[Buchgedanken] Mel Wallis de Vries: „Himmel oder Hölle?“

Vor kurzem habe ich „Himmel oder Hölle?“ von Mel Wallis de Vries gelesen. Das Buch ist 2021 im ONE Verlag in der Bastei Lübbe AG veröffentlicht worden, die Originalausgabe erschien 2013 unter dem TItel „Wreed“ bei Uitgeverij de Fontein. Der Roman ist als Jugendhriller einzuordnen – vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares über die Bloggerjury.

Danielle lernt im Skiurlaub mit ihren Freundinnen den gut aussehenden Dante kennen. Der Student spielt ihrer Meinung nach in einer ganz anderen Liga, und dennoch scheint er sich für sie zu interessieren. Zurück in Amsterdam kann Danielle ihr Glück kaum fassen, als ihr Dante zufällig wieder über den Weg läuft. Doch gerade als die beiden sich näherkommen, entdeckt sie Dantes dunkles Geheimnis: Seine letzte Freundin Florine wurde ermordet, und ausgerechnet Dante war der Hauptverdächtige. Kann Danielle ihm wirklich vertrauen?

„Himmel oder Hölle?“ ist ein Jugendthriller ab 14, der unter anderem die Themen Stalking und toxische Beziehungen in den Mittelpunkt rückt – um (spoilerfrei) nur einige der Problemkreise zu nennen, auf die das Buch auch mit einer Triggerwarnung reagiert, die sich allerdings – ebenfalls spoilerfrei – erst am Buchende befindet und auf die anfangs nur hingewiesen wird. Gewünscht hätte ich mir in dem Zusammenhang jedoch, dass dann im Rahmen der Triggerwarnung auch Hilfsangebote, Kontaktadressen für Betroffene verlinkt bzw. benannt werden.

Die Handlung ist spannend, kurzweilig und abwechslungsreich, dabei teils vorhersehbar, teils aber auch mit unerwarteten Wendungen versehen. Insgesamt bleibt sie jedoch etwas an der Oberfläche, durch das insgesamt sehr kurze Buch und die Zweiteilung in das aktuelle und vergangene Geschehen bleibt kaum Zeit und Platz, um den Leser intensiv mit den Figuren vertraut zu machen. So hätte ich mir viel mehr von Madelief – der absoluten Sympathieträgerin – oder auch von Robin gewünscht.

Durch die Fokussierung auf die – wie auch immer geartete – Beziehung zwischen Danielle und Dante werden die Charaktere darüber hinaus auch nur oberflächlich entwickelt, die Probleme zwischen Dany und ihren Eltern hätten zum Beispiel noch präsenter eingebaut werden können, um gerade auch ihre Entwicklung für den Leser nachvollziehbarer zu gestalten. Dennoch gelingt es Mel Wallis de Vries, durch die Wahl der Erzählperspektiven – zwei Ich-Perspektiven – den Leser nah an die handelnden Figuren zu bringen, ihre Stimmung aufzufangen, sodass man trotzdem das Buch nicht aus der Hand legen möchte.

Der Schreibstil der Autorin lässt sich dabei leicht und flüssig lesen, ist relativ einfach und wird von kurzen Sätzen dominiert – voller Tempo aber mit wenig Abwechslung. Die Dialoge sind altersgerecht und authentisch, sodass das Kopfkino gut anspringt, insbesondere am Beginn des Buches während des Skiurlaubes von Danielle und ihren Freundinnen.

Die Buchgestaltung ist solide, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben im Wesentlichen gut gearbeitet, wenn auch Kleinigkeiten, insbesondere im Satz, durchgerutscht sind – oder ich verstehe die Mittel einfach nicht. Das Cover ist gelungen, vermittelt gut die Grundstimmung und zieht sich farblich über den gesamten, sehr ansehnlichen Buchumschlag.

Mein Fazit? „Himmel oder Hölle?“ ist ein gelungener Jugendthriller mit spannender Handlung, den man kaum aus der Hand legen kann, der aber auch etwas an der Oberfläche verbleibt. Für Leser des Genres bedenkenlos zu empfehlen – ab dem vom Verlag vorgeschlagenen Lesealter von 14.

[Buchgedanken] Gunnar Kunz: „Lagunenrauner“

In der letzten Zeit habe ich „Lagunenrauner“ von Gunnar Kunz gelesen. Das Buch wurde in der jetzigen Form 2021 im Verlag Monika Fuchs veröffentlicht, die Erstveröffentlichung erschien 2013 unter dem gleichen Titel im Thienemann Verlag (nunmehr Thienemann-Esslinger Verlag GmbH). Der Roman ist als historische Urban Fantasy für Jugendliche einzuordnen, bzw. als fantastisches Jugendbuch. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag Monika Fuchs für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares.

Venedig 1500. Schwarzer Nebel kriecht auf die Stadt zu, schlängelt sich durch die Lagune, füllt die Kanäle mit etwas Finsterem. Und bringt Krankheit und Tod. Marco, Sohn eines Glasbläsers, und seine Freundin Chiara, die Maskenmacherin, scheinen als Einzige in der Lage zu sein, Venedig zu retten. Doch dabei müssen sie nicht nur gegen uralte Magie kämpfen, gegen Intrigen und Verrat, sondern sich auch dem Flüstern der Lagune ausliefern – und den Fischmenschen, die der Legende nach tief unter der Stadt hausen.

„Lagunenrauner“ ist historische Urban Fantasy für Jugendliche – eher noch für die „Young Adult“-Zielgruppe. Dabei verknüpft der Autor die fantastischen Motive gut mit jugendtypischen Themen wie der ersten, zarten Liebe, einem Wissensdrang und -durst sowie der Rebellion gegen die Eltern (in diesem Fall die erziehungsberechtigten Onkel und Tante) ohne den Schwerpunkt zu stark ins fantastische oder Jugendbuchgenre abgleiten zu lassen.

Auch wenn Urban Fantasy in vielen Definitionen mit Contemporary Fantasy gleichgesetzt wird und damit als Gegenstück der historischen Fantasy gilt, verbleibe ich hier bei der Eingruppierung des Verlages, um klarzustellen, dass es sich um eine historische Geschichte handelt, die in der realen Welt spielt, die lediglich um fantastische Elemente ergänzt wird. Als – somit – historische Urban Fantasy fehlt es dem Roman allerdings – wie der Autor im Nachwort auch zugibt – an historischer Korrektheit, da sowohl das Stadtbild als auch das politische System, die Lebensdaten historischer Persönlichkeiten und auch die Sinkgeschwindigkeit Venedigs angepasst wurden. Egal wie man das Genre nun bezeichnet, sprengt diese massive Abweichung jedoch aus meiner Sicht die Genregrenzen, da die Gesetze der realen Welt geändert, die Geschichte umgeschrieben wird. Hier hätte ich mir mehr Korrektheit gewünscht – die man ohne Zweifel auch den Lesern hätte zutrauen können. Dass der Autor die Möglichkeit dazu gehabt hätte, zeigt auch die unzweifelhaft gute Recherche.

Abgesehen davon ist die Handlung spannend und abwechslungsreich. Der Autor beschreibt das Setting der Stadt Venedig um 1500 bildhaft und anschaulich und verleiht dem Wasser durch Marco eine Stimme, die die Natur des Wassers als – weder gute, noch schlechte – Urgewalt gut einfängt. Dabei lässt sich der Schreibstil des Autors gut und flüssig lesen.

Die einzelnen Charaktere sind größtenteils vielschichtig und dreidimensional angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Insbesondere Chiara und Alessandro begeistern mich hier, während Leonardo zwar lustig, aber überzeichnet wirkt.

Die Buchgestaltung überzeugt hingegen auf ganzer Linie. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, das Cover ist gelungen, zieht sich als Bild über den kompletten Buchumschlag und wirkt insgesamt zielgruppengerechter und erwachsener als das Coverbild der Vorauflage. Die mitgelieferte Karte ist zudem wunderschön anzusehen, wenn auch leicht spoilernd, wenn man sie zu früh studiert.

Mein Fazit? „Lagunenrauner“ ist ein im Wesentlichen überzeugender historischer Fantasyroman, der vor allem durch eine abwechslungsreiche Handlung und ein gelungenes Setting punktet, es aber leider an historischer Genauigkeit vermissen lässt. Für Liebhaber fantastischer Romane dennoch bedenkenlos zu empfehlen – allerdings nicht unter dem bei Amazon gelisteten Lesealter von 14 Jahren.

[Buchgedanken] Anni E. Lindner: „Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan“

In der letzten Zeit habe ich „Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan“ von Anni E. Lindner gelesen. Das Buch ist 2021 im Francke-Verlag, Francke-Buch GmbH, veröffentlicht worden und dem Genre „Jugendbuch“ zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag und die vermittelnde Agentur Literaturtest für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Als ob ein Tagebuch ihren Scherbenhaufen von Leben besser machen könnte! Die 16-jährige Tally hat unerwartet ihren Vater verloren und das Letzte, was sie jetzt braucht, sind die Ratschläge ihrer selbst überforderten Mutter. Oder der merkwürdigen Therapeutin, die ihr empfiehlt, ihre Gefühle aufzuschreiben! Erst als Tally zufällig Frau Möller kennenlernt, eine alte Dame mit einem Papagei sowie einer Vorliebe für Marzipan, und ihr das Foto von deren jung verschollenen Onkel in die Hände fällt, findet sie doch noch etwas, was sie zum Schreiben inspiriert. Außerdem sind da ja auch noch ihre beste Freundin Sanna und nicht zu vergessen Mr Wow, der eigentlich Timo heißt und Tally einfach nicht mehr aus dem Kopf geht. Dummerweise ist er Christ und mit diesem religiösen Quatsch kann sie so gar nichts anfangen …

Auch mit einigen Tagen Abstand bin ich mir immer noch nicht ganz sicher, was ich von „Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan“ halten soll. So ist das Buch sowohl Jugendbuch, als auch Schicksalsroman und Entwicklungsroman in einem, und zur christlichen Literatur zu zählen, wobei der Glaube hier eine sehr starke, präsente Rolle spielt und – vielleicht etwas zu stark – glorifiziert wurde. Dabei meine ich gar nicht die Religion an sich, die jedem persönlich unbenommen ist, sondern lediglich den Weg der Protagonistin von einer gebrochenen, trauernden Jugendlichen hin zum Glauben, der mir etwas zu glatt geht, etwas mehr innere Auseinandersetzung benötigt hätte.

Abgesehen von dem überstürzten – ich nenne es mal, um nicht zu spoilern – „Ausflug“ am Ende des Buches, den ich etwas unrealistisch finde, gefällt mir die Handlung ansonsten sehr gut und hält einige, unerwartete Wendungen bereit. Dabei überzeugt der von Tally verfasste Roman im Roman vollends und ergänzt die eigentliche Handlung gut, ist er doch Sehnsuchtsort und Ventil für die trauernde Tally.

Die einzelnen Figuren sind in aller Regel vielschichtig angelegt. Während bei der Protagonistin Tally (wie oben bereits erwähnt) und auch bei Tino, ist er doch zu perfekt gezeichnet, noch etwas Luft nach oben verbleibt, überzeugen die Nebencharaktere auf ganzer Linie, vor allem Olivia, Tallys Mutter, Gregor und Beata.

Anni E. Lindners Schreibstil lässt sich gut und flüssig lesen, ist einfühlsam und authentisch. Allerdings werde ich mich wohl nie an die doch sehr ungewöhnliche Erzählperspektive eines Ich-Erzählers im Präsens gewöhnen – mir liegt Präteritum einfach mehr, auch wenn es gerade im Romance-Bereich durchaus auch anders üblich ist.

Die Buchgestaltung ist solide, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet. Das Cover, der Buchumschlag insgesamt, ist jedoch etwas eintönig und unauffällig geraten. Zwar ist über die Marzipanförmchen ein Bezug zur Geschichte – und zum Titel – gegeben, hier hätte aber durchaus etwas mehr Liebe – und Budget – in die Gestaltung fließen können.

Mein Fazit: „Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan“ ist ein Jugendroman, der sich sehr stark auf den christlichen Glauben fokussiert und der vor allem durch eine interessante Handlung und eine Geschichte in der Geschichte punkten kann. Trotz leichter Schwächen daher für Leser christlicher Literatur zu empfehlen – ab dem vom Verlag empfohlenen Alter von 14.

[Buchgedanken] Margit Ruile: „Der Zwillingscode“

In der letzten Zeit habe ich „Der Zwillingscode“ von Margit Ruile gelesen. Das Buch ist 2021 in der Loewe Verlag GmbH erschienen und als dystopisches Jugendbuch einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag und die vermittelnde Agentur Literaturtest für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Vincent ist siebzehn und eine Doppel-C-Seele. Sein Sozialpunktestand ist so niedrig, dass an ein Studium nicht zu denken ist. Stattdessen repariert er heimlich die mechanischen Haustiere der Firma Copypet. Eines Tages bringt eine alte Frau eine Katze zur Reparatur. Und die führt Vincent geradewegs in die Simulation – eine virtuelle Welt, in der alle unsere Gegenstände ihr digitales Leben führen. Verborgen in dieser Zwillingswelt aber liegt ein Code. Vincent muss ihn finden, denn davon hängt die Zukunft der Menschheit ab.

„Der Zwillingscode“ ist eine technikbasierte Dystopie und spielt im München einer nicht allzu fernen Zukunft. Thematisch dreht sich der Roman um die gesellschaftlich relevanten Fragen von Überwachung, künstlicher Intelligenz und der Kategorisierung der Menschen nach Sozialpunkten.

Dabei vermag der Roman vor allem dank eines tollen Settings zu überzeugen. Margit Ruile beschreibt das futuristische München anschaulich, führt den Leser an bekannte Plätze, lässt diese aber in neuem Licht erstrahlen. Gleiches gilt für den durchaus gelungenen Weltenbau, der mit einem ausgeklügelten Sozialpunktesystem daherkommt, das das komplette Leben beherrscht.

Die Handlung ist spannend und abwechslungsreich, teils aber vorhersehbar und nicht immer ganz logisch. So gerät der Kampf gegen die KI – die sich ebenfalls nicht zwingend logisch verhält – fast zu einfach, zu reibungslos. Hier wird aus meiner Sicht einiges an Potential verschenkt, aber man muss auch berücksichtigen, dass der Roman als Jugendbuch an ein durchaus junges Publikum ab 14 gerichtet ist.

Die einzelnen Charaktere sind im Wesentlichen gut angelegt, besonders gefallen haben mir hier Quirin, Delia und Zarah, während Vincent für mich etwas abfällt.

Margit Ruiles Schreibstil lässt sich gut und flüssig lesen, ist – sicherlich auch ihrer Ausbildung bedingt – sehr bildhaft, aber teils etwas zu technisch. Hier hätte durchaus etwas mehr Emotion dem Flair des Buches gut getan.

Die Buchgestaltung überzeugt ebenfalls im Großen und Ganzen. Der Buchsatz ist gelungen, dem Lektorat und Korrektorat sind nur Kleinigkeiten durchgerutscht, die den Lesefluss nicht sonderlich schmälern. Das Cover ist wunderschön, hochwertig geprägt, farblich aufregend und ein wahrer Eyecatcher, mit tollen Klappen. Farbige Coverinnenseiten hätten den tollen Gesamteindruck hier aber noch abrunden und das Buch noch wertiger machen können.

Mein Fazit? „Der Zwillingscode“ ist eine im Wesentlichen gelungene Dystopie mit einem tollen Setting und einer spannenden Prämisse. Leichte Schwächen in der Handlung vermögen dem Lesevergnügen keinen Abbruch zu tun. Bedenkenlos zu empfehlen für Liebhaber des Genres – ab dem vom Verlag empfohlenen Lesealter von 14.