[Buchgedanken] Marco Wanda: „Dass es uns überhaupt gegeben hat“

In den letzten Tagen habe ich auch „Dass es uns überhaupt gegeben hat“ von Marco Wanda gelesen. Das Buch ist 2025 in der Paul Zsolnay Verlag Ges. m. b. H. veröffentlicht worden und als autobiografischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

On the road mit Marco Wanda! Der Bandleader und Songwriter von „Wanda“ hat ein Buch geschrieben. Er erzählt die Geschichte eines Erfolgs und verschweigt nicht den Preis, den man dafür zahlt, er erzählt von Wien und den Menschen, die diese Stadt ausmachen, von einer Künstlergeneration, die „zum lebenden Kult“ geworden ist. Ein bestechend ehrliches Buch über einen, der mehr erreicht hat, als er sich jemals vorstellen konnte – und der überlebt hat.

„Dass es uns überhaupt gegeben hat“ ist das Debüt von Marco Wanda, dem Frontmann der bekannten und hochdekorierten österreichischen Band Wanda. Dabei lässt sich das Buch gar nicht so einfach einem Genre zuordnen, ist mehr oder weniger ein bunter Genremix, der als literarisches Selbstporträt beschrieben wird. Teils wird es auch im Feuilleton als Coming of Age oder literarischer Roadtrip bezeichnet – ich habe es der Einfachheit halber beim autobiografischen Roman belassen.

Denn in dem Buch beschreibt Marco Wanda seine frühen Jahre, die Entstehungsgeschichte der Band, deren Hoch- und Problemphasen. Zugute halten muss man ihm hier, dass die Erzählung schonungslos ist, nichts verschweigt – lediglich das Privatleben wird nahezu vollkommen ausgeklammert. So bietet das Buch einen interessanten Einblick in die österreichische Underground-Szene und deckt dabei im Wesentlichen die Jahre von 2010 bis etwa 2023 ab.

Doch so spannend und kurzweilig das teils auch ist, so erschreckend ist es auch. Gefühlt besteht das Buch im Wesentlichen aus Alkohol – und Drogenexzessen, blinder Zerstörungswut und selbstzerstörerischem Verhalten. Die ungleich spannende Entstehungsgeschichte einiger Songs gerät dabei etwas in den Hintergrund. Lediglich zum Ende hin wird hier etwas reflektiert, nachdem den Großteil des Buches eher verharmlosend über die Exzesse berichtet wurde, die auch nicht durch den kometenhaften Aufstieg der Band entschuldigt werden können.

Am spannendsten wird das Buch, wenn Marco Wanda von seinen wenigen Reisen fernab der Band berichtet, von seiner Zeit in Kairo oder in Paris, wenn auch – in den letzten Reisen – hier teils ein problematisches Verhältnis zu Geld und zu Kellner:innen durchscheint, deren freundschaftliche Zuneigung er sich über großzügige Trinkgelder erkauft. So oder so – eine Welt, die so fernab der Realität normaler Menschen ist, dass man sich schwerlich damit identifizieren kann.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben größtenteils sauber gearbeitet, der Buchsatz ist ordentlich, hätte aber durchaus Kapitel zu Seitenbeginn und nicht teils mitten auf den Seiten starten können. Der Buchumschlag ist auf dem Cover hochwertig geprägt, das unter dem Umschlag befindliche Buch eher schlicht. Das Cover“motiv“ setzt sich nahtlos auf Buchrücken und Coverrückseite fort, sodass ein einheitlicher Gesamteindruck entsteht, ist farblich ansprechend, aber ohne großen Bezug zur Handlung und kein Eyecatcher.

Mein Fazit? „Dass es uns überhaupt gegeben hat“ ist ein spannender und interessanter Einblick in die Künstlerseele von Marco Wanda, der leider sehr destruktiv daherkommt und wenig Sympathien weckt. Für musikinteressierte Leser:innen dennoch zu empfehlen – nicht unter einem Lesealter von 16 Jahren.

[Buchgedanken] Michael S.V. Preis: „Splitterkristall – Die Schattenchroniken Band 1“

Vor kurzem habe ich auch „Splitterkristall – Die Schattenchroniken Band 1“ von Michael S.V. Preis gelesen. Das Buch ist 2024 im Projekt VielSeitig Verlag (Projekt VielSeitig – Sieger GbR) erschienen und als illustrierte Jugendfantasy einzuordnen, für die Illustrationen zeichnet Anastassia Schitz verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Die fünfzehnjährige Mira ist entsetzt: Ihre Mutter hat kurzerhand entschieden, sie auf ein abgelegenes Internat zu schicken. Zwar ist das Verhältnis zu ihrer Mutter seit Jahren angespannt, doch die strengen Regeln und das Leben abseits der Stadt passen einem Freigeist wie Mira überhaupt nicht! Wen wundert es also, dass sie von Beginn an als eigenbrötlerische Unruhestifterin wahrgenommen wird? Als sie jedoch ein geheimnisvolles Leuchten in einem verlassenen Haus entdeckt, weckt dies ihre Neugier. Was verbirgt sich hinter dem rätselhaften Licht? Einen Blick zu riskieren, kann doch sicherlich nicht schaden …

„Splitterkristall – Die Schattenchroniken Band 1“ ist – wie der Name schon unschwer vermuten lässt – der Auftaktband in die gleichnamige Buchreihe. Dabei wird das Buch als Jugendfantasy beworben, gleichzeitig aber auf einigen Portalen für Leser:innen ab neun Jahren empfohlen, was eher dem Kinderbuchbereich zuzuordnen wäre. Bezogen auf die Themen, das Alter der Protagonist:innen (um 15) und generell die Komplexität der Handlung würde ich das Buch ebenfalls eher als Jugendfantasy für die Altersgruppe 12+ einordnen.

Die Handlung ist dabei altersgerecht und jugendtypisch, durchaus spannend und abwechslungsreich. Dabei werden jugendtypische Themen wie familiäre und schulische Konflikte, Mobbing, Freundschaft und Entwurzelung in eine fantastische Handlung gepackt und mit dieser zu einem interessanten Gesamtkonstrukt verwebt. Leider endet der Band gänzlich offen, es wird quasi kein Handlungsstrang aufgelöst, sodass das Buch nicht als Standalone lesbar ist – etwas schade. Auch endet das Buch natürlich in einem Cliffhanger.

Das Setting ist grundsätzlich gelungen. So entführt der Autor die Leser:innen in ein Internat mit angeschlossenem Kloster – und in eine nicht näher bezeichnete Parallelwelt, die starke Parallelen zu Narnia hat – auch an andere Buchreihen sind Anklänge vorhanden. Dabei wird die Welt toll durch die Illustrationen von Anastassia Schitz zum Leben erweckt, die die Handlung visualisieren und unterstützen – hier hätte ich mir noch mehr gewünscht. Bislang fehlt es zudem noch am Weltenbau, so liefert der erste Band keinerlei Aufschlüsse zum Magiekonzept – oder selbst zur Welt an sich.

Die einzelnen Figuren sind aufgrund der Kürze des Bandes und der Fülle der Charaktere noch etwas eindimensional, aber das wird sich hoffentlich in den nächsten Bänden noch ändern. Hierbei sind vor allem wichtige Nebencharaktere wie Elli und Eleonora spannend, während Jakob sehr einseitig verbleibt – und auch Mira noch Nachholbedarfe besitzt, aber über sehr gute Anlagen verfügt. Michael S.V. Preis‘ Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen, ist altersgerecht, teils aber fast zu einfach gehalten.

Die Buchgestaltung ist gelungen. Lektorat und Korrektorat sind Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss nicht erheblich schmälern, der Buchsatz ist ordentlich. Das Covermotiv wird auf Buchrücken und Coverrückseite nahtlos fortgesetzt, sodass ein tolles Gesamtbild entsteht, der Umschlag ist mit einer leichten Prägung versehen. Das Cover zeigt dabei durchaus Anklänge zur Handlung, ist genretypisch und sehr schön anzusehen. Abzuwarten bleibt, inwieweit es der Reihe gelingt, hier ein einheitliches Erscheinungsbild mit Wiedererkennungswert zu erschaffen.

Mein Fazit? „Splitterkristall – Die Schattenchroniken Band 1“ ist ein solider Auftakt in die Reihe, der vor allem mit seinen Illustrationen und seinem Setting überzeugt, leider aber zu offen endet und noch Nachholbedarfe beim Weltenbau besitzt. Für Leser:innen ab 12 Jahren bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Mirjam Raymond: „Von Null auf Held oder Wer ist eigentlich Amin?“

Vor kurzem habe ich auch „Von Null auf Held oder Wer ist eigentlich Amin?“ von Mirjam Raymond gelesen. Das Buch ist 2025 in der Fischer Sauerländer GmbH erschienen und als illustriertes Jugendbuch einzuordnen, für die Illustrationen zeichnet Maja Bohn verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Der zwölfjährige Johnny hat eine große Klappe und steckt ständig in der Klemme. Als Amin, ein Junge aus seiner Klasse, plötzlich verschwindet, wittert Johnny seine Chance: Er will beweisen, dass er der würdige Anführer seiner Schulhofbande ist. Großspurig verspricht er, den Fall zu lösen. Doch dann findet er Amins Tagebuch und schnell wird klar, dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Amin lebt in einer Unterkunft für Geflüchtete. Und er schwebt in großer Gefahr. Johnny nimmt all seinen Mut zusammen und macht sich auf die Suche nach Amin. 

„Von Null auf Held oder Wer ist eigentlich Amin?“ ist der Debütroman von Mirjam Raymond, der unter anderem durch ein Stipendium der Akademie für Kindermedien gefördert wurde. Empfohlen wird der Roman für Leser:innen ab 10 Jahren, aufgrund des Alters des Protagonisten (12 Jahre) ist dies vermutlich gerade die Grenze. Generell balanciert der Roman auf dem schmalen Grat zwischen Kinder- und Jugendbuch, da ich ihn aber eher für Leser:innen ab 11, 12 Jahren empfehlen würde, habe ich ihn schlussendlich als Jugendbuch eingeordnet.

Die Handlung ist grundsätzlich altersgerecht und mischt dabei jugendtypische Probleme wie Freundschaft und familiäre und schulische Konflikte mit großen gesellschaftlichen Themen wie Migration und Ausländerfeindlichkeit. Dabei gelingt es Mirjam Raymond, die Themen jugendgerecht aufzuarbeiten. Zudem brilliert der Roman in dem abgedruckten Tagebuch von Amin, das nicht nur mit persischen Textpassagen aufwartet, sondern auch mit wundervollen Illustrationen von Maja Bohn, die die Handlung perfekt abrunden.

Das Setting ist gelungen. So entführt Mirjam Raymond die Leser:innen in eine süddeutsche Großstadt, nimmt sie mit auf eine Zugreise nach Düsseldorf und gedanklich in die Kriege und Krisen der Welt. Dabei erkundet man die Welt aus Sicht von Johnny, der im Roman als Ich-Erzähler fungiert und – etwas irritierend – teils die Leser direkt anspricht und in reißerischen Zeitungsschlagzeilen denkt.

Die Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Ava, Sympathieträgerin und heimlicher Star des Romans, und Niko, während Johnny, selbst für sein Alter, teils nicht nachvollziehbar handelt, immerhin zum Ende hin aber einige seiner Handlungen reflektiert. Mirjam Raymonds Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen, ist altersgerecht, teils sogar fast zu jugendlich.

Die Buchgestaltung glänzt auf ganzer Linie. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist wirklich überzeugend mit den eingestreuten Tagebucheinträgen und Illustrationen. Der Buchumschlag wartet mit schön gestalteten Coverinnenseiten auf, das Covermotiv und die Coverrückseite werden zum Buchrücken hin krass abgegrenzt. Insgesamt ist das Covermotiv durchaus gelungen und zeigt starke Ansätze zur Handlung, die Typographie des Covers überzeugt ebenfalls.

Mein Fazit? „Von Null auf Held oder Wer ist eigentlich Amin?“ ist ein gelungenes Debüt von Mirjam Raymond, das vor allem mit der tollen Gestaltung, den Illustrationen und einer altersgerechten Aufarbeitung des Themas Migration punktet, dabei aber auch kleinere Schwächen hat. Für Leser:innen ab etwa 11, 12 Jahren bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Joanna Glen: „Weil es nicht anders sein kann“

In der letzten Zeit habe ich auch „Weil es nicht anders sein kann“ von Joanna Glen gelesen. Das Buch ist 2025 im Arche Literatur Verlag, einem Imprint der Atrium Verlag AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2024 unter dem Titel „Maybe, Perhaps, Possibly“ bei Borough Press veröffentlicht. Der Roman ist als Gegenwartsliteratur einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Eva Kemper verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Sol und Addie fühlen sich in der Natur wohler als unter Menschen. Doch als die beiden sich auf der windgepeitschten Insel Rokesby vor der Küste Englands zum ersten Mal begegnen, scheint mitten im Sturm alles stillzustehen. Sofort spüren sie, dass sie füreinander geschaffen sind, und wagen eine zaghafte Annäherung. Doch sie haben nicht mit der Wucht gerechnet, mit der die Vergangenheit über sie hereinbricht, und müssen hart dafür kämpfen, zusammen sein zu können – nicht nur gegen äußere Umstände, sondern manchmal auch gegen sich selbst. Woran sie sich festhalten, ist der Pakt, den sie schließen: Sie wollen wie zwei Papageientaucher sein. Denn auch wenn die Vögel einen großen Teil des Jahres getrennt von ihrem Partner leben, bleiben sie einander treu und finden doch immer wieder zueinander.

„Weil es nicht anders sein kann“ ist mein erster Roman von Joanna Glen, von Eva Kemper übersetzte Titel habe ich aber schon öfters gelesen. Das Buch ist dabei relativ deutlich als Gegenwartsliteratur einzuordnen, auch wenn natürlich (wie auch auf Verkaufsplattformen durchaus vorgenommen) eine Einordnung als Liebesroman denkbar erscheint. Dennoch ist aus meiner Sicht die Liebesgeschichte zwar Zentrum der Handlung, aber sie geht deutlich darüber hinaus, ist das Buch doch auch ein Entwicklungsroman für beide Protagonist:innen, in gewissem Sinne sogar Coming of Age.

Die Handlung wird aus zwei personalen Erzählperspektiven der Protagonist:innen erzählt – und ist durch die teilweise Gleichzeitigkeit der Ereignisse dabei gelegentlich etwas entschleunigt. Insgesamt ist sie sehr poetisch, sehr zart, sehr ereignislos, was aber nicht wirklich stört, sind die Protagonist:innen hier doch vielmehr durch innere Stolpersteine am Fortkommen gehindert, als dass ihnen das Leben Steine in den Weg legt. Lediglich das Ende vermag hierbei nicht in Gänze zu überzeugen.

Das Setting ist traumhaft. So entführt die Autorin ihre Leser:innen nicht nur nach Rokesby und Ora, sondern auch nach Mallorca, nach Tromso, in die Broads und nach Fair Isle. Dabei erkundet man mit den Figuren zusammen die Orte, spürt der Natur nach, lernt Tier- und Pflanzenwelt kennen und erlebt die Verbundenheit mit den Schauplätzen. Joanna Glen mischt in die zarte Liebesgeschichte – zwischen den Protagonist:innen untereinander und mit der Natur – auch Themen wie Glauben, Mobbing, Sozialphobie und Unsicherheiten mit ein und erzeugt so ein tolles, spannendes Gesamtkonstrukt.

Die einzelnen Figuren sind dabei im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Dabei überzeugen neben Addie, die als Hauptcharaker brilliert, auch (wichtige) Nebencharaktere wie Tiffany, Barry und Barbara, während Sol nicht immer nachvollziehbar handelt, und ich zu ihm auch kaum eine Bindung aufbauen konnte, ganz im Gegensatz zu Addie. Joanna Glens Schreibstil lässt sich zudem leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist ebenfalls solide. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Hardcover ist eher schmucklos und ohne jedwede Sonderausstattung. Das Covermotiv setzt sich jedoch nahtlos auf Buchrücken und Coverrückseite fort und erzeugt so ein tolles und einheitliches Gesamtbild, das auch farblich überzeugt, aber gleichzeitig auch etwas austauschbar verbleibt und stärkere Bezüge zur Handlung vermissen lässt.

Mein Fazit? „Weil es nicht anders sein kann“ ist ein unglaublich poetischer Roman, der mit einem tollen Setting und einer brillanten Protagonistin punktet, gleichzeitig aber auch leichtere Schwächen hat. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen.

[Buchgedanken] Hu Zhouzhuo: „Vollmond über tausend Flüssen“

In der letzten Zeit habe ich auch „Vollmond über tausend Flüssen“ von Hu Zhouzhuo gelesen. Das Buch ist 2025 bei Chinabooks veröffentlicht worden, die Originalausgabe erschien 2021 unter dem (transkribierten) Titel „Yue Man Qian Jiang“. Das Buch ist dabei als Manhua einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Eva Lüdi Kong verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Der Ming-Kaiser Chongzhen, dessen Geburtsname Zhu Youjian ist, gilt in China als eine kontroverse Figur: Als moralisch aufrechter, jedoch glücklos agierender Monarch wird ihm Mitleid zuteil. Dafür, dass er es nicht schaffte, sein Land vor dem Untergang zu retten, wird er hingegen scharf kritisiert. Vor allem erinnert man sich aber an ihn als den Kaiser, der durch seinen Freitod seinem Land einen letzten Dienst zu erweisen versuchte. Tut ihm die Nachwelt Unrecht? Vielleicht wurde Chongzhen einfach nur zur falschen Zeit und am falschen Ort geboren? Wäre er wohl ein besserer Dichter und Literat gewesen als ein Kaiser?

„Vollmond über tausend Flüssen“ ist ein Manhua, der in sieben Episoden das Leben des letzten Kaisers der Ming-Dynastie beleuchtet. Dabei wird der Ansatz gewählt, den Kaiser durch den Einfluss, den er auf das Leben der jeweils im Kapitel zentralen Personen hatte, zu beschreiben – sei es ein Eunuch, eine Hofdame, ein Graf oder ein Palastdichter, um nur einige zu nennen. Ein interessanter Ansatz, der durchaus mit traditioneller Geschichtsschreibung bricht und intime, persönliche Einblicke ermöglicht.

Sowohl Texte als auch Zeichnungen entstammen dabei der Feder von Hu Zhouzhuo und sind von einer durchgängigen, melancholischen Stimmung getragen, konzentrieren sie sich doch im Wesentlichen auf die letzten Tage der Ming-Dynastie und den Untergang des Reiches, der viele in den Tod getrieben hat, unter anderem ja auch den Kaiser. Dabei wird dieser in den einzelnen Episoden eher glorifiziert, kritische Elemente werden nur am Rande angesprochen, durch den persönlichen Blick auf das Leben des Kaisers aus den Augen seiner Untertanen jedoch eher verschwiegen.

Die Zeichnungen sind dabei durchaus emotional – und teils überraschend, ein wilder Stilmix. In den actionreichen Szenen sind die einzelnen Illustrationen jedoch etwas verwaschen und es ist gelegentlich schwer, ihnen zu folgen. Am stärksten ist das Zusammenspiel zwischen Zeichnungen und Text, wenn sich einzelne Gedichte über mehrere Seiten ziehen, und die Poesie durch die Bilder noch verstärkt wird.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind kleinere Fehler durchgerutscht, der Buchsatz setzt Text und Zeichnungen zu einem tollen Gesamtprodukt. Der Umschlag ist auf dem Cover und dem Buchrücken leicht geprägt und mit Klappen versehen, das Buch unter dem Umschlag ebenfalls sehr anschaulich. Auch das Cover kann durchaus überzeugen, zudem lagen dem Buch vier illustrierte Postkarten bei.

Mein Fazit? „Vollmond über tausend Flüssen“ ist ein Manhua, der einen spannenden Ansatz in der Geschichtserzählung verfolgt und durch seine Poesie brilliert, der aber auch etwas einseitig ist und dem man teils schwer folgen kann. Für Leser:innen mit Interesse an der chinesischen Geschichte dennoch bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von etwa 14.

[Buchgedanken] Jana Stieler: „Brackwasser“

Vor kurzem habe ich auch „Brackwasser“ von Jana Stieler gelesen. Das Buch ist 2025 bei Limes in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH veröffentlicht worden und als Psychothriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Vor über zwanzig Jahren hatte Svea sich geschworen, nie wieder in die Heimat zurückzukehren. Nach einem Sommerfest verschwand Sveas beste Freundin ohne jede Spur. Aber nun wurde ihre Leiche gefunden, tief im Wald versteckt. Für Svea steht der Schuldige fest: ihr Schwager, der damals mit ihrer Freundin zusammen war. Keiner kennt die Wälder an der Schlei so gut wie er. Svea will ihre Schwester Fenja und deren Kinder mit allen Mitteln vor dem überzeugten Prepper schützen. Doch Fenja misstraut ihr zutiefst – und Svea kann ihr nicht sagen, was in jener Nacht wirklich geschah …

„Brackwasser“ ist mein erstes Buch von Jana Stieler – und das Thrillerdebüt der Autorin, die sonst in anderen Genres (und teils unter Pseudonym) unterwegs ist. Dabei wird das Buch deutlich als Psychothriller beworben – und auch auf dem Cover so betitelt, sodass ich die Einordnung des Verlags übernommen habe. Persönlich hätte ich es aber eher bei der allgemeinen Bezeichnung als Thriller belassen, zeigt er doch auch viele Anhaltspunkte zu anderen Unterarten des Genres, ist die Handlung doch ungemein regional verwurzelt – und auch Elemente eines Politthrillers sind enthalten.

Denn in der durchweg hochspannenden und abwechslungsreichen Handlung werden auch krass unterschiedliche Lebensentwürfe gegenübergestellt, die teils aus politisch extremistischen und demokratiefeindlichen Bestrebungen genährt werden, die hier durchaus handlungstreibend und motivgebend sind. Dabei wird die Handlung aus drei verschiedenen Ich-Perspektiven erzählt – nicht nur für das Genre, sondern generell sehr unüblich. Im Laufe der Zeit habe ich mich daran gewöhnt – so richtig warmgeworden damit bin ich jedoch nicht.

Das Setting überzeugt auf ganzer Linie. So entführt die Autorin ihre Leser:innen nach Norddeutschland in ein fiktives Örtchen an der Schlei, das mit den dunklen, verlassenen Wäldern eine atmosphärisch dichte und unglaublich spannende Umgebung für den Thriller bietet. In die Thrillerhandlung mischt Jana Stieler dabei neben den oben bereits angedeuteten, (gesellschafts-) politischen Themen (Prepper, Reichsbürger, Fremdenfeindlichkeit) auch noch psychische Erkrankungen, toxische Beziehungen und viele weitere Probleme mit ein, ohne den Roman dabei jedoch zu sehr zu überfrachten. Gegebenenfalls hätte man hier jedoch im Nachwort noch auf Hilfsangebote für Betroffene verweisen können.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Torge und Gemma – auch wenn man auf ihre Perspektive wohl hätte verzichten können, während Svea nicht immer nachvollziehbar handelt. Jana Stielers Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben ordentlich gearbeitet, der Buchsatz ist fehlerfrei, auch wenn man die Kapitel nur bei Perspektivwechseln jeweils mit den handelnden Personen hätte übertiteln müssen. Der Umschlag ist auf Cover, Buchrücken und Coverrückseite hochwertig geprägt und mit Klappen versehen, das Covermotiv setzt sich gut auf Buchrücken und Coverrückseite fort, sodass ein einheitliches Gesamtbild entsteht. Insgesamt ist das Motiv auch durchaus schön anzusehen und atmosphärisch passend, lediglich die Farbkomposition unter Einbeziehung der Schrift vermag nicht in Gänze zu überzeugen.

Mein Fazit? „Brackwasser“ ist ein atmosphärisch starker und hochspannender, regional verwurzelter Thriller, der vor allem mit seinem Setting brilliert und lediglich in der Anzahl der Erzählperspektiven etwas gewöhnungsbedürftig ist. Für Leser:innen des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von nicht unter 16 Jahren.

[Buchgedanken] Christian Mitzenmacher: „Knallkrebse“

Vor kurzem habe ich auch „Knallkrebse“ von Christian Mitzenmacher gelesen. Das Buch ist 2025 in der Frankfurter Verlagsanstalt GmbH veröffentlicht worden und als Gegenwartsliteratur einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Tom und Farid spielen Tischtennis, fahren Skateboard, baden in der Isar: Sie sind Freunde. Am Anfang ihrer Freundschaft stand eine Patenschaft, die der Physikdoktorand Tom für den sechzehnjährigen aus Quetta geflüchteten Farid übernommen hatte. Zusammen mit Laura, Toms Freundin, bilden sie ein ungewöhnliches Dreiergespann – bis Farid einen riskanten Entschluss fasst. Inmitten der sich überschlagenden Ereignisse drängen sich Tom Fragen auf: nach Lauras angeblicher Loyalität, seinen eigenen Intentionen und Zielen und nicht zuletzt nach Farids Erlebnissen auf der Flucht, über die er beharrlich schweigt.

„Knallkrebse“ ist der Debütroman des Mathematikers Christian Mitzenmacher, der sich zwar durchaus sehr klar der Gegenwartsliteratur zuordnen lässt, dabei aber viele Anklänge an andere Genres zeigt. So enthält der Roman Elemente von Coming of Age oder eines Entwicklungsromans, ist durchaus politisch und kann auch als Schicksalsroman verstanden werden. Da aber keines der Genres sich hier klar durchsetzt, habe ich es bei der Zuordnung zur Gegenwartsliteratur belassen.

Die Handlung ist hierbei durchaus abwechslungsreich und unterhaltsam, wird aber teils achronologisch erzählt und hat auch kleinere Längen. Dabei gelingt es dem Autor nicht nur, die durchaus schwierigen Themen mit viel Humor zu unterfüttern und tolle Szenen zu schaffen, sondern auch das ganze mit etwas bayrischem Lokalkolorit zu versehen – das Lebensgefühl der Münchner zieht sich hier durch jede Seite. Allerdings kann das Ende nicht überzeugen, bleibt sehr offen, vage und ist auch nicht wirklich nachvollziehbar.

Das Setting kann hierbei auf ganzer Linie begeistern. So entführt der Autor die Leser:innen nach München, nimmt sie mit aufs Oktoberfest und mitten hinein in das Leben junger Leute in der pulsierenden Stadt. Darüber hinaus geht es nach Frankreich, an die Atlantikküste und nach Paris, nach Spanien und – zumindest gedanklich – auf die schwere Flucht aus Afghanistan bis nach Deutschland. Zudem mischt Christian Mitzenmacher psychische Erkrankungen in die Geschichte mit ein – hier hätte man gegebenenfalls im Nachwort noch auf Hilfsangebote für Betroffene hinweisen können.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Laura und Yev, während Farid und Tom teils nicht nachvollziehbar handeln und Sofie super interessant, aber nicht greifbar verbleibt. Christian Mitzenmachers Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist ordentlich. Lektorat und Korrektorat haben solide gearbeitet, der Buchsatz ist fehlerfrei und beginnt zumindest die großen Sinnabschnitte richtigerweise auf ungeraden Seiten – lediglich die rein kursiven Kapitel irritieren hier vom Schriftbild. Der Umschlag ist mit Klappen versehen, das unter dem Umschlag befindliche Buch mit farbigen Coverinnenseiten, auch wenn es sonst eher eintönig und schlicht ist. Das Covermotiv setzt sich nahtlos auf Coverrückseite und Buchrücken fort und hat durchaus Anklänge zur Handlung, ist farbintensiv, aber kein Eyecatcher.

Mein Fazit? „Knallkrebse“ ist ein gelungenes Debüt, das vor allem durch den humorvollen Erzählstil und das fabelhafte Setting glänzt, aber auch kleinere Längen und ein etwas schwächeres Ende hat. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 14 Jahren.

[Buchgedanken] Claudia Romes: „Zeit der Pfingstrosen“

In den letzten Tagen habe ich auch „Zeit der Pfingstrosen“ von Claudia Romes gelesen. Das Buch ist 2025 als Aufbau Taschenbuch in der Aufbau Verlage GmbH & Co. KG erschienen und als Familiensaga einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Nach einer unglücklichen Ehe wagt Katy einen Neuanfang in der Blumenstadt Aberdeen. Sie betreut den demenzkranken Jeff, den es immer wieder in den kleinen Blumenladen am Meer zieht. Zusammen mit seinem Neffen Aiden hilft ihm Katy hier, inmitten der Blüten, seinen Erinnerungen nachzuspüren. Dabei stoßen sie nicht nur auf eine tragische Liebesgeschichte, sondern entdecken auch ihre Gefühle füreinander. Gibt es eine Chance für diese unerwartete Liebe, und kann sich Jeff mit seiner Vergangenheit aussöhnen, bevor es zu spät ist? 

„Zeit der Pfingstrosen“ ist nach „Beethovens Geliebte mein zweiter Roman von Claudia Romes. Dabei lässt sich der Roman gar nicht so einfach einem Genre zuordnen. Während der Untertitel „Eine Liebe in Schottland“ einen Liebesroman suggeriert und auch der Klappentext durchaus den Fokus darauf legt, kann man das Buch auch gut als Familiensaga eingruppieren, wird doch auch die Geschichte einer Familie über einen Zeitraum von knapp 80 Jahren beleuchtet. Da diese Kategorisierung auch unter anderem auf Verkaufsportalen übernommen worden ist, habe ich mich schlussendlich ebenfalls dazu entschieden – auch die Einordnung als Schicksalsroman wäre darüber hinaus jedoch denkbar gewesen.

Die Handlung ist dabei durchaus abwechslungsreich, hat aber auch vereinzelt Längen. Erzählt wird sie in zwei Zeitebenen, einer mehr oder weniger gegenwärtigen 2016/2017 und einer vergangenen, die die Jahre von 1939 bis 1969 abdeckt. Aufgrund der kleineren Längen erscheint das Ende als krasser Gegenpart dazu etwas überhastet – und kann auch nicht vollends überzeugen, hätte man aus meiner Sicht doch gut auf den Epilog verzichten können. Alles in allem vermag die Handlung aber dennoch gut zu unterhalten und kann trotz der schweren Themen eine Wohlfühlatmosphäre schaffen.

Das Setting kann hingegen auf ganzer Linie glänzen. So entführt die Autorin ihre Leser:innen nicht nur nach Aberdeen an die raue schottische Küste, sondern auch mitten hinein in die Gräuel des Zweiten Weltkrieges beim Stellungskampf in Frankreich und – immer und immer wieder – ans und aufs Meer. Zudem verwebt Claudia Romes wichtige Themen wie Demenz, häusliche Pflege, Peer Pressure und toxische Beziehungen mit der gegenwärtigen Lovestory und sorgt so für ein hochaktuelles und interessantes Gesamtpaket – insbesondere im gegenwärtigen Handlungsstrang.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. So überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Brad, Mabel und Penny, während Katy teils nicht nachvollziehbar handelt und Aiden etwas zu perfekt geraten ist – die ein oder andere dunkle Seite hätte ihn noch glaubhafter und greifbarer gemacht. Claudia Romes‘ Schreibstil lässt sich zudem leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen.

Die Buchgestaltung ist gelungen. Lektorat und Korrektorat haben ordentlich gearbeitet, der Buchsatz ist schön anzusehen. Der Umschlag ist auf Cover, Coverrückseite und Buchrücken hochwertig geprägt und fühlt sich dadurch haptisch toll an. Das Covermotiv setzt sich auf Buchrücken und Coverrückseite nahtlos fort, sodass ein einheitliches Gesamtbild entsteht, auch wenn es sicherlich kreativere Lösungen gegeben hätte, als das Covermotiv auf der Coverrückseite einfach spiegelverkehrt abzubilden. Insgesamt ist das Covermotiv dabei durchaus ansehnlich und genretypisch, aber auch etwas beliebig und austauschbar.

Mein Fazit? „Zeit der Pfingstrosen“ ist eine Familiensaga, die vor allem mit ihrem tollen Setting punktet und atmosphärisch starke Lesestunden bietet, dabei aber auch kleinere Längen aufweist. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von etwa 14 Jahren.

[Buchgedanken] Antje Leser: „Lost in the Wild“

Und auch dieses Buch habe ich vor kurzem gelesen. „Lost in the Wild“ von Antje Leser ist 2025 bei Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH erschienen und als Survivalthriller einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Endlich Abi! Mit einem Trip in die Berge wollt ihr das feiern. Doch schon am ersten Tag geratet ihr in einen Bergrutsch. Einer von euch verletzt sich schwer. Ohne Ausrüstung und ohne Kontakt zur Außenwelt kämpft ihr ums Überleben. Als ihr auf Prepper beim Survivaltraining trefft, scheint plötzlich Rettung in Sicht. Ihr denkt, das Schlimmste sei vorbei, aber ist es das wirklich?

„Lost in the Wild“ ist mein erster Roman der Kinder- und Jugendbuchautorin Antje Leser. Und während die Vita der Autorin – und auch der genretypische Verlag – hier eine klare Kategorisierung des Buches suggerieren, lässt es sich gar nicht so leicht einordnen. Denn der Survivalthriller balanciert auf der Grenze zwischen Jugendbuch und Werken für – zumindest – junge Erwachsene. Um mich hier nicht genau festzulegen, habe ich es bei der allgemeinen Kategorisierung als Survivalthriller belassen, von der Altersempfehlung des Verlags (ab 14 Jahren) sollte aber definitiv nicht nach unten abgewichen werden.

Denn die Handlung ist nicht nur spannend und abwechslungsreich, sondern auch schonungslos brutal – die Content-Warnung kann hier durchaus ernst genommen werden. Dabei kommt die Handlung relativ langsam in Schwung – auch die sehr häufigen Perspektivwechsel irritieren hier und sorgen für Startschwierigkeiten. Und auch das Ende vermag nicht vollends zu überzeugen, dazwischen entspannt sich aber ein durchaus rasanter und intensiver Thriller, der für einiges entschädigt.

Das Setting ist – größtenteils – gelungen. So nimmt die Autorin die Leser:innen mit auf eine einsame Bergwanderung – und in ein eskalierendes und teils abstruses Survivalseminar. Und wenn auch kleinere Fragen bezüglich des Berges, der Ortschaften etc. offen bleiben, ist es vor allem die schiere Fülle an sonstigen Themen, die mit in den Roman gepackt werden und diesen etwas überfrachten – von dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine bis hin zur Corona-Pandemie, der Ahrtal-Flutkatastrophe, Veganismus, Klimawandel, Queerfeindlichkeit, Reichsbürgertum – und das ist sicherlich keine abschließende Aufzählung. Eine stärkere Konzentration auf einige handlungstreibende Motive wäre hier sicherlich förderlich gewesen.

Die Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive – auch wenn aufgrund der Vielzahl an Personen einige nicht vollends ausgearbeitet sind. Hierbei überzeugen insbesondere Fabio, Daria und Sascha, während Timo, Ilona und Ragnar nicht immer nachvollziehbar handeln. Antje Lesers Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen, teils wirkt die gelegentlich eingestreute Jugendsprache aber etwas gezwungen.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, der Buchsatz ist ordentlich. Der Umschlag ist auf dem Cover und Buchrücken hochwertig geprägt und mit Klappen und farbigen, aber eintönigen, Coverinnenseiten versehen. Das Covermotiv ist genretypisch und setzt sich nahtlos auf Buchrücken und Coverrückseite fort, sodass ein einheitliches Gesamtbild entsteht, die Typografie des Titels ist allerdings gewöhnungsbedürftig, genau wie der Klappentext, der die Leser direkt anspricht und zum Teil der Handlung macht – etwas, das das Buch allerdings nicht fortsetzt.

Mein Fazit? „Lost in the Wild“ ist ein durchaus spannender und abwechslungsreicher Survivalthriller, der allerdings etwas überlastet ist und durchaus kleinere Schwächen aufweist, dennoch aber viel Spaß macht. Für Leser:innen des Genres daher bedenkenlos zu empfehlen – allerdings definitiv nicht unter der Alterseinschätzung des Verlags von mindestens 14 Jahren.

[Buchgedanken] Iny Lorentz: „Ein verhängnisvolles Testament“

In der letzten Zeit habe ich auch „Ein verhängnisvolles Testament“ von Iny Lorentz gelesen. Das Buch ist 2025 im Knaur Verlag, einem Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG erschienen und als historischer Roman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Der Südwesten Deutschlands, 1590. Elisabeth von Thannberg ist eben erst Witwe geworden, da droht der jungen Frau und ihren Töchtern auch noch der Verlust ihres ganzen Besitzes. Der Kurfürst von Trier pocht auf die Einhaltung eines alten Vertrages. Als Elisabeths Cousine Anna Aufzeichnungen in einem Kloster findet, flammt Hoffnung auf. Kann sie das Schicksal abwenden und den Kurfürsten und seine gierigen Begleiter in die Schranken weisen? Anna steht ein harter Kampf bevor, um Elisabeth die Heimat und ihr eigenes Glück zu retten.

„Ein verhängnisvolles Testament“ ist nicht mein erstes Buch des Autorenehepaars Iny Lorentz (Iny Klocke und Elmar Wohlrath), aber das erste, das ich hier rezensiere. Es handelt sich um einen Einzelband, der grundsätzlich Fortsetzungen oder weitere Geschichten um die Protagonist:innen nicht ausschließt. Dabei lässt sich das Buch – wie eigentlich alles von Iny Lorentz – klassisch als historischer Roman einordnen. Auch wenn sich durchaus Argumente für die Klassifizierung als historischer Liebesroman finden lassen, würde ich es dennoch bei der generellen Eingruppierung als historischer Roman belassen.

Denn die Handlung bildet neben der vorhandenen Liebesgeschichte fast noch einen historischen Krimi ab, wird doch unentwegt ermittelt, intrigiert und – ja – es kommt auch zu Überfällen und Gewalt; also alles, was die Vergangenheit so üblicherweise zu bieten hatte. Dabei spielt der Roman überraschenderweise nicht im Mittelalter, sondern in der Renaissance am Ende des 16. Jahrhunderts. Insbesondere in der zweiten Hälfte des Romans gibt es kleinere Längen – und auch das Ende vermag nicht vollends zu überzeugen. Abgesehen davon ist die Handlung aber durchaus spannend und kurzweilig – sieht man mal von Annas eingestreuten Spottversen ab, auf die man gut und gern hätte verzichten können (zumindest in der Häufigkeit).

Das Setting ist gelungen. So entführen die Autoren ihre Leser:innen in den deutschen Südwesten, ins Grenzgebiet zwischen den Erzbistümern Trier und Köln und nehmen sie mit auf kleinere und mittlere Adelsgüter, ins berühmte Kloster Maria Laach und auf die ein oder andere Reise. Insbesondere vom Kloster hätte ich mir hier vielleicht noch etwas stärkere Beschreibungen gewünscht, alles in allem ist das Setting aber sehr greifbar. Eine profunde Recherche lässt sich dennoch erahnen – bei der Sprache ist die Abwägung zwischen historischer Authentizität und Lesbarkeit sicherlich zu letzterem gekippt.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Hierbei überzeugen insbesondere wichtige Nebencharaktere wie Mathilde oder Philippa, während Anna und Hans teils nicht nachvollziehbar handeln und die Entwicklung von Elisabeth im letzten Drittel unglaubhaft erscheint. Iny Lorentz‘ Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen, hätte aber – wie oben bereits angedeutet – teils durchaus mehr ausschmücken können.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat sind doch einiges durchgerutscht, der Buchsatz ist ordentlich und rundet die Geschichte durch eine hintangestellte Dramatis Personae ab, die ich viel lieber vorn gesehen hätte. Auch hätte ich mir eine Karte gewünscht. Der Umschlag ist auf dem Cover, dem Buchrücken und der Coverrückseite hochwertig geprägt sowie mit Klappen und farbigen Coverinnenseiten versehen, sodass ein edles Gesamtprodukt entstanden ist. Das Covermotiv wird auf dem Buchrücken nahtlos fortgesetzt, der leichte Bruch zur Coverrückseite irritiert dann jedoch. Insgesamt ist das Covermotiv, der Umschlag generell, sehr hübsch und durchaus ein Eyecatcher – und zeigt auch leichte Anklänge zur Handlung. Mir persönlich erscheint die Darstellung jedoch historisch für die Zeit – und die Geschichte – nicht ganz stimmig. Auch irritiert der Titel etwas, geht es doch zu keiner Zeit um ein „Testament“, sondern um einen geschlossenen Vertrag.

Mein Fazit? „Ein verhängnisvolles Testament“ ist ein kurzweiliger, abwechslungsreicher historischer Roman mit tollem Setting und bewährten Stärken, der zum Ende hin jedoch etwas abbaut und daher die Brillanz anderer Bücher von Iny Lorentz nicht erreicht. Für Leser:innen des Genres dennoch bedenkenlos zu empfehlen – ab einem Lesealter von 14 Jahren.