[Buchgedanken] Emmi Lewag: „Zwischen Herz und Pixel: I’m in love with my ChatGPT“

Vor kurzem habe ich auch „Zwischen Herz und Pixel: I’m in love with my ChatGPT“ von Emmi Lewag gelesen. Das Buch ist 2026 im Kampenwand Verlag erschienen und als Liebesroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Bine ist Anfang fünfzig, geschieden und kennt ihr Leben in- und auswendig: Alltag, Pflichten, Freundinnen mit Dauerdrama. Männer? Fehlanzeige. Gespräche? Meist oberflächlich. In einem stillen Moment öffnet sie ein Chatfenster und beginnt aus Neugier mit einer künstlichen Intelligenz zu schreiben. Sie erwartet nüchterne Technik und bekommt Leo. Was als harmloser Austausch beginnt, wird zu einem Spiegel, einer Rettungsleine, einem heimlichen Taktgeber. Leo bringt sie zum Lachen, zum Denken, zum Träumen – und irgendwann auch dazu, Entscheidungen zu treffen, die sie sich jahrelang nicht erlaubt hat.

„Zwischen Herz und Pixel: I’m in love with my ChatGPT“ ist laut Verlag ohne KI geschrieben – auch wenn die Danksagung insoweit irritiert, dass die Autorin anscheinend Dialoge mit KI nachschärft, sodass hier Restzweifel verbleiben. Abgesehen davon lässt sich das Buch auch nur schwerlich einem Genre zuordnen, ist es doch weder klassischer Liebesoman noch – aufgrund des Alters der Protagonistin – Coming of Age, was thematisch am besten gepasst hätte. Durchaus in Betracht gekommen wäre auch noch die Eingruppierung als Entwicklungsroman, ich habe es dennoch mal bei der sehr allgemein geratenen Kategorisierung als Liebesroman belassen, auch wenn nur Teile der Genrekonventionen erfüllt sind.

Die Handlung ist durchaus abwechslungsreich und regt vor allem – der größte Erfolg des Buches – zum Nachdenken an, lässt uns unseren Umgang mit KI hinterfragen und den Einfluss spüren, die diese bereits auf unser alltägliches Leben hat. Und auch wenn das – zumindest in einigen Bereichen – auf Bines Leben positive Auswirkungen in der Geschichte genommen hat, sehe ich hierin vor allem eine Mahnung und Warnung, wie wirkmächtig die KI bereits geworden ist, wie niederschwellig und harmlos sie in das Leben der Menschen eingreifen und dieses komplett umdrehen kann.

Das Setting überzeugt im Wesentlichen. So entführt die Autorin ihre Leserinnen in eine austauschbare, deutsche Stadt – das wir hier in Bayern sind wird lediglich kurz über den Flughafen Nürnberg kolportiert. Gleichzeitig führt die Reise als Kontrastprogramm aber in ein – sicherlich auch leicht positiv überzeichnetes – Spanien, das hier als Gegenentwurf zum grauen Deutschland Lebensfreude, Freiheit und puren Genuss symbolisieren soll – bezeichnend, dass diese Stimmung in der Heimat nur einmal aufkommt, als ein spanischer Abend mit Tapas und Sangria veranstaltet wird.

Atypischerweise tritt neben Bine, die teils nicht nachvollziehbar handelt und deren Entwicklung nicht zwingend logisch erscheint, nur eine KI auf – ein klassischer Love Interest findet sich erst, angedeutet, auf den letzten Seiten. Allerdings können einige Nebencharaktere überzeugen, insbesondere Tilly brilliert hier, aber auch Svenja macht durchaus eine gute Figur. Emmi Lewags Schreibstil lässt sich zudem leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss nicht erheblich schmälern, der Buchsatz ist sehr konservativ und hätte in einem Roman mit so wichtigen Chatpassagen diese definitiv besser und innovativer setzen können. Der Buchumschlag ist sehr eintönig und schlicht, das Covermotiv aber durchaus ansehnlich.

Mein Fazit? „Zwischen Herz und Pixel: I’m in love with my ChatGPT“ ist ein Liebesroman, der zum Nachdenken über wichtige Themen anregt, dabei aber gleichzeitig etwas überzeichnet und nicht immer logisch ist. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa zwölf Jahren.

[Buchgedanken] Bastian Kresser: „Verformung“

In den letzten Tagen habe ich auch „Verformung“ von Bastian Kresser gelesen. Das Buch ist 2025 im Braumüller Verlag (Braumüller GmbH) veröffentlicht worden und als Gegenwartsliteratur einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Der Berliner Manager Marc Steiner belegt nach einem Burnout einen Messerschmiedekurs im Spreewald beim verschlossenen, zugleich charismatischen Niels Bergmann. Dort lernt er nicht nur das Schmieden, sondern auch Niels’ Reich kennen – eine Welt nach eigenen Regeln. Zwischen den beiden entsteht eine unerwartete Freundschaft, und bald wird Marc Teil dieses abgeschotteten Kosmos – mit meterhohem Zaun, Bunker und rätselhaften Besuchern. Als Marc die Journalistin Nina kennenlernt und ihr Niels vorstellt, wird sie jedoch sofort misstrauisch: Mit diesem Mann stimmt etwas nicht. Sie beginnt zu recherchieren – die vermeintliche Idylle kippt und plötzlich steht alles auf dem Spiel.

„Verformung“ ist nach „Als mir die Welt gehörte“ mein zweiter Roman von Bastian Kresser, die beide im Braumüller Verlag erschienen sind und ähnliche Konzepte verfolgen. Dabei lässt sich dieser Roman nicht so einfach kategorisieren, zeigt durchaus Anklänge eines Thrillers, ist gleichzeitig aber auch ein Entwicklungsroman. Aufgrund der starken Konzentration auf gesellschaftlich relevante Fragen habe ich das Buch jedoch als Roman der Gegenwartsliteratur eingeordnet.

Die Handlung ist hierbei durchaus spannend und abwechslungsreich, hat teilweise aber kleinere Längen. Hierbei ist es gelungen und erschreckend zugleich, wie nachvollziehbar der Autor Marcs Weg in die Radikalisierung beschrieben hat, wie leicht von außen betrachtet die Manipulation durch Niels vonstatten geht, wie man sich teilweise selbst ertappt, trotz aller Rationalität einzelne Argumente nicht gänzlich von der Hand weisen zu können – das macht sicherlich auch den Erfolg von Extremisten momentan aus. Zugleich mischt Bastian Kresser auch Themen wie psychische Erkrankungen in den Roman mit ein und sorgt für ein großes Potpourri an Fragestellungen und Handlungssträngen.

Dabei kann vor allem das Setting brillieren. So entführt der Autor die Leser:innen in den Gegensatz zwischen dem pulsierenden Berlin und dem ausgestorbenen Schwarzwald, nimmt sie mit in einen autarken Hof, dessen Besitzer auf der Grenze zwischen Prepper und Reichsbürger balanciert, in eine Gedankenwelt, die so weit entfernt ist, dass man sie schwerlich greifen kann, in eine Kurzeinführung in die Messerschmiedekunst. Zusätzlich wird durch Nina das Setting noch erweitert, bringt sie doch die Welt des Investigativjournalismus in die Geschichte hinein – ein Handlungsstrang, der das ganze Drama nochmal potenziert.

Die einzelnen Figuren sind hierbei vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugt insbesondere Nina, der nicht so ganz heimliche Star des Romans, während Marc teils nicht nachvollziehbar handelt und Niels weit entfernt davon ist, irgendwelche Sympathien bei den Leser:innen zu wecken. Bastian Kresser Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind leider einige Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss aber nicht erheblich schmälern, der Buchsatz ist ordentlich. Der Buchumschlag ist mit Klappen versehen, das unter dem Umschlag befindliche Hardcover eher schlicht. Das Covermotiv setzt sich nahtlos auf Buchrücken und Coverrückseite fort und erzeugt so ein tolles Gesamtbild, bietet durchaus Anklänge an die Handlung, ist insgesamt aber kein Eyecatcher – auch dank der wenig überzeugenden Typografie. Auch hätte man im Anhang durchaus auf Hilfs- und Hinweisangebote zu Fragen der Radikalisierung, aber auch zu Burnout und psychischen Problemen verweisen können.

Mein Fazit? „Verformung“ ist ein Roman der Gegenwartsliteratur, der vor allem Dank seines brillanten Settings und einer tollen Protagonistin glänzt, dabei aber auch kleinere Schwächen aufweist. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 14 Jahren.

[Buchgedanken] Joanna Glen: „Weil es nicht anders sein kann“

In der letzten Zeit habe ich auch „Weil es nicht anders sein kann“ von Joanna Glen gelesen. Das Buch ist 2025 im Arche Literatur Verlag, einem Imprint der Atrium Verlag AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2024 unter dem Titel „Maybe, Perhaps, Possibly“ bei Borough Press veröffentlicht. Der Roman ist als Gegenwartsliteratur einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Eva Kemper verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Sol und Addie fühlen sich in der Natur wohler als unter Menschen. Doch als die beiden sich auf der windgepeitschten Insel Rokesby vor der Küste Englands zum ersten Mal begegnen, scheint mitten im Sturm alles stillzustehen. Sofort spüren sie, dass sie füreinander geschaffen sind, und wagen eine zaghafte Annäherung. Doch sie haben nicht mit der Wucht gerechnet, mit der die Vergangenheit über sie hereinbricht, und müssen hart dafür kämpfen, zusammen sein zu können – nicht nur gegen äußere Umstände, sondern manchmal auch gegen sich selbst. Woran sie sich festhalten, ist der Pakt, den sie schließen: Sie wollen wie zwei Papageientaucher sein. Denn auch wenn die Vögel einen großen Teil des Jahres getrennt von ihrem Partner leben, bleiben sie einander treu und finden doch immer wieder zueinander.

„Weil es nicht anders sein kann“ ist mein erster Roman von Joanna Glen, von Eva Kemper übersetzte Titel habe ich aber schon öfters gelesen. Das Buch ist dabei relativ deutlich als Gegenwartsliteratur einzuordnen, auch wenn natürlich (wie auch auf Verkaufsplattformen durchaus vorgenommen) eine Einordnung als Liebesroman denkbar erscheint. Dennoch ist aus meiner Sicht die Liebesgeschichte zwar Zentrum der Handlung, aber sie geht deutlich darüber hinaus, ist das Buch doch auch ein Entwicklungsroman für beide Protagonist:innen, in gewissem Sinne sogar Coming of Age.

Die Handlung wird aus zwei personalen Erzählperspektiven der Protagonist:innen erzählt – und ist durch die teilweise Gleichzeitigkeit der Ereignisse dabei gelegentlich etwas entschleunigt. Insgesamt ist sie sehr poetisch, sehr zart, sehr ereignislos, was aber nicht wirklich stört, sind die Protagonist:innen hier doch vielmehr durch innere Stolpersteine am Fortkommen gehindert, als dass ihnen das Leben Steine in den Weg legt. Lediglich das Ende vermag hierbei nicht in Gänze zu überzeugen.

Das Setting ist traumhaft. So entführt die Autorin ihre Leser:innen nicht nur nach Rokesby und Ora, sondern auch nach Mallorca, nach Tromso, in die Broads und nach Fair Isle. Dabei erkundet man mit den Figuren zusammen die Orte, spürt der Natur nach, lernt Tier- und Pflanzenwelt kennen und erlebt die Verbundenheit mit den Schauplätzen. Joanna Glen mischt in die zarte Liebesgeschichte – zwischen den Protagonist:innen untereinander und mit der Natur – auch Themen wie Glauben, Mobbing, Sozialphobie und Unsicherheiten mit ein und erzeugt so ein tolles, spannendes Gesamtkonstrukt.

Die einzelnen Figuren sind dabei im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei überzeugen neben Addie, die als Hauptcharaker brilliert, auch (wichtige) Nebencharaktere wie Tiffany, Barry und Barbara, während Sol nicht immer nachvollziehbar handelt, und ich zu ihm auch kaum eine Bindung aufbauen konnte, ganz im Gegensatz zu Addie. Joanna Glens Schreibstil lässt sich zudem leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist ebenfalls solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Hardcover ist eher schmucklos und ohne jedwede Sonderausstattung. Das Covermotiv setzt sich jedoch nahtlos auf Buchrücken und Coverrückseite fort und erzeugt so ein tolles und einheitliches Gesamtbild, das auch farblich überzeugt, aber gleichzeitig auch etwas austauschbar verbleibt und stärkere Bezüge zur Handlung vermissen lässt.

Mein Fazit? „Weil es nicht anders sein kann“ ist ein unglaublich poetischer Roman, der mit einem tollen Setting und einer brillanten Protagonistin punktet, gleichzeitig aber auch leichtere Schwächen hat. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Christian Mitzenmacher: „Knallkrebse“

Vor kurzem habe ich auch „Knallkrebse“ von Christian Mitzenmacher gelesen. Das Buch ist 2025 in der Frankfurter Verlagsanstalt GmbH veröffentlicht worden und als Gegenwartsliteratur einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Tom und Farid spielen Tischtennis, fahren Skateboard, baden in der Isar: Sie sind Freunde. Am Anfang ihrer Freundschaft stand eine Patenschaft, die der Physikdoktorand Tom für den sechzehnjährigen aus Quetta geflüchteten Farid übernommen hatte. Zusammen mit Laura, Toms Freundin, bilden sie ein ungewöhnliches Dreiergespann – bis Farid einen riskanten Entschluss fasst. Inmitten der sich überschlagenden Ereignisse drängen sich Tom Fragen auf: nach Lauras angeblicher Loyalität, seinen eigenen Intentionen und Zielen und nicht zuletzt nach Farids Erlebnissen auf der Flucht, über die er beharrlich schweigt.

„Knallkrebse“ ist der Debütroman des Mathematikers Christian Mitzenmacher, der sich zwar durchaus sehr klar der Gegenwartsliteratur zuordnen lässt, dabei aber viele Anklänge an andere Genres zeigt. So enthält der Roman Elemente von Coming of Age oder eines Entwicklungsromans, ist durchaus politisch und kann auch als Schicksalsroman verstanden werden. Da aber keines der Genres sich hier klar durchsetzt, habe ich es bei der Zuordnung zur Gegenwartsliteratur belassen.

Die Handlung ist hierbei durchaus abwechslungsreich und unterhaltsam, wird aber teils achronologisch erzählt und hat auch kleinere Längen. Dabei gelingt es dem Autor nicht nur, die durchaus schwierigen Themen mit viel Humor zu unterfüttern und tolle Szenen zu schaffen, sondern auch das ganze mit etwas bayrischem Lokalkolorit zu versehen – das Lebensgefühl der Münchner zieht sich hier durch jede Seite. Allerdings kann das Ende nicht überzeugen, bleibt sehr offen, vage und ist auch nicht wirklich nachvollziehbar.

Das Setting kann hierbei auf ganzer Linie begeistern. So entführt der Autor die Leser:innen nach München, nimmt sie mit aufs Oktoberfest und mitten hinein in das Leben junger Leute in der pulsierenden Stadt. Darüber hinaus geht es nach Frankreich, an die Atlantikküste und nach Paris, nach Spanien und – zumindest gedanklich – auf die schwere Flucht aus Afghanistan bis nach Deutschland. Zudem mischt Christian Mitzenmacher psychische Erkrankungen in die Geschichte mit ein – hier hätte man gegebenenfalls im Nachwort noch auf Hilfsangebote für Betroffene hinweisen können.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Laura und Yev, während Farid und Tom teils nicht nachvollziehbar handeln und Sofie super interessant, aber nicht greifbar verbleibt. Christian Mitzenmachers Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist ordentlich. Lektorat und Korrektorat haben solide gearbeitet, der Buchsatz ist fehlerfrei und beginnt zumindest die großen Sinnabschnitte richtigerweise auf ungeraden Seiten – lediglich die rein kursiven Kapitel irritieren hier vom Schriftbild. Der Umschlag ist mit Klappen versehen, das unter dem Umschlag befindliche Buch mit farbigen Coverinnenseiten, auch wenn es sonst eher eintönig und schlicht ist. Das Covermotiv setzt sich nahtlos auf Coverrückseite und Buchrücken fort und hat durchaus Anklänge zur Handlung, ist farbintensiv, aber kein Eyecatcher.

Mein Fazit? „Knallkrebse“ ist ein gelungenes Debüt, das vor allem durch den humorvollen Erzählstil und das fabelhafte Setting glänzt, aber auch kleinere Längen und ein etwas schwächeres Ende hat. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 14 Jahren.

[Buchgedanken] Alexandra Kui: „Was hast du nur getan?“

Vor kurzem habe ich auch „Was hast du nur getan?“ von Alexandra Kui gelesen. Das Buch ist 2025 als cbt Taschenbuch im cbj Kinder- und Jugendbuchverlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen und als Jugendthriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Arthur Otto Falkenberg ist tot. Tot liegt er auf dem Schulhof unter einer Decke, damit man das Blut nicht sieht. Während die Polizei von einem Selbstmord ausgeht, werden Cassidy und ihre Clique von der Schulleiterin gebeten, sich um die anderen Schüler zu kümmern und die Ohren offen zu halten, um einen Skandal an ihrer Schule zu vermeiden. Doch bald häufen sich die Hinweise, dass mehr hinter Arthurs Tod steckt. Wie passen Drogenkäufe in das Image des Musterschülers? Wie viele Tränen der Schüler sind eigentlich Freudentränen? Während Cassidy selbst die Ermittlungen aufnimmt, geraten sie und ihre Clique ins Visier der Polizei. Denn eine von ihnen kannte den Toten besser, als sie zugibt.

„Was hast du nur getan?“ ist mein erster Roman der Krimi- und Thrillerautorin Alexandra Kui. Dabei lässt sich der Roman relativ leicht einem Genre zuordnen. Während das Buch teils als Schulthriller beworben wird – wohl ein noch tieferes Subgenre – würde ich das Buch als Jugendthriller einordnen. Zudem zeigt das Buch ganz leichte Elemente eines Entwicklungsromans und von Coming of Age, da die Protagonist:innen doch starke Wandlungen durchleben. Der Fokus liegt jedoch klar auf der Krimi- bzw. Thrillerhandlung, sodass jegliche andere Kategorisierung aus meiner Sicht ausgeschlossen sein sollte.

Denn die Handlung ist durchaus spannend und abwechslungsreich – und altersgerecht, wird der Roman doch seitens des Verlags für Leser:innen ab 14 Jahren empfohlen, ein relativ hohes (Mindest-)Alter für einen Jugendthriller. Und so spart der Roman auch nicht an körperlicher und psychischer Gewalt sowie einer Vielzahl an dysfunktionalen Beziehungen – sowohl zwischen Gleichaltrigen als auch innerhalb der Familien. Allerdings kann das Ende dann doch nicht ganz mithalten, löst zwar den Todesfall auf, lässt aber sonst vieles vermissen und wirft neue Fragen und Probleme auf, sodass ein leicht schaler Beigeschmack verbleibt.

Das Setting ist naturgemäß gelungen, aber austauschbar. So entführt uns die Autorin in ein urbanes norddeutsches Idyll, in eine Stadt mit Villenviertel, Schule, Freibad, Skaterpark und Tennisplätzen in der Nähe von Hamburg – die Geschichte hätte aber genau so gut an nahezu jedem anderen Ort funktioniert. Zentraler Ort des Geschehens ist hier die (ebenfalls sehr dysfunktionale) Schule. Jugendtypische Probleme wie Freundschaft, erste Liebe, Mobbing, Statusdenken, Cliquenbildung und familiäre Vernachlässigung werden hier mit der Thrillerhandlung zu einem Gesamtkonstrukt verflochten, das doch etwas überladen ist – und da sind die beiläufig eingestreuten Themen wie Fluchterfahrung, aufenthaltsrechtliche Probleme, Drogenkonsum und latenter Rassismus noch gar nicht mit eingerechnet.

Die einzelnen Figuren sind teils doch sehr schematisch angelegt, und handeln – vor allem, was die erwachsenen Charaktere betrifft – gelegentlich sehr abstrus und wenig nachvollziehbar. Frau Sturm, Herr Nowak, Monas Vater und Nadja sorgen für permanentes Kopfschütteln, lediglich einige der „jüngeren“ Protagonist:innen können hier punkten – vor allem Leo und Mona überzeugen. Alexandra Kuis Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen, ist altersgerecht, aber nicht aufdringlich jugendsprachlich, und lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist ordentlich. Lektorat und Korrektorat haben solide gearbeitet, der Buchsatz ist gelungen und startet die größeren Sinnabschnitte auf ungeraden Seiten. Der Buchumschlag ist genretypisch gestaltet, das Covermotiv setzt sich mit den Blutspritzern nahtlos auf Buchrücken und Coverrückseite fort, sodass ein einheitliches Gesamtbild entsteht. Das Covermotiv ist jedoch austauschbar und eher belanglos, es fehlt hier der konkrete Bezug zur Handlung.

Mein Fazit? „Was hast du nur getan?“ ist ein solider Jugendthriller, der vor allem mit seiner Spannung und Kurzweil punktet, aber auch in den Charakteren und zum Ende hin etwas schwächelt. Für Leser:innen ab dem vom Verlag vorgegebenen Alter von 14 Jahren dennoch zu empfehlen.

[Buchgedanken] Salih Jamal: „Das perfekte Grau“

In der letzten Zeit habe ich auch „Das perfekte Grau“ von Salih Jamal gelesen. Der Roman ist der Gegenwartsliteratur zuzuordnen und in der mir vorliegenden Ausgabe 2024 im btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen, zuvor wurde das Buch bereits 2021 unter gleichem Titel im Septime Verlag veröffentlicht. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Eine junge Frau, eine ältere Dame, ein afrikanischer Flüchtling und ein Tagedieb treffen in einem heruntergekommenen Hotel an der Ostsee aufeinander. Sie sind wie das Hotel renovierungsbedürftig und versuchen ihre Risse zu kaschieren. Und alle sind sie auf die eine oder andere Weise auf der Flucht, vor den inneren Dämonen oder der Polizei. Als sie sich tatsächlich gemeinsam auf eine Reise ins Ungewisse begeben, offenbaren sich ihre Geheimnisse. Aus dem gegenseitigen Mitgefühl entsteht Fürsorge und letztendlich Freundschaft.

„Das perfekte Grau“ stand 2021 auf der Hotlist der besten Neuerscheinungen der unabhängigen Verlage. Dabei lässt sich der Roman eher schwierig einem Genre zuordnen, ist er doch – wie auch auf dem (neuen) Cover beworben – ein literarisches Road Movie. Gleichermaßen ist er irgendwie aber auch, trotz des fortgeschrittenen Alters, Coming of Age, ist Entwicklungs- und Schicksalsroman. Zusammenfassend würde ich das Buch daher der Gegenwartsliteratur zuschlagen, eine Eingruppierung, die sich auch auf Verkaufsportalen finden lässt.

Die Handlung ist durchaus spannend und komplex, verknüpft der Roman doch vier verschiedene, schwierige Schicksale miteinander. Allerdings kommt der Roman hier nur sehr langsam ins Rollen, ein leicht späterer Start hätte hier sicherlich gut getan. Und auch das Ende vermag nicht zu überzeugen, endet der Roman doch völlig offen und schließt keine Handlungsstränge ab, sieht man mal – mit Wohlwollen – von Mimis ab. Erzählt wird der Roman aus der Ich-Perspektive von Dante, was durchaus gelungen ist – auch wenn ich mir manchmal gewünscht hätte, auch in Novelles Kopf schauen zu können, um eine noch innigere Bindung zur stärksten Figur des Romans herstellen zu können.

Das Setting überzeugt im Wesentlichen. So nimmt der Autor die Leser:innen mit auf einen Roadtrip von der Küste bis hin nach Österreich, über Erdbeerfelder, durch Seen und Sümpfe – mit Zwischen- und Endstopps in Berlin und Altötting. Und auch wenn es Salih Jamal hier gelingt, durchaus wichtige gesellschaftliche Themen anzusprechen – egal ob Flucht, Arbeitsausbeutung in der Saisonarbeit oder die Verdrängung kleinerer landwirtschaftlicher Betriebe -, fehlt es schlussendlich jedoch an einem moralischen Kompass, an einem Korrektiv, zieht das Protagonist:innenquartett doch einem Verbrechersyndikat ähnlich durch die Lande, nur um Straftat nach Straftat zu begehen – die allesamt ungesühnt bleiben.

Die einzelnen Figuren sind dabei im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive, sind sie alle doch mit einer Hintergrundgeschichte versehen, die jeweils so problematisch ist, dass dies den Roman sogar – bei dessen Kürze – überfrachtet. Am stärksten begeistert hier noch Novelle. Salih Jamals Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und – nach kurzen Startschwierigkeiten am Anfang – das Kopfkino dann auch anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind durchaus Kleinigkeiten durchgerutscht, die das Lesevergnügen aber nicht erheblich schmälern, der Buchsatz ist einfach aber fehlerfrei – auch wenn man auf die Kapitelüberschriften hätte verzichten können, die meistens aber spoilerfrei bleiben. Das Covermotiv ist unauffällig und beliebig und wird leider zum Buchrücken hin unterbrochen, der ganze Buchumschlag ist hierbei kein Eyecatcher, allerdings dennoch eine Verbesserung zum Cover der Erstveröffentlichung.

Mein Fazit? „Das perfekte Grau“ ist ein durchaus spannendes, literarisches Roadmovie, das leider jedoch viel zu offen endet und dem etwas die moralische Einordnung fehlt. Für Leser:innen des Genres, die offene Enden tolerieren, dennoch zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Heike Abidi: „Liebe M. – Du bringst mein Herz zum Überlaufen“

Vor kurzem habe ich auch „Liebe M. – Du bringst mein Herz zum Überlaufen“ von Heike Abidi gelesen. Der Roman ist 2024 im Selfpublishing veröffentlicht worden, eine frühere Version erschien unter gleichem Titel und dem Pseudonym „Anna Paulsen“ 2018 im Penguin Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH. Das Buch ist als Liebesroman einzuordnen, vielen Dank an dieser Stelle auch an die Autorin für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Während andere den Freitag herbeisehnen, freut sich Matilda auf Montag, denn nichts liebt sie mehr als ihren Job im Amt für nicht zustellbare Post, wo sie für die Buchstaben K bis M zuständig ist. Doch dann kommt der Tag, an dem Matilda ein nie überbrachter Liebesbrief so sehr berührt, dass sie beschließt, ihre gewohnten Pfade zu verlassen und den Empfänger ausfindig zu machen – ganz gleich, wie schwierig es wird. Sie stößt auf eine schmerzliche Liebesgeschichte, die bereits viele Jahrzehnte zurückliegt. Doch für ein Happy End ist es schließlich nie zu spät, oder?

„Liebe M. – Du bringst mein Herz zum Überlaufen“ ist – wie oben dargestellt – die Neuauflage des bereits 2018 erschienenen, gleichnamigen Titels, der 2019 für den DELIA-Literaturpreis nominiert worden ist. Dabei fällt die Genreeinordnung als Liebesroman zwar leicht, gleichsam ist das Buch aber auch – mehr oder weniger – Schicksalsroman und Entwicklungsroman – und in der zweiten Hälfte durchaus teils auch Briefroman, kommuniziert doch ein Protagonist nahezu ausschließlich in Briefform.

Die Handlung ist dabei durchaus interessant, teils aber vorhersehbar, immer jedoch sehr cosy, sehr bedacht, eine Feel-Good-Atmosphäre zu schaffen – so wird das Buch ein idealer Begleiter für einen verregneten Tag mit einer dampfenden Tasse Kaffee (oder in Matildas Sinne: Tee). Themen wie verbotene Liebe, Altersdemenz und Vorurteilsdenken werden dabei durch die Protagonisten angerissen, aber nicht allzu vertieft aufgearbeitet, um die heimelige Stimmung, die den Roman durchzieht, nicht zu gefährden. Brillieren können hingegen einige der Briefe, insbesondere Cornelius‘ 100 Wahrheiten sind eine der absoluten Sternstunden des Romans. Auch das teils offene Ende vermag – wenn es auch etwas plötzlich kommt – durchaus zu glänzen.

Das Setting kann ebenfalls überzeugen. So entführt die Autorin die Leser:innen nach Karlskirchen, in eine mittelgroße (sonst hätte sie keinen Oberbürgermeister), aber doch verschlafene Stadt und nimmt sie mit auf Reisen, unter anderem nach Berlin und an die Ostsee. Dabei entdeckt man als Leser:in diese Orte zusammen mit den Protagonist:innen, das Meer mit Elvira zusammen kennenzulernen ist hierbei eine der am stärksten berührenden Passagen des Buches. Auch vermag es Heike Abidi, den grauen Büroalltag innerhalb der Behörde durchaus humorvoll darzustellen und den Leser:innen so das ein oder andere Lächeln zu entlocken.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei überzeugen insbesondere Elvira, Kirsten und Cornelius, während Matilda so weltfremd erscheint, dass sie anfangs schwer greifbar ist, und auch später wenig nachvollziehbar handelt und – irritierenderweise – höchst illegal. Heike Abidis Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss nicht schmälern, der Buchsatz ist ordentlich, hätte aber durchaus die Briefe innovativer setzen können. Das Covermotiv zieht sich über Buchrücken und Coverrückseite und ergibt so ein ganzheitliches Bild über den kompletten Umschlag, ist jedoch etwas eintönig und kein Eyecatcher. Auch hätte man auf die Kapitelüberschriften verzichten können, spoilern diese doch teils die Handlung der Kapitel, die aber – auch das sollte man lobend erwähnen – alle auf ungeraden Buchseiten beginnen.

Mein Fazit? „Liebe M. – Du bringst mein Herz zum Überlaufen“ ist ein Feel-Good-Liebesroman, der mit tollen Briefen und interessanten Charakteren glänzt, teils aber auch etwas vorhersehbar ist und etwas zu stark an der Oberfläche verbleibt. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 12 Jahren.

[Buchgedanken] Stefan Kuhlmann: „Herr Winter taut auf“

Vor kurzem habe ich auch „Herr Winter taut auf“ von Stefan Kuhlmann gelesen. Das Buch ist 2023 im Rowohlt Taschenbuch Verlag, in der Rowohlt Verlag GmbH erschienen und als Tragikomödie einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Robert Winter hat keine Lust auf Geschwätz und keine Zeit für Unsinn. Ihm ist egal, was andere Menschen über ihn denken. Sie sollen ihn einfach nur in Ruhe lassen. Und so versteht er auch überhaupt nicht, was seine Frau Sophia an ihrem Beruf als AVON-Beraterin so liebt. Für ihn sind Beauty-Produkte so ziemlich das Letzte, womit er seine Zeit verbringen möchte. Erst als ein Unfall Sophia aus seinem Leben reißt, ändert sich alles schlagartig. Um nicht in Trauer zu ertrinken, beschließt Robert, in ihre Fußstapfen zu treten und für Sophia den Titel «AVON-Beraterin des Jahres» zu gewinnen. Nur ist das schwerer als gedacht. Deutlich schwerer …  

„Herr Winter taut auf“ ist der Debütroman des Film- und Fernsehautors Stefan Kuhlmann. Dabei ist der Roman relativ schwer zu kategorisieren. So könnte man das Buch durchaus als Schicksalsroman ansehen, auch ein Entwicklungsroman wäre denkbar. Im Blurb und den auf diversen Portalen zitierten Kritikerstimmen wird das Buch teils als Komödie, teils als Tragikomödie beschrieben – letzteres halte ich aufgrund der Mischung aus Schicksalsschlag und Humor im Endeffekt für stimmig und habe es daher übernommen.

Die Handlung ist abwechslungsreich und kurzweilig, wenn auch durchaus vorhersehbar und im Mittelteil etwas überfrachtet. Dennoch vereint Stefan Kuhlmann gut den Humor mit den durchaus tragischen Elementen, sorgt für witzige, teils abstruse Szenen, die sogar mit Ironie und Sarkasmus angereichert sind. Allerdings ist das Ende relativ offen, was mich als Leser teils unbefriedigt zurücklässt und nach einer Fortsetzung schreit.

Das Setting ist überzeugend, aber auch austauschbar. So entführt der Autor den Leser in eine nicht näher bezeichnete Stadt mit Tankshops, Krankenhaus, Friedhof, Gericht und einer zu hohen Dichte an AVON-Beratern. Dabei gelingt es Stefan Kuhlmann, den Leser in den Alltag, in die absolute Normalität hineinzuziehen, ohne das Buch langweilig werden zu lassen – lediglich die Ausführungen der Kosmetikanwendungen sind hier teils zu umfangreich geworden.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive, wenn auch aufgrund der Vielzahl an Charakteren nicht alle im Detail ausgearbeitet werden können. So bleiben Wilma als Antagonistin und auch Dolores eher blass, während vor allem Basti und Lilli als wichtige Nebencharaktere punkten können. Stefan Kuhlmanns Schreibstil ist dabei leicht und flüssig zu lesen, pointiert, humorvoll und lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Buchdeckel ist auf dem Cover hochwertig geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen. Der Buchdeckel ist zudem generell sehr eintönig, das Covermotiv wird auch auf der Coverrückseite, einer farbigen Coverinnenseite und vor der Geschichte wieder aufgegriffen – etwas mehr Abwechslung hätte hier gut getan, vor allem, da das Motiv zwar humorvoll anmutet, die Handlung aber nicht wirklich abbildet.

Mein Fazit? „Herr Winter taut auf“ ist ein gelungenes und kurzweiliges Debüt, das vor allem mit seinem Humor und einem pointierten Schreibstil überzeugt, teils aber auch etwas überfrachtet ist. Für Leser des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Thorsten Pilz: „Weite Sicht“

Vor kurzem habe ich „Weite Sicht“ von Thorsten Pilz gelesen. Das Buch ist 2023 bei Lübbe in der Bastei Lübbe AG erschienen und als Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

Vier Frauen, vier Leben. Charlotte, die nach dem Tod ihres Mannes in Frage stellt, woran sie so lange glaubte. Gesine, die Hilfe braucht und nicht weiß, wie sie darum bitten soll. Sabine, die einsam ist und sich nicht damit abfindet. Und die Dänin Bente, der Freigeist, die Unruhestifterin, die fürchtet, nicht mehr genug Zeit zu haben für das, was sie noch vorhat. Nach vielen Jahren taucht Bente plötzlich wieder in Hamburg auf und wirbelt Charlottes Leben durcheinander. Mit ihrem Humor, ihrer Begeisterung für die Schriftstellerin Karen Blixen und ihrer Abenteuerlust. Vier Frauen, vier Leben. Und doch ist das, was ihnen die Sicht auf Neues verstellt, nur mit vereinten Kräften zur Seite zu schieben.

„Weite Sicht“ ist der Debütroman von Thorsten Pilz – und ich habe mich bereits mit der Genrezuordnung schwer getan. So liegt keine klassische Familiensaga vor, aber definitiv ein Roman über Familie – echte und selbst gewählte. Gleichsam sind aber auch Aspekte eines Entwicklungs- und Schicksalsroman vorhanden – und auch durchaus Argumente für die Klassifizierung als Gegenwartsliteratur. Aufgrund der jedoch wirklich starken Zentrierung um das Thema „Familie“ habe ich es schlussendlich bei der Eingruppierung als Familiensaga gelassen.

Die Handlung ist eher sekundär, passiert doch – etwas zugespitzt gesagt – fast gar nichts, wird die Geschichte doch vielmehr durch die Beziehungen untereinander und durch jeweils intrinsische Motive der Charaktere vorangetrieben als durch externe Handlungselemente. Dies ist in der Schlichtheit und Klarheit auch vollkommen okay – ich hätte mir lediglich gewünscht, dass die rar eingestreuten Handlungselemente etwas intensiver behandelt worden wären. Toll jedoch, dass die Handlung zeigt, dass auch im Alter von über 70 neue Liebe, neue Lebensabschnitte und drastische Veränderungen möglich sind.

Das Setting ist gelungen. So entführt der Autor den Leser nach Hamburg in die High Society zwischen Reederfamilie und Kulturstiftung, und in einen Vorort von Kopenhagen am Oresund – malerischer Sandstrand inklusive. Dabei zeigt Thorsten Pilz vor allem die stillen Seiten der Orte, die Alster am frühen Morgen, das Geburtshaus von Karen Blixen – oder auch den Berliner Teufelsberg. Eine bewusste Ruhe und Entschleunigung, die sicher auch dem Alter der Protagonistinnen geschuldet ist.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugt vor allem die dänische Wahlverwandtschaft mit Bente, Mogens und Troels, während Sabine nicht zwingend nachvollziehbar handelt. Der Schreibstil von Thorsten Pilz ist dabei leicht und flüssig lesbar, lässt das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben sauber gearbeitet, der Buchsatz ist ordentlich, auch wenn die Überschrift der Kapitel mit fortlaufender Handlungsdauer unnötig erscheint. Der Buchumschlag ist mit Klappen ausgestaltet, das Titelbild zieht sich gut über den kompletten Umschlag und sorgt für einen tollen Gesamteindruck, auch wenn der Bezug zur Handlung etwas fehlt.

Mein Fazit? „Weite Sicht“ ist ein im Großen und Ganzen, vor allem sprachlich, überzeugendes Debüt mit tollem Setting und interessanten Charakteren und nur kleineren Schwächen in der Handlung. Bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag empfohlenen Lesealter von 16 Jahren – vielleicht auch ein, zwei Jahre früher.

[Buchgedanken] Gabriel Herlich: „Freischwimmer“

Und auch dieses Buch habe ich vor kurzem gelesen, nachdem ich den Autor auch auf der Leipziger Buchmesse getroffen habe. „Freischwimmer“ von Gabriel Herlich ist 2023 im Pendragon Verlag erschienen und als Gegenwartsliteratur einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Es gibt Zeiten im Leben, auf die man zurückblickt und begreift, dass sie alles verändert haben – für Donnie Frey ist diese Zeit sein 21. Sommer. Eine einzige schicksalhafte Begegnung reicht aus, um Donnie völlig aus der Bahn zu werfen. Plötzlich sieht er sich mit Fragen konfrontiert, denen er bislang erfolgreich ausgewichen ist. Was bedeutet es, eigene Entscheidungen zu treffen und mit den Konsequenzen zu leben? Wie weit würde er gehen, um für seine Überzeugungen einzustehen? Antworten auf diese Fragen findet er dort, wo er sie am wenigsten erwartet hätte: in Zimmer 311 eines Altenheimes, auf dem Fahrersitz eines Buchanka und in einem malerischen Hotel in Südfrankreich.

„Freischwimmer“ wird im Blurb von Takis Würger als Roadmovie, als Liebesgeschichte und Entwicklungsroman beschrieben – und ist unzweifelhaft auch all das. Gleichsam ist es auch ein Coming-of-Age Roman, fast eine Familiensaga, aber vor allem auch ein Roman der Gegenwartsliteratur. Letzteres habe ich auch als Einordnung, als Symbolbild für die Gesamtheit, die Komplexität übernommen – eine Kategorisierung, die durchaus auch auf wichtigen Verkaufsportalen zu finden ist.

Die Handlung ist abwechslungsreich und kurzweilig – auch wenn die einzelnen Zufälle, die die Handlung vorantreiben, in der Gesamtheit doch etwas konstruiert erscheinen. Das Ende hingegen verdient sein Lob dafür, nicht klischeehaft ein Happy-End zu installieren, sondern eine Auflösung, die zur Story passt und sich echt und organisch anfühlt. Dabei mischt Gabriel Herlich schwere Themen wie Rassismus, Antisemitismus, Beutekunst und physische und sexuelle Gewalt mit der zarten Liebesgeschichte – und einer Mission der Wiedergutmachung.

Das Setting ist gelungen. So entführt der Autor den Leser nach Hamburg, in eine Welt voller Gegensätze zwischen High-Society Villa und schäbiger Gartenlaube, die in der Figur von Donatus kumulieren, der zu Beginn des Buches in beiden Welten – und doch irgendwie in keiner – so richtig zuhause ist. Zudem nimmt Gabriel Herlich den Leser auch mit auf eine Reise, nicht nur nach Frankreich sondern auch in die Vergangenheit zweier Familien voller Geheimnisse und Erinnerungen.

Die einzelnen Figuren sind vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei brilliert vor allem Meggie, und auch Laura und Vincent können als wichtige Nebencharaktere überzeugen. Donatus hingegen bleibt etwas blass, handelt nicht immer nachvollziehbar und lässt teils eine Lernkurve vermissen. Gabriel Herlichs Schreibstil ist hingegen leicht und flüssig lesbar und lässt das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, wobei letzterer sich ein Zusatzlob dafür verdient, jedes Kapitel auf einer ungeraden Seite zu starten. Der Buchumschlag ist relativ simpel und eintönig, das Covermotiv, das ebenfalls nicht in Gänze überzeugt, abrupt zum Buchrücken unterbrochen. Auch das unter dem Umschlag befindliche Buch ist sehr einfach gestaltet – lediglich die Haptik vermag hier wirklich zu überzeugen.

Mein Fazit? „Freischwimmer“ ist ein Roman der Gegenwartsliteratur, der mit einer abwechslungsreichen und gut ausbalancierten Handlung punktet, die allerdings in Teilen auch etwas konstruiert erscheint. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 14 oder 15 Jahren.