[Buchgedanken] Irene Solà: „Singe ich, tanzen die Berge“

Vor einiger Zeit habe ich „Singe ich, tanzen die Berge“ von Irene Solà gelesen. Das Buch ist 2022 im Trabanten Verlag erschienen, die Originalausgabe wurde 2019 unter dem Titel „Canto jo i la muntanya balla“ bei Editorial Anagrama, Barcelona, veröffentlicht. Der Roman ist der Gegenwartsliteratur zuzurechnen, für die Übersetzung aus dem Katalanischen zeichnet Petra Zickmann verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die vermittelnde Agentur Buchcontact.

Gewitterwolken schürfen über den Rücken der Pyrenäen und ein Blitz erschlägt den dichtenden Bauern Domènec, dessen junge Frau Sió mit ihrem Schwiegervater und ihren Kindern allein zurückbleibt. Doch das Leben geht weiter. Teilnahmslos beobachten die Berge das Werden und Vergehen derer, die dort leben.

„Singe ich, tanzen die Berge“ adäquat zu beschreiben ist in etwa so erfolgsversprechend, wie ein Gewitter mit bloßen Händen aufzuhalten. Das mit dem Europäischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnete Werk ist so ungewöhnlich wie sprachlich bestechend, Irene Solàs Stimme in der Übersetzung von Petra Zickmann sehr melodisch und malerisch.

Dabei erzählt der Roman die Geschichte einer Region aus der Sicht verschiedener Protagonisten unterschiedlicher Generationen, aber auch aus der Perspektive von Tieren, Geistern, Wolken – oder auch der Erde selbst. Er vermischt Erzählung und Mythen, Tradition und Moderne.

Die Handlung folgt dabei zumindest lose den Schicksalen der Mitglieder einer Familie, richtige Spannung oder emotionale Bindungen zu den Figuren kommen jedoch nie wirklich auf, ist der Roman doch mehr Porträt einer Region als wirklich auf ein Ende zulaufende Geschichte. Dies sorgt auch dafür, dass das Buch – trotz der durchaus vorhandenen flüssigen Lesbarkeit – sich nie zu einem wahren Pageturner entwickelt, den Leser nie in einen Sog zieht, sodass er das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Das Setting ist – erwartbar, da der Roman komplett darauf angelegt ist – brillant und trägt im Endeffekt das Buch. Der Leser wird tief in eine Welt voller Mythen, in eine abgelegene Bergregion im Herzen Europas geführt, die zumindest in der Populärliteratur kaum Erwähnung findet.

Die Buchgestaltung ist im Wesentlichen gelungen, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Hardcover ist zudem leicht auf dem Titel geprägt. Dem Titelmotiv fehlt jedoch etwas der Bezug zur Handlung, auch ist das Buch insgesamt eher schlicht und unauffällig gestaltet.

Mein Fazit: „Singe ich, tanzen die Berge“ ist ein ungewöhnliches, in Romanform gegossenes Porträt einer Region, das durch sein Setting besticht, aber auch Handlungselemente vermissen lässt. Für Liebhaber von sprachlichen Bildern und anspruchsvoller Literatur dennoch bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Jonathan Lee: „Der große Fehler“

Vor einiger Zeit habe ich „Der große Fehler“ von Jonathan Lee gelesen. Das Buch ist 2022 in der Diogenes Verlag AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2021 unter dem Titel „The Great Mistake“ bei Alfred A. Knopf, New York, veröffentlicht. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de. Das Buch ist als Romanbiographie einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Werner Löcher-Lawrence verantwortlich.

Die Welt besteht aus Fehlern und Flickversuchen. Und manchmal aus seltsamen Missverständnissen. Andrew Green ist tot. Erschossen am helllichten Tag, an einem Freitag, den 13. Spekulationen schießen ins Kraut. Verdankt New York dem einstigen Außenseiter doch unter anderem den Central Park und die New York Public Library. Inspector McClusky nimmt die Ermittlungen auf. Was wussten die übereifrige Haushälterin, der Präsidentschaftskandidat Tilden und die brillante Bessie Davis, der halb New York zu Füßen liegt?

„Der große Fehler“ ist … ja was eigentlich? Von mir als Romanbiografie betitelt, bei Amazon unter anderem als Gegenwartsliteratur und als Polizeikrimi geführt, vereint der Roman doch mehrere Genres zu einem nicht immer wirklich überschaubaren Kuddelmuddel. So erzählt „Der große Fehler“ episodisch in Rückblenden aus dem Leben von Andrew Green, abwechselnd zur Darstellung der Emittlungen von McClusky.

Die Handlung ist daher sprunghaft und nur lose chronologisch, hilfreich wäre es gewesen, die Kapitel zumindest mit Jahreszahlen zu überschreiben. Auch ist die Schwerpunktsetzung nicht immer gelungen. So wird einzelnen Episoden und Handlungssträngen übermäßig viel Raum eingeräumt, während spannende Phasen wie das Wirken Andrew Greens vernachlässigt werden.

Setting, Sprache und Atmosphäre überzeugen hingegen. Der Autor nimmt den Leser mit auf eine Reise in das New York bzw. Amerika des 19. und (sehr frühen) 20. Jahrhunderts, in eine Zeit voller Vorurteile, Rassendiskriminierung und Klassenunterschiede, ohne diese Themen jedoch zu sehr zu politisieren und aus der heutigen Sicht zu beleuchten.

Der Schreibstil des Autors lässt sich – trotz der historischen Themen – im Wesentlichen gut und flüssig lesen, ist beschreibend, jedoch nicht störend oder ermüdend. Bei den Figuren überzeugt Mrs. Bray als Nebencharakter genau wie Samuel Tilden.

Die Buchgestaltung ist im Wesentlichen gelungen, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Buchumschlag und das Buch darunter sind verlagstypisch schlicht, das Covermotiv bietet aber immerhin mehrere Anklänge an die Handlung.

Mein Fazit? „Der große Fehler“ ist eine interessante Romanbiographie über einen amerikanishcen Visionär, die vor allem durch Setting und Sprache punktet, leider jedoch gerade die Visionen etwas vermissen lässt. Für Liebhaber des Genres bedenkenlos zu empfehlen, aber definitiv nicht – wie im Blurb auf dem Buchrücken angegeben – der „beste amerikanische Roman des Jahres“.

[Buchgedanken] Jan Weiler: „Der Markisenmann“

In der letzten Zeit habe ich „Der Markisenmann“ von Jan Weiler gelesen. Das Buch ist 2022 im Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen und als Entwicklungsroman bzw. Gegenwartsliteratur zu klassifizieren. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Was wissen wir schon über unsere Eltern? Meistens viel weniger, als wir denken. Und manchmal gar nichts. Die fünfzehnjährige Kim hat ihren Vater noch nie gesehen, als sie von ihrer Mutter über die Sommerferien zu ihm abgeschoben wird. Der fremde Mann erweist sich auf Anhieb nicht nur als ziemlich seltsam, sondern auch als der erfolgloseste Vertreter der Welt. Aber als sie ihm hilft, seine fürchterlichen Markisen im knallharten Haustürgeschäft zu verkaufen, verändert sich das Leben von Vater und Tochter für immer.

„Der Markisenmann“ ist – wie oben schon erwähnt – Entwicklungsroman und Gegenwartsliteratur zugleich; Coming of Age meets Vater-Tochter-Roman. Dabei schildert der Roman primär einen Sommer des Jahres 2005, erzählt aus der Sicht einer 17 Jahre älteren Protagonistin in der Jetztzeit (2022). Eingestreute Kommentare dieser Erzählerin sorgen dafür, dass leider wesentliche Handlungspunkte schon vorweggenommen werden, was dem Buch etwas an Spannung nimmt.

Die Handlung ist dabei durchaus abwechslungsreich und humorvoll, teils aber auch unlogisch – und lässt Konsequenzen und Reflektionen im Zusammenhang mit Fehlern vermissen – selbst rückblickend vom 17 Jahre älteren Ich werden diese teils geschönt. Insgesamt ist die erste Hälfte des Romans deutlich stärker, zum Ende hin wird vieles erwartbar und kann mit der aufgebauten Spannung nicht mithalten – und auch das Ende an und für sich vermag in einigen Punkten nicht zu überzeugen.

Hingegen brilliert das Setting auf ganzer Linie. Jan Weiler gelingt es, das Ruhrgebiet zwischen Herzlichkeit und Tristesse, zwischen Akropolis, Venezia und Centro, dem Leser ans Herz zu legen. Automatisch erschafft Weiler mit seinen Worten Bilder in den Köpfen der Leser – die Verfilmung schreibt sich quasi von selbst. Ich würde ja die pubertierende Kim in ein, zwei Jahren mit Helena Zengel besetzen …

Die Buchgestaltung ist im Wesentlichen gelungen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Covermotiv zieht sich einheitlich über den kompletten Buchumschlag, ist aber simpel, unauffällig und farblich … gewöhnungsbedürftig, passt daher aber zur Handlung. Dahingegen ist die Einbindung von Autor und Titel auf dem Cover über die Banderole sehr innovativ, die damit integraler Bestandteil des Gesamtbildes wird.

Mein Fazit? „Der Markisenmann“ ist ein Entwicklungsroman über die Beziehung zwischen Vater und Tochter, der vor allem durch sein brillantes Setting punktet, aber auch im Verlauf der Handlung leider abbaut. Für Liebhaber der Gegenwartsliteratur bedenkenlos zu empfehlen – etwa ab einem Lesealter von 13, 14 Jahren.

[Buchgedanken] Mario Schlembach: „heute graben“

In der letzten Zeit habe ich „heute graben“ von Mario Schlembach gelesen. Das Buch ist 2022 im Verlag Kremayr & Scheriau GmbH & Co. KG erschienen und dem Genre der Gegenwartsliteratur zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die vermittelnde Agentur Buchcontact.

Alles beginnt mit A. Ein Totengräber steigt in einen Zug und trifft A., seine erste Liebe. A. ist auch der Grund, weshalb er zu schreiben beginnt. In seinem Tagebuch begibt er sich auf eine Irrfahrt entlang der Untiefen des Dating- und Friedhofsalltags. Als bei ihm dieselbe Lungenkrankheit wie bei Thomas Bernhard diagnostiziert wird – kurioserweise, nachdem er sich intensiv mit dessen Werk auseinandergesetzt hat –, befeuert die Todesangst noch die unermüdliche Suche nach der wahren Liebe. Wird er sie finden oder bleibt sie für immer unerreichbar?

„heute graben“ ist ein autofiktional erzählter Roman über einen Totengräber auf der Suche nach der großen Liebe. Wer sich mit Schlembachs Biografie beschäftigt, kommt unweigerlich zu der Frage, ob es sich bei dem Protagonisten um den Autor selbst handeln könnte – und landet bei: vielleicht. So ist Schlembach selbst Totengräber und sicherlich sind viele Erfahrungen in das Werk, das in Form von Tagebucheinträgen erzählt wird, eingeflossen.

Dabei zieht sich eine depressive Grundstimmung durch das gesamte Buch, sei es im verzweifelten und vergeblichen Versuch, sich bei dem Werk über die vergangene, große Liebe nicht in kitschgeschwängerten Plattitüden zu verliehen – oder im permanenten Scheitern bei der Beziehungssuche, vergleicht der Protagonist doch unweigerlich irgendwann alle Frauen (die er netterweise mit B. bis Z. abkürzt) mit seiner großen Liebe A., deren Schicksal nie ganz geklärt wird.

Die Handlung wird vor allem durch die Erkrankung des Protagonisten an Sarkoidose vorangetrieben, einer Lungenkrankheit, an der ironischerweise auch Thomas Bernhard litt, mit dessen Werk sich der Protagonist im Rahmen seines Studiums intensiv beschäftigt hat. Dabei wechseln sich lustig-ironische Passagen wie der Kauf von Boki mit Selbstmitleid und fast psychotischen Episoden ab – der Tod allgegenwärtig aufgrund der Arbeit als Totengräber.

So sprachlich ansprechend das Buch auch ist, so wort- und bildgewaltig die Einträge des Protagonisten, die sich mit alltäglichen Routinen wie dem Festhalten von Mahlzeiten abwechseln, lässt „heute graben“ einen doch etwas ratlos zurück. So wird zu keinem Punkt wirklich erkennbar, wo Schlembach mit dem Buch hinmöchte. Ohne Ziel, mit einem Ende im Nirgendwo, ist es nicht mehr aber auch nicht weniger als eine Momentaufnahme – eine kurze Passage aus dem Leben des Protagonisten.

Die Buchgestaltung ist solide, Lektorat und Korrektorat haben im Wesentlichen sauber gearbeitet, der Buchsatz ist ebenfalls gelungen, auch wenn ich kein Freund von Trennzeichen zwischen den Abschnitten bin, die am Seitenende stehen. Das Cover, der gesamte Umschlag, ist künstlerisch gestaltet, aber relativ eintönig und unauffällig, dafür überrascht das Buch unter dem Umschlag mit einer tollen Gestaltung.

Mein Fazit: „heute graben“ ist ein Roman, eine Momentaufnahme aus dem Leben eines Totengräbers, der vor allem durch seine starke Sprache besticht, den Leser aber auch etwas ratlos zurücklässt. Für Liebhaber von Gegenwartsliteratur dennoch bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Mariana Enriquez: „Unser Teil der Nacht“

Vor kurzem habe ich „Unser Teil der Nacht“ von Mariana Enriquez gelesen. Das Buch ist 2022 im Tropen Verlag, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, erschienen, die Originalausgabe wurde 2019 unter dem Titel „Nuestra parte de noche“ im Verlag Editorial Anagrama, Barcelona, veröffentlicht. Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de. Für die Übersetzung zeichnen Silke Kleemann und Inka Marter verantwortlich.

Ein Vater und sein Sohn fahren quer durch Argentinien, als wären sie auf der Flucht. Wohin wollen sie? Vor wem fliehen sie? Es sind die Jahre der Militärjunta: Menschen verschwinden spurlos, überall lauert Gefahr. Sein Vater versucht den jungen Gaspar vor dem Schicksal zu schützen, das ihm zugedacht ist, seit seine Mutter unter ungeklärten Umständen gestorben ist. Bei einem Unfall, der vielleicht keiner war.  Wie sein Vater Juan soll Gaspar einem Geheimbund, genannt der Orden, als Medium dienen. Mit grausamen Ritualen versuchen sie, dem Geheimnis des ewigen Lebens auf die Spur zu kommen. Doch der Preis ist hoch und der körperliche und geistige Verfall schnell und unerbittlich, wie Juan weiß. Eine scheinbar aussichtslose Flucht beginnt, denn der Einfluss des Ordens kennt keine Grenzen.

Bei „Unser Teil der Nacht“ fällt bereits die Genrezuordnung schwer. So balanciert das Buch auf der Grenze zwischen okkultem Thriller und Historical Mystery, im Spannungsfeld von Gegenwartsliteratur und mythologischer Abhandlung. Trotz der düsteren Themen liest sich der Roman dennoch relativ gut und schnell – auch dank des hochathmosphärischen Schreibstils der Autorin.

Dabei brilliert der Roman eindeutig durch sein Setting. Mariana Enriquez nimmt den Leser mit auf eine Reise in das von Militärdiktatur, aufstrebenden Protesten und Großgrundbesitzern geprägte Argentinien der Jahre von 1960 bis 1997. Dabei lernt der Leser tief im Land verwurzelte Natur- und Totenkulte, okkulte Praktiken und Rituale kennen, die einen erschauern lassen.

Die Handlung ist düster und geheimnisvoll und wird in zeitlichen Sinnabschnitten – die aber nicht chronologisch angeordnet sind – erzählt. Dabei wechseln die Erzählperspektiven bunt durch, einige der Abschnitte haben auch Längen. Hierbei überzeugen vor allem der erste Abschnitt aus Sicht von Juan und der spätere von Rosario, während die Abschnitte von Gaspar – und damit leider auch das Ende – eher blass und teils unlogisch bleiben. Dies schlägt auch auf die Gestaltung der Protagonisten durch. Neben Juan und Rosario glänzen auch noch Tali und Florence.

Die Buchgestaltung ist solide, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Titelmotiv ist intensiv und bestechend. Leider zieht es sich nicht über den gesamten Umschlag, der Bruch zum Buchrücken ist heftig, Buchrücken, Coverrückseite und das Buch unter dem Umschlag sind insgesamst sehr schlicht.

Mein Fazit? „Unser Teil der Nacht“ ist ein unglaublich athmosphärischer, düsterer mythologischer Roman mit einem tollen Setting, spannenden Charakteren aber auch einigen Schwächen und Längen in der Handlung. Dennoch bedenkenlos zu empfehlen – allerdings nicht unter einem Lesealter von 18.

[Buchgedanken] Susanna Tamaro: „Geschichte einer großen Liebe“

Bevor ich mit meinen Berichten aus Leipzig weitermache, möchte ich Euch heute erst einmal „Geschichte einer großen Liebe“ von Susanna Tamaro vorstellen, das ich als Rezensionsexemplar im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks gelesen habe – vielen Dank dafür an HarperCollins, Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, wo das Buch 2022 erschienen ist. Die Originalausgabe wurde 2020 unter dem Titel „Una grande storia d’amore“ bei Solferino veröffentlicht, für die Übersetzung zeichnet Barbara Kleiner verantwortlich. Das Buch ist der Gegenwartsliteratur zuzuordnen.

1978: Auf einer Überfahrt von Venedig nach Piräus begegnen sich Edith und Andrea; sie, die gerade Abitur gemacht hat, er, Kapitän des Schiffes. Andrea ist von Ediths rebellischer Art fasziniert. Er löst seine Verlobung. Doch Edith gibt ihm keinerlei Sicherheit, und als Andrea ihr einen Heiratsantrag macht, weist sie ihn schroff zurück. Ihre Wege trennen sich. Doch das unsichtbare Band des Lebens führt sie wieder zusammen. Jahre später begegnen sie sich erneut, zunächst verbunden durch eine innige Freundschaft, die bald in eine tiefe Liebe mündet. Eine Liebe, die unerwartetes Glück schenkt und ebenso einen traumatischen Schicksalsschlag verkraften muss.  

„Geschichte einer großen Liebe“ ist mein erstes Buch von Susanna Tamaro. Es ist ein Roman, der zwischen Liebes- und Schicksalsroman pendelt, aufgrund des literarischen Anspruchs aber durchaus der Gegenwartsliteratur zugerechnet werden kann. Dabei besticht der Roman vor allem durch seine poetische Sprache.

Die Handlung ist sehr gefühlvoll und emotional, durch die Vorwegnahme des Endes jedoch auch sehr antiklimaktisch und vorhersehbar, kommt ohne größere Überraschungen aus. Zudem fällt auch der Einstieg in die Handlung schwer, ist am Anfang doch für einige Seiten unklar, wer die Geschichte erzählt.

Das Setting vermag hingegen auf ganzer Linie zu überzeugen. So entführt Susanna Tamaro den Leser in ein Italien zwischen 1950 und der Moderne, in ein Land zwischen Konservatismus und Hippie-Bewegung – und auf die hohe See zwischen Fährhäfen und Kreuzfahrten nach Bali.

Da die Geschichte ja aus Andreas Sicht in Rückblenden erzählt wird, ist es schwer, die Charaktere zu beurteilen, sind die Erinnerungen an diese doch durch die Sicht von Andrea verfälscht. Er hingegen ist emotional, handelt aber nicht immer nachvollziehbar – und ist daher perfekt in seiner Fehlerhaftigkeit. Susanna Tamaros Schreibstil lässt sich darüber hinaus einfach und flüssig lesen, lediglich die vielen Zeitsprünge sorgen gelegentlich für Verwirrung.

Die Buchgestaltung ist solide, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet. Das Cover ist schön, aber eher belanglos und austauschbar, der Buchumschlag insgesamt eher schlicht, genau wie das Buch unter dem Umschlag.

Mein Fazit? „Geschichte einer großen Liebe“ ist ein unglaublich poetischer und gefühlvoller aber auch antiklimaktischer Roman der Gegenwartsliteratur, der den Leser in das Italien der Moderne entführt. Für Liebhaber der Gegenwartsliteratur bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Laetitia Colombani: „Das Mädchen mit dem Drachen“

Vor kurzem habe ich „Das Mädchen mit dem Drachen“ von Laetitia Colombani gelesen. Der Roman ist 2022 in der S. Fischer Verlag GmbH veröffentlicht worden, die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel „Le Cerf-volant“ bei Éditions Grasset & Fasquelle, Paris. Das Buch ist als Gegenwartsliteratur zu klassifizieren, für die Übersetzung zeichnet Claudia Marquardt verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Am Golf von Bengalen will Léna ihr Leben in Frankreich vergessen. Jeden Morgen beobachtet sie das indische Mädchen Lalita, das seinen Drachen fliegen lässt. Als Léna von einer Ozeanwelle fortgerissen wird, holt Lalita Hilfe bei Preeti, der furchtlosen Anführerin einer Selbstverteidigungsgruppe für junge Frauen. Léna überlebt und zusammen mit Preeti schmiedet sie einen Plan, der nicht nur Lalitas Leben grundlegend verändern wird.

„Das Mädchen mit dem Drachen“ lässt mich, auch Tage nach dem Beenden der Lektüre, noch immer etwas ratlos zurück. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen auf der Welt, ist das Buch unglaublich wichtig und wertvoll, propagiert es doch den unermüdlichen Kampf für eine friedliche Welt frei von Herkunft und Religion und – in diesem Fall – Kasten, für Gleichberechtigung von Frauen und Mädchen. Und doch gelingt es dem Funken nicht, gänzlich überzuspringen, mich komplett für das Buch einzunehmen.

Dies liegt vor allem an dem Schreib-/Erzählstil von Laetitia Colombani. So erzählt die Autorin die Geschichte mit einer großen Distanz, lässt den Leser nie allzu nah an die Figuren. Und auch wenn man aufgrund des großen Leids, der schweren Themen, darin einen gewissen Schutz für den Leser sehen mag, fehlt mir doch die emotionale Bindung zu den Protagonistinnen, deren Handlungen und Empfindungen man nicht im Sinne von „Show, don’t tell“ erleben darf, sondern die einem in Gänze beschrieben werden.

Das Setting hingegen überzeugt auf ganzer Linie. Laetitia Colombani nimmt den Leser mit auf eine Reise nach Indien, lässt ihn die Küste in Tamil Nadu und die Orte fernab touristischer Hotspots erkunden. Und auch wenn einige Handlungsteile – gerade das Ende – doch eher unrealistisch sind, beschönigt Colombani nicht und zeigt auch die dunklen Seiten Indiens.

Die Handlung ist im wesentlichen spannend und abwechslungsreich, und nimmt gerade zum Ende hin etwas Fahrt auf. Dabei konzentriert sich das Buch sehr stark auf das Wesentliche und spart z.B. viele organisatorische Fragen in Zusammenhang mit den Indienaufenthalten und der Schulgründung aus – was auch etwas die Kürze des Buches erklärt. Ich hätte mir hier noch ein paar Hintergrundinformationen mehr gewünscht.

Die Buchgestaltung ist solide, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet. Der Buchumschlag glänzt durch die goldenen Elemente, ist darüber hinaus aber doch wie auch das unter dem Umschlag befindliche Hardcover relativ eintönig und simpel gestaltet, passt sich aber gut an die anderen Bücher der Autorin an und sorgt so zumindest für einen gewissen Wiedererkennungswert.

Mein Fazit? „Das Mädchen mit dem Drachen“ ist ein gerade derzeit unglaublich relevantes Buch, das vor allem mit einem grandiosen Setting und einer spannenden Handlung punkten kann, aber auch mit großer Distanz zum Geschehen erzählt wird – insgesamt bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Jessica Lind: „Mama“

In der letzten Zeit habe ich „Mama“ von Jessica Lind gelesen. Das Buch ist 2021 in der Verlag Kremayr & Scheriau GmbH & Co. KG, Wien, erschienen und als Gegenwartsliteratur einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die vermittelnde Agentur Buchcontact.

Amira wünscht sich ein Kind. Als sie schwanger wird, gesellen sich Ängste und Sorgen zu ihrer Vorfreude. Wie wird sie die Mutterschaft verändern? Ein Ausflug zur abgelegenen Waldhütte ihres Partners Josef bringt nicht die ersehnte Entspannung: Rätselhafte Begegnungen häufen sich, Raum und Zeit scheinen außer Kraft und Amira weiß nicht, ob sie ihrer Wahrnehmung noch trauen kann. Was ist Traum, was Realität? Zwischen tiefer Verunsicherung und inniger Mutterliebe beginnt ein Ringen um Selbstbehauptung und Unabhängigkeit – denn der Wald scheint seine Gäste ungern wieder freizugeben …

„Mama“ von Jessica Lind ist alles, außer gewöhnlich. Es ist ein literarisches Werk, der Genregrenzen sprengt, zwischen einem Roman und Psychothriller wandelt, und den Leser durchaus im Dunklen lässt – was dem Lesevergnügen aber keinesfalls einen Abbruch tut.

So ist die Handlung spannend, aber ungewiss, und schraubt sich in immer höhere Eskalationsspiralen. Erleben, Wahn und Traum fließen nahtlos ineinander – und erschaffen ein Psychogramm der Protagonistin, das vor Liebe und Angst, vor Grauen und Freude nur so strotzt. Dabei wird die Handlung perfekt durch das Setting der Hütte im geheimnisvollen Wald unterstützt.

Durch den Charakter eines Kammerspiels und durch die verschwimmenden Grenzen zwischen Fiktion und Realität, lassen sich kaum weitere Aussagen zu der Handlung oder Charakterentwicklung treffen. Jessica Linds Schreibstil jedoch ist hochemotional, präzise und gewaltig, lässt Bilder beim Leser entstehen, und sich doch gleichsam flüssig und schnell lesen – hier merkt man die Herkunft der Autorin aus dem dramaturgischen Bereich.

Die Buchgestaltung ist überwiegend gelungen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sehr sauber gearbeitet, das Buch unter dem Umschlag ist wunderschön und mit leicht farbigen Coverinnenseiten versehen. Der Buchumschlag ist auffällig, Titelbild und Coverrückseite harmonieren gut, werden leider jedoch durch den kontrastären Buchrücken unterbrochen.

Mein Fazit? „Mama“ ist Gegenwartsliteratur zwischen Roman und Psychothriller, ist mehr Psychogramm als Handlung. Das Buch brilliert durch die bildgewaltige Vermischung von Realität und Fiktion – für Liebhaber des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

[Buchgedanken] Hanno Millesi: „Der Charme der langen Wege“

Vor einiger Zeit habe ich „Der Charme der langen Wege“ von Hanno Millesi gelesen. Das Buch ist 2021 bei Edition Atelier, Wien, erschienen, und dem Genre des Romans / der Gegenwartsliteratur zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag und die vermittelnde Agentur Literaturtest für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Geräusche sind seine Welt. Früher war Lambert ein Virtuose auf dem Gebiet des Sound-Designs, bekannt für seine Inszenierung von Schritten der verschiedensten Spielarten. Dann tritt das für ihn Undenkbare ein: Sein Gehör lässt im Stich! Wann, fragt er sich, gab es in seinem Leben schon ähnliche Situationen? Und wer konnte ihm dereinst helfen? Also macht er sich auf in seine Vergangenheit. Über die langen Wege der Erinnerung kehrt er schließlich in die letzte Häuslichkeit ein – bei sich selbst.

„Der Charme der langen Wege“ ist ein ungewöhnliches Buch – obwohl ich das Buch schon vor einiger Zeit beendet habe, bin ich mir immer noch nicht ganz sicher, was ich davon halten soll. Gespickt mit kleinen, eingestreuten Illustrationen des Autors selbst, schildert Hanno Millesi die Geschichte von Lambert/Bert größtenteils in Rückblicken bzw. Erinnerungen, die sich ins Gedächtnis des Protagonisten schleichen, während dieser seiner letzten Reise entgegengeht.

Die grundsätzliche Handlung ist dabei so simpel wie ereignislos, der Protagonist begibt sich nach einem Hörverlust auf eine beschwerliche Reise in die Stadt, um seinen alten Tontechniker zu suchen, mit dem er im Streit auseinandergegangen ist – eine alte Aufnahmemaschine im Gepäck, um die Wogen zu glätten. Mit jedem Schritt erinnert er sich stärker an sein altes Leben, geht gedanklich zurück in die gute alte Zeit, in der er als Teil von „Sindy & Bert“ (netter Wortwitz) Maßstäbe bei der klanglichen Untermalung von Filmen setzte.

„Der Charme der langen Wege“ ist daher mehr als ein Roman eine Hommage an alte Zeiten und vergessene Künste, eine Ode an die Vorreiter der Tontechnik, die Geräuschemacher der alten Schule – als noch Menschen die Arbeit verrichteten, die heute eine Sounddatenbank am Computer übernimmt. Und so ist das Buch – so einfach in der Handlung – doch so gewaltig in Sprache und Inhalt. Hanno Millesi spielt mit dem Leser, lässt ihn durch die Beschreibungen von Lambert die Geräusche nachfühlen und nachspüren, die dieser in seiner Küche oder mit einem alten Kinderwagen erzeugt.

Die Buchgestaltung überzeugt im Wesentlichen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, die eingestreuten Illustrationen des Autors sind gelungen und untermalen die Handlung, hätten durchaus aber noch intensiver eingesetzt werden können. Das Covermotiv zieht sich gut über den gesamten Buchumschlag, ist zwar unscheinbar, spiegelt jedoch gut die Verworrenheit der Wege des Protagonisten wieder – und wird, überraschend, auch nochmal auf dem Buch unterhalb des Umschlags aufgegriffen.

Mein Fazit?“ Der Charme der langen Wege“ ist ein ungewöhnlicher Roman, der trotz der Einfachheit der Handlung mit einer klangvollen Sprache punktet – und den Lesern eine längst vergessene Kunst wieder ins Bewusstsein ruft. Für Leser des Genres, insbesondere aber auch für Liebhaber alter Filme, bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Emma Stonex: „Die Leuchtturmwärter“

In den letzten Tagen habe ich „Die Leuchtturmwärter“ von Emma Stonex gelesen. Der Debütroman der Autorin erscheint am 25.08.2021 in der S. Fischer Verlag GmbH, die Originalausgabe wurde 2021 unter dem Titel „The Lamplighters“ bei Picador, einem Imprint von Pan Macmillan veröffentlicht. Das Buch ist als Gegenwartsliteratur anzusehen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an die S. Fischer Verlage für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.

In der Silvesternacht verschwinden vor der Küste Cornwalls drei Männer spurlos von einem Leuchtturm. Die Tür ist von innen verschlossen. Der zum Abendessen gedeckte Tisch unberührt. Die Uhren sind stehen geblieben. Zurück bleiben drei Frauen, die auch zwei Jahrzehnte später von dem rätselhaften Geschehen verfolgt werden. Die Tragödie hätte Helen, Jenny und Michelle zusammenbringen sollen, hat sie aber auseinandergerissen. Als sie zum ersten Mal ihre Seite der Geschichte erzählen, kommt ein Leben voller Entbehrungen zutage – des monatelangen Getrenntseins, des Sehnens und Hoffens. Und je tiefer sie hinabtauchen, desto dichter wird das Geflecht aus Geheimnissen und Lügen, Realität und Einbildung.

„Die Leuchtturmwärter“ ist ein sehr ambitionierter Debütroman, der im großen und ganzen überzeugt, sich teils aber etwas übernimmt. So fällt bereits die Genrezuordnung schwer. vereint die Geschichte doch mystische, historische und schicksalshafte Elemente mit Thrillerkomponenten, sodass ich es der Einfachheit selber – auch aufgrund des literarischen Anspruchs – als Gegenwartsliteratur eingruppiert habe.

Der Roman brilliert dabei vor allem durch sein unglaublich atmosphärisches Setting. So werden die Naturgewalt des Meeres, die Diskrepanz der Einsamkeit und Gemeinschaft auf dem Leuchtturm und das Leben in den Cottages an der Küste gut beschrieben, sodass man sich als Leser gut nach Cornwall träumen kann. Dahingegen bietet die Handlung jedoch einige Schwächen, verschwimmen die Grenzen zwischen Realem und Irrealem doch, werden mystische Effekte nicht aufgeklärt – und der Leser mit einem etwas kitschbehafteten und wenig nachvollziehbaren Ende überrascht.

Die einzelnen Charaktere bekommen dabei jeweils genug Kapitel, um sich als Leser ein gutes Bild von den Personen zu machen, wenn auch die Identifizierung mit den Protagonisten dem Leser sicherlich in aller Regel schwerfällt – am stärksten überzeugen hier noch Arthur und Michelle. Der Schreibstil von Emma Stonex ist – wie bereits erwähnt – ambitionirt, aber teils zu gewollt literarisch. So gelingt es ihr zwar, die Rauheit des Meeres gut einzufangen, interessante Psychogramme der Charaktere zu präsentieren und die Handlung voranzutreiben, gleichsam irritieren aber vor allem die Gespräche der Frauen mit dem Autor Dan Sharp, bei denen Emma Stonex gänzlich auf Dialoge verzichtet, was zulasten der Lesbarkeit geht, und vor allem dessen Sinn sich nicht erschließt.

Die Buchgestaltung ist im Wesentlichen gelungen, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Cover ist farblich stark, aber doch etwas unauffällig, wartet dafür aber mit einem auch unter dem Schutzumschlag schönen Buch mit illustrierten Coverinnenseiten auf.

Mein Fazit? „Die Leuchtturmwärter“ ist ein solider Debütroman, der durch ein brillantes Setting punktet, aber auch Schwächen in der Handlung aufweist und teils zu ambitioniert ist – auch sprachlich. Für Liebhaber literarischer Werke dennoch bedenkenlos zu empfehlen.