recht einstellt, die Stadt als Handlungsort, wenn man nicht auf die historischen Ereignisse abstellt, fast schon austauschbar wird.

Auch die Handlung an sich vermag nicht vollends zu überzeugen. Zwar sind durchaus starke Passagen und interessante Entwicklungen vorhanden, schlussendlich wird aber nie so ganz klar, worauf die Handlung abzielt, was der Autor überhaupt erzählen möchte. Denn die Handlung plätschert ohne roten Faden, ohne erkennbares Ziel vor sich hin. Auch wenn sich durchaus ein Kreis schließt, ist auch das Ende beliebig und unbefriedigend, werden doch kaum Handlungsstränge sinnvoll abgeschlossen.

Dahingegen punktet – und brilliert – das Buch durch seine ausdrucksstarke, sehr lyrische Sprache. Miqui Otero vermag es dabei, den einzelnen Szenen durchaus Humor einzuhauchen, der die Tragik und hoffnungslose Stimmung, die Teile des Romans durchzieht, auflockert. Schade ist es hierbei lediglich, dass nicht alle spanischen Zitate übersetzt worden sind.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, auch wenn Simón hierbei etwas blass bleibt. Stärker überzeugen Nebenfiguren wie Candela und Ringo, oder auch Estela, die eine viel interessantere Protagonistin abgegeben hätte.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben ordentlich gearbeitet, der Buchumschlag ist, genau wie das darunterliegende Buch, relativ schlicht. Dem Cover fehlt es zudem etwas an Bezug zur Handlung, auch sind Buchrücken und Coverrückseite jeweils durch starke Brüche voneinander abgegrenzt.

Mein Fazit: „Simón“ ist ein Roman der Gegenwartsliteratur, der vor allem aufgrund seiner tollen, lyrischen Sprache punktet, dafür aber auch starke Schwächen in der Handlung besitzt. Für Liebhaber des Genres und sprachlich brillanter Bücher dennoch zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 14 Jahren.

Von London nach Barcelona | Traumstadt-Buchpost im Doppelpack

Vor kurzem erreichten mich auch diese beiden tollen Hardcover: „Kitty Carter – Dämonenkuss“ von Jana Paradigi (Novel Arc Verlag) und „Simon“ von Miqui Otero (Klett-Cotta). Ersteres kam dabei als Rezensionsexemplar über die vermittelnde Agentur Literaturtest zu mir, letzteres im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de – vielen Dank dafür! Die Bücher nehmen die Leser dabei mit in einige der schönsten Städte Europas, so reist man ins Barcelona der Neuzeit und ins London des 19. Jahrhunderts. Ich bin schon gespannt darauf, welcher Trip mir besser gefallen wird.

Welche Stadt würdet Ihr gern (erneut) einmal besuchen?

[Buchgedanken] Ildefonso Falcones: „Die Tränen der Welt“

In der letzten Zeit habe ich „Die Tränen der Welt“ von Ildefonso Falcones gelesen. Das Buch ist 2021 bei C. Bertelsmann, Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, erschienen, die Originalausgabe wurde 2019 unter dem Titel „El pintor de almas“ bei Grijalbo, Barcelona, veröffentlicht. Das Buch ist als historischer Roman einzuordnen, für die von Action Cultural Espanola geförderte Übersetzung zeigt sich Laura Haber verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Barcelona, 1901. Während soziale Unruhen die Stadt in Aufruhr versetzen, führt der ehrgeizige Maler Dalmau Sala ein Leben zwischen zwei Welten. Tagsüber gestaltet er Kacheln in einer Keramikfabrik und versucht in den elitären Kreisen seines Arbeitgebers seine Kunst zu verkaufen. Nach Feierabend kämpft Dalmau gemeinsam mit Emma, seiner großen Liebe, für die Rechte der Arbeiterklasse. Doch als ein tragisches Unglück geschieht, zerbricht ihre Beziehung. Jeder seiner Versuche, sie zurückzugewinnen, scheitert – bis Emma festgenommen wird. Als die Protestaktionen der Republikaner immer stärker ausarten, muss Dalmau um ihrer beider Leben fürchten und sich entscheiden: Wählt er die Flucht ins Ungewisse oder den Kampf für seine Ideale und für die Liebe?

„Die Tränen der Welt“ ist der neue, monumentale Roman des Autors des Weltbestsellers „Die Kathedrale des Meeres“ und entführt den Leser in das Barcelona der Jahrhundertwende, in die Zeit des aufkommenden Industrialismus, in eine spannende Kunstepoche mit den Anfängen von Picasso und Gaudi – aber auch in eine Zeit voller Aufstände, Gewalt und Leid.

Dabei brilliert der Roman vor allem durch sein wundervolles Setting. Falcones beschreibt das Barcelona der Jahrhundertwende, die Gegensätze zwischen den Palästen und Elendsvierteln eindrücklich und anschaulich, sodass das Kopfkino sofort zu laufen beginnt. Dies wird auch durch den Fokus auf die Kunst gestützt – sei es Malerei, Architektur oder Keramikarbeit.

Die Handlung hingegen zeigt einige Längen und Schwächen. So kommt richtige Spannung und Lesefluss nur phasenweise auf, die teils doch zu ausführlichen Beschreibungen der architektonischen Einzelheiten, die endlose Aneinanderreihung von Straßen- und Gebäudenamen sorgen immer wieder für Unterbrechungen, die sich zuspitzende Radikalität und die zum Schluss doch fanatistische Einstellung der Protagonisten für Unverständnis, das soweit geht, dass man ihnen kein Happy-End mehr wünscht.

So sind auch die Handlungen, Gedanken und Schlüsse der, im Wesentlichen vielschichtig angelegten, Protagonisten nicht immer nachvollziehbar – lediglich Josefa überzeugt hier als gute Seele des Romans auf ganzer Linie. Überraschend – und auch etwas enttäuschend – ist es hingegen auch, dass sorgsam eingeführte Charaktere wie Irene nach einem Kurzeinsatz absolut keine Rolle mehr spielten.

Die Buchgestaltung überzeugt hingegen erneut auf ganzer Linie. So ist der Buchumschlag wunderschön und auf dem Titel und Buchrücken hochwertig geprägt, das unter dem Umschlag befindliche Hardcover zwar von außen schlicht, aber immerhin mit aufwendig gestalteten Coverinnenseiten versehen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben ebenfalls sauber gearbeitet.

Mein Fazit? „Die Tränen der Welt“ ist ein epochaler, aber teils schwer lesbarer historischer Roman, der vor allem durch sein brillantes Setting glänzt, aber auch Längen in der Handlung aufweist. Für Liebhaber historischer Romane dennoch bedenkenlos zu empfehlen – insbesondere für Interessierte im Bereich von Kunst und Architektur.