[Buchgedanken] Nataša Dragnić: „Affenliebe“

Vor kurzem habe ich auch „Affenliebe“ von Nataša Dragnić gelesen. Das Buch ist 2025 im Selfpublishing über tredition im Label MORE books veröffentlicht worden und der Gegenwartsliteratur zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an die Autorin für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Als Maximilian Kaiser, ein 64-jähriger Berliner Literaturprofessor, eines Tages Post von einer Monika Wimmer erhält, beginnt eine obsessive, phantasiegeladene E-Mail-Korrespondenz. Ihr erstes Treffen ist stürmisch, verstörend und voller unausgesprochener Sehnsüchte und verwirrender Gespräche. Doch so leidenschaftlich alles beginnt, so abrupt und unerklärlich endet es. Auf der Suche nach Antworten reist Maximilian samt seiner katzentötenden Neugierde in die eigene Vergangenheit und begibt sich auf Spurensuche: zu seinem Vater, zu seiner Kindheit, zu den Geheimnissen seiner Mutter – und zu Monika nach Bremen, wo alles begonnen hat. Um eine Wahrheit zu entdecken, die er nie erwartet hätte.

„Affenliebe“ ist mein erster Roman von Nataša Dragnić – und mit Sicherheit das speziellste Buch, das ich bislang in diesem Jahr gelesen habe. Dabei lässt sich der Roman bereits nicht so einfach kategorisieren, wird er doch als literarischer Liebesroman beworben – und teils skurril auf Verkaufsplattformen eingruppiert. Ich habe das Buch jedoch – obwohl die Liebe ein zentrales Thema ist – der Gegenwartsliteratur zugerechnet, da mir persönlich viele Eigenschaften klassischer Liebesromane fehlen.

Die Handlung dreht sich nämlich zwar – wie bereits festgestellt – durchaus um Liebe, um Verlangen, zugleich aber auch um Obsession, Selbstaufgabe und Wahn. Denn der Professor steigert sich eskapistisch in einen Fiebertraum, der zuweilen Realität und Fiktion durchmischt und immer und immer wieder auf das übergeordnete Thema „Affe“ zurückgeht, das sich durch Generationen der Familie des Professors zieht, für die Leser:innen aber nicht immer greifbar und teils verwirrend bleibt. Dennoch kann vor allem das Ende mit einem positiven Ausblick glänzen.

Auch das Setting überzeugt größtenteils. Zwar sind Berlin und Bremen als Handlungsorte (und die Wege dazwischen) mehr oder weniger austauschbar, jedoch schafft die Autorin mit der Komparatistikprofessur des Protagonisten eine faszinierende Grundlage, um immer wieder Stendhal-Zitate in den Roman einzubringen und Vergleiche zu anderen großartigen Autor:innen zu ziehen (die Porträts an den Bürowänden lassen grüßen). Gleichsam wird durch den Mail-Wechsel hier innovativ über einen längeren Zeitraum ein virtuelles Kennenlernen dargestellt – als absolutes Neuland für den analog lebenden Professor.

Aufgrund der geringen Anzahl an handelnden Charakteren – eigentlich tritt fast nur der Professor wirklich regelmäßig auf -, lässt sich sehr wenig zu den Figuren im Roman sagen. Die marginal eingestreuten Nebencharaktere wie Hamdi und Fiona können zwar überzeugen, sind aber jeweils nur Stütze für den Professor, der sich in Gegenwart und Vergangenheit verliert und irgendwie nicht so richtig greifbar für die Leser:innen verbleibt – vermutlich sind oftmals die Lebenswelten einfach zu verschieden. Nataša Dragnićs Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss nicht erheblich schmälern, der Buchsatz ist ordentlich und verdient ein Lob für den Start der Kapitel auf ungeraden Buchseiten, hätte aber auch die Mail-Verläufe innovativer setzen können. Das Cover und die Coverrückseite werden zum Buchrücken hin stark unterbrochen, sind durchaus aber ansehnlich und ungewöhnlich, wenn auch kein klassischer Eyecatcher aufgrund der eher eintönigen Farbgebung.

Mein Fazit? „Affenliebe“ ist ein durchaus ungewöhnliches Buch, das vor allem durch seine innovative Idee und deren Umsetzung punktet, aber auch kleinere Schwächen hat. Für Leser:innen von Romanen der Gegenwartsliteratur bedenkenlos zu empfehlen.