[Buchgedanken] Isabel Kritzer: „365 – Wenn die Masken fallen“

Vor einiger Zeit habe ich „365 – Wenn die Masken fallen“ von Isabel Kritzer gelesen, mein drittes Buch der Autorin nach der Dilogie um „California’s next Magician“ und „America’s next Magician„. Das Buch ist als New-Adult Romance einzuordnen und in der derzeitigen Fassung 2021 im Herzsprung Verlag veröffentlicht worden, die Erstauflage erschien 2016 im Papierfresserchens MTM-Verlag. Vielen Dank an dieser Stelle auch an die Autorin für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen ihres Bloggerteams.

Charlotte will unbedingt etwas Außergewöhnliches erleben, vorzugsweise mit dem geheimnisvollen Traumtyp aus der Cafeteria ihrer Universität. Als sie in einem Zusatzkurs den letzten Platz ergattert – neben ihm -, stellt sie schnell fest, dass André auch zum Verlieben charmant ist. Und reich. Da kommt das überraschende Angebot ihres Vaters, sie endlich in sein Firmenimperium und die glamouröse Welt der High Society einzuführen, gerade recht. Sie ahnt dabei nicht, was für düstere Geheimnisse ihr Vater verbirgt – oder, dass André keineswegs ist, wer er zu sein vorgibt …

„365 – Wenn die Masken fallen“ ist ein ungewöhnlicher Roman, den man nur schwer klassifizieren kann. Daher habe ich die Genrezurodnung der Autorin als New-Adult [Romance] übernommen – auch wenn es dafür eigentlich am genretypischen Ende fehlt. Jedoch erfüllt die Handlung viele andere Merkmale des Genres – sei es das Alter der Protagonisten, die sporadisch eingestreuten Sexszenen oder auch das universitäre Setting.

Insgesamt ist das Setting eines der Glanzlichter des Romanes. Sei es das luxuriöse Hotel in St. Moritz, das abgelegene Parkhaus der Tunerszene oder der imposante Firmensitz der Clark Group: Isabel Kritzer führt die Leser mit den Protagonisten an aufsehenerregende Orte, erweckt diese für die Leser zum Leben, sodass das Kopfkino sofort anspringt.

Auch die Handlung vermag – mal abgesehen vom Ende – im Wesentlichen zu überzeugen. Zwar ist die Handlung teils vorhersehbar, gelegentlich werden aber auch unerwartete Wendungen eingestreut, sodass man als Leser nie das Interesse an dem High-Society-Jetset-Leben der Protagonisten verliert – wenn auch das Verhalten von Charly nicht immer nachvollziehbar ist. Dahingegen gelingt es der Autorin gut, schwere Themen wie häusliche Gewalt oder Fehlgeburten so einzubauen, dass der Schwerpunkt des Buches nicht Richtung Schicksalsroman abgleitet.

Die Protagonisten sind im großen und ganzen vielschichtig aufgebaut, haben Stärken und Schwächen, Ziele und Motive. Dabei überzeugen vor allem Nebencharaktere wie Sarah oder auch zum Schluss Ben, während Charly etwas blass bleibt. Eventuell hätte man hier über die Erzählung aus Charlys Ich-Perspektive noch eine stärkere Bindung des Lesers zur Protagonisten erreichen können.

Die Buchgestaltung ist solide, hat aber Luft nach oben. Lektorat und Korrektorat sind sicherlich ausbaufähig, der Buchsatz ist ordentlich und wird durch die gelungene Illustration zu Beginn unterstützt – wenn auch die Kapitelüberschriften leicht spoilernd sind. Das Cover ist farblich ausducksstark und wunderschön – mir fehlt aber etwas der Bezug zur Handlung.

Mein Fazit? „365 – Wenn die Masken fallen“ ist ein New-Adult-Roman mit tollem Setting und einer interessanten Handlung, die aber zum Ende hin auch einige Schwächen aufweist. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag vorgeschlagenen Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Hanni Münzer: „Solange es Liebe gibt“

Vor kurzem habe ich „Solange es Liebe gibt“ von Hanni Münzer beendet, mein erster Roman der Autorin. Das Buch ist 2021 bei Tinte & Feder, Amazon Media EU S.à r.l. veröffentlicht worden und als Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.

Bayern, 1932: Klara wächst ohne Mutter auf. Der Vater ist streng, die Brüder haben für sie nur Spott übrig. Das einsame Mädchen flüchtet in ihre eigene Welt und in die heimliche Liebe zu dem jungen Kaffee-Erben Friedrich. Um Friedrich für sich zu gewinnen, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung …

Berlin, 2010: Nach einem tragischen Schicksalsschlag findet die junge Julie lange nicht zurück ins Leben. Dann stirbt ihr Vater und sie muss in ihren bayerischen Heimatort reisen. Hier wird sie nicht nur mit ihrer herrischen Großmutter Klara konfrontiert, sondern auch mit den unbeantworteten Fragen ihrer Kindheit. Und nicht nur das: Plötzlich muss sie Verantwortung übernehmen für die Mitarbeiter der Kaffeemanufaktur, die seit Generationen im Besitz ihrer Familie ist …

„Solange es Liebe gibt“ ist ein bunter Genremix, der vom Verlag als Schicksalsroman beworben wird, im Ergebnis aber eher eine generationenübergreifende Familiensaga ist, die von Verlust, Trauer, Liebe, Schicksal und Freundschaft handelt, das Leben und historische Ereignisse am Mikrokosmos einer Familie präsentiert. Dabei gelingt es der Autorin, die verschiedenen Zeitlinien gut nebenenander her laufen zu lassen, ohne dass eine zu dominant wird.

Bei der Handlung misslingt aber die Schwerpunktsetzung. So fehlt dem Roman das typische Auf und Ab einer Aktstruktur, die Erholung zwischen den Wendepunkten, stürzen die Protagonisten doch von einer Katastrophe in die nächste, werden von Schicksalsschlägen am laufenden Band gebeutelt, ohne, dass ihnen Momente des Glücks vergönnt werden – so können die dramatischen Ereignisse nicht ihre volle Wirkung entfalten. Einzelne Handlungselemente sind dabei zudem sehr konstruiert, nicht nachvollziehbar und sorgen für Stirnrunzeln.

Die Charaktere sind – im Wesentlichen – vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei überzeugen vor allem wichtige Nebencharaktere wie Edith und Niki, während Julie etwas blass bleibt – und Klara anfangs extrem unsmpathisch war. Gegebenenfalls hätte man durch eine Ich-Perspektive von Julie hier eine stärkere Bindung des Lesers zu ihr erreichen können.

Hanni Münzers Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und sorgt dafür, dass das Kopfkino direkt anspringt – was auch nicht zuletzt an dem wunderbaren Setting liegt, sei es die Leyendecker Kaffeewelt oder der Dinzinger Weiher, die beides absolute Sehnsuchtsorte sind.

Die Buchgestaltung ist im Wesentlichen gelungen, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet. Das Cover ist schön anzusehen, das Titelbild zieht sich über den gesamten Umschlag und ist durch die tolle Farbgebung sehr auffällig. Allerdings fehlt mir etwas der Bezug zur Handlung.

Mein Fazit: „Solange es Liebe gibt“ ist eine Familiensaga, die durch ein tolles Setting und spannende Charaktere glänzt, aber auch Schwächen in der Handlung aufweist. Für Liebhaber des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Manuela Schörghofer: „Das Spiel der Ketzerin“

Vor kurzem habe ich „Das Spiel der Ketzerin“ von Manuela Schörghofer gelesen, mein dritter Roman der Autorin nach „Die Klosterbraut“ und „Die Sündenbraut„. Das Buch ist 2021 bei HarperCollins in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH erschienen und als historischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag und die Autorin für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Rheinland im 13. Jahrhundert: Als ihr Vater in Ungnade fällt, entgeht die Grafentochter Alida von Erkenwald nur knapp einem Mordanschlag und muss vor ihrem Widersacher fliehen. Sie versteckt sich bei Salomon ben Isaak, einem Juden aus Coellen, der sie zu ihrem Schutz als seine Tochter ausgibt und ihr verspricht, ihr bei der Rettung ihres Vaters zu helfen. Gemeinsam machen sie sich auf die Reise, doch ihre Verfolger sind ihr auf der Spur. Als Alida verbotene Gefühle für ihren Feind entwickelt, weiß sie nicht mehr, wem sie noch trauen kann …

„Das Spiel der Ketzerin“ entführt den Leser erneut ins deutsche Mittelalter, in eine Zeit voller Intrigen, Machtspiele und persönlicher Fehden, von denen der Roman einige enthält. Eingebettet in den historischen Konflikt zwischen Friedrich II. und Heinrich VII. erzählt die Autorin die Geschichte der fiktiven Adelsfamilie von Erkenwald und lässt den Leser mit den Figuren die politischen und religiösen Konflikte der Zeit entdecken.

Dabei brilliert der Roman vor allem durch sein gelungenes Setting – und eine sehr authentische Sprache, die von einer gewissenhaften Recherche zeugt. Auch wenn der Leser durch die vorangestellten Dramatis Personae, Orts- und Flussbezeichnungen, Glossar und Erklärung der historischen Begebenheiten fast etwas erschlagen wird (vielleicht hätte man die letzteren beiden ans Ende stellen können), ist es doch allemal besser, als ihn gänzlich allein zu lassen.

Die Handlung der Geschichte ist spannend und kurzweilig, wenn auch in Teilen etwas vorhersehbar, was dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch tut, da es Manuela Schörghofer gelingt, immer mal wieder auch durch eine unerwartete Wendung die Erwartungen des Lesers zu durchbrechen. Zudem wird die Schwerpunktsetzung eingehalten, die Liebesgeschichte gut ausbalanciert, sodass hier gerade – nicht wie teils beworben – kein historischer Liebesroman vorliegt sondern ein historischer Roman.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei überzeugen vor allem auch die Nebencharaktere wie Miriam und Dankwart, aber auch Konrad als Antagonist macht eine gute Figur, wenn auch seine Motivation lange unklar bleibt – ggf. hätte man die Ereignisse zwischen ihm und dem Grafen von Erkenwald als Prolog der Handlung voranstellen können.

Die Buchgestaltung überzeugt auf ganzer Linie, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, wenn man von der Informationsflut am Anfang absieht. Das Covermotiv zieht sich über den gesamten Buchumschlag, ist wunderschön anzusehen (bislang das beste der Autorin), leicht geprägt auf dem Titelbild und Buchrücken und wartet mit farbigen, informativen Coverinnenseiten auf.

Mein Fazit? „Das Spiel der Ketzerin“ ist ein gelungener historischer Roman, der vor allem durch sein tolles Setting und eine authentische Sprache punktet – wahrscheinlich das bislang beste Buch der Autorin, in jedem Fall aber das schönste. Für Liebhaber des Genres bedingungslos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Catherine Aurel: „Bella Donna – Die Schöne von Florenz“ (Töchter Italiens 1)

Vor einiger Zeit habe ich „Bella Donna Die Schöne von Florenz“ von Catherine Aurel gelesen, den ersten Teil der historischen Reihe um die „Töchter Italiens“. Das Buch ist 2021 im Penguin Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen und als historischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.

Florenz, 1469. Die Zeiten, als Cosima Bellani von Männern umschwärmt wurde, sind vorbei. Die Schönheit der alternden Kurtisane beginnt zu schwinden – und sie fürchtet um ihre Zukunft. Als die junge Adlige Simonetta sie in Liebesdingen um Rat bittet, hat Cosima eine verheißungsvolle Geschäftsidee: Sie will fortan Kosmetik herstellen, denn der Handel mit Pulver und Salben, Bleiweiß und Lippenrot floriert. Simonetta wird mit ihrer Hilfe zur schönsten Frau von Florenz – nicht nur der einflussreiche Giuliano de Medici, auch der aufstrebende Maler Sandro Botticelli liegen ihr zu Füßen. Doch dann bricht ein erbitterter Machtkampf um die Stadt aus und Cosima und Simonetta werden in eine Intrige verwickelt. Bald handeln sie nicht nur mit erlesenen Schönheitsrezepturen, sondern auch mit Geheimnissen …

„Bella Donna – Die Schöne von Florenz“ ist ein im wesentlichen gelungener Auftakt in die historische Reihe um die „Töchter Italiens“, der zwar viel Potential für Folgebände bietet, die Handlung dieses Bandes aber auch unwiederbringlich abschließt, sodass man das Buch auch gut als Standalone lesen kann.

Dabei überzeugt vor allem das brillante Setting des spätmittelalterlichen Florenz, der aufstrebenden Künstlerstadt voller illustrer Persönlichkeiten wie Sandro Botticelli und Leonardo da Vinci. Die Handlung hingegen ist zwar spannend, abwechslungsreich und hält die ein oder andere unerwartete Wendung für den Leser bereit, bleibt insgesamt aber hinter den Erwartungen zurück. So verliert die Autorin hier etwas die Schwerpunktsetzung, führt viel zu lang in die Geschichte ein, während die im Klappentext prominent dargestellte Intrige, der Machtkampf um die Stadt kaum Bedeutung gewinnt, teils einfach per Zeitsprung übersprungen wird. Gerade die stärkere Einbindung in den historischen Kontext, eine stärkere Konzentration auf die spannenden, politischen Vorgänge hätte hier das Buch noch besser und zu einem absoluten Highlight gemacht, das sich positiv aus der Masse abgehoben hätte.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen dreidimensional angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei überzeugen vor allem Sandro als Sympathieträger des Romanes und Fioretta, während Simonetta anfangs etwas blass bleibt – und Marco sehr schnell gar keine Rolle mehr spielt.

Die Buchgestaltung überzeugt hingegen auf ganzer Linie. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Covermotiv zieht sich über den ganzen Buchumschlag und ergibt ein tolles Gesamtbild. Dabei ist das Cover zudem hochwertig geprägt, mit Klappen und farbigen, toll aussehenden Coverinnenseiten versehen.

Mein Fazit? „Bella Donna – Die Schöne von Florenz“ ist ein gelungener Reihenauftakt, der vor allem durch ein tolles Setting punkten kann, aber auch leichte Schwächen und Längen in der Handlung aufweist. Für Liebhaber des Genres bedenkenlos zu empfehlen – auch als Standalone lesbar.

[Buchgedanken] Tom Voss: „Hundstage für Beck“ (Nick Beck 1)

In der letzten Zeit habe ich „Hundstage für Beck“ von Tom Voss gelesen, den ersten Band einer Reihe um den Ermittler Nick Beck. Der Roman ist 2021 bei FISCHER Taschenbuch, S. Fischer Verlag GmbH, veröffentlicht worden und als Kriminalroman einzugruppieren. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks. Bei Tom Voss handelt es sich um ein neues Pseudonym des Autors Sven Koch, der auch bereits als Pierre Lagrange Krimis für die S. Fischer Verlage veröffentlicht hat.

Nordbek – der kleine Ort im Hamburger Norden hat außer Natur und Einsamkeit nicht viel zu bieten. Genau der richtige Ort für den gefallenen LKA-Ermittler Nick Beck, der sich nach einem traumatischen Einsatz in die Provinz versetzen lässt. Hier ertränkt er allabendlich seinen Frust in Alkohol. Als er eines Nachts auf einer einsamen Landstraße eine junge Frau überfährt, die nur mit einem BH bekleidet war, lässt er die Leiche in Panik verschwinden. Doch bald wird ihm klar, dass die Schäden an seinem Auto nicht darauf hindeuten, dass er die Frau wirklich überfahren hat. Sie muss schon tot auf der Straße gelegen haben. Nur was ist passiert? Kurzerhand platziert Beck die Leiche so, dass sie gefunden wird. Zusammen mit Cleo Torner vom LKA Hamburg, die ihn bei den Ermittlungen unterstützen soll, versucht Nick Beck dem Verbrechen auf die Spur zu kommen. Dabei stößt er auf menschliche Abgründe, die tiefer sind, als er sich hätte vorstellen können.

„Hundstage für Beck“ ist ein klassischer Auftakt in eine Krimireihe. Ein Ermittler versetzt an einen neuen Einsatzort, eine Tote, ländliche Idylle und viel Lokalkolorit. Was „Hundstage für Beck“ jedoch von vergleichbaren Büchern unterscheidet, ist, dass Nick Beck bereits am Anfang sämtliche Sympathien verliert. Durch seine Sucht fällt er von einer Katastrophe in die nächste, und ist vielmehr damit beschäftigt, sich selbst vor (gerechtfertigten) Konsequenzen zu retten, als eigentlich wirklich zu ermitteln, verletzt er doch unzählige Gesetze und quasi alle Regeln vernünftiger Polizeiarbeit.

Nichtsdestotrotz ist die Handlung natürlich dennoch spannend, abwechslungsreich und hält auch immer mal wieder einige unerwartete Wendungen für den Leser bereit, wenn auch Teile zumindest vorhersehbar sind. Dabei wird die Spannung vor allem dadurch ergänzt, dass man als Leser nicht nur dem Täter, sondern auch dem Protagonisten am Ende eine gerechte Strafe wünscht.

Das Setting brilliert auf ganzer Linie, dörfliche Idylle, High-Society und mafiöse Strukturen wechseln sich mit nüchternen Ermittlungsräumen und hierarchischen Polizeistrukturen ab. Abgründe des Landlebens, organisierte Kriminalität und Machtvakuen – der Autor erschafft hier eine Kulisse, die die Spannung bereits regelrecht garantiert.

Dabei wird die Geschichte aus diversen Perspektiven erzählt, um immer mehr Puzzlestücke aufzudecken. Die einzelnen Perspektiven wechseln meist kapitelweise, teils aber auch innerhalb eines Kapitels, was nicht immer zur Übersicht beiträgt. Dennoch gelingt es dem Leser gut, den einzelnen Handlungssträngen zu folgen, sich in die Figuren hineinzuspüren – auch wenn man das, insbesondere bei Nick, gar nicht so wirklich will. Etwas kurz kommt mir hierbei die Jugendclique um Fee, Morten, Marie und Rasmus, die noch so viel mehr Drama, so viel mehr Gewicht hätte haben können, sind doch gerade die Verwicklungen der Personen untereinander unglaublich spannend.

Die einzelnen Figuren sind dabei durchaus gut angelegt, insbesondere überzeugen Cleo, Marie und Morten. Nick bleibt hingegen – auch dank seiner Sucht – etwas eindimensional. Während es Tom Voss gelingt, die einzelnen Handlungsstücke rund um den Fall gut aufzulösen, bleibt dies jedoch leider gerade hinsichtlich der einzelnen Charaktere aus. So wird weder Cleos und Chris‘ Beziehung geklärt, noch Nicks Zukunft, was den Leser etwas enttäuscht zurücklässt.

Die Buchgestaltung überzeugt im Wesentlichen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Cover ist eindrucksvoll, zieht sich über den gesamten Buchumschlag und gibt die Stimmung des Buches gut wieder. Mir fehlt hier jedoch etwas der Bezug zur Geschichte, wenn man bedenkt, dass der Unfall auf der Straße im Dunklen geschehen ist – und es ist eindeutig klargestellt, dass es nur einen kleinen Blutfleck auf der Straße gab, während auf dem Cover doch eine größere Lache zu sehen ist.

Mein Fazit? „Hundstage für Beck“ ist ein gelungener Kriminalroman, der vor allem durch eine spannende Handlung und ein brillantes Setting überzeugt, bei der Figur des Ermittlers aber noch Luft nach oben lässt und nicht alle Handlungsstränge zufriedenstellend auflöst. Für Leser des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Eva-Isabel Schmid: „Paracelsus – Die Fragen der Toten“ (Paracelsus 2)

Vor kurzem habe ich „Paracelsus – Die Fragen der Toten“, den zweiten Band der Paracelsus-Dilogie, von Eva-Isabel Schmid gelesen. Das Buch ist 2021 in der Piper Verlag GmbH erschienen und als historischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die vermittelnde Agentur Literaturtest. Meine Besprechung des Vorgängers kann *hier* abgerufen werden.

~~~ Achtung! Die Rezension kann milde Spoiler zum Vorgängerband enthalten. ~~~

Der junge Paracelsus ist endlich Arzt beider Arzneien. Eines aber lässt ihm keine Ruhe: Er will die menschliche Seele finden. Verfolgt vom uralten Zauberorden des roten Gürtels begibt er sich auf Wanderschaft – quer durch Europa. Immer mit dem Ziel, das Geheimnis doch noch zu lüften. Währenddessen wütet in Basel die Pest. Paracelsus’ Freund Caspar muss als Stadtarzt hilflos mitansehen, wie die Seuche Hunderte seiner Patienten dahinrafft. Als sich der nunmehr berühmte Paracelsus zurück in seine Heimat wagt, kommt es im allgemeinen Chaos plötzlich zu einer Reihe von mysteriösen Todesfällen. Verzweifelt sucht Caspar nach dem Mörder. Die ungleiche Freundschaft wird auf ihre größte Zerreißprobe gestellt.

„Paracelsus – Die Fragen der Toten“ setzt die Handlung des ersten Bandes nach einiger Zeit fort. Erneut begleitet man im Wesentlichen zwei Handlungsstränge, zum einen die Suche nach der menschlichen Seele, zum anderen die Geschichte Basels. Und so toll es auch ist, die altbekannten, liebgewordenen Charaktere wiederzutreffen und noch näher kennenzulernen, finde ich es doch schade, dass kaum neue, relevante Charaktere in diesem Teil angelegt worden sind. Hier ist ein Überraschungsmoment verspielt worden, die Chance, der Geschichte Frische einzuhauchen.

Nichtsdestotrotz gefällt mir „Die Fragen der Toten“ richtig gut, fast besser als der erste Teil. Dabei brilliert vor allem der Handlungsstrang um die Stadt Basel, der von den absoluten Sympathieträgern Jacob und Caspar dominiert wird, die gegen politische und religise Widerstände hinweg versuchen, Basels Überleben zu sichern, während der Handlungsstrang um Paracelsus gerade am Anfang etwas flach bleibt, einer Aneinanderreihung von sich ewig wiederholenden Flucht- und Beschwörungsversuchen gleicht.

Die Handlung ist im großen und ganzen spannend, abwechslungsreich und kulminiert nach der Zusammenführung der Handlungsstränge in einem großen, epischen und nervenaufreibenden Finale, das allerdings etwas zu esoterisch daherkommt. Dabei wird die Geschichte unterstützt von dem wundervollen, anschaulichen Setting des historischen Basels, mit dem es der Autorin erneut gelingt, den Leser in der Zeit zuückzuversetzen.

Dank der wechselnden, personalen Erzählperspektiven wird der Leser mit allen Charakteren gut warm – dankenswerterweise sind die Kapiel mit dem jeweiligen Erzähler überschrieben – eine gute Lösung. Dabei sind die einzelnen Protagonisten vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Neben den oben bereits erwähnten Caspar und Jacob brillieren hier vor allem kleine Nebencharaktere wie Professor Wölflin, Werner Gruber oder Esther, aber auch zum Luft als – mehr oder weniger – Antagonist vermag zu überzeugen.

Die Buchgestaltung ist ähnlich wie beim Vorgänger ganz solide, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet. Weiterhin stört es mich jedoch, dass sich das Titelbild nicht über den kompletten Buchumschlag zieht, Buchrücken und Coverrückseite so sehr einfach und eintönig wirken. Auch hätte ich erneut eine etwas hochwertigere Ausstattung insgesamt erwartet.

Mein Fazit? „Paracelsus – Die Fragen der Toten“ schließt die Dilogie um den berühmten Arzt gut ab. Dabei brilliert der Roman vor allem aufgrund des tollen Settings, starker Charaktere und der spannenden Geschichte um die Stadt Basel, während gelegentlich die Handlung etwas zu sehr ins Esoterische abdriftet. Für Liebhaber des Genres – und vor allem Leser des ersten Bandes – bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Nora Bendzko: „Die Götter müssen sterben“

In der letzten Zeit habe ich „Die Götter müssen sterben“ von Nora Bendzko gelesen. Der Roman ist 2021 bei Knaur Taschenbuch im Knaur Verlag, Droemer Knaur Gmbh & Co. KG veröffentlicht worden und den Genres Dark Fantasy und Historical Fantasy zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares.

Troja wird fallen – und die Götter müssen sterben! So besagt es eine Prophezeiung von Artemis selbst, der mächtigen Göttin der Jagd, Herrin des Mondes und Hüterin der Frauen. Wenn die prunkvolle Stadt in Schutt und Asche liegt und das Schicksal der Götter besiegelt ist, sollen die Amazonen die Welt beherrschen. Doch Artemis segnet ausgerechnet Areto, die keine Kriegerin ist, mit ihren Kräften. Wie kann eine wie sie der Macht einer Göttin würdig sein? Aretos Erwählung spaltet die Amazonen in zwei Lager – ein Konflikt, der ihrem Volk im Trojanischen Krieg den Untergang bringen könnte.

Puh, das war ein wilder Ritt, auf den Nora Bendzko ihre Leser mitgenommen hat. „Die Götter müssen sterben“ ist im positiven Sinne unangepasst, brutal, erotisch und grenzüberschreitend. Es mischt die Genres von Dark Fantasy, Historical Fantasy und Mythic Fiction und bringt dem Leser die Welt der griechischen Götter- und Heldensagen näher – in einer Weise, auf die George R. R. Martin stolz wäre, metzelt sich die Autorin doch durch die Reihen von Freund und Feind und pflastert die Buchseiten mit Leichen von liebgewonnenen Charakteren.

Doch bevor ich genauer zur Handlung komme, möchte ich noch auf einige andere Punkte eingehen. So kann man zu Triggerwarnungen stehen, wie man will – meines Erachtens kann man, wenn man zu einem Buch des Genres Dark Fantasy greift, durchaus von den Tropes ausgehen, die hier verwendet worden sind, diese sind sicherlich in dem Genre keine Seltenheit. Nichtsdestotrotz ist die Triggerwarnung in dieser Allgemeinheit und Kürze durchaus noch angemessen, ich hätte mir aber gewünscht, dann konsequenterweise im ellenlangen Nachwort vielleicht zu den angesprochenen Themen Depression und Suizidalität Beratungs- und Kontaktstellen verlinkt zu bekommen. Auch ist es richtig und wichtig, dass Nora hier einen sehr diversen Cast an Protagonisten zusammengestellt hat und für Sichtbarkeit sorgt, die gerade in historischen Romanen aufgrund der Eindimensionalität der Geschichtssschreibung oftmals fehlt. Dennoch geht mir hier die konsequente Nutzung der sogenannten Neopronomen im Zusammenhang mit Iphito zu weit, gibt es doch noch keine allgemeine Sprachregelung dafür und mindert die Lesbarkeit.

Das Setting ist – erwartbar – brillant. Troja, Athen, Themiskyra – die Schauplätze sind spannend und gut gewählt, auch wenn ich mir teils noch anschaulichere Beschreibungen gewünscht hätte. Nichtsdestotrotz gelingt es Nora Bendzko, sofort das Kopfkino zum Laufen zu bringen, sodass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte. Auch die Handlung fesselt den Leser, ist spannend, abwechslungsreich und wartet immer mal wieder mit unerwarteten Wendungen auf.

Die einzelnen Charaktere sind vielschichtig angelegt, haben Stärken, Schwächen, eigene Ziele und Motive. Besonders überzeugt haben hier Penthesilea, Phileas und Melanippe, aber auch einige der Götter und Helden wie Artemis und Achilles, sodass ich mir noch viele weitere Bücher über die verflochtene Götterwelt der Autorin wünschen würde. Dabei ist Noras Schreibstil schonungslos ehrlich und brutal, aber – im Wesentlichen – flüssig und leicht zu lesen.

Die Buchgestaltung vermag ebenfalls im Großen und Ganzen zu überzeugen. So haben Lektorat, Korrektorat und Buchsatz sauber gearbeitet, das Cover ist wunderschön, ein wahrer Eyecatcher und mit tollen Klappen versehen. Lediglich die farbigen Coverinnenseiten kommen hier etwas einfach daher, zudem hätte man durchaus auch auf eine etwas hochwertigere Prägung setzen können. Abschließend hätte ich mich – vor oder nach der Handlung – auch über ein Tableau der Götter- und Heldenwelt, einen Stammbaum des griechischen Olymps, sehr gefreut, hätte dieser doch, wie auch eine Karte, dem Leser prägnant und bildhaft relevante Informationen übermitteln können.

Mein Fazit? „Die Götter müssen sterben“ ist ein unglaublich dichter, athmosphärischer und spannender Dark-Fantasy-Roman, der vor allem durch eine tolle Handlung und ein brillantes, mythologisches Setting punkten kann und nur kleine Schwächen aufweist. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – aufgrund der expliziten Sexszenen und der exzessiven Gewalt alledings nicht für Leser unter 17, vielleicht auch erst ab 18 Jahren.

[Buchgedanken] Laura Ventur: „Whalea“ (Whalea 1)

In der letzten Zeit habe ich „Whalea“ von Laura Ventur gelesen. Das Buch ist 2021 im Selfpublishing über epubli erschienen und dem Genre Fantasy zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an die Autorin für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die vermittelnde Agentur Literaturtest.

Zwei Leben, zwei Welten. Strikt voneinander getrennt und dennoch untrennbar miteinander verwoben durch die Zeit. Obwohl Rosa, Wächterin in Whalea, überzeugt ist, ihr lang gehütetes Geheimnis in den Tiefen ihrer fantastischen Dimension unauffindbar versteckt zu haben, spült das Schicksal ihr die Vergangenheit vor die Füße: Ben. Doch als der Frankfurter Banker Ben von Thalau unfreiwillig in Whalea auftaucht, stellt das nicht nur ihr Leben auf den Kopf. Denn Menschen sind in ihrer Welt strengstens verboten. Und er hat alle Hände voll zu tun, in der whaleanischen Realität nicht den Verstand zu verlieren. Für Rosa und ihre Gefährten beginnt ein beispielloser Spießrutenlauf. Sie müssen den Fremden wieder nach Hause bringen, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Dafür ist Rosa bereit, alle Tabus zu brechen. Nur so kann sie ihr Geheimnis bewahren. Allerdings hat sie die Rechnung ohne Ben gemacht. Der hat ganz andere Pläne.

„Whalea“ ist – trotz des sehr kindlichen Covers – ein Fantasyroman für jugendliche und erwachsene Leser, kombiniert er doch in einem bunten Genremix aus Urban-, High- und historical Fantasy erwachsenere Themen wie Gesellschaftskritik und Hexenvebrennung mit einer Fantasywelt, die eher für junge Leser gezeichnet ist. Anzumerken ist dabei zwingend, dass „Whalea“ – wenn auch nirgends angegeben – nur Auftakt zu einer Buchreihe sein kann, da es als eigenständiger Roman nicht wirklich funtioniert.

Denn zum Ende hin werden kaum Handlungsstränge aufgelöst, nahezu alle Probleme bleiben offen und das Buch endet in diversen Cliffhangern, was einen als Leser etwas ratlos und unbefriedigt zurücklässt. Abgesehen davon ist die Handlung jedoch durchaus spannend und abwechslungsreich, wenn auch – zumindest in der Gegenwart – die ganz großen Konflikte fehlen, wohingegen die Vergangenheitsebene auf ganzer Linie überzeugt.

Das Setting in Whalea wird im Wesentlichen anschaulich beschrieben, insgesamt lässt der Bau einer komplexen Fantasyswelt aber noch Luft nach oben – was bei der Dünne des Buches nicht verwundert. Ich hoffe daher, dass in den Folgebänden (so es sie geben wird) die Hintergrundgeschichte von Whalea, die einzelnen Rassen und Völker und das Magiekonzept noch etwas weiter ausgearbeitet werden, man nach und nach mehr über die Welt erfährt

Die einzelnen Protagonisten sind im Wesentlichen vielschichtig ausgearbeitet, wenn auch die Handlungsmotive, insbesondere von Rosa und ihren Gefährten, nicht immer klar aufgeklärt und ersichtlich sind. Dennoch überzeugen hier vorallem die – teils auch humorvoll angelegten – Nebenfiguren, insbesondere Olivia und Rasmus.

Dem Lektorat und Korrektorat sind nur kleinere Fehler durchgerutscht, die das Lesevergnügen nicht wesentlich schmälern, der Buchsatz ist gelungen und wird mit tollen Illustrationen unterstützt und aufgewertet, wenn auch die der Geschichte vorangestellte Karte dazu im Vergleich blass bleibt. Das Covermotiv kommt jedoch sehr kindlich rüber und vermag auch – trotz der abgebildeten Protagonisten – keinen wirklichen Bezug zur Handlung herstellen, auch die Coverrückseite kann nicht überzeugen.

Mein Fazit: „Whalea“ ist ein im Wesentlichen gelungener Debütroman, der allerdings nur als Reihenauftakt Sinn macht und nicht als Standalone gelesen werden kann und sollte, da er kaum Handlungsstränge auflöst. Das Buch vermag dabei durch eine grundsätzlich interessante und abwechslungsreiche Handlung zu überzeugen, deren Schwächen hoffentlich im Rahmen der nächsten Bände angegangen werden. Mit Veröffentlichung weiterer Teile bedenkenlos zu empfehlen – sollte das unterbleiben besteht Frustgefahr.

[Buchgedanken] L. A. Gunn: „London’s Lost – Band 1“ (London 1)

In der letzten Zeit habe ich den ersten Band von „London’s Lost“ gelesen, einer Detektivromanreihe in der Tradition von Sherlock Holmes. Das Buch von L. A. Gunn erschien in der jetzigen Ausgabe 2021 im Selfpublishing bei Tredition, die Erstveröffentlichung erfolgte 2019 unter gleichem Titel ebenfalls im Selfpublishing über Books on Demand. Die Geschichte ist dabei als historischer Kriminalroman für Jugendliche einzuordnen. Vielen Dank auch an dieser Stelle an die Autorin für die Bereitstellung eines unkorrigierten Vorabexemplars, in dem händisch einige der Tippfehler ausgebessert worden sind – was für ein Einsatz!

Ein ungleiches Ermittlerduo nimmt unter der Obhut von Sherlock Holmes die Arbeit auf: June, ein taffes Waisenkind aus der Baker Street und Lihla, ein vorlautes Mädchen aus der Oberschicht, treten in die Fußstapfen des Meisterdetektivs und stoßen dabei auf eine Polizeiakte, die es nicht geben sollte; schon gar nicht in der Tasche von Lihlas Vater – die Akte von Jack the Ripper.

Auch wenn „London’s Lost“ nicht als Jugendbuch, sondern als Kriminalroman angepriesen wird, richtet er sich meines Erachtens doch primär an junge Leser. So sind die Protagonistinnen im Großteil des Romans etwa 15 Jahre alt und neben den Kriminalfällen scheinen gerade jugendliche Probleme und Konflikte durch wie die Suche nach der eigenen Identität, das Loslösen vom Elternhaus und die Rebellion gegen familiäre Strukturen.

Dabei wird die Geschichte episodenhaft erzählt, eingebettet in eine große Rahmenhandlung, die mir allerdings etwas zu kurz kommt. Denn es ist gerade diese Rahmenhandlung, die den Reiz des Buches ausmacht, die ein unglaubliches Potential trägt und von einem Hauch des Geheimnisvollen umschwebt wird. Dahingegen sind die kleinen, eingestreuten Kriminalfälle zwar unterhaltsam und nett, ihnen fehlt aber die Tiefe, die Spannung eines wirklichen Krimis.

Das Setting hingegen vermag auf ganzer Linie zu überzeugen. L. A. Gunn fängt das viktorianische London zur Jahrhundertwende gut ein, beschreibt es für den Leser anschaulich, sodass er sich gut in die Zeit versetzen kann. Dabei gelingt es der Autorin ebenfalls, das Kopfkino des Leser anzuwerfen – auch wenn der dauerhafte Wechsel in der Erzählperspektive nach dem Prolog doch sehr irritiert.

Die einzelnen Charaktere bleiben – auch aufgrund der, episodentypischen, Fluktuation – relativ farblos, wovon sich auch die dauerhaft auftretenden Nebencharaktere nicht wirklich absetzen können, vielleicht mit Ausnahme von Gwen. June und Lihla werden als Hauptprotagonisten jedoch ordentlich entwickelt, zeigen Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive und erlauben es dem Leser so, sich in sie hineinzuversetzen, mit ihnen mitzufiebern.

Die Buchgestaltung zeigt sich insgesamt durchwachsen. Zum Korrektorat kann ich dabei nichts sagen, da das mir vorliegende Exemplar noch unkorrigiert war. Dabei sind einige Fehler händisch korrigiert worden, einige auch nicht – ich gehe aber davon aus, dass auch diese in der Endversion bereinigt sind. Während der Buchsatz sehr gelungen ist, zeigt das Lektorat jedoch einige Schwächen. Das Cover allerdings ist wunderschön anzusehen und vermittelt eine tolle Grundstimmung. Zudem zieht sich das Titelbild gut über den gesamten Buchrücken – ich hätte mir aber einen noch stärkeren Bezug zur Geschichte gewünscht. Auch auf die sehr allgemein gehaltene Triggerwarnung hätte man aus meiner Sicht verzichten können, Blut, Gewalt und Tod sind in Kriminalromanen sehr übliche Tropes, die nahezu in jedem Buch des Genres vorkommen.

Mein Fazit: „London’s Lost – Band 1“ ist ein im wesentlichen gelungener Kriminalroman für junge Leser, der vor allem durch sein tolles Setting punkten kann, aber in der Handlung und Gewichtung leichtere Schwächen hat, die hoffentlich im nächsten Band ausgebügelt werden. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter, je nach Entwicklung, von 12-14.

[Buchgedanken] Mark Sullivan: „Das letzte grüne Tal“

In der letzten Zeit habe ich die historische Familiensaga „Das letzte grüne Tal“ von Mark Sullivan gelesen. Das Buch ist 2021 bei Tinte & Feder, Amazon Media EU S.à r.l. veröffentlicht worden, die Originalausgabe erschien ebenfalls 2021 unter dem Titel „The Last Green Valley“ bei Lake Union Publishing, Seattle. Die Übersetzung durch Peter Groth wurde durch Amazon Crossing ermöglicht. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag und die vermittelnde Agentur Buchcontact für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Ukraine, März 1944: Es ist tiefer Winter, als Adeline und Emil Martel mit ihren beiden kleinen Söhnen vor der Roten Armee fliehen müssen. Als Deutsche sind sie in ihrer Heimat nicht mehr sicher und es bleibt ihnen nichts Anderes übrig, als sich auf den beschwerlichen Weg gen Westen zu begeben. Der aber wird von den Nazis kontrolliert. Emil, der als Soldat Gräueltaten der SS miterlebte, muss weiter um die Sicherheit seiner Familie fürchten. Besonders, als Adeline einer Jüdin bei der Flucht hilft und sie alle in Gefahr bringt. Doch Emil und Adeline, geleitet von ihrem Glauben aneinander, gehen ihren Weg gemeinsam – immer weiter Richtung Westen.

„Das letzte grüne Tal“ reiht sich nahtlos in die vielen Familiensagen ein, die in den letzten Jahren über deutsche Familien zur Zeit des zweiten Weltkrieges geschrieben wurden. Und so bekannt mittlerweile auch die grundsätzliche Thematik der Vertreibung und Flucht, der Arbeitslager und Kriegsereignisse ist, so wichtig ist doch jede einzelne Geschichte – ist sie doch Zeugnis und Chronik einer Familie. So berührte es mich besonders, im Nachhinein im Internet nicht nur den Grabstein von Emil und Adeline, sondern auch die Historie der Firma und die zukünftigen Generationen zu finden. So wird Geschichte erlebbar und in der Realität verankert.

Die Handlung ist dabei – wenn auch genrebedingt durchaus vorhersehbar – spannend und abwechslungsreich, sie ist teils brutal und beschönigt nicht. So ist „Das letzte grüne Tal“ daher auch kein Buch für zwischendurch, kein Buch um abzuschalten, sondern fordert den Leser emotional und verlangt seine volle Aufmerksamkeit. Dabei sind die Ereignisse teils etwas zu pathetisch geschildert, Mark Sullivan wird jedoch nie zu belehrend.

Das Setting kann dabei auf ganzer Linie überzeugen. Egal ob das Deutschland der Nachkriegszeit, das Gefangenenlager in Poltrawa oder das besetzte Polen in den letzten Kriegswirren – um nur einige der Handlungsorte zu nennen – der Autor beschreibt anschaulich, lebensnah und erschreckend real, lässt das Kopfkino beim Leser sofort anspringen und fesselt ihn so ans Buch.

Die einzelnen Charaktere sind insgesamt – sicherlich auch aufgrund der historischen Vorbilder – plastisch und vielschichtig ausgearbeitet, haben Stärken und Schwächen, Ziele und Motive. Hierbei glänzen neben Adeline insbesondere auch Nebenfiguren wie Esther, Malia oder das Ehepaar Schmidt, aber auch einige Antagonisten wie Iwanow können überzeugen.

Die Buchgestaltung ist ebenfalls gelungen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Cover ist schön, aber auch etwas austauschbar. Vorwort und Nachwort runden das Buch gut ab, allerdings hätte ich mich noch über eine Karte gefreut, die den Treck abbildet, um die Entfernungen noch greifbarer zu machen. Auch ein Stammbaum der Familie Martel hätte den Leser visuell noch besser abholen können.

Mein Fazit? „Das letzte grüne Tal“ ist eine aufwühlende historische Familiensaga, die vor allem durch ein tolles Setting und eine erschreckend anschauliche, spannende Handlung besticht. Für Liebhaber des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16.