In der letzten Zeit habe ich „Leinsee“ von Anne Reinecke gelesen. Das Buch und die Autorin sind mir zum ersten Mal auf der diesjährigen Litblog Convention begegnet – vielen Dank an dieser Stelle für die Bereitstellung eines Lese- und Signierexemplares auf der Veranstaltung. Der Roman ist als Gegenwartsliteratur einzuordnen und wurde 2018 im Diogenes Verlag veröffentlicht.
Karl, der Sohn des weltberühmten Künstlerpaares Ada und August Stiegenhauer, hat sich unter einem Pseudonym selbst als Künstler in Berlin einen Namen gemacht und seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern. Bis ein Anruf seine Welt völlig ins Wanken bringt. Sein Vater tot, seine Mutter schwer erkrankt – Karls Rückkehr in seinen Heimatort verändert sein Leben völlig. Die einzige Konstante ist Tanja, ein achtjähriges Mädchen, das ihn seit der Ankunft in Leinsee aus dem Garten beobachtet und ihm mit Bildern und Zeichen ein Stück Lebensfreude zurückgibt.
„Leinsee“ ist experimentell, ist drastisch und schonungslos. Es ist provokativ, ehrlich und bestürzend. Anne Reinecke gelingt ein, vor allem sprachlich, überzeugendes Debüt, das auf eine tolle Karriere hoffen lässt.
Auch wenn es für viele nur ein kleines Detail ist, gibt es eine Sache, die mich vollends begeistert hat. Es ist eine Kunst für sich, Kapitelüberschriften zu finden, die weder die Handlung vorwegnehmen, noch gänzlich belanglos sind. Der Autorin ist dies hier mit Bravour gelungen. So ist jedes Kapitel mit einer Farbe überschrieben, einem Farbton, der auf den folgenden Seiten eine Rolle spielen und einen Akzent setzen wird.
Die Handlung überzeugt mich hingegen nur teilweise – ist im Ergebnis aber auch irgendwie irrelevant, da „Leinsee“ mehr das Porträt eines zerstörten Menschens ist, mehr Einblick in sein Innenleben, mehr Charakterstudie als wirklicher Ablauf von spannungsgeladenen Ereignissen. Und so gibt es Längen, und gleichzeitig werden Jahre übersprungen. Jahre, in denen viel passiert sein mag, aber nichts den Charakter geändert hat.
Die Figurenentwicklung ist dahingegen, gerade in der Hauptfigur, brilliant. Der Protagonist zeigt Stärken und (viele) Schwächen, entwickelt sich, hadert, verzweifelt – und lässt so den Leser tief in sein Innerstes ein. Dass die Entwicklung der Nebenfiguren aufgrund der Fixierung auf den Protagonisten Karl dabei etwas in den Hintergrund gerät, stört daher kaum.
Das Ende des Romans hat mich allerdings frustriert zurückgelassen. Einige Sätze mehr, einige Sätze weniger – alles hätte ich für vertretbar gehalten. Aber an dieser Stelle aufzuhören, ist Qual für den Leser, ist meines Erachtens nach überspitzt und übertrieben. Die Buchgestaltung ist hingegen ordentlich gelungen. Das Cover – verlagstypisch – zurückhaltend, der Buchsatz, das Lektorat und Korrektorat geräuschlos und harmonisch.
Mein Fazit? „Leinsee“ ist ein gelungenes Debüt, ein Gegenwartsroman, der durch Kleinigkeiten und eine tolle, ehrlich-direkte Sprache besticht. Auch wenn das Ende mich frustriert zurücklässt, ist er doch bedenkenlos zu empfehlen.
Die frühere Topjournalistin Rachel Childs hat alles, was man sich erträumen kann: eine tolle Wohnung und einen liebevollen, gutaussehenden und erfolgreichen Ehemann, der ihr ein Leben ohne finanzielle Sorgen ermöglicht. Da erscheint es fast nebensächlich, dass ihre eigene Karriere seit einer missglückten Dokumentation auf Haiti ins Stocken geraten ist, und Rachel seitdem von Angststörungen geplagt wird. Nur langsam kehrt sie an der Seite ihres Mannes ins gesellschaftliche Leben zurück, bis in einem Moment ihr ganzes Leben zu einer Face aus Betrug, Verrat und Gefahr verkommt, und Rachel sich ihren größten Ängsten stellen muss. Wird sie kämpfen für das, was sie liebt, oder im Strudel einer unglaublichen Verschwörung untergehen?
In einem kleinen Dorf im Westerwald geht alles seinen gewohnten Gang. Solang, bis Selma in ihrem Traum ein Okapi sieht. Denn immer, wenn dieses ungewöhnliche Tier in den Träumen der alten Westerwälderin auftaucht, stirbt in den nächsten 24 Stunden ein Dorfbewohner. Und so lebt und liebt man intensiv, leidet, lacht und weint gemeinsam – egal, wie schwierig die Vorzeichen sind. So wie bei Luise, deren Liebe als Buddhist in einem japanischen Kloster tausende Kilometer entfernt lebt.
Der Tag startete direkt mit einem absoluten Highlight: Einem Gespräch über das Schreiben und Verlegen mit Bestsellerautorin Mariana Leky und DuMont-Geschäftsführerin Sabine Cramer. Mariana Lekys neuestes Buch „Was man von hier aus sehen kann“ verkaufte sich bereits 180.000 Mal, eine Verfilmung ist geplant und das Buch wird in rund zehn Sprachen übersetzt. Im Gespräch erzählte sie sympathisch und humorvoll über den Werdungsprozess des Buches und über ihr Leben als Autorin.
Im Anschluss besuche ich die erste von drei lehrreichen Veranstaltungen. Die Krimi-Bestseller-Autorin Romy Fölck (Bastei Lübbe) referierte mit ihrer Lektorin zum Thema Plotten, beschrieb verschiedene Autorentypen und erklärte die Heldenreise und die 3-Akt-Struktur. Leider reichten 40 Minuten nicht annähernd aus, alles zu dem Thema zu diskutieren, aber dennoch sehr informativ.
Nach einer Mittagspause dann ein zweites Tageshighlight. Isabell May (One) und Vanessa Sangue (Lyx), die ich beide auch bereits vor kurzem auf der LoveLetter Convention getroffen habe, sprachen zusammen mit ihren jeweiligen Lektoren zum Thema Figurenentwicklung und erklärten an ihren Romanen, wie man starke und vielschichtige Protagonistinnen erschafft. Ein interessanter Einblick in die verschiedenen Schreib- und Plotprozesse der beiden tollen Autorinnen.
Den Wissensblock schloss danach Christina Friesen, Online-Marketing-Managerin von Bastei Lübbe, mit einem Vortrag zur Suchmaschinenoptimierung ab. Mit Hinweisen zum Content und Keyword-Management, mit Informationen zu hilfreichen Plug-Ins und zum Vergleich mit Wettbewerbern und mit tollen Tipps zum Aufbau von Seiten und Beiträgen, sorgte sie für einen gelungenen Beitrag. Ein Quantensprung im Vergleich zum letztjährigen Vortrag zur Social-Media-Nutzung, der damals leider nicht überzeugte.
Bevor es in den gemütlichen Teil der Veranstaltung überging, besuchte ich noch eine Lesung und ein Gespräch mit der Autorin Anne Reinecke, deren Debütroman „Leinsee“ bei Diogenes erschien. Im Anschluss an die tolle Lesung signierte die Autorin vom Verlag bereitgestellte Signierexemplare – dafür (und für die Goodies und Bücher in der Goodiebag) an dieser Stelle ebenfalls ein Dankeschön.