In der letzten Zeit habe ich auch „Neugeburt 2.0 – Cyberdorf“ von Bernd Hünermann gelesen. Das Buch ist 2024 im Selfpublishing veröffentlicht worden und als dystopischer Thriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Autor für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

2033. Der Dritte Weltkrieg wird im Cyberspace ausgetragen. Durch Entdigitalisierung ist der Gegner wehrlos. Unter der Führung des narzisstischen Psychopathen Gabriel greift ein internationales Industriekonsortium in den Krieg der politischen Mächte ein. In Deutschland formiert sich Widerstand gegen Gabriel und sein Kartell. Im Kraken, einem unterirdischen Cyberabwehrzentrum, kämpft Gerald von Greifen mit weiteren IT-Wissenschaftlern um nichts Geringeres als die Freiheit. Zur Tarnung betreiben sie auf dem Gelände ein Permakulturprojekt. Sie müssen sich nicht nur gegen den äußeren Feind behaupten, sondern auch gegen Spione in den eigenen Reihen. Am Schluss muss sich entscheiden, ob Gabriel den Krieg gewinnt und die politische Herrschaft über alle Nationen übernimmt.
„Neugeburt 2.0 – Cyberdorf“ ist der erste Band der sechsteiligen, im Selfpublishing erscheinenden Reihe Neugeburt 2.0 von Bernd Hünermann – einem Professor der Nuklearmedizin. Dabei lässt sich das Buch schwerlich einem Genre zuordnet, denn aufgrund der Datierung der Handlung spielt es nah an der Jetztzeit, beinhaltet aber durchaus auch dystopische Elemente und hat Anklänge zur Science Fiction. Vom Autor als Thriller kategorisiert, habe ich mich daher schlussendlich für die Einordnung als dystopischen Thriller entschieden, aber auch andere Unterarten des Genres wie Politthriller oder Spionagethriller wären sicherlich vertretbar.
Der Gesamthandlung der Reihe liegt dabei die Überzeugung des Autors als Prämisse zugrunde, dass die menschliche Intelligenz genetisch nicht in der Lage ist, sich auf Dauer der Herrschaft einer künstlichen Intelligenz zu widersetzen – ein hoch problematischer Ansatz, der nicht nur philosophische Grundsatzfragen aufwirft. In diesem Band wird jedoch erstmal ein vorgelagerter dritter Weltkrieg im Cyberspace thematisiert, der durchaus spannend, aber auch sehr fragmentarisch, mit großen Zeitsprüngen, vielen Handlungsorten und handelnden Charakteren beschrieben wird.
Dabei kann das Setting in Teilen durchaus glänzen. So nimmt der Autor die Leser:innen nicht nur mit in ein als Permakulturprojekt getarntes, unterirdisches Cyberdorf sondern auch in diverse Schaltstellen der Macht, insgesamt hätte durchaus aber auch noch mehr beschrieben werden können – hier wurde sich oftmals aufs nötigste beschränkt. Eine Konzentrierung auf weniger Handlungsorte hätte hier sicher für eine stringentere Erzählung mit weniger Lücken sorgen und so auch die politischen Entwicklungen besser abbilden können.
Gleiches gilt auch für die für die Kürze des Buches unglaubliche Anzahl an handelnden Figuren, die dadurch größtenteils sehr schematisch angelegt sind und bei denen kaum Raum für Emotionen verbleibt, was die Identifikation mit und die Bindung zu den Figuren für die Leser:innen erschwert. Durch eine konsequente Weiterentwicklung der Charaktere in den nächsten Bänden kann dies aber noch gerettet werden. Bernd Hünermanns Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anspringen, kommt aber ebenfalls ohne größere Emotionen aus.
Die Buchgestaltung ist noch solide. Lektorat und Korrektorat sind durchaus einige Sachen durchgerutscht, der Buchsatz ist ordentlich, aufgrund der unglaublich kurzen Kapitel finden sich jedoch durchaus viele Leerstellen, was das ohnehin kurze Buch noch weiter verkürzt. Das Covermotiv ist unauffällig und ohne großen Bezug zur Handlung, der Buchumschlag generell sehr eintönig und schlicht.
Mein Fazit? „Neugeburt 2.0 – Cyberdorf“ ist ein dystopisch angehauchter Thriller, der mit einer tollen Idee und durchaus mit Spannung punktet, dabei aber unglaublich fragmentarisch ist, kaum Bindung zu den Protagonist:innen zulässt und daher nicht als Standalone lesbar ist. Für Leser:innen, die der Reihe insgesamt eine Chance geben wollen, noch zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.