[Buchgedanken] Julian Niedermeier: „Exzess & Vernunft“

In der letzten Zeit habe ich auch „Exzess & Vernunft“ von Julian Niedermeier gelesen. Das Buch ist 2024 im Selfpublishing über Books on Demand veröffentlicht worden und als dystopischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Autor für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars nach Rezensionsangebot durch den Autor.

Die Welt ist gespalten. Exzess und Vernunft. Party, Orgien und Pillen auf der einen Seite, Selbstgeißelung, Gesetze und Monotonie auf der anderen. Zumindest sieht es so der Mittzwanziger Bac, der im Exzess aufgewachsen ist. Für ihn gibt es nur noch einen Weg, die Menschen aus der Vernunft von der einzig wahren Freiheit des Exzesses zu überzeugen: Sich dem seit Jahrzehnten tobenden Krieg anschließen. Über Umwege gelangen ausgerechnet er und seine große, toxische Liebe, Rahel, als Gefangene in der Vernunft. Wohl oder übel müssen sie sich den dortigen Konventionen anpassen. Dabei bemerken beide auf ihre eigene Art und Weise, dass die Vernunft durchaus auch gute Seiten hat. Manche Dinge laufen sogar besser als im Exzess. Zum ersten Mal seit Jahren wieder ohne chemische Substanzen im Blut, sehen sie die Welt, in der sie aufgewachsen sind, mit ganz anderen Augen. Schon bald stellt sich für beide also die entscheidende Frage: Was will ich wirklich? Exzess oder Vernunft?

„Exzess oder Vernunft“ ist mein erstes Buch von Julian Niedermeier – und lässt sich meines Erachtens entgegen der Angaben im Nachwort doch sehr klar als dystopischer Roman eingruppieren, auch eine Kategorisierung als Science Fiction wäre wohl möglich. Dabei wird der Roman in verschiedenen Zeitformen erzählt – was zumindest anfangs irritiert, aber durchaus im Kontext Sinn macht, sodass man etwas braucht, um in einen wirklichen Lesefluss zu kommen.

Die Handlung ist hierbei spannend und abwechslungsreich und wartet mit der ein oder anderen unerwarteten Wendung auf. Dabei ist sie schonungslos brutal und explizit, insbesondere der Exzess bietet hier auch Szenen, die durchaus verstörend sind – genau wie die unbestechliche Rationalität der Vernunft auch für das ein oder andere Stirnrunzeln sorgen kann. So wie die Grenzen zuletzt verschwimmen, baut jedoch auch die Handlung im letzten Teil etwas ab und gipfelt in einem Ende, das leider nicht gänzlich überzeugen kann.

Das Setting ist gelungen. So entführt der Autor die Leser:innen in den Exzess und die Vernunft, in eine chaotische Stadt, die den Eskapismus feiert, und in eine Planstadt, die nach festen Regeln spielt. Dabei zeigt Julian Niedermeier souverän auf, dass sowohl Exzess als auch Vernunft in der Realität Berechtigung haben, beides jedoch in Maßen dosiert werden muss – und führ den Leser:innen auch die Sinnlosigkeit von Kriegen vor Augen, insbesondere, wenn diese schlicht von Generation zu Generation weitergereicht werden. Lediglich der irritierende Widerspruch der fast archaischen Kriegsführung in der doch hochtechnologisierten Welt irritiert – hier hätte ich mir einen konsequenteren Weltenbau gewünscht.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei überzeugen insbesondere Maya und Franz als wichtige Nebencharaktere, während gerade Bacchus zwischenzeitlich etwas blass verbleibt. Julian Niedermeiers Schreibstil lässt sich hierbei leicht und flüssig lesen – auch wenn die Dialoge durch die starke Verwendung der Umgangssprache im Exzess durchaus schwere Kost sind und etwas den Lesefluss verringern.

Die Buchgestaltung ist jedoch durchwachsen. Lektorat und Korrektorat sind insbesondere in der zweiten Hälfte durchaus einige gröbere Fehler durchgerutscht, der Buchsatz ist aufgrund der fehlenden automatischen Silbentrennung sehr unruhig und unbeständig. Immerhin kann der Umschlag durch eine einheitliche Gestaltung von Cover, Coverrückseite und Buchrücken punkten, das Yin-Yang-Schema, der Gegensatz von Exzess und Vernunft wird hier gut aufgegriffen und klar dargestellt. Gern hätte man die Handlung im Anhang oder vorangestellt aber noch mit einer Karte oder einem Glossar abrunden können, um ein noch besseres Leseerlebnis für die Leser:innen zu erschaffen.

Mein Fazit? „Exzess & Vernunft“ ist ein dystopischer Roman mit einer starken Prämisse und einem gelungenen Setting, der mit seiner schonungslosen Brutalität punktet, gerade am Ende aber und auch handwerklich jedoch kleinere Schwächen aufweist. Für Leser:innen des Genres dennoch zu empfehlen – allerdings erst ab einem Lesealter von 18 Jahren.

[Buchgedanken] Rebecca Lim / Kate Gordon: „Bea & Nyx – Der Baum zwischen den Zeiten“

Vor kurzem habe ich auch „Bea & Nyx – Der Baum zwischen den Zeiten“ von Rebecca Lim und Kate Gordon gelesen. Das Buch ist 2024 in der Edition Michael Fischer GmbH veröffentlicht worden, die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel „The Letterbox Tree“ bei Walker Books Limited, London. Der Roman ist dabei als fantastisches Jugendbuch einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Katharina Herzberger verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Nyx lebt in Tasmanien im Jahr 2093, wo die Ozeane sauer geworden sind und das ganze Jahr über Buschfeuer herrschen. Um ihre Frustration über die Welt auszudrücken, hinterlässt sie eine wütende und verzweifelte Nachricht an ihrem Lieblingsbaum. Siebzig Jahre in der Vergangenheit findet Bea Nyx‘ Zettel und antwortet. Der Briefkastenbaum wird das Verbindungsglied der beiden Mädchen über die Zeit hinweg. Doch als Nyx‘ Welt endgültig unterzugehen droht, wird ihre Freundschaft auf die Probe gestellt und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt: Kann die Vergangenheit die Zukunft retten?

„Bea & Nyx – Der Baum zwischen den Zeiten“ lässt sich bereits schwerlich einem Genre zuordnen. So ist es klar ein Roman an der Grenze vom Kinder- zum Jugendbuch, wobei ich es eher als Jugendbuch einordnen würde. Gleichsam zeigt das Buch natürlich auch Aspekte der Science Fiction über die Interaktion verschiedener Zeitebenen – und wird beworben als Klima-Thriller mit fantastischem Twist. Da ich hier allerdings keine Thrillerelemente sehe, und die Interaktion der Zeitebenen nicht erklärt wird, habe ich schlussendlich den fantastischen Twist übernommen und den Roman daher als fantastisches Jugendbuch eingeordnet.

Die Handlung ist abwechslungsreich und spannend, wenn auch teils etwas unlogisch. Mir ist bewusst, dass ein fantastischer Roman nicht zwingend logisch sein muss, das – hier nicht näher erläuterte – Magiekonzept sollte aber zumindest in sich stimmig sein, was hier leider fehlt. Nichtsdestotrotz machen beide Zeitebenen viel Spaß, die Handlungsstränge sind altersgerecht ausgearbeitet und sprechen auch – neben dem Klimawandel – für die Zielgruppe relevante Themen und Probleme wie Mobbing an, die allerdings teils etwas stiefmütterlich behandelt werden, da der Fokus doch stark auf dem Klimawandel liegt.

Das Setting ist gelungen. So entführen die Autorinnen die Leser:innen nach Tasmanien in die Jetztzeit und in eine dystopisch anmutende Zukunft in 70 Jahren (wobei der Klappentext in meiner Buchausgabe noch von 2091 und nicht von 2093 spricht – ein Fehler, der – wie man oben sieht – später korrigiert wurde, aber nicht passieren darf). Dabei werden die Auswirkungen des Klimawandels auf die Zukunft eindringlich beschrieben – und auch die sonst gezeigte Zukunft macht nicht wirklich Hoffnung. Dazu passt, dass auch das Ende des Buches offen bleibt und die Leser:innen so im Zweifel lässt, ob eine Rettung möglich ist. Diesen nachhallenden Appell der Geschichte hätte man so stehen lassen können, leider wird er durch das Nachwort der Autor:innen etwas aufgeweicht und holzhammerartig wiederholt.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei ist der Kreis an handelnden Personen relativ klein – neben Bea und Nyx haben eigentlich nur die Eltern noch relevante Auftritte, wobei es doch etwas unglaubhaft ist, wie schnell alle, in beiden Zeitebenen, den Mädchen ihre Geschichte glauben. Die Schreibstile der Autorinnen lassen sich leicht und flüssig lesen, wirken wie aus einem Guss, was durchaus auch der Übersetzung entstammen kann, und lassen das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung überzeugt ebenfalls im Großen und Ganzen. Lektorat und Korrektorat haben (mit Ausnahme des drastischen Fehlers im Klappentext) ordentlich gearbeitet, der Buchsatz ist brillant und setzt die Briefe toll. Das Buch ist mit einem dreiseitigen Farbschnitt veredelt, das Cover – die Gestaltung generell – ist sehr hektisch und kleinteilig, mit krassen Brüchen zwischen Cover und Buchrücken sowie Coverrückseite und Buchrücken. Das Covermotiv ist farblich ansprechend, wodurch die beiden Zeitebenen gut illustriert werden, die dargestellten Figuren verstören jedoch etwas aufgrund des Fehlens von Gesichtszügen.

Mein Fazit? „Bea & Nyx – Der Baum zwischen den Zeiten“ ist ein aufwühlendes und abwechslungsreiches, fantastisches Jugendbuch, das vor allem mit seinem Setting und einer innovativen Idee überzeugt, dabei aber auch Logikfehler macht. Für Leser:innen ab 12 Jahren (und damit leicht über dem vom Verlag vorgeschlagenen Lesealter ab 10) bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Martin Sollert: „Vergiftete Erlösung“

Vor kurzem habe ich auch „Vergiftete Erlösung“ von Martin Sollert gelesen. Der Roman ist 2024 im Selfpublishing veröffentlicht worden und als dystopische Science-Fiction einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Autor für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Birgt ein rätselhaftes Grab die letzte Hoffnung der Menschheit in sich? Der wegen Verbrechen gegen den Staat Amazonica verurteilte Geheimdienstmitarbeiter Dan verbüßt seine Strafe in einem Arbeitslager an der Nordseeküste. Wegen der unmenschlichen Haftbedingungen versucht er zu fliehen. Dabei erlebt er den Absturz der Zivilisation in die finale Katastrophe. Eng mit Dans Leben ist das Schicksal der jungen Frau Eyelea verwoben. Eyelea wächst im Out, einer gesetzlosen Region an der Grenze zu Amazonica, als irrtümlich blindes Mädchen auf. Sie wird von verstörenden Träumen heimgesucht. Nach ihrer Verschleppung aus dem Out gerät sie in einen Sog unglaublicher Geschehnisse, in deren Verlauf sie einzigartige Fähigkeiten an sich selbst entdeckt. Kann sie dadurch zur Retterin der Menschheit werden?

„Vergiftete Erlösung“ ist mein erster Roman von Martin Sollert und einer der seltenen Romane im Selfpublishing, die ich lese. Dabei lässt sich der Roman nicht ganz einfach einem Genre zuordnen. So ist er als dystopisch einzuordnen, zeigt Elemente eines (Polit-)Thrillers, gehört definitiv zur Science Fiction und lässt sich auch als Abenteuerroman kategorisieren. Ich habe das Buch schlussendlich als dystopische Science-Fiction eingeordnet, da ein doch starker Fokus auf dem Setting und der technologischen Komponente lag.

Die Handlung ist durchaus innovativ und abwechslungsreich, in der zweiten Hälfte aber auch mit einigen Längen versehen und nicht in allen Punkten logisch. Dabei überzeugt der Handlungsstrang von Dan stärker als der von Eyelea (sofern man hier von einem zweiten Handlungsstrang sprechen kann, ist es doch eigentlich nur eine Aufnahme, die Dan in seinem hört). Zudem werden hier in aller Brutalität Folter, fanatische Kriegsverbrechen und Hinrichtungen dargestellt, sodass selbst ich an den Punkt gekommen bin, dass man hier auf (idealerweise nachgestellte) Content Notes hätte hinweisen können oder sogar sollen.

Das Setting überzeugt im Großen und Ganzen. So entführt der Autor die Leser:innen unter anderem in ein futuristisches, ehemaliges Deutschland, das – wie anscheinend generell die industrialisierte Welt – nunmehr aus Einflussgebieten bzw. neugegründeten Staaten, unter anderem von großen Firmen beherrscht, besteht. Dabei hätte ich mir noch weitere Informationen zum Weltenbau gewünscht, gern auch eine Karte, um die Entwicklung von der jetzigen Welt bis hin zu dieser Situation nachvollziehen zu können.

Die einzelnen Figuren sind – im Wesentlichen – vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei ist der Kreis an handelnden Personen stark beschränkt, außer Eyelea und Dan treten nur sporadisch wichtige Nebenrollen auf wie Arthur oder Generalleutnant Schröder – oder auch die KI Thor, die – interessanterweise – am stärksten überzeugt. Martin Sollerts Schreibstil lässt sich hierbei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist ausbaufähig. Lektorat/Korrektorat sind (so durchgeführt) durchaus Fehler durchgerutscht, die sich aber noch im Rahmen halten, der Buchsatz zeigt erhebliche Schwächen. Das Covermotiv ist durchaus ansprechend und ein Eyecatcher, von der Auflösung und dem Zuschnitt aber nicht überzeugend – und auch die Typografie ist nicht ideal, lässt sich der Titel doch nicht richtig lesen.

Mein Fazit? „Vergiftete Erlösung“ ist dystopische Science Fiction, die durchaus innovativ und abwechslungsreich ist, aber auch kleinere Schwächen, insbesondere auch bei der Buchgestaltung, bietet. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – definitiv jedoch nicht unter einem Lesealter von 16, eher sogar ab 18 Jahren.

Science Fiction im Doppelpack | Lovelybooks-Buchpost

In der letzten Zeit erreichten mich auch diese beiden Romane als Rezensionsexemplare im Rahmen von Leserunden auf Lovelybooks.de – vielen Dank dafür. „Vergiftete Erlösung“ von Martin Sollert (erschienen im Selfpublishing) ist dabei ein dystopischer Science Fiction Roman mit apokalyptischem Setting, „Bea & Nyx – Der Baum zwischen den Zeiten“ von Kate Gordon und Rebecca Lim (Edition Michael Fischer GmbH) ein Jugendbuch, das ebenfalls in einer dystopischen Zukunft spielt. Ich bin schon ganz auf die verschiedenen Ansätze der Gestaltung der Zukunft gespannt.

Welchen dystopischen Roman habt Ihr zuletzt gelesen?

[Buchgedanken] Christian Endres: „Wolfszone“

Vor kurzem habe ich auch „Wolfszone“ von Christian Endres gelesen. Das Buch ist 2024 im Wilhelm Heyne Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen und als Thriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Deutschland in der nahen Zukunft. Ein heikler Auftrag führt den Berliner Privatdetektiv Joe Denzinger in die brandenburgische Provinz. Direkt hinter dem Dorf Dölmow hat die Bundeswehr einen Wald abgeriegelt, in dem sich ein Rudel Wölfe durch Nanobots und künstliche Intelligenz massiv verändert hat. Und genau hier soll Joe die Erbin eines mächtigen Rüstungsunternehmens finden, die seit Tagen spurlos verschwunden ist. Zwischen Cyborg-Wölfen, Soldaten, Gangstern, Umwelt-Aktivisten und Einheimischen beginnt für Joe eine atemlose Jagd mit ungewissem Ausgang …

„Wolfszone“ ist mein erstes Buch von Christian Endres. Vom Verlag wird das Buch – sichtbar auf dem Cover – als Cyberthriller beworben, in den Pressestimmen, die der Verlag zitiert, wird der Roman teils als Öko-Thriller, teils als Öko-Science-Fiction-Thriller angegeben. Aber auch viele andere Unterarten des Thrillers sind hier denkbar, zum Beispiel zeigt das Buch auch Ansätze eines Politthrillers, ist dystopisch angehaucht, auch wenn es in der nahen Zukunft spielt, und hat durchaus auch Elemente einer Detektiv-Erzählung. Da ich hier keine eindeutige Zuordnung sehe, habe ich es somit bei der übergeordneten Eingruppierung als Thriller belassen.

Die Handlung ist durchaus spannend und abwechslungsreich, wenn auch zwischenzeitlich kleinere Längen vorhanden sind. Dabei wird die Geschichte aus diversen Perspektiven erzählt – aus meiner Sicht hätte man hier auf die von DW-7X verzichten und gegebenenfalls eine mit Rückblenden von Lisa Kraupen einbauen können, die sich mit zunehmendem Fortschritt des Buches immer mehr dem Verschwinden angenähert hätte. Auch kann mich das Ende des Buches nicht überzeugen, spendiert es doch diversen Personen ein Happy-End, das sie zumindest aus (meiner) Lesersicht nicht verdient haben und lässt – problematisch – Konsequenzen für durchaus schwere Verbrechen vermissen.

Das Setting überzeugt hingegen vollends. So entführt der Autor den Leser nach Dölmow, in eine fiktive brandenburgische Kleinstadt der nahen Zukunft – die Mischung aus militärischem Sperrgebiet und einem fast apokalyptisch anmutenden Landstrich, den die Hitze zusätzlich ausdünnt, funktioniert hier sehr gut, das von Christian Endres gezeichnete Szenario ist durchaus glaubhaft. Allerdings wird der Roman neben der Haupthandlung hier mit diversen Themen überfrachtet wie Klimawandel, Migration/Integration, Rassismus, Rüstungskapitalismus, Lobbyismus etc., die zwar alle an und für sich wichtig sind und einen Platz im Buch verdient haben, in der Fülle aber dafür sorgen, dass man nicht allen gerecht werden kann – ein oder zwei weniger hätten hier für eine stärkere thematische Fokussierung gesorgt.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen vor allem wichtige Nebencharaktere wie Charlotte, Melanie und Sylvia Kraupen, während, beispielhaft, Marija und Richard nicht zwingend nachvollziehbar handeln. Der Schreibstil von Christian Endres lässt sich dafür leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist ordentlich. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben solide gearbeitet, der Buchdeckel ist ansprechend. Zwar wird das Covermotiv leider zum Buchrücken hin unterbrochen und, etwas irritierend, dann auf der Coverrückseite fortgesetzt, nichtsdestotrotz ist die Farbgebung des Umschlags insgesamt sehr gelungen und das Buch somit dennoch optisch ein kleiner Eyecatcher, den man ggf. mit einer leichten Prägung noch hochwertiger hätte gestalten können.

Mein Fazit? „Wolfszone“ ist ein durchaus spannender Thriller, der vor allem mit seinem Setting brilliert, aber auch leichte Schwächen in der Handlung hat. Für Leser:innen des Genres dennoch zu empfehlen, ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Livia Pipes: „Endzeit – Die Todesinsel“ (Endzeit 1)

Vor einiger Zeit habe ich auch „Endzeit – Die Todesinsel“ von Livia Pipes gelesen. Das Buch ist in der vorliegenden Ausgabe 2023 im Selfpublishing veröffentlicht worden, eine frühere Ausgabe erschien ebenfalls 2023 im Selfpublishing unter dem Titel „The Quest – Die Insel“. Vielen Dank an dieser Stelle auch an die Autorin für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Im Jahr 2035 stürzt Fitnesstrainer Jay Carter in eine finanzielle Krise. Sein Ausweg: Das Casting für die extremste Survival-Live-Show weltweit. Auf einem verlassenen Fabrikgelände in New York kreuzt sein Weg den von Zoe – gefangen in einer explosiven Beziehung, mit einem Traum von einer besseren Zukunft. Gemeinsam erfahren sie, um was es in der Show geht: Überleben auf einer karibischen Insel, ein halbes Jahr lang, umgeben von Gefahren wie giftigen Pflanzen, wilden Tieren und unberechenbarem Wetter. Challenges bieten die Chance auf bessere Bedingungen, doch eine düstere Regel durchzieht das Spiel: Keine ärztliche Versorgung, keine Fluchtmöglichkeit. Wer bleibt, unterwirft sich dem Dschungel und dem eigenen inneren Kampf. Unwissend, dass sie lediglich Marionetten in einem perfiden Plan sind, unterschreiben die sechs auserwählten Gewinner den Vertrag. Als sich die Ereignisse überschlagen, wird ihnen klar: Sie sind gefangen, in einem brutalen Spiel, in dem das Überleben zum ultimativen Preis wird.

„Endzeit – Die Todesinsel“ ist der erste Band der neuen Reihe von Livia Pipes. Dabei lässt sich das Buch, das auf dem Cover vereinfacht als „Thriller“ beworben wird, etwas genauer als (dystopischen) Survival-Thriller eingruppieren. Anhand der Geschehnisse im Buch ist jedoch davon auszugehen, dass sich die weiteren Bände – passend zum Titel – mehr in Richtung (post-)apokalyptischer Thriller entwickeln. Ob und inwieweit das kammerspielartige Inselsetting dabei beibehalten wird, bleibt bis dahin abzuwarten.

Die Handlung ist durchaus spannend, hat zu Beginn jedoch auch kleinere Längen, später dafür dahingegen größere Zeitsprünge, hier hätte man etwas stärker balancieren können. Auch ist durch die zwischenzeitliche Erzählung aus mehreren Perspektiven die Handlung teils wenig stringent und geht etwas zäh voran und auch der drastische Cliffhanger am Ende ist nicht gerade leserfreundlich – auch wenn sich die Charaktere nicht sehr viel Mühe geben, die letzten Ereignisse zu durchdenken. So oder so verbleibt es dadurch schwierig, das Buch als Standalone zu lesen.

Das Setting ist größtenteils gelungen. So entführt die Autorin den Leser ins Amerika der nahen Zukunft, das trotzdem sehr dystopisch anmutet. Der zweite Part der Geschichte spielt dann größtenteils auf einer karibischen Insel, die austauschbar, aber unglaublich spannend ist, auch wenn das Konzept hier etwas an „Stranded – Die Insel“ erinnert. Insgesamt verwebt Livia Pipes gut persönliche Schicksale und gesamtgesellschaftliche Themen zu einem Gesamtkonstrukt, das in den nächsten Bänden aber noch mit etwas mehr Input zur politischen Situation unterfüttert werden darf.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere Zoe, Pearl und Qiuba, während Jay noch etwas eindimensional verbleibt, sich aber in den Folgebänden noch gut entwickeln kann. Der Schreibstil von Livia Pipes lässt sich darüber hinaus gut und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Kleinere Fehler mindern den Lesefluss kaum, der Buchsatz ist in Ordnung, aber etwas uninspiriert. Das Covermotiv zieht sich gut über Buchrücken und Coverrückseite und erzeugt so ein tolles Gesamtbild, ist aber gleichsam austauschbar und lässt etwas den Bezug zur Handlung vermissen.

Mein Fazit? „Endzeit – Die Todesinsel“ ist ein vielversprechender Auftakt in eine neue Buchreihe, der vor allem durch ein spannendes Setting und interessante Themen glänzt, aber auch noch kleinere Schwächen hat. Für Leser des Genres dennoch zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

Vergangenheit und Zukunft | Doppelte Neuzugänge

Auch hier möchte ich Euch natürlich meine aktuellen Neuzugänge präsentieren. „Freiheitsgeld“ von Andreas Eschbach (Lübbe in der Bastei Lübbe AG) zog dabei als Weihnachtsgeschenk nunmehr auch in Taschenbuchform bei mir ein, „Romeo & Julia“ von William Shakespeare (Reclam Verlag) als Sonderausgabe zum Musical „Romeo & Julia – Liebe ist alles“ habe ich mir beim Musicalbesuch selbst gekauft. Ein dystopischer Zukunftsthriller und ein im 16. Jahrhundert spielendes Drama – Vergangenheit und Zukunft stehen hier direkt nebeneinander :).

Lest Ihr lieber Romane, die in der Vergangenheit oder solche, die in der Zukunft spielen?

[LBM2023] Tag 2 – Von Geistern, Giften und Gameshows

Gestern stand schon der zweite Tag der Leipziger Buchmesse an – und war wie üblich viel zu schnell vorbei. Dabei war der Tag mit Highlights und tollen Veranstaltungen gefüllt, unter anderem mit: Marah Woolf, Julia Dippel, Ben Aaronovitch, Anne Lück, Stella Tack, Lea Korte, Franzi Kopka, Uve Teschner und Anabelle Stehl.

Der Tag begann dabei für mich gemütlich mit einer Lesung und Buchvorstellung von Marah Woolf und Julia Dippel am Gemeinschaftsstand „Studium rund ums Buch“. Leider fast zu gemütlich, denn die spannende und interessante Veranstaltung sprengte etwas den vorgesehenen Zeitplan, sodass ich direkt die Folgeveranstaltung streichen musste. Nichtsdestotrotz immer wieder toll, von Marah und Julia in phantastische Welten entführt zu werden.

Mittags stand dann ein internationaler Headliner auf dem Plan. Ben Aaronovitch präsentierte im Gespräch mit dem Hörbuchsprecher und Schauspieler Uve Teschner den neuesten Kurzroman: „Die schlafenden Geister des Lake Superior“ und stand im Anschluss sogar für Fotos und Signaturen zur Verfügung, was ich mir natürlich nicht entgehen und mir die ersten beiden Bände der Peter-Grant-Reihe signieren ließ.

Auch der frühe Nachmittag stand dabei (wie fast der ganze Tag) ganz im Zeichen der Phantastik. So besuchte ich zuerst eine von Anabelle Stehl moderierte Lesung aus „Silver & Poison: Das Elixier der Lügen“ von Anne Lück und kaufte mir im Anschluss das Buch (das erste bislang auf der Messe!), um es mir von Anne, die ich ja bereits in Frankfurt kennenlernen durfte, signieren zu lassen. Zwischendurch schaute ich auch bei Stella Tack vorbei, um mir „Black Bird Academy – Töte die Dunkelheit“ signieren zu lassen – ein Fixtermin auf jeder Messe, da Stellas Bücher ungesehen bei mir einziehen dürfen – ich liebe Ivy aus „Kiss me once“ einfach zu sehr <3.

Zum Tagesabschluss besuchte ich zuerst Lea Korte an ihrem Stand der Romanschmiede, um mir „Morgen werden wir glücklich sein“ signieren zu lassen, bevor ich den Freitag gemütlich bei einer hochspannenden Lesung von Franzi Kopka aus ihrem Debüt „Gameshow – Der Preis der Gier“, dem Auftakt ihrer dystopischen Dilogie, ausklingen ließ.

Der heutige Messetag hält dabei als absolutes Highlight endlich mal wieder einen Besuch bei Mona Kasten bereit, also bei der Autorin, die meine Liebe zum Genre New Adult überhaupt erst geweckt hat <3. Doch dazu dann später oder morgen mehr. Jetzt habe ich erstmal noch die Fotos der gestrigen Signierstunden für Euch :).

[Buchgedanken] Aiki Mira: „Neongrau: Game Over im Neurosubstrat“

Vor kurzem habe ich „Neongrau: Game Over im Neurosubstrat“ von Aiki Mira gelesen. Das Buch ist 2023 im Polarise Verlag, einem Imprint der dpunkt.verlag GmbH veröffentlicht worden und dem Genre Science-Fiction zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Hamburg im Jahr 2112: Die Stadt wird immer wieder von Starkregen geflutet, im Binnendelta hat sich ein Slum aus schwimmenden Containern gebildet und über allem thront das gigantische Stadion. Zum „Turnier der Legenden“ reisen Fans aus der ganzen Welt an, um die berühmten Glam-Gamer spielen zu sehen. Auch Go [Stuntboi] Kazumi begeistert sich für das VR-Gaming, fährt jedoch noch lieber Stunts auf dem Retro-Skateboard. Ein Sturz scheint das Aus für Gos Karriere zu bedeuten, doch dann wird Go ein Job im Stadion angeboten – bei den Rahmani-Geschwistern, den berühmtesten Gamern Deutschlands! Von da an überschlagen sich die Ereignisse und Gos Welt wird komplett auf den Kopf gestellt: ein Bombenanschlag, illegale Flasharenen, Tech-Aktivisten, Cyberdrogen, künstliche Intelligenzen – und dann ist da auch noch dieses Mädchen …

„Neongrau: Game Over im Neurosubstrat“ lässt sich bereits schwer einem Genre zuordnen. Vom Verlag beworben als Near-Future-Science-Fiction, als Entwicklungsroman, als LGBTQIA+-Roman, habe ich es der Einfachheit halber bei der Einordnung als Science-Fiction belassen – denn für „Near-Future“ sind mir die 90 Jahre doch etwas viel. Gute Argumente hätten sich aber auch für die Einstufung als progressive Phantastik gefunden – oder sogar für die Kategorisierung als (Polit-) Thriller oder Dystopie.

Die Handlung ist spannend und abwechslungsreich, teils aber auch etwas verworren und sehr komplex, fügen sich doch genug Handlungsstränge und Schauplätze für – mindestens – zwei Bücher mal mehr, mal weniger gut zusammen. So bleiben gerade die politischen Themen etwas flach, die verschiedenen Aktivisten- und Terrorgruppen blass, während der Handlungsstrang um Go, ELLL und die Rahmanis gut aufgearbeitet wird. Gerade der Einstieg fällt jedoch unglaublich schwer – selbst für gameaffine Leser ist der Wechsel zwischen Realität und VR, zwischen Gesprächen, Chats und übermittelten Gedanken anfangs viel und nicht immer leicht fassbar.

Das Setting begeistert hingegen auf ganzer Linie. Aiki Mira entführt den Leser in ein Hamburg der Zukunft, in eine Welt, die von global agierenden Unternehmen geprägt und dominiert wird. Und auch wenn man anfangs etwas braucht, sich zurechtzufinden, ist die Welt doch nach und nach immer faszinierender, spannender und – ja – auch dystopischer. Lediglich die Ingame-Umgebung und die Szenen im Neurosubstrat lassen sich bildlich für die Leser nur schwer fassen.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen vor allem Ren Kazumi, beide Rahmanis und ELLL, während Ben und Tayo sehr blass bleiben. Bei Go bin ich zwiegespalten. So sind die Zweifel, ihre Suche nach der geschlechtlichen Identität gut dargestellt, darüber hinaus handelt sie aber nicht zwingend nachvollziehbar. Aiki Miras Schreibstil ist im Wesentlichen gut und flüssig lesbar, sehr authentisch und technikaffin.

Die Buchgestaltung ist gelungen, Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist solide, aber relativ schlicht – hier hätte man den Gamecharakter oder die technologischen Features noch etwas besser darstellen können. Das Covermotiv zieht sich über den kompletten Buchumschlag, ist farblich ein Traum und verbirgt das ein oder andere typografische Easter Egg. Allerdings hätte hier durchaus noch mit Klappen oder farbigen Coverinnenseiten das Design etwas aufgepeppt werden können.

Mein Fazit? „Neongrau: Game Over im Neurosubstrat“ ist ein sehr ambitionierter, aber auch gelungener Science-Ficion Roman, der mit einem brillanten Setting punktet, aber fast zu viel Handlung für ein Buch bietet. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Kim Young-tak: „Knochensuppe 1: Der Mörder aus der Zukunft“

Vor kurzem habe ich im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de „Knochensuppe 1: Der Mörder aus der Zukunft“ von Kim Young-tak gelesen. Das Buch ist 2023 bei Golkonda in der Europa Verlage GmbH erschienen, die Originalausgabe wurde 2018 unter dem Titel „Gomtang (Beef Bone Soup)“ und Autorennamen Youngtak Kim bei Arte (Book 21 Publishing Group) veröffentlicht. Der Roman ist dem Genre Science-Fiction zuzuordnen, für die Übersetzung zeichnen Hyuk-sook Kim und Manfred Selzer verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

2063 in der Küstenstadt Busan: Lee Uhwan, ohne Familie aufgewachsen, einsam und frustriert, wohnt im unteren Bezirk der Stadt, wo man jeden Tag ums Überleben kämpft. Seine Tage verbringt er in einer schwülheißen, stinkenden Küche, in der er sich als Gehilfe verdingt hat. Als ihn sein Chef eines Tages beauftragt, eine Zeitreise in das Jahr 2019 zu unternehmen, um ihm ein verloren gegangenes Rezept für eine Knochensuppe zu besorgen, zögert er keine Sekunde, obwohl diese Zeitreisen lebensgefährlich sind. Damit nimmt das Abenteuer seines Lebens seinen Lauf …

„Knochensuppe 1: Der Mörder aus der Zukunft“ ist der erste Band der Dilogie von Kim Young-tak, die dieser 2018 zuerst online als Gesamtwerk und im gleichen Jahr als zweibändige Printausgabe veröffentlichte. Durch die Anlage als Gesamtwerk ist der Roman schwer als Standalone lesbar, endet das Buch doch durchaus in einem Cliffhanger, auch werden kaum relevante Handlungsstränge aufgelöst. Zudem fällt die Genrezuordnung nicht ganz leicht. So erfüllt der Roman definitiv die Voraussetzungen für die Eingruppierung als Science-Fiction, hat zugleich aber auch Ansätze eines Thrillers, hat ein dystopisches Setting und ist – rein technisch gesehen – sogar eine Familiensaga oder ein Entwicklungsroman.

Die Handlung ist kurzweilig und abwechslungsreich, durchaus mit teils unerwarteten Wendungen versehen, wenn auch gelegentlich sehr verworren und etwas langsam, greifen die einzelnen Handlungsstränge doch erst nach und nach ineinander. Sie wird unaufgeregt, ohne große Spannungsspitzen, zurückhaltend von Kim Young-tak erzählt, dessen Schreibstil dennoch flüssig und gut lesbar ist.

Das Setting ist ungewohnt, aber interessant. So entführt der Autor den Leser nach Busan, in eine Stadt, die er sowohl in der Jetztzeit als auch in einer nahen, dystopischen Zukunft präsentiert, und sorgt damit für einen – positiven – Kulturschock, da er eine doch in der hiesigen Literatur sehr vernachlässigte Region in den Fokus stellt und die Aufmerksamkeit des Lesers darauf richtet, dass ihm teils phantastische Settings bekannter sind, als das, was am anderen Ende der Welt geschieht. Vielleicht ja ein Vorbote einer Welle koreanischer Literatur, die der weltweiten Erfolgsgeschichte anderer Medien (K-Pop, K-Drama) nachzueifern versucht.

Die einzelnen Figuren sind komplex, aufgrund der Vielzahl an Handlungssträngen aber teils noch etwas eindimensional, sodass diese hoffentlich im Folgeband konsequent weiterentwickelt werden. Insbesondere Yang Changgeun und Jongin verbleiben daher noch relativ blass, am ehesten können hier noch Kim Hwayeong und Yu Kanghee überzeugen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben mit Ausnahme eines riesigen Fehlers im Klappentext und den inkonsistenten Jahresangaben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist ordentlich und verdient sich bereits ein Lob dafür, jedes Kapitel auf einer ungeraden Seite zu beginnen. Der Buchumschlag ist mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, insgesamt aber eher schlicht – genau wie das Titelbild, das aber immerhin mit dem zweiten Band ein einheitliches Reihenbild erzeugt und für Wiedererkennungswert sorgt.

Mein Fazit? „Knochensuppe 1: Der Mörder aus der Zukunft“ ist ein gelungener Auftakt in die doch sehr ungewohnte Dilogie, der vor allem mit dem ungewohnten Setting und der doch besonderen Erzählart punktet, aber auch noch Schwächen in der Handlung und Figurenentwicklung besitzt. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen, ab einem vorgeschlagenen Lesealter von 16 Jahren.