[Buchgedanken] Ume S. Winter: „Selbstkorrektur“

Vor kurzem habe ich auch „Selbstkorrektur“ (oder richtiger „<SELBST>/KORREKTUR“) von Ume S. Winter gelesen. Der Roman ist 2023 im Dunkelstern Verlag erschienen und dem Genre dystopischer Thriller zuzuordnen. Ich habe das Buch als Lesejuror für den Seraph gelesen, die Besprechung hier spiegelt allerdings nur meine individuelle Meinung wider und ist daher kein Vorgriff auf das (gesamte) Juryvoting. Vielen Dank an dieser Stelle auch für die Bereitstellung eines (digitalen) Leseexemplars.

Dank der KIs kennen die Menschen weder Hunger, Gewalt noch Ungleichheit. Lys Deĵoro ist Wächterin und zuständig für den Schutz der Gesundheits-KI Meneva. Bis die friedvolle Welt aus den Fugen gerät, als Lys’ Wächterkollegen ermordet werden. Ihre Ermittlungen führen sie schließlich zum Hauptverdächtigen im Mehrfachmord, dem Schriftsteller Yu Kishida. Eine undurchsichtige Jagd nach der Wahrheit beginnt, die nichts mit der vorherrschenden Realität gemeinsam hat. Wer entscheidet über den Wert der Wahrheit, wenn sie den Tod bringt und die Lüge das Leben?

„Selbstkorrektur“ (für die Rezension habe ich mich für diese einfache Schreibweise entschieden) ist naturgemäß das Debüt von Ume S. Winter, anders hätte es auch nicht für den Seraph 2024 in der Kategorie „Bestes Debüt“ nominiert werden können. Dabei kann man den Roman durchaus in mehr als ein Genre eingruppieren. So ist der Roman natürlich als Science-Fiction anzusehen, bietet gleichsam aber auch starke Elemente eines Thrillers. Auch kann man das Setting, die Welt, durchaus als dystopisch beschreiben. Daher habe ich mich für die Kategorisierung als dystopischen Thriller entschieden, die beide Elemente der Handlung gut abbildet.

Apropos Handlung. Die ist durchaus spannend, wenn auch teils etwas ambitioniert komplex im Vergleich zur Kürze des Romans – und kommt dennoch überraschenderweise nicht ganz ohne Längen aus – hier hätte man etwas besser ausbalancieren können. Dafür mischt Ume S. Winter ein explosives Gesamtpaket aus behandelten Themen wie Terrorismus, künstliche Intelligenz, totale Überwachung und Zukunftsvisionen, die die Grenze zwischen Utopie und Dystopie verschwimmen lassen – inklusive eines kleinen philosophischen Exkurses.

Das ganze wird unterstützt durch ein futuristisches Setting, das durchaus begeistern kann, auch wenn – ebenfalls – fast etwas zu viel Informationen in den Roman gepackt worden sind, um den ambitionierten Weltenbau nicht nur aktuell zu erklären, sondern auch mit einem historischen Abriss der Entwicklung in den letzten Jahrhunderten zu unterfüttern – gegebenenfalls hätte man hier noch im Nachgang der Handlung mit einem Glossar oder einer Zeitlinie unterstützen können. Toll werden auch die unterschiedlichen Schauplätze gezeichnet, sei es die Großstadt, das Rebellenversteck oder die futuristische Zuflucht auf der versteckten Insel.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen neben Lys vor allem wichtige Nebencharaktere wie Aster und Elea, während Yu für mich nicht wirklich greifbar wurde. Der Schreibstil von Ume S. Winter lässt sich dabei grundsätzlich durchaus leicht und flüssig lesen und das Kopfkino anspringen, lediglich in den sehr technischen Passagen stockt der Lesefluss etwas.

Aussagen zur Buchgestaltung sind aufgrund des digitalen Leseexemplars nur eingeschränkt möglich. Lektorat und Korrektorat sind zwar Kleinigkeiten durchgerutscht, diese schmälern das Lesevergnügen jedoch kaum. Beim Buchsatz hätte ich mir jedoch, gerade in den Quellcode-/Programmierpassagen bzw. bei der Kommunikation mit der KI, eine stärkere Trennung vom restlichen Text, eine vielleicht auch grafische Visualisierung gewünscht. Dieses Chaos setzt sich – dem Anschein nach – auch auf dem Cover fort, das auch etwas klarere Linien und Strukturen hätte vertragen können.

Mein Fazit? „Selbstkorrektur“ ist ein spannender, dystopisch anmutender Thriller, der unglaublich wichtige Themen anspricht, sein Potential aber nicht vollends ausschöpft. Für anspruchsvolle Leser des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Ingo Bartsch: „Ein Mord – drei Tote“

Vor kurzem habe ich „Ein Mord – drei Tote“ von Ingo Bartsch gelesen. Das Buch ist 2023 bei GRAFIT in der Emons Verlag GmbH erschienen und als (regionaler) Kriminalroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Adam Götzki vom BKA in Berlin ist psychisch am Ende. Um beruflich wieder auf die Beine zu kommen, soll er für eine Weile beim LKA im beschaulichen Mainz arbeiten, wo ihn gleich der erste Fall erwartet: Eine Influencerin liegt erschlagen in ihrer Wohnung. Die Staatsanwaltschaft klagt den erstbesten Verdächtigen an, doch Götzki sucht weiter nach Antworten. Schnell wird ihm klar, dass die schillernde Influencerin ein Doppelleben geführt hat. Als er der Spur folgen will, wird er von seinem Vorgesetzten zurückgepfiffen. Aber die unheilvollen Ereignisse, die sich in Gang gesetzt haben, sind nicht mehr aufzuhalten.

„Ein Mord – drei Tote“ ist der erste Roman um Adam Götzki – vielleicht der Beginn einer Reihe? Dabei lässt sich das Buch – obwohl als psychologischer Kriminalroman betitelt – gar nicht so einfach einem Genre zuordnen. Aufgrund des sehr starken regionalen Bezugs – Wein, Hand- und Spundekäs spielen eine zentrale Rolle – würde ich das Buch durchaus als Regionalkrimi einordnen. Allerdings ist die Bandbreite der behandelten Themen nahezu endlos, sodass man hier durchaus auch Elemente eines (Polit-)Thrillers findet – um nur noch eine der Möglichkeiten zu benennen.

Die Handlung ist vielschichtig, abwechslungsreich und durchaus spannend, hat aber an einigen Stellen auch kleinere Längen. Gerade das Ende vermag mich jedoch nicht ganz zu überzeugen, wird der Fall doch zwar spannend, aber sehr rasch und unerwartet aufgelöst – unnötiger Cliffhanger inklusive. Auch die immer stärker und abstruser eskalierenden Handlungsspiralen sind nicht in jedem Fall nachvollziehbar – manchmal wäre etwas weniger dann doch mehr gewesen.

Das regionale Setting kann hingegen gänzlich überzeugen. So entführt der Autor den Leser nach Mainz in eine Stadt voll lokalem Flair, das einiges zum Gelingen des Romans beiträgt. Weitreichender als der geografische Ausflug nach Mainz sind jedoch die thematischen Streifzüge durch die Bereiche politischer Extremismus und Terrorismus, organisierte Kriminalität, Korruption und Vetternwirtschaft, psychische Erkrankungen, Migration und Clanstrukturen – eine Bandbreite, die fast zu groß für einen doch eher kurzen Roman ist.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere Nebenfiguren wie Maja, Sam und Ali, während gerade Adam jedoch etwas eindimensional verbleibt und dafür sorgt, dass man als Leser sich viel mehr um ihn sorgt, als mit ihm mitzufiebern – die Lösung des Falles habe ich ihm zumindest nicht gegönnt. Der Schreibstil von Ingo Bartsch hingegen ist durchaus leicht und flüssig zu lesen und lässt das Kopfkino sofort anspringen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben ordentlich gearbeitet, insgesamt ist das Buch aber eher schlicht und unauffällig – Highlights in der Ausstattung sucht man hier vergebens. Auch das Cover ist zwar durchaus gelungen und bietet Assoziationsmöglichkeiten, im Zusammenspiel mit Coverrückseite und Buchrücken ist das Gesamtprodukt dennoch sehr eintönig und eher kein Eyecatcher.

Mein Fazit? „Ein Mord – drei Tote“ ist ein Kriminalroman mit tollem Setting und spannender Handlung, die jedoch teils etwas eskaliert und einen Ermittler hat, mit dem man schwerlich warm wird. Für Leser des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 16 Jahren.