[Buchgedanken] Frida Jacobsen: „Herbstleuchten über dem Möwenhof“ (Möwenhof 2)

In der letzten Zeit habe ich auch „Herbstleuchten über dem Möwenhof“ von Frida Jacobsen gelesen. Das Buch ist 2026 als Aufbau Taschenbuch in der Aufbau Verlage GmbH & Co. KG erschienen und als Liebesroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Ole Paulsen weiß nicht mehr weiter: Sein Pfahlrestaurant in St. Peter-Ording steht kurz vor dem Aus, und privat läuft ebenfalls alles schief. Als Ole wider Willen bei einer Fernsehkochshow antritt, gerät seine Welt vollends ins Wanken – und sein Herz gleich mit. Während die Kameras laufen und der Herbstwind über den Möwenhof fegt, muss Ole sich fragen, was im Leben und in der Liebe wirklich zählt.

„Herbstleuchten über dem Möwenhof“ ist nach „Sommerhimmel über dem Möwenhof“ der zweite Band der Möwenhof-Reihe aus der Feder von Frida Jacobsen, einem Pseudonym von Frieda Bergmann, die auch Teil des Autorinnen-Quartetts Hannah Conrad ist. Wie beim ersten Teil lässt sich der Roman klar als klassischer Liebesroman einordnen, auch Kategorisierungen wie Küsten- oder Nordseeroman sind möglich, entfernt erinnert die Serie auch an eine Familiensaga, auch wenn man Ole dann mehr oder weniger in diesem Fall als „adoptiertes“ Familienmitglied sehen müsste. Der Roman lässt sich gut als Standalone lesen, zur Figurenentwicklung empfehle ich vorher aber die Lektüre des ersten Bandes.

Die Handlung ist abwechslungsreich und interessant, genrebedingt natürlich auch vorhersehbar. Sie setzt nahtlos die Geschichte aus Band 1 fort und wird erneut aus den beiden Ich-Perspektiven der Love Interests erzählt – der Wechsel erfolgt kapitelweise und ist durch die Kapitelüberschrift angekündigt. Dabei trifft man liebgewonnene Charaktere wieder – der Möwenhof ist über die beiden Bände fast schon wie ein Zuhause auch für die Leser:innen geworden, sodass auch für weitere Folgebände noch genug Charaktere übrig bleiben würden, die auch noch eine Geschichte verdienen.

Das Setting brilliert erneut. Wieder geht es für die Leser:innen nach Sankt Peter-Ording, aber dieses Mal auch nach Schottland und Hamburg – Ole hat sich einen kosmopolitischen Love Interest verdient. Der Lokalkolorit kommt erneut durch den Dialekt durch – auch wenn er anteilig etwas hinter Band 1 zurücksteht. Wieder werden zudem niederschwellig wichtige Themen eingebaut wie Existenzängste, Scham oder die Verdrängung kleinerer Betriebe durch Ketten (eine Hommage an Band 1), die Feel-Good-Atmosphäre wird aber nie beeinträchtigt, das Happy End gerät nie wirklich in Gefahr.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive – und werden konsequent aus dem Vorgängerband weiterentwickelt. Dabei überzeugt erneut allen voran Nele, aber auch andere wichtige Nebencharaktere wie Levke oder Esther können glänzen – genau wie in diesem Band auch die Protagonist:innen Allegra und Ole, der ja im ersten Band schon einer meiner Favoriten war. Frida Jacobsens Schreibstil lässt sich erneut leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Auch die Buchgestaltung ist wieder ordentlich. Lektorat und Korrektorat sind zwar Kleinigkeiten durchgerutscht, die sich aber noch im vertretbaren Rahmen halten, der Buchsatz ist solide. Der Umschlag ist auf Cover, Coverrückseite und Buchrücken leicht geprägt, das Covermotiv setzt sich auf Buchrücken und Coverrückseite nahtlos fort und erzeugt so ein tolles Gesamtbild, das sich zudem gut ins Gefüge der Reihe einpasst. Generell ist das Covermotiv auch ansehnlich, auch wenn mir erneut der Bezug zur Handlung fehlt. Abgerundet wird die Geschichte zudem mit einer kurzen Playlist, die unüblich hintangestellt ist.

Mein Fazit? „Herbstleuchten über dem Möwenhof“ ist eine tolle Fortsetzung, die altbekannte Charaktere weiterentwickelt und in eine erneut tolle Story packt, die wirklich viel Spaß macht. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 13 Jahren.

[Buchgedanken] Evelyn Scala Schreiber: „Wir waren Artisten: Das Mädchen“ (Zirkus-Trilogie 1)

Vor kurzem habe ich „Wir waren Artisten: Das Mädchen“ von Evelyn Scala Schreiber gelesen. Das Buch ist 2026 bei Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen, die Originalausgabe wurde 2025 unter dem Titel „Privatflickan“ bei Bokförlaget Forum, Stockholm, veröffentlicht. Der Roman ist als Familiensaga einzuordnen, für die Übersetzung aus dem Schwedischen zeichnet Holger Wolandt verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Bertha Lindberg, eine junge Frau der feinen Stockholmer Gesellschaft, soll endlich standesgemäß heiraten. Doch während ihr Vater nach einem geeigneten Ehemann sucht, träumt sie von einer großen Bühnenkarriere. Als sie an einem Dezemberabend Baptiste begegnet, einem gefeierten Artisten aus Österreich, verliebt sie sich nicht nur in ihn, sondern auch in die schillernde Welt des Zirkus. Denn obwohl Bertha sich für eine moderne Frau hält, lernt sie hier eine Freiheit kennen, die ihre Vorstellung bei Weitem übersteigt. Nach nur drei Tagen muss sie eine Entscheidung treffen, die ihr Leben für immer verändert …

„Wir waren Artisten: Das Mädchen“ ist der Debütroman von Evelyn Scala Schreiber und der Auftaktband in die Trilogie um die Zirkusfamilie Schreiber, inspiriert von der wahren Familiengeschichte der Autorin. Der Roman, der jetzt bereits einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren abbildet, lässt sich daher gut als Familiensaga einordnen, auch die Eingruppierungen als historischer Roman oder Entwicklungsroman wären theoretisch denkbar, treten aber hinter die ganz klar im Zentrum stehende und alles überragende Familiengeschichte zurück.

Die Handlung ist dabei durchaus interessant und abwechslungsreich, wird aber durch den der Handlung vorgestellten Textauszug bereits in Teilen gespoilert, gleiches gilt durch die hintangestellten Fotos gegebenenfalls für die Folgebände. Erzählt wird die Geschichte aus mehreren personalen Erzählperspektiven, die dankenswerterweise jeweils kapitelweise wechseln und mit der jeweiligen Erzählstimme überschrieben sind. Und auch wenn der Roman kleinere Längen hat, man sich teils andere Ausgänge gewünscht hätte, ist man durch die Familiengeschichte der Autorin doch gebunden und kann sich von ihr fesseln lassen – das Buch lässt sich dabei trotz des durchaus offenen Endes sogar gut als Standalone lesen, auch wenn natürlich genug Potential für die Folgebände verbleibt.

Das Setting kann naturgemäß brillieren. So entführt die Autorin ihre Leser:innen ans Ende des 19. Jahrhunderts, nimmt diese mit auf eine Reise durch – vornehmlich – Nordeuropa, bringt sie aber bis nach Paris und St. Petersburg. Hierbei mischt Evelyn Scala Schreiber das – familiär präsente – Thema Zirkus mit den gesellschaftlichen Umwälzungen der damaligen Zeit, mit Themen wie Emanzipation, Ausgrenzung, Fremdenhass und familiären Verpflichtungen. Dabei entsteht eine schillernde Kulisse, die vor allem die krassen Gegensätze vom Leben in der Oberschicht zum Leben als reisender Zirkusartist gut illustriert.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Julia, Caroline, Hedda und Charles, während vor allem Baptiste leider etwas enttäuschend agiert, nicht nachvollziehbar handelt und viele Sympathien verspielt – was der Lovestory nicht wirklich zuträglich ist. Evelyn Scala Schreibers Schreibstil lässt sich darüber hinaus leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen, ist sicherlich aber auch zugunsten der Lesbarkeit im Vergleich zur historischen Authentizität hin ausbalanciert.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist ordentlich. Der Umschlag ist auf dem Cover und dem Buchrücken leicht geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, das Covermotiv setzt sich nahtlos auf Buchrücken und Coverrückseite fort und bietet Anklänge zur Handlung, ist insgesamt aber kein Eyecatcher. Die Geschichte wird durch eine etwas ausufernde Personenübersicht und durch Fotoaufnahmen abgerundet – gegebenenfalls hätte man die Fotos auch in die Coverinnenseiten packen können, damit diese farblich hätten dargestellt werden können. Gefreut hätte ich mich auch über Stammbäume – das hätte die Personenübersicht etwas entzerrt.

Mein Fazit? „Wir waren Artisten: Das Mädchen“ ist ein gelungenes Debüt und ein vielversprechender Auftakt in eine Familiensaga, die mal ganz andere Themen in den Mittelpunkt rückt. Kleinere Schwächen sind dabei zu verschmerzen, die schillernde Zirkuswelt macht hierbei Lust auf mehr. Für Leser:innen des Genres daher bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von etwa 14 Jahren.

[Buchgedanken] Horst Moser: „Weil wir nichts wussten“

Vor kurzem habe ich auch „Weil wir nichts wussten“ von Horst Moser gelesen. Das Buch ist 2026 in der Edition Raetia erschienen und als Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Zwei Menschen, zwei Geschichten: Der Journalist Lukas berichtet aus dem Ausland von den vielen Protestwellen, die Europa erschüttern. Als er erfährt, dass es seiner Mutter nicht gut geht, kehrt Lukas in das Provinzstädtchen zurück, in dem er aufgewachsen ist.
Gleichzeitig begibt sich eine entwurzelte junge Frau auf die Suche nach ihrer Vergangenheit. Bei den Protestierenden findet sie vorübergehend Unterschlupf, aber auch dort gehört sie nicht wirklich dazu. Bald stößt sie auf Wahrheiten, die lange verborgen waren …

„Weil wir nichts wussten“ ist mein erster Roman von Horst Moser. der sich bereits gar nicht so einfach einem Genre zuordnen lässt, mischt er doch familiäre Geheimnisse und Verwicklungen mit nah-dystopischen Protestbewegungen und erweitert die Geschichte so um eine politische Komponente, die für mich allerdings vernachlässigbar ist. Ich habe es daher bei der Konzentration auf die zentralen Handlungselemente und der damit verbundenen Einordnung als Familiensaga belassen, auch wenn die Kategorisierung als Gegenwartsliteratur natürlich auch nicht abwegig ist.

Die Handlung ist grundsätzlich abwechslungsreich und interessant, teils aber auch sehr vorhersehbar, dadurch aber nicht minder fesselnd. Sie wird wechselnd aus den personalen Erzählperspektiven der beiden Protagonist:innen erzählt, auch wenn hier eine Unwucht zugunsten des Handlungsstrangs von Lukas besteht – das hätte man durchaus in der Schwerpunktsetzung besser ausbalancieren können. Zudem ist – wie bereits oben angedeutet – der Handlungsstrang um die Protestbewegung mehr als vernachlässigbar und trägt wenig zum Fortgang der Handlung bei.

Das Setting ist gelungen. So entführt der Autor die Leser:innen in ein kleines Städtchen in Südtirol, in dem die Uhren langsamer laufen, Tradition stärker verankert ist und die hektische Welt vor der Stadtgrenze endet. Gleichsam führt die Reise aber auch nach Frankfurt und Wien, in ein Franziskanerkloster und – vor allem – in die Vergangenheit. Dabei taucht Horst Moser in lokale Machtstrukturen ein, beschreibt regionale Verflechtungen, die so überall auf der Welt anzutreffen sind, und zeigt so einmal mehr, dass Geld durchaus im kleinen zumindest die Welt regiert.

Die einzelnen Figuren sind vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen neben Lukas vor allem wichtige Nebenfiguren wie Kathrin und Elsa, während die anfangs noch namenlose zweite Protagonistin aufgrund der Kürze ihres Handlungsstrangs nicht wirklich greifbar wird. Horst Mosers Schreibstil lässt sich dabei trotz teils sehr komplexer Sätze noch leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben ordentlich gearbeitet, der Umschlag ist mit Klappen versehen, das unter dem Umschlag befindliche Hardcover sehr schlicht. Das Covermotiv wird nahtlos zum Buchrücken hin fortgesetzt, irritierenderweise von dort zur Coverrückseite hin aber stark abgegrenzt. Insgesamt ist der Umschlag eher eintönig und das Covermotiv kein klassischer Eyecatcher, zeigt aber immerhin Anklänge zur Handlung.

Mein Fazit? „Weil wir nichts wussten“ ist eine tolle Familiensaga, die durch das Setting und starke Charaktere punktet, aber auch leichte Probleme in der Schwerpunktsetzung hat und unnötig die Handlung durch eine weitere Ebene überfrachtet. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 14 Jahren.

[Buchgedanken] Claudia Romes: „Zeit der Pfingstrosen“

In den letzten Tagen habe ich auch „Zeit der Pfingstrosen“ von Claudia Romes gelesen. Das Buch ist 2025 als Aufbau Taschenbuch in der Aufbau Verlage GmbH & Co. KG erschienen und als Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Nach einer unglücklichen Ehe wagt Katy einen Neuanfang in der Blumenstadt Aberdeen. Sie betreut den demenzkranken Jeff, den es immer wieder in den kleinen Blumenladen am Meer zieht. Zusammen mit seinem Neffen Aiden hilft ihm Katy hier, inmitten der Blüten, seinen Erinnerungen nachzuspüren. Dabei stoßen sie nicht nur auf eine tragische Liebesgeschichte, sondern entdecken auch ihre Gefühle füreinander. Gibt es eine Chance für diese unerwartete Liebe, und kann sich Jeff mit seiner Vergangenheit aussöhnen, bevor es zu spät ist? 

„Zeit der Pfingstrosen“ ist nach „Beethovens Geliebte„ mein zweiter Roman von Claudia Romes. Dabei lässt sich der Roman gar nicht so einfach einem Genre zuordnen. Während der Untertitel „Eine Liebe in Schottland“ einen Liebesroman suggeriert und auch der Klappentext durchaus den Fokus darauf legt, kann man das Buch auch gut als Familiensaga eingruppieren, wird doch auch die Geschichte einer Familie über einen Zeitraum von knapp 80 Jahren beleuchtet. Da diese Kategorisierung auch unter anderem auf Verkaufsportalen übernommen worden ist, habe ich mich schlussendlich ebenfalls dazu entschieden – auch die Einordnung als Schicksalsroman wäre darüber hinaus jedoch denkbar gewesen.

Die Handlung ist dabei durchaus abwechslungsreich, hat aber auch vereinzelt Längen. Erzählt wird sie in zwei Zeitebenen, einer mehr oder weniger gegenwärtigen 2016/2017 und einer vergangenen, die die Jahre von 1939 bis 1969 abdeckt. Aufgrund der kleineren Längen erscheint das Ende als krasser Gegenpart dazu etwas überhastet – und kann auch nicht vollends überzeugen, hätte man aus meiner Sicht doch gut auf den Epilog verzichten können. Alles in allem vermag die Handlung aber dennoch gut zu unterhalten und kann trotz der schweren Themen eine Wohlfühlatmosphäre schaffen.

Das Setting kann hingegen auf ganzer Linie glänzen. So entführt die Autorin ihre Leser:innen nicht nur nach Aberdeen an die raue schottische Küste, sondern auch mitten hinein in die Gräuel des Zweiten Weltkrieges beim Stellungskampf in Frankreich und – immer und immer wieder – ans und aufs Meer. Zudem verwebt Claudia Romes wichtige Themen wie Demenz, häusliche Pflege, Peer Pressure und toxische Beziehungen mit der gegenwärtigen Lovestory und sorgt so für ein hochaktuelles und interessantes Gesamtpaket – insbesondere im gegenwärtigen Handlungsstrang.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. So überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Brad, Mabel und Penny, während Katy teils nicht nachvollziehbar handelt und Aiden etwas zu perfekt geraten ist – die ein oder andere dunkle Seite hätte ihn noch glaubhafter und greifbarer gemacht. Claudia Romes‘ Schreibstil lässt sich zudem leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist gelungen. Lektorat und Korrektorat haben ordentlich gearbeitet, der Buchsatz ist schön anzusehen. Der Umschlag ist auf Cover, Coverrückseite und Buchrücken hochwertig geprägt und fühlt sich dadurch haptisch toll an. Das Covermotiv setzt sich auf Buchrücken und Coverrückseite nahtlos fort, sodass ein einheitliches Gesamtbild entsteht, auch wenn es sicherlich kreativere Lösungen gegeben hätte, als das Covermotiv auf der Coverrückseite einfach spiegelverkehrt abzubilden. Insgesamt ist das Covermotiv dabei durchaus ansehnlich und genretypisch, aber auch etwas beliebig und austauschbar.

Mein Fazit? „Zeit der Pfingstrosen“ ist eine Familiensaga, die vor allem mit ihrem tollen Setting punktet und atmosphärisch starke Lesestunden bietet, dabei aber auch kleinere Längen aufweist. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 14 Jahren.

[Buchgedanken] Martin Rost: „Der unsterbliche Zando“

Vor kurzem habe ich auch „Der unsterbliche Zando“ von Martin Rost gelesen. Das Buch ist 2025 in der ars vivendi verlag GmbH & Co. KG erschienen und als Gegenwartsliteratur einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Eigentlich sollte Fritz Fello, 23, in naher Zukunft die seit Generationen bestehende Familienbrauerei Hercules übernehmen, doch sein Vater hat mit einem Mal andere Pläne – und wirft ihn aus dem Geschäft. Aber damit nicht genug: Es folgen weitere Fehlschläge, und Fritz taumelt von einer Sackgasse zur nächsten, bis er schließlich auf den erfolgreichen Maik Zando trifft, einen alten Freund aus der Schulzeit, der gerade dabei ist, sich auf eine ominöse Reise nach Australien vorzubereiten. Auch Fritz hält nichts mehr in seiner Heimat, und er überlegt, Maik ans andere Ende der Welt zu begleiten. Doch je näher er seinem alten Freund rückt, desto mehr weisen die Umstände darauf hin, sein Vater und Maik könnten unter einer Decke stecken …

„Der unsterbliche Zando“ ist der Debütroman von Martin Rost – und überzeugt vor allem durch seine durchaus poetische Sprache. Dabei lässt sich der Roman nicht ganz einfach einem Genre zuordnen. Als Familiendrama beworben, würde ich das Buch eher als Gegenwartsliteratur einordnen, fehlt es doch für mich an dem für ein Familiendrama/eine Familiensaga notwendigen, generationenumspannenden Handlungsverlauf.

Denn die Handlung ist zwar durchaus kurzweilig und abwechslungsreich, teils aber auch etwas irrational und schwer fassbar, gelegentlich zeitlich kaum zu verorten durch die Vielzahl an eingestreuten Rückblenden – ein Delirium, genau wie das, in dem sich Fritz befindet. Insbesondere das Ende vermag allerdings zu überraschen, zwar sind Teile vorhersehbar, andere jedoch gänzlich unerwartet. Und auch wenn nicht alles dadurch erklärt wird, erklärt werden kann, bleibt trotzdem ein Gefühl der Vollendung für den Leser zurück. So ist es zwar nicht das Ende, das man sich erwünscht, aber das Ende, das die Geschichte verdient.

Das Setting kann ebenfalls überzeugen. So entführt der Autor die Leser:innen in eine austauschbare Stadt zwischen Brauerei, Kneipe und Kirmes, mit Kirche, Tageszeitung und einem großen Umschlagparkplatz. Ein Prototyp eines eher ländlichen, mittelgroßen Ortes, der gleichzeitig intensiv und nichtssagend verbleibt, ein Ort wie geschaffen, für Fritz‘ zerbrochenes Leben, für die zerbrochene Welt generell.

Der Kreis an handelnden Personen ist im Wesentlichen auf Fritz und Toni beschränkt, durch die Rückblenden erweitert sich dieser jedoch etwas. Durch den Hauch des Mysteriums, durch die ständige Suche nach Verbundenheit, lässt sich Fritz jedoch nur schwerlich greifen, eine Verbindung eher nur zum Fritz der Vergangenheit herstellen. Martin Rosts Schreibstil ist dabei – wie bereits erwähnt – unglaublich poetisch, leicht und flüssig zu lesen und lässt das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben ordentlich gearbeitet, das Covermotiv ist sehr stilisiert und hätte durchaus etwas stärker ausgearbeitet sein können. Insgesamt ist der Buchumschlag sehr schlicht und eintönig, definitiv kein Eyecatcher. Am stärksten überzeugt hier noch die Typografie des Covers.

Mein Fazit? „Der unsterbliche Zando“ ist ein durchaus beeindruckendes Debüt, ein poetischer Roman der Gegenwartsliteratur, der mit seiner Sprache und dem Ende überzeugt, teils aber etwas zu wirr, zu schwer greifbar verbleibt. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Roddy Doyle: „Die Frauen hinter der Tür“ (Paula Spencer 3)

In den letzten Tagen habe ich auch „Die Frauen hinter der Tür“ von Roddy Doyle gelesen. Das Buch ist 2025 im GOYA Verlag in der JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH veröffentlicht worden, die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel „The Women Behind the Door“ bei Jonathan Cape, London. Das Buch ist als Gegenwartsliteratur einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Sabine Längsfeld verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Die 66-jährige Paula Spencer lebt endlich ihr eigenes Leben. Sie ist Mutter, Großmutter, Witwe, trockene Alkoholikerin und Überlebende. Sie hat einen Job bei der Reinigung, der ihr Spaß macht, einen Mann – Joe – mit dem sie ihre Gedanken teilen kann, Freundinnen, die sie so nehmen, wie sie ist, und vier erwachsenen Kinder, die ihre eigenen Familien haben. Sie hat sich den Geistern ihrer Vergangenheit widersetzt und blickt nach vorn. Bis alles durcheinandergebracht wird, als ihre älteste Tochter Nicola vor der Tür steht. Die unabhängige, wohlhabende und liebevolle Ehefrau und Mutter – Paulas Vorzeigetochter – ist auf einmal fest entschlossen, alles hinter sich zu lassen. In den kommenden Tagen vertraut Nicola ihrer Mutter nach und nach an, was diese Krise ausgelöst hat.

„Die Frauen hinter der Tür“ ist nach „Paddy Clarke Ha Ha Ha“ mein zweiter Roman des Booker-Prize-Gewinners Roddy Doyle. Zugleich ist es auch ein Sequel der anderen Romane um Paula Spencer – was weithin unerwähnt bleibt und nur durch Zufall bei der Recherche auftauchte, ist Paula doch bereits Protagonistin zweier Romane aus den 90er- und 2000er-Jahren und tauchte sogar erstmals in einer Fernsehserie auf. Dennoch lässt sich der Roman gut als Standalone lesen, die Kenntnis der anderen Bücher hätte aber vermutlich eine noch tiefere Verbindung zur Geschichte geschaffen. Das Buch lässt sich dabei relativ einfach einem Genre zuordnen, ist aus meiner Sicht klassische Gegenwartsliteratur und nicht – wie auf Verkaufsportalen teils angegeben – eine Familiensaga.

Die Handlung wird dabei aus personaler Sicht von Paula erzählt – und in den ersten zwei Dritteln geht sie auch relativ stringent voran, wenn auch mit größeren Zeitsprüngen gespickt. Dabei erzählt Roddy Doyle die familiären Geschehnisse eingebettet in die großen gesellschaftlichen Entwicklungen der frühen 20er Jahre, nimmt stark Bezug auf die Corona-Pandemie und – zuletzt – auch auf die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Zum Ende hin wird die Handlung jedoch etwas zähflüssig, durchbricht die Stringenz und sorgt für ein sehr antiklimaktisches Ende, das größtenteils auch schon vorweggenommen worden ist.

Das Setting kann dahingegen wieder überzeugen. So entführt der Autor die Leser:innen ins Irland der Jetztzeit, in eine Stadt, geprägt von der Pandemie, in einen Haushalt, geprägt von den vergangenen Gräueltaten. Durch die Aktualität gelingt es ihm dadurch, natürlich sofort auch bei den Leser:innen Erinnerungen und Erwartungen zu schaffen, sich mit Paula zu connecten und sofort eine Verbindung zu ihr aufzubauen. Gleichsam ist immer ein irischer Flair vorhanden, sodass der Handlungsort trotzdem prägend verbleibt.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Am stärksten kann hier Mary glänzen, aber durchaus auch Paula schafft es, zumindest phasenweise zu begeistern. Sonst ist der Personenkreis kammerspielartig stark begrenzt. Roddy Doyles Schreibstil lässt sich durchaus flüssig und gut lesen, lediglich mit den Dialogen und ihrer Darstellung werde ich auch weiterhin nicht warm.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist einfach, insbesondere die Chatnachrichten hätte man ggf. innovativer setzen können. Das Covermotiv ist eher simpel und kein Eyecatcher, farblich wird der Umschlag zur Coverrückseite krass unterbrochen und abgeändert. Insgesamt ist die Gestaltung eher eintönig, die Ausgabe generell sehr schlicht.

Mein Fazit? „Die Frauen hinter der Tür“ ist ein Roman der Gegenwartsliteratur, der mit seinem Setting und seiner Eindringlichkeit punktet, zum Ende hin aber auch etwas abbaut. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Hera Lind: „Um jeden Preis“

In der letzten Zeit habe ich auch „Um jeden Preis“ von Hera Lind gelesen. Der Roman ist 2025 im Knaur Verlag, einem Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG veröffentlicht worden und als (historische) Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

1944 beginnt für die 16-jährige Lydia ein Alptraum, der nicht enden will: Als die Rote Armee auf ihr kleines Dorf bei Odessa in der Ukraine vorrückt, flieht die Familie. Sie schaffen es sogar bis nach Deutschland, doch sie werden zurückgeholt. Mit Mutter und vier Geschwistern wird Lydia bei minus 50 Grad nach Sibirien verschleppt. Zwölf unbarmherzige Jahre lang kämpft sie in einem Gulag ums Überleben und wird Mutter von acht Kindern, von denen sechs überleben. Als man sie endlich aus dem Lager entlässt, ist der eiserne Vorhang dicht. Weitere zwölf Jahre irrt sie mit den Kindern durch die Sowjetunion, immer nur ein Ziel von Augen: um jeden Preis mit ihnen nach Westdeutschland gelangen, auch wenn sie da noch nie war. Denn Deutschland ist ihre Heimat!

„Um jeden Preis“ ist mein erster Roman von Hera Lind – und er lässt sich nicht so einfach einem Genre zuordnen. Beworben als Tatsachenroman, hat das Buch klare biografische Aspekte, beruht die Geschichte doch auf einer wahren Begebenheit. Da aber nicht ganz klar ist, wo hier die Trennlinie zwischen Realität und Fiktion verläuft und wie zuverlässig Erinnerungen an traumatische Erlebnisse sind, habe ich es der Einfachheit halber bei der Eingruppierung als (historische) Familiensaga belassen, wobei die Kategorisierung als Romanbiografie genauso vertretbar gewesen wäre.

In dem Roman begleitet man die Mitglieder der Familie Groß (später größtenteils Judt) in den Jahren von 1927 bis 2021, wobei die Zeit bis 1944 größtenteils ausgespart wird und auch die späten Jahrzehnte größtenteils gerafft werden – hier hätte das ein oder andere Kapitel jeweils noch gut getan, auch wenn man den Roman dann wohl auf zwei Bände hätte strecken müssen. Erzählt wird die Geschichte dabei überwiegend in einer Ich-Perspektive aus Sicht von Lydia, wobei irritierenderweise später weitere Ich-Perspektiven eingestreut werden. Und auch wenn dies im Nachwort durchaus begründet wird, reißen diese Perspektiven doch etwas aus dem Lesefluss und stören die Stringenz, endet damit doch auch die streng chronologische Erzählung der Ereignisse.

Weiterführende Aussagen zur Handlung und zu den Personen verbieten sich aufgrund des starken biografischen Charakters des Romans, auf den Einstieg, der die Entstehungsgeschichte des Romans dargestellt hat, hätte ich jedoch verzichten können – mir hätte das im Nachwort gereicht. Viel lieber wäre ich direkt in Lydias Geschichte eingetaucht, die man noch mit einem Stammbaum oder vielleicht einer Karte, die die unglaublichen Wege der Familie illustriert, hätte versehen können.

Abgesehen davon bietet das Buch anhand des persönlichen Schicksals der Familie einen guten Überblick über die Geschichte der Russlanddeutschen, über die Vertreibung, die Willkür und Grausamkeiten, denen die Kriegsvertriebenen ausgesetzt waren und illustriert an kleinen Beispielen aber auch die Momente der Menschlichkeit, die manchmal den Unterschied zwischen Tod und Leben ausmachen konnten – viel zu sehr ist das teils in Vergessenheit geraten.

Die Buchgestaltung ist gelungen. Lektorat und Korrektorat haben ordentlich gearbeitet, der Buchsatz ist konservativ und fehlerfrei. Der Buchumschlag ist auf dem Cover, der Coverrückseite und dem Buchrücken hochwertig geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, das Titelmotiv setzt sich gut über den Buchrücken und die Coverrückseite hinweg, sodass ein einheitliches Gesamtbild entsteht, das sich von der Gestaltung auch in die Reihe der anderen Tatsachenromane von Hera Lind integriert. Insgesamt ist mir das Covermotiv aber etwas zu beliebig, auch wenn es natürlich Anklänge zur Handlung zeigt – ein Eyecatcher sieht dann doch anders aus.

Mein Fazit? „Um jeden Preis“ ist eine Familiensaga nach einer wahren Begebenheit, die mit aufrüttelnden und berührenden Schicksalen punktet und dabei nur kleinere Schwächen hat. Für Leser:innen ab 16 Jahren bedenkenlos zu empfehlen.

Große Geschichten im Doppelpack | Lovelybooks-Buchpost

In den letzten Tagen erreichten mich auch diese beiden Rezensionsexemplare im Rahmen von Leserunden auf Lovelybooks.de – vielen Dank dafür! „Um jeden Preis“ ist dabei der neue Roman der Bestsellerautorin Hera Lind (Knaur Verlag, Verlagsgruppe Droemer Knaur Gmbh & Co. KG) über ein berührendes Familienschicksal nach einer wahren Begebenheit, während „Golden State of Mind“ von Sophie Mauve (Selfpublishing) die Leser:innen mit in die schillernde Filmwelt nimmt und eine atypische Hollywood-Lovestory erzählt. Ich bin auf beide Geschichten bereits unglaublich gesepannt!

Welches Buch ist zuletzt bei Euch eingezogen?

[Buchgedanken] Kati Naumann: „Fernwehland“

In der letzten Zeit habe ich auch „Fernwehland“ von Kati Naumann gelesen. Der Roman ist 2025 bei HarperCollins in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH erschienen und als Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Die Astoria ist das älteste seetüchtige Kreuzfahrtschiff der Welt. Seit über siebzig Jahren trägt es die Menschen übers Meer und hat schon unzählige Schicksale bestimmt. Nach einer Kollision mit dem Luxusschiff Andrea Doria wurde es an die DDR verkauft und fortan für Urlaubsreisen eingesetzt. Auf seinen Fahrten bis in die Karibik geraten das Schiff und seine Passagiere auch zwischen die Fronten des Kalten Krieges. Die Stewardess Simone und der Matrose Henri haben sich vor vielen Jahren auf diesem Schiff kennengelernt. Heute treten sie noch einmal eine Kreuzfahrt mit der Astoria und damit auch eine Reise in ihre Vergangenheit an. Denn sie begegnen dabei der Schwedin Frida, die als Kind die Schiffstaufe erlebt hat und deren Geschichte ebenfalls ganz eng mit der des Schiffes verbunden ist.

„Fernwehland“ ist nach „Die Sehnsucht nach Licht“ mein zweiter Roman von Kati Naumann, die beide unabhängig voneinander lesbar die Geschichte von Familien über Generationen hinweg in Deutschland beleuchten und dabei Bezug zu Ostdeutschland aufweisen. Daher ist auch „Fernwehland“ als (historische) Familiensaga einzuordnen. Die teils auch in der Bewerbung des Buches vorgenommene Kategorisierung als historischer Roman kann ich hier allerdings nur bedingt nachvollziehen, spielt doch ein elementarer Teil der Geschichte im Jahr 2019, also mehr oder weniger in der Jetztzeit, eher hätte man das Buch meines Erachtens noch zur Gegenwartsliteratur zählen können.

Denn die Handlung wird in zwei Zeitebenen erzählt, zum einen in der oben bereits angegebenen Gegenwart, zum anderen in der Vergangenheit, die hier den Zeitraum von 1938 bis in die 1980er Jahre abdeckt. Dabei ist die Handlung durchaus abwechslungsreich und spannend, wenn auch teils vorhersehbar – und dreht sich vor allem um das Schiff, das zu DDR-Zeiten unter dem Namen „Völkerfreundschaft“ fuhr. Anhand der Geschichte des Kreuzfahrtschiffes werden auch die gesellschaftlichen Umbrüche und Entwicklungen verdeutlicht – und den Einfluss, den das auf die Leben der Menschen hatte. Erzählt wird der Roman hierbei in einer auktorialen Erzählperspektive, die teils mitten im Kapitel zwischen den Personen hin- und herspringt – etwas klarere Abgrenzungen hätten hier nicht geschadet.

Das Setting ist naturgemäß gelungen. Denn die Autorin entführt uns nicht nur nach Radebeul, sondern mit dem Schiff auch rund um die Welt – zum Beispiel nach Kuba, Marokko oder Norwegen. Dabei werden auch historische Ereignisse wie der Zusammenstoß mit der Andrea Doria nicht ausgespart. So verwebt Kati Naumann geschickt die Geschichte der Familien von Henri, Simone und Frida mit der Geschichte des Schiffes – und sorgt dafür, dass man sich auf die Astoria träumt, idealerweise zu frühen schwedischen Luxuszeiten. Auch die eingeschworene Gemeinschaft unter den Besatzungsmitgliedern wird hier gut dargestellt und schafft eine Atmosphäre, die man selbst gern erlebt hätte.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei überzeugen insbesondere Elli und Dora als wichtige Nebencharaktere, während gerade Henri teils nicht nachvollziehbar handelt und zum Ende hin etwas zu schnell seine Einstellungen über Bord wirft. Kati Naumanns Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen – wie auch bereits schon in ihrem letzten Roman, der gleichsam begeistern konnte.

Die Buchgestaltung ist gelungen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, die Kapitel sind dankenswerterweise mit der Handlungszeit überschrieben, die sonstigen Kapitelüberschriften hätte man sich aber schenken können – sie sind jedoch nur mild spoilernd. Das Covermotiv setzt sich über den Buchrücken und die Coverrückseite fort, sodass ein tolles Gesamtbild entsteht, insgesamt ist das Motiv auch ansehnlich, es fehlt jedoch etwas am Bezug zur Handlung. Das unter dem Umschlag befindliche Buch ist schlicht und mit farbigen, aber eintönigen Coverinnenseiten versehen.

Mein Fazit? „Fernwehland“ ist eine überzeugende Familiensaga, die durch das Setting und die spannende und abwechslungsreiche Handlung brilliert. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Sophie Villard: „Cartier. Der Traum von Diamanten“ (Cartier 1)

Vor kurzem habe ich auch „Cartier. Der Traum von Diamanten“ von Sophie Villard gelesen. Das Buch ist 2024 im Penguin Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen und als historische Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Paris, 1910: Nach der geplatzten Verlobung mit einem französischen Adligen versucht sich Jeanne Toussaint als Näherin im zwielichtigen Montmartre über Wasser zu halten. Bis sie in einem Nachtclub den Juwelier Louis Cartier trifft, der gemeinsam mit seinen Brüdern Geschäfte in Paris, London und New York betreibt, in denen jeder, der etwas von sich hält, ein und aus geht. Louis erkennt sofort Jeannes untrügliches Gespür für Stil und ihr Talent. Aber nicht nur das: Er kann nicht leugnen, dass es sich mehr und mehr zu der charmanten und lebhaften jungen Frau hingezogen fühlt. Doch die dunklen Wolken, die sich über Europa zusammenbrauen, bringen mehr und mehr das Geschäft der Familie Cartier in Gefahr.

„Cartier. Der Traum von Diamanten“ ist der erste Band der Dilogie um eine der berühmtesten Juweliersfamilien der Welt aus der Feder von Sophie Villard – dem geschlossenen Pseudonym einer deutschen Autorin. Dabei deckt der Roman im Wesentlichen den Zeitraum vom März 1910 bis zum Juni 1915 ab, lässt sich aber durchaus schlecht als Standalone lesen, werden doch kaum Handlungsstränge aufgelöst – sehr schade. Der Roman lässt sich hierbei leicht als (historische) Familiensaga einordnen, aber auch die Eingruppierung als historischer Roman wäre möglich – fast sogar (wie teils auf Verkaufsportalen) als historischer Liebesroman, werden doch mehrere Cartier-Brüder mit romantischen Handlungssträngen versehen.

Die Handlung generell ist dabei durchaus spannend und abwechslungsreich, teils aber auch etwas vorhersehbar – was nicht zuletzt auch an dem etwas unnötigen und spoilernden Prolog liegt. Auch ist das Ende – wie bereits angedeutet – sehr offen und schließt fast keine Handlungsstränge ab, verzichtet aber immerhin auf einen krassen Cliffhanger. Hierbei wird die Handlung aus unzähligen personalen Erzählperspektiven erzählt – glücklicherweise wird das Kapitel jeweils mit der Person überschrieben, aus deren Sicht erzählt wird. Eine Beschränkung auf die Cartier-Brüder und Jeanne hätte aber durchaus auch gereicht.

Das Setting kann hingegen auf ganzer Linie glänzen. So entführt Sophie Villard die Leser:innen in die ganze Welt: von Paris nach London, von New York aufs weite Meer – und mit Jacques auf Reisen nach Indien und an den persischen Golf. Dabei mischt die Autorin Themen wie Frauenwahlrecht und emanzipatorische Bestrebungen sowie (gefühlte) Standesunterschiede in das Porträt der eskapistischen Belle Époque und erschafft eine tolle, glanzvolle Atmosphäre, die durch unzählige „prominente“ historische Nebencharaktere wie Coco Chanel, Sarah Bernhardt, Nellie Melba und Alberto Santos Dumont noch an Glanz gewinnt.

Die einzelnen Figuren sind dabei im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere Nelly und Miss Winter als wichtige Nebencharaktere, während gerade Louis etwas blass verbleibt und lediglich Jacques als Cartier-Bruder wirklich glänzt. Sophie Villards Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen, zeugt zwar von guter Recherche, legt den Fokus sicherlich aber mehr auf Lesbarkeit als auf historische Authentizität.

Die Buchgestaltung kann ebenfalls brillieren. Lektorat und Korrektorat haben solide gearbeitet, der Buchsatz ist ordentlich und lässt zumindest die größeren Sinnabschnitte auf ungeraden Seiten starten. Der Buchumschlag ist auf dem Cover und dem Buchrücken hochwertig geprägt und mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, das Covermotiv ist etwas austauschbar und wird zum Buchrücken hin unterbrochen, aufgrund der glitzernden, diamantfarbenen Schrift ist das Cover dennoch durchaus ein Eyecatcher – und bildet hoffentlich mit dem zweiten Band einen einheitlichen Gesamteindrucck.

Mein Fazit? „Cartier. Der Traum von Diamanten“ ist ein gelungener Auftaktband in die historische Familiensaga um die Familie Cartier. Dabei kann das Buch vor allem mit seinem Setting brillieren, während die Handlung noch Luft nach oben aufweist. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 12 Jahren.